2018 – was kommt?

Wir kriegen noch mehr Ärger mit den Insekten in unserer Welt

Für alle LeserDen Ärger bekommen wir nicht, weil diese (wie in manchen Horrorfilmen) sehr angriffslustig werden, sondern weil sie schlicht verschwinden. Seit der in der wissenschaftlichen Zeitschrift „PLOS One“ im Oktober veröffentlichten Studie zu den Feldergebnissen des Krefelder Entomologischen Vereins e. V. ist das Thema Insektensterben endlich wahrnehmbar in der Diskussion. Aber es wird verschwinden, wenn es nach Leuten wie dem sächsischen Umweltminister geht. Der gibt einem neugierigen Grünen nun die zweite abschlägige Antwort.

Der umweltpolitische Sprecher der Grünen hatte im November schon nachgefragt, was Sachsen gegen das Insektensterben bzw. den Biodiversitätsverlust unternehmen wolle. Ob man vielleicht eigene Forschungen aufnehmen wolle, um die Ursachen des Insektenschwunds zu erfassen.

Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) verwies darauf, dass die Konferenz der Umweltminister so eine Art Auftrag an das Bundesamt für Naturschutz schon gestellt habe.

Und daran wolle er auch nichts ändern, so Schmidt jetzt in der neuen Auskunft: „Wie bereits in der Stellungnahme zum Antrag (Drs.-Nr.: 6/11192) vom 25. November 2017 konstatiert, ist die Staatsregierung der Auffassung, dass ein komplexer Forschungsansatz erforderlich ist, der ökosystemar, langfristig und länderübergreifend ausgerichtet sein und auf Bundesebene aufgestellt und implementiert werden sollte. Deshalb erachtet die Staatsregierung – wie von der Umweltministerkonferenz am 19. November 2017 in Potsdam beschlossen – die Erarbeitung eines Methodenleitfadens vom Bundesamt für Naturschutz als sinnvoll, damit für die Bundesrepublik Deutschland ein einheitliches Monitoring zur Erfassung des lnsektenbestandes gewährleistet ist.“

Was sicher Sinn macht. Aber den Leitfaden wird man wohl frühestens 2019 bekommen.

Das Insektensterben geht derweil weiter. Und es sind ja nicht nur Krefelder Messungen zur Insektenmasse, die für Aufmerksamkeit sorgen. Längst liegen auch aus sächsischen Forschungseinrichtungen Detailergebnisse vor, in denen die Wissenschaftler von alarmierenden Verlusten bei einzelnen Insektenarten berichten.

So aus dem November 2016 die Nachricht aus dem Umweltforschungszentrum Leipzig/Halle, wo man sich mit dem massiven Verlust wichtiger Bestäuber weltweit beschäftigt hat.

Mehr als 20.000 Bienen-Arten sind weltweit bekannt, rund 50 davon werden in menschlicher Obhut gehalten – und sie bestäuben mehr als 90 Prozent der 107 wichtigsten Nutzpflanzen. Damit spielen Bienen zwar eine besonders große Rolle im Bestäubungsgeschäft. Sie bekommen aber Unterstützung von zahlreichen anderen Insekten wie Schmetterlingen, Käfern oder Schwebfliegen. Und auch Wirbeltiere wie Kolibris, Fledermäuse oder Geckos mischen zumindest in einigen Regionen kräftig mit, hieß es in der damaligen Mitteilung des UFZ.

„Insgesamt sind fast 90 Prozent aller wildwachsenden Blütenpflanzen der Erde auf tierische Besucher angewiesen“, sagte Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, einer der Autoren der Studie.

Fehlen die Bestäuber, kommt es auch zu massiven Ernteausfällen.

Und auch damals wies das UFZ schon darauf hin, dass man mit fehlenden Beobachtungen ein gewaltiges Problem hat.

„Für viele Arten und Regionen gibt es einfach nicht genug Langzeitbeobachtungen, aus denen sich Trends ablesen lassen“, erklärte Josef Settele. Die vorhandenen Daten aber lassen oft nichts Gutes vermuten.

Und genau das, was Umweltminister Thomas Schmidt jetzt wieder relativiert, steht für die UFZ-Forscher als Problem im Zentrum ihrer Arbeit.

In seiner neuen Antwort an Wolfram Günther beschreibt Schmidt seine Haltung so: „Zudem wurden in der Studie als mögliche Ursachen für den Biomasseverlust bei Fluginsekten klimatische Einflüsse, Änderungen der Landnutzung sowie eine Veränderung der Lebensräume im Umfeld der Probeflächen untersucht. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der Rückgang mit diesen Faktoren nicht allein erklärt werden kann. Obwohl die Einflüsse aus der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung nicht Gegenstand der Untersuchung waren, nehmen die Autoren in der Diskussion die landwirtschaftliche Intensivierung als eine weitere mögliche Ursache an. Eine wissenschaftliche Analyse zu den Auslösern des Biomasserückgangs bei Fluginsekten steht demnach aus. Die Staatsregierung nimmt keine Bewertung der Wissenschaftlichkeit der Studie vor.“

Die UFZ-Forscher sind sich hingegen relativ sicher, dass gerade die monotone industrialisierte Landwirtschaft einer der Hauptgründe dafür ist, dass vor allem die Bestäuber verschwinden.

