Die Schaffung von Wildnisflächen im sächsischen Wald kommt einfach nicht voran

Für alle LeserDa stellen unsere Leser ja nicht ganz falsche Fragen: Was stellen eigentlich die Grünen mit all den Antworten an, die sie mit ihren hartnäckigen Anfragen bei der sächsischen Staatsregierung bekommen? Können sie irgendetwas damit anstellen? Sie bekleiden in Sachsen ja kein Ministeramt, haben nie mitregiert. Da bleibt eigentlich nur ein Weg: Die Öffentlichkeit informieren. Auch in der Hoffnung, bei einem der wirklich Regierenden fällt tatsächlich mal der Groschen.
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Natürlich nervt das eine bestimmte Spezies Dauerregierender: Die Kritik ist fundiert. Die Zahlen stimmen. Immer wieder sind es Gesetzte und Verordnungen der Regierenden selbst, deren Einhaltung die Grünen fordern. Und dann …

… dann passiert nichts.

Dann wird die Sache einfach vertagt und ausgesessen. Nicht nur Wolfram Günther als umweltpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Sächsischen Landtag kann ein Lied davon singen, egal ob es den Zustand der Naturschutzgebiete betrifft, der Landwirtschaft, der Grundwasserkörper oder der Fließgewässer – man scheint es mit einem Ministerium zu tun zu haben, das die fatalen Zustände einfach nur schulterzuckend zur Kenntnis nimmt. Als ginge es das Ganze nicht an.

Berichte gibt es regelmäßig. Auch zu Sachsens Wäldern, in denen dann stolz berichtet wird, wie wenig krank doch die meisten Baum-Monokulturen sind. Erst wenn der nächste Sturm wieder ganze Hektar umpustet, gibt es eine so verwirrend aufgeregte Meldung wie zuletzt am 3. November: „Der Herbststurm ‚Herwart‘ hat am vergangenen Sonntag (29. Oktober 2017) mit seinen Orkanböen in Sachsen nach einer ersten Schadensaufnahme fast 650.000 Kubikmeter Windwurfholz verursacht. Allein im vom Staatsbetrieb Sachsenforst (SBS) bewirtschafteten Staatswald wird mit einer Schadholzmenge von rund 515.000 Festmetern gerechnet. Das entspricht fast der Hälfte seines jährlichen Holzeinschlages. Weitere etwa 127.000 Festmeter Schadholz haben private und kommunale Waldbesitzer zu beklagen.“

Ein Grund dafür, dass in manchen Gegenden die Bäume wie Dominosteine purzeln, ist eben auch die oft noch vorherrschende Monokultur und die fehlende Baumartenmischung, die zum Standort passen würde. Der Waldumbau kommt eher schleppend voran, wie Wolfram Günther feststellt. Und damit einher geht die fehlende biologische Vielfalt. Aber erst artenreiche Waldgemeinschaften sind auch stabil, ebenso wie Wälder, in denen nicht alle Bäume gleich alt, gleich hoch und gleich sensibel sind.

Und bei einem Thema tut sich erst recht nichts.

„In ganz Sachsen sind nur 2,6 Prozent der Waldfläche aus der forstlichen Nutzung genommen. Das ist viel zu wenig“, kommentiert Wolfram Günther die Vorstellung des sächsischen Waldzustandsberichts 2017 am Mittwoch, 20. Dezember, durch Umweltminister Thomas Schmidt (CDU). „Die ausreichende Sicherung von Wildnisgebieten, in denen natürliche Prozesse ohne menschlichen Einfluss ablaufen können, ist entscheidend, um den Rückgang der biologischen Vielfalt aufzuhalten. Deutschland hat sich in der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt darauf verpflichtet, zehn Prozent der staatlichen Waldfläche aus der forstlichen Nutzung zu nehmen. Davon ist Sachsen weit entfernt. In den staatlichen Landeswäldern, die der Sachsenforst bewirtschaftet, trifft dies nur auf sechs Prozent der Fläche zu.“

So hatte es Günther schon im Februar 2017 erfragt. Und auch kritisiert. Denn gerade die Amtszeit von Thomas Schmidt (CDU) als sächsischer Umweltminister seit 2014 ist gekennzeichnet von Stillstand auf diesem Gebiet. Als hätte er einfach keine Lust, sich um das Thema zu kümmern.

