Die zentralen Erkenntnisse der Leipziger Grünen-Wasserkonferenz vom Dienstag, 21. März 2023, unterscheiden sich wenig von jenen der Lausitzer Wasserkonferenz im vergangenen Jahr: Sachsen leidet unter klimatisch bedingtem Wassermangel, ungleicher Wasserverteilung und der Tagebaunachfolge. Dieser Mangel in einem aus engmaschig vernetzten Flüssen hervorgegangenen Siedlungsgebiet ist das Ergebnis des menschlichen Umgangs mit der Natur. Und die Lösungen werden teuer. Sehr teuer.

Noch immer haben das Wirtschafts-, Umwelt- und Regionalentwicklungs-Ministerium keinen einheitlichen Masterplan, wie das Wassermanagement in den nächsten Jahren in Sachsen funktionieren soll. Dabei geht es bereits jetzt um zusätzliche Anpassungskosten bei Talsperren, Seenertüchtigungen, Wasserüberleitungen und Flussregulierungen, die allein in Sachsen alles übersteigen werden, was bislang an Strukturmitteln und Braunkohlenachfolgefinanzen im Freistaat geplant sind.

So stellt das „Strukturstärkungsgesetz“ des Bundes mit seinen gesamt 40 Milliarden Euro für vier Bundesländer bis 2038 über den Bundesanteil 26 Milliarden für Schienen- und Straßenausbau und das Länderprogramm Sachsen 1,08 Milliarden für das Mitteldeutsche Revier (um Leipzig) und weitere 2,408 Milliarden für die Lausitz bereit.

Die Strukturmittel für den Braunkohleausstieg: Wassermanagement und Tagebaubnachfolgen sind nicht wirklich eingepreist. Grafik: Staatsministerium für Regionalentwicklung
Die Strukturmittel für den Braunkohleausstieg: Wassermanagement und Tagebaubnachfolgen sind nicht wirklich eingepreist. Grafik: Staatsministerium für Regionalentwicklung

Doch das Investitionspaket des Bundes bezieht sich dabei maßgeblich auf Mobilitätsfragen und die Neuansiedlung von Bundesbehörden oder Forschungseinrichtungen im Freistaat. Und das Landesprogramm ist mit Neuansiedlungen von Unternehmen, der Altersversorgung der Kohlekumpel und beispielsweise der Etablierung der Lausitz als Ort der „innovativen Sportentwicklung“ befasst.

Diese geschätzt 10 Milliarden Euro (9,988), die im Freistaat bis 2038 geplant sind, erfassen die Kosten Wassermanagement und Renaturierungsmaßnahmen wenn überhaupt nur ganz randständig bis gar nicht. Diese Kosten (und die damit einhergehenden, platzenden Blütenträume) traut sich bislang keiner wirklich zu kalkulieren, doch unter der Hand machen Schätzungen von weiteren 30 bis 40 Milliarden Euro allein bis 2050 nur im Freistaat für die resiliente Sicherstellung der Wasserversorgung die Runde.

Das Versprechen des Ex-Umweltministers und Staatsministers für Regionalentwicklung, Thomas Schmidt (CDU) im Namen der Zukunft: „Für uns war es dabei wichtig, keine kurzfristigen Strohfeuer zu entfachen, sondern dafür zu sorgen, dass auch unsere Kinder und Enkel in ihrer Heimat noch eine gute Zukunft haben“, ist demnach ein Versprechen ohne die Wasserfrage.

Ohne Wasser ist alles nichts

Dass es noch keinen echten „Wasserplan“ in Sachsen gibt, liegt in der Natur der Sache – also des Wassers selbst und den Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte. Schleichend und zuletzt immer deutlicher hat sich die Lebensgrundlage, egal ob als Trinkwasser, Grundlage für Industrieproduktion, in der Landwirtschaft oder beim Bestand des Leipziger Auwalds, verändert.

Der maßgebliche Faktor ist Regen, in Sachsen mit 500 bis 600 Milliliter pro Quadratmeter im Jahr vorhanden. Oder einfacher: zu wenig im Jahresmittel, was auch auf die geführte Wassermenge in den Flüssen einwirkt.

Bereits heute sei „der Großteil der Leipziger Gewässer staugeregelt“, also weitab von natürlich funktionierenden Gewässern, so Axel Bobbe von der Talsperrenverwaltung Sachsen bei der Grünen-Wasserkonferenz am 21. März 2023. Trotz der massiven Eingriffe der Wasserzuführung in den letzten Sommern führte zum Beispiel die für Leipzig so wichtige Weiße Elster im Jahresmittel zu wenig Wasser, manche Stauseen seien bereits in den heißen Monaten „über Wochen leer gewesen“, so Bobbe.

Andererseits müssen die Gewässer und Seen in der Lage sein, auch zukünftig Großstädte und Gemeinden vor sogenannten „Jahrhundertfluten“ wie zuletzt 2013 und 2002 zu schützen.