„Noch aber leiden die meisten der nützlichen Helfer vor allem unter der Intensivierung der Landwirtschaft. Die blütenreichen Wiesen und Feldsäume sind vielerorts verschwunden – abgelöst durch monotone Agrarlandschaften, in denen Insekten zu wenig Nahrung und Nistmöglichkeiten finden. Dazu kommt der Einsatz von Pestiziden. Etliche davon, wie etwa die Neonicotinoide, können Bestäuber direkt töten. Sie schaden ihnen aber auch indirekt, weil sie ihr Verhalten verändern und ihre Gesundheit beeinträchtigen“, meldete das UFZ.

„Wie sich solche nicht-tödlichen Wirkungen addieren und welche Folgen sie langfristig für die Bestände haben, ist noch kaum untersucht worden“, sagt Josef Settele. Doch nicht nur Substanzen, die für Tiere giftig sind, bringen die Bestäuber in Bedrängnis. Auch Herbizide, die zur Unkrautbekämpfung eingesetzt werden, können zum Problem werden. Denn sie reduzieren das Angebot an Blütenpflanzen, die Pollen und Nektar für ihre Besucher bereitstellen.

Dass die PLOS One-Veröffentlichung mehrere mögliche Ursachen für den Rückgang der Insektenmasse nennt, hat nämlich damit zu tun, dass die industrialisierte Landwirtschaft auf vielerlei Weise in die Umwelt eingreift: Sie eliminiert nicht nur artenreiche Wiesen, Raine und Waldstücke, schafft riesige Felder mit Monokultur und greift in den Wasserhaushalt ein, mit Insektiziden und Pestiziden wird zudem mit massiven chemischen Keulen in die Nahrungs- und Fortpflanzungszyklen der Pflanzen, Insekten und Tiere eingegriffen.

In der Krefelder Studie ging es vor allem deshalb um Insektenmasse, weil die Krabbler und Summer auch gleichzeitig Nahrungsgrundlage für Vögel und Tiere sind. Wenn sie verschwinden, verschwinden auch Vogelarten, Säugetiere und Amphibien, die sich von ihnen (oder ihren Jägern) ernähren. Die ganze Landschaft verarmt.

Und wer sich noch an das Summen auf den Wiesen seiner Kindheit erinnert, weiß, was da passiert ist – und welche Probleme die Forscher heute haben, diese fatale, aber unbeobachtet verlaufende Entwicklung noch wissenschaftlich zu untersuchen. Die Vergleichswerte fehlen, weil vor 50 Jahren (außer in Krefeld) niemand auf die Idee kam, Insektenvorkommen detailliert zu erfassen.

Die von Schmidt betonten Roten Listen erfassen nur die Tier-, Insekten- und Pflanzenarten, deren Vorkommen nachweislich am Verschwinden ist.

Aber sie enthalten keine Daten zum Normalbestand der sächsischen Flora und Fauna.

Das Sterben der Insekten ist in aller Stille vor sich gegangen. Und tatsächlich haben wir es heute schon mit einer drastisch verarmten Landschaft zu tun. Je später überhaupt mit Messungen und Monitorings begonnen wird, umso weniger Daten werden existieren, um die Auswirkungen dieser schleichenden Verluste zu erfassen.

Und umso lückenhafter ist die Erfassung, ob die von Schmidt aufgezählten Schutzmaßnahmen überhaupt helfen und ausreichen.

Denn gerade im Bereich der Landwirtschaft muss zeitnah umgesteuert werden.

Das stellte 2016 auch das UFZ – damals in Bezug auf die Bestäuber – fest: „Gerade im Bereich der Landwirtschaft sehen die Forscher allerdings auch viele Möglichkeiten, den in Bedrängnis geratenen Bestäubern unter die Flügel zu greifen. Dabei geht es nicht nur darum, den Einsatz von Pestiziden und deren unerwünschte Nebenwirkungen zu reduzieren. Gefragt sind auch möglichst vielfältige Agrarlandschaften mit wechselnden Fruchtfolgen und einem reichen Blütenangebot. Schon kleine, naturnahe Refugien zwischen den Feldern können die Lebensbedingungen für die summenden Helfer massiv verbessern. Vorausgesetzt, sie liegen nicht mehr als einen Kilometer auseinander und damit in Reichweite der Tiere.“

„Wir müssen dringend etwas tun, wenn wir auch in Zukunft von den wertvollen Leistungen der Bestäuber profitieren wollen“, resümierte Josef Settele. Sympathie allein werde nicht reichen. Und warten darauf, dass der Bund endlich handelt, auch nicht.

Die neue Antwort von Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) auf die Nachfrage von Wolfram Günther (Grüne). Drs. 11479

Sachsens Landwirtschaftsminister hält nichts von einem eigenen sächsischen Insektenmonitoring

Insektenschwund
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