„Sachsens Staatsregierung sieht den Staatswald viel zu sehr aus dem Blickwinkel der Holzerwirtschaftung und eines möglichst hohen Gewinnerlöses. Dabei muss der Erhalt der Biodiversität eine viel größere Rolle spielen. Wenn wir das Ökosystem Wald in Zeiten des Klimawandels erhalten wollen, dann müssen wir seiner Regenerationsfähigkeit und Stabilität wesentlich mehr Raum geben“, sagt Günther.

Aber das ist erst möglich, wenn besonders schützenswerte Wälder aus der forstlichen Bewirtschaftung herausgenommen werden.

Zu den ökologisch wichtigsten Waldstrukturen zählen Bäume und Baumgruppen in der Alters- und Zerfallsphase, da sie Lebensraum zahlreicher spezialisierter Arten sind. Dieses wertvolle Totholz entsteht vor allem in den geschützten Wildnisgebieten.

„Hier herrscht großer Nachholbedarf in Sachsen. Wir Grünen wollen den Anteil der Waldflächen, die von der Nutzung durch die Forstwirtschaft ausgeschlossen sind, bis zum Jahr 2020 im Staatswald auf zehn Prozent erhöhen“, erklärt der Landtagsabgeordnete. „Wenn die Staatsregierung das Ziel eines naturnahen, standortgerechten Laub- und Mischwaldes erreichen will, muss sie beim Waldumbau entschlossener handeln. Dazu ist eine konsequentere Bestandsregulierung des Schalen- und des Schwarzwilds nötig. Ziel ist eine standortgemäße Verjüngung ohne Zäune.“

Den in den vergangenen Jahren deutlich gesteigerten Holzeinschlag im sächsischen Staatswald sehen die Grünen vor allem in seiner Umsetzung mit immer größeren, bodenverdichtenden Maschinen wie Harvestern kritisch. Harvester sind 20 Tonnen schwere Maschinen, die in der Lage sind, komplette Bäume nicht nur zu fällen, sondern auch sofort zu zerkleinern.

Das spart, wie man in diesem kleinen Videoclip sehen kann, gleich mal zehn Waldarbeiter:

„Wir brauchen dringend ökologische und soziale Mindeststandards für eine naturnahe Waldwirtschaft. Deshalb fordern wir Grünen von Umweltminister Schmidt, nicht nur über Nachhaltigkeit zu reden, sondern die sächsischen Staatswälder endlich nach den internationalen Kriterien für verantwortungsvolle Waldwirtschaft des ‚Forest Stewardship Council‘ (FSC) bewirtschaften zu lassen. Nach diesem Qualitätsstandard ist bisher allerdings erst ein Prozent der sächsischen Waldfläche zertifiziert“, kritisiert Günther. „Ich empfehle Minister Schmidt den Blick über den Tellerrand: Die Wälder der Bundesländer Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg, Hamburg, Schleswig-Holstein und Berlin sowie zahlreiche Gemeinde- und Privatwälder sind bereits nach den Standards des FSC zertifiziert.“

Leitbild der angestrebten Wirtschaftswälder beim FSC-Siegel sind naturnahe Waldökosysteme, die sich bezüglich Baumartenzusammensetzung, Vorrat, Dynamik und Struktur den natürlichen Waldgesellschaften annähern.

Aber die dem Ministerium zugeordnete Abteilung Sachsenforst setzt bisher lediglich auf die Alibi-Zertifizierung des „Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes“ (PEFC). Das PEFC-Siegel wurde von der Holzindustrie Mitte der 1990er Jahre eingeführt, weil ihr die auf die Initiative von Umweltverbänden zurückgehende FSC-Zertifizierung zu ökologisch-anspruchsvoll und zu teuer war.

„Insofern ist PEFC faktisch als Mogelpackung zu betrachten, die bei vielen Kriterien kaum über das hinausgeht, was das Sächsische Waldgesetz ohnehin fordert“, zieht Günther sein Fazit.

Fast so etwas wie eine Geburtstagsausgabe – Die neue LZ Nr. 50 ist da

WaldumbauWaldzustandsbericht
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