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Erste sächsische Studie über Gewalt an LSBTIQ* zeigt, wie Verdrängung in Sachsen funktioniert

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    Natürlich kann es manche Leute nerven, wenn seit einigen Jahren immer mehr über die Diskriminierung einzelner Bevölkerungsgruppen berichtet wird. Die Berichterstattung wirkt sehr massiv – aber sie wirkt so, weil sie zuvor jahrelang unter den Teppich gekehrt wurde. Man verschwieg einfach die latente Gewalt gegen Menschen, die nicht ins starre Raster der homophoben Männergesellschaft passten. Und Sachsens Regierung wollte erst gar nicht wissen, wie viel Gewalt eigentlich queere Menschen aushalten müssen.

    Denn wenn eine Gesellschaft in aller Bräsigkeit so tut, als gäbe es nur zwei klar definierte Geschlechter mit konservativ zugewiesenen Rollenbildern, dann verschwinden all die Aggressionen gegen Menschen, die nicht in dieses Alte-Weiße-Männer-Raster passen, aus der Wahrnehmung, werden höchstens noch vor Ort registriert, wo ein paar Gewalttäter ihre Abneigung gegen all das, was sie nicht verstehen, an in der Regel Schwächeren auslassen. Das wird dann meist gedeckt – nicht nur durch Arbeitskollegen oder Dorfgemeinschaften, sondern auch durch Ordnungshüter, die oft genug wenig Interesse zeigen, sich mit solchen „komplizierten Fällen“ zu beschäftigen.

    Und diese stumme Abweisung hat Folgen.

    Auch das zeigt die jetzt von der LAG Queeres Netzwerk Sachsen gemeinsam mit der Hochschule Mittweida erstellte erste Dunkelfeldstudie über Gewalterfahrungen von LSBTIQ*-Personen im Freistaat. Diese Studie wurde durch eine Crowdfunding-Kampagne finanziert.

    Die Abkürzung LSBTIQ* versucht die ganze Vielfalt von Menschen mit sexuellen Orientierungen zu erfassen, die nicht dem üblichen heterosexuellen Normbild entsprechen, der sogenannten Heteronormativität, die Menschen mit abweichenden Geschlechtsidentitäten jahrhundertelang in die Unsichtbarkeit gedrängt oder gar kriminalisiert hat. Diese Kriminalisierung wirkt bis heute nach.

    Die Sächsische Staatsregierung sah sich nicht in der Pflicht, eine solche grundlegende Untersuchung zu finanzieren, kritisiert die Sprecherin für Gleichstellungs- und Queerpolitik der Linksfraktion im Landtag, Sarah Buddeberg.

    Befragt wurden lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen, die in den vergangenen fünf Jahren Erfahrungen mit vorurteilsmotivierter Gewalt gemacht haben. Der LAG Queeres Netzwerk zufolge sind die Ergebnisse besorgniserregend. Fast alle der 267 Befragten seien seit 2014 mehrmals beleidigt und viele bedroht worden. Viele erlitten sogar Körperverletzungen. Gewalt, so resümiert die Studie, sei für viele LSBTIQ* in Sachsen eine Alltagserfahrung. Allerdings seien nur 4,3 Prozent der berichteten Gewalterfahrungen bei der Polizei angezeigt worden. Die offizielle Kriminalstatistik von politisch motivierter Kriminalität bildet also auch in Bezug auf Gewalt gegen die sexuelle Orientierung nur einen Bruchteil der realen Gewalterfahrungen ab. Sie registriert für die Zeit von 2001 bis 2017 lediglich 55 Fälle (Drucksache 6/11242).

    Der Tag der Veröffentlichung ist nicht zufällig gewählt, betonte Buddeberg am Mittwoch, 12. Juni: „Heute vor 25 Jahren wurde mit dem Paragraphen 175 Homosexualität aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.“

    „Die Studie bringt etwas Licht ins Dunkel: Sie zeigt, dass die Staatsregierung endlich aktiv werden muss, um LSBTIQ* besser vor Gewalt zu schützen“, sagt Sarah Buddeberg. „Dass sie nicht bereit war, selbst eine Erhebung zu finanzieren, überrascht nicht. So war bereits unser Antrag, eine Lebenslagenstudie über LSBTIQ* (Drucksache 6/8236) in Sachsen durchzuführen, abgelehnt worden. So konnten sich CDU und SPD stets hinter den geringen Fallzahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik verstecken – das geht nun nicht mehr. Es muss dringend mehr Geld in die Prävention und in den Opferschutz investiert werden. Wenn Menschen sich nicht mehr trauen, zur Polizei zu gehen, weil sie Angst davor haben, ihre erlebte Gewalt anzuzeigen, dann läuft etwas gewaltig schief. Sollen Polizist/-innen wirklich als ‚Freund und Helfer‘ wahrgenommen werden, braucht es etwa spezielle Ansprechpartner/-innen für LSBTIQ* und eine verbesserte Zusammenarbeit mit den Vereinen. Außerdem muss die Feindlichkeit gegenüber LSBTIQ*-Personen als eigenständiges Thema in der Aus- und Weiterbildung der Polizei und Justiz vorkommen.“

    Es ist also wieder so eine Nahtstelle, die die konservativen Vorstellungen einer homogenen Gesellschaft trennt von einer Wirklichkeit, die wesentlich vielfältiger ist, als es die alten homophoben Menschenbilder suggerieren.

    „Wir streiten deshalb auch weiter für eine gewaltfreie Gesellschaft, in der alle frei und selbstbestimmt leben können und niemand Angst vor Diskriminierung und Gewalt haben muss – auch nicht aufgrund der eigenen sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität“, sagt Buddeberg.

    Es geht um ein freieres, weniger verklemmtes Menschenbild. Aber wie kann man das wirksam werden lassen, wenn sich selbst die gewählten Politiker hinter Ahnungslosigkeit verstecken?

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      1 KOMMENTAR

      1. Auch wenn ich der Thematik nicht den Wind aus den Segeln nehmen möchte, aber die Erhebung der Daten ließ mich dann doch sehr erstaunt zurück:

        Befragt wurden …. Menschen, die in den vergangenen fünf Jahren Erfahrungen mit …Gewalt gemacht haben.

        Um dann wiederum festzustellen:

        Fast alle der 267 Befragten seien …mehrmals beleidigt und viele bedroht worden.

        Aha!
        Über eine solche Studienqualität bei anderen Themen sind wir – zu Recht – meist erbost…

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