Schlimmste Dürre seit 1776

Aus der naturwissenschaftlichen Sicht diagnostiziert Dr. Andreas Marx vom Leipziger Umweltforschungszentrum (UFZ) seit spätestens 2018 eine Dürreperiode – und zwar eine, wie es sie seit 1776 nicht gegeben hat. Niederschläge, Grundwasser und andere Wasserbewegungen in Flüssen und Gewässern seien natürlichen Schwankungen unterworfen. Das verbildliche auch der Deutsche Dürremonitor, welcher für Sachsen geringe Niederschläge, sinkenden Grundwasserspiegel und austrocknende Böden aufweist. Modellierungen zeigten zudem, dass es in Zukunft immer größere Extreme geben werde.

In deren Folge entstehenden Einbußen in der Landwirtschaft und das Waldsterben, da die Bäume aufgrund des fehlenden Wassers anfälliger für Schädlinge werden.

Der Grundwasserpegel ist dabei in Sachsen großen Unterschieden unterworfen. Im Raum Leipzig ist vor allem durch die Tagebaue im Süden der Stadt ein niedriger Grundwasserspiegel zu verzeichnen. Das ist bereits seit Jahrzehnten der Fall und ein Faktor, der auch dem Auwald zu schaffen macht.

Die dringendste Frage aus Leipziger Sicht

Der Auwald dürfte die Frage sein, die die Leipziger/-innen beim Thema Wasser bzw. Dürre am meisten beschäftigt. Maria Vlaic vom Naturschutzbund NABU präsentierte in ihrem Vortrag dazu klare Fakten: Null Prozent der auentypischen Lebensräume sind in einem günstigen Erhaltungszustand.

Seit mehr als 400 Jahren haben die Menschen durch Siedlungen im heutigen Raum Leipzig begonnen, Auenflächen zu bewirtschaften durch Stauseen oder Landwirtschaft. Durch das Wachstum der Stadt verringerte sich der Platz, den die Auenlandschaft bekam.

Der Verlauf von Flüssen wurde verändert, das Elsterflutbecken ist das bekannteste Beispiel dafür. Große sumpfige Flächen wurden trockengelegt, Schub um Schub grub sich das heutige Waldstraßenviertel seit dem Mittelalter bis zur letzten Erweiterung 1897 in das Auengebiet.

Deiche wurden gebaut, damit die Stadt in unmittelbarer Nähe zum Fluss nicht überflutet wird. Der Auwald heute liegt praktisch dauerhaft trocken, ist streng genommen keine Aue mehr. Dabei spielt der Auwald eine wichtige Rolle für Leipzig, die über den Naherholungseffekt hinausgeht. Der Wald reguliert das Stadtklima, dient als Wasserfilter und zur Nährstofferhaltung im Boden.

Deshalb ist die Stadt Leipzig, angetrieben von unterschiedlichen Umweltverbänden, seit Jahren mit der Renaturierung des Auwaldes beschäftigt – wobei das Wasser eine zentrale Rolle spielt. Dabei geht es um regelmäßige Flutungen des Gebiets, den Grundwasserspiegel und forstwirtschaftliche Maßnahmen zur Unterstützung des Waldes.

„Der Leipziger Auwald als größter erhaltener Auwald-Bestand in Mitteleuropa (…) ist unsere Grüne Lunge. (…) Und um den Wald zu schützen, setzen wir auf einen Schutz der Arten – also auch einen Schutz vor dem Menschen“, so Katharina Krefft auf der Konferenz.

Doch ein einfaches „Wasser marsch“ fällt wohl aus. Zumindest sieht Axel Bobbe im Gespräch mit der LZ die Möglichkeit, „vielleicht Teile des Auwaldes zu renaturieren“, die Aue als Ganzes wiederherzustellen, hält der oberste Talsperrenverwalter Sachsens bereits für unmöglich. Einmal habe man dafür schlicht zu nah an den Fluss herangesiedelt, sodass man in einigen Stadtteilen des Südens bis ins Zentrum hinein massiv Wohnungsbestand abreißen müsste.

Und auch die längst bestehenden Wasserkonkurrenzen in Sachsen spielten eine immer größere Rolle. Das entsprechende Wasser für eine dauerhafte Auenlandschaft, welche dann aufgrund dauerhaft stehender Wasser „auch gar nicht als Wald für die Leipziger nutzbar wäre“, dürfte schlicht nicht vorhanden sein.

Die größten Wasser-Entnahmen entfielen im Raum Leipzig auf die Industrie wie bei der LEAG und DOW Chemical, so Bobbe mit Blick auf die vertraglich zugesagten Mengen an Wasser aus den Flüssen. Nicht nur der aktuelle Betrieb der Unternehmen fordert Wasser: Allein die Tagebauseen werden zur Flutung 1,5 Milliarden Quadratmeter benötigen. Eine schnelle Flutung der Seen um Leipzig sei, so Bobbe, essentiell, um Böschungsrutschungen zu verhindern.

Woher soll all das Wasser kommen?

Es wird aus lokalen Gewässern, Grundwasser, Sumpfungswasser der Tagebaue und der Mulde- und Saalewasserüberleitung (Entnahmestellen zur Verteilung von Wasser aus Mulde und Saale) genommen. Sowohl sachsenweit als auch in Leipzig deckten diese Ressourcen aber nicht den Bedarf.

Die Einleitung von Wasser aus Mulde, Saale oder Weißer Elster erweise sich jedoch aufgrund der zunehmenden Hitzeereignisse als unsicher, die Flüsse führen zu wenig Wasser, so Axel Bobbe. Außerdem führe die Wasserentnahme aus Weißer Elster und Pleiße automatisch zur Austrocknung der Flüsse im Stadtgebiet.

Der Kohleausstieg und die damit bleibenden Tagebaugruben haben aber noch mehr negative Folgen: bisher wurden bei der fortlaufenden Entwässerung der Tagebaue Vereinigtes Schleenhain drei Kubikmeter pro Sekunde in Weiße Elster und Pleiße eingeleitet. Ohne dieses Wasser nach Beendigung des Kohleabbaus in den noch aktiven Feldern wird es laut Bobbe „zu erheblichen Problemen im Wasserknotenpunkt Leipzig“ kommen.

Deutlicher: die Wassermenge in und um die Stadt Leipzig herum auch zukünftig zu sichern, wird allein für sich betrachtet ein Milliardenunternehmen. Gleichzeitig hatte die Schaffung der Tagebaue einen enormen Einfluss auf die Flüsse, wie die „betonierte Weiße Elster“ im Leipziger Süden zeigt.

Schon andernorts, wie zum Beispiel in der Cottbusser Ostsee, zeigte sich: Die Flutung der Tagebauseen geht durch Dürren und dauerhaft erhöhte Temperaturen, die die Wasserverdunstung begünstigen, deutlich langsamer voran als geplant. Deshalb stehen Wasserbehörden und MIBRAG/LEAG auch in Leipzig bald vor großen Problemen.

Das sind aber nur die großen Faktoren. Auch der Alltagsbedarf der Leipziger/-innen benötigt natürlich Wasser: Zum Beispiel zur „Verdünnung“ von Abwassereinleitungen, zur Absicherung ökologischer Mindestwasserabflüsse, zur Belebung des Auwalds und für Tourismus-, Gemeinde- und Schleusenbetrieb.

LEAG, MIBRAG, EPH: Wo bleibt die Verantwortung der Unternehmen?

„Viele dieser Themen sind extrem langfristig“, so Dr. Gerd Lippold (Grüne), Staatssekretär im Umweltministerium Sachsens zur politischen Perspektive. „Die gehen also weit über die rechtliche Verpflichtungslage der Unternehmen aus dem Bundesbergbaugesetz hinaus. Die werden uns noch die nächsten 50 Jahre, wenn nicht sogar noch sehr viel länger, beschäftigen.“

Für diese wirkliche Renaturierung, Revitalisierung und letztlich auch nötige Umbauten im Wassermanagement haben LEAG und MIBRAG deutlich zu wenig Geld zurückgelegt. Dazu Lippold weiter: „Sonst war es so: Der nächste Tagebau hat das Geld verdient, um den vorhergehenden Tagebau zu sanieren. Aber jetzt kommt die letzte Generation von Tagebauen“.

Was in eine paradoxe Situation zwischen Wirtschaft und Politik führt, deren vertragliche Regelung Lippold beim SPD-geführten Wirtschaftsministerium sieht. So müsse die Politik verhindern, dass die Braunkohle-Unternehmen „nicht Beiboote bauen“, also andere Unternehmen gründen, die für die Altlasten nicht mehr zuständig sind und anschließend einfach mit der Insolvenz der bisherigen Braunkohleunternehmen drohen.

Und so der Allgemeinheit unter Mitnahme der Gewinne vergangener Jahre das Aufräumen der Schäden hinterlassen könnten.

Gleichzeitig hätten die bisherigen Unternehmen mit der Muttergesellschaft EPH mit Sitz in Prag weite Ländereien in ihrem Eigentum, was sie trotz der dramatischen Devastierung kaum aufgeben wollen. Sodass sich nun auch die Politik Gedanken mache, wie die dann Ex-Kohle-Förderer zukünftig Geld verdienen, um sich auch fortlaufend an der Wiederherstellung der Natur beteiligen.

Den Fingerzeig für die Kosten gibt dabei die Renaturierung ehemaliger DDR-Tagebaue, welche bis heute mit über 11 Milliarden zu Buche schlagen. Zusätzlich der anstehenden Probleme der Wasserversorgung in den ehemaligen Braunkohlegebieten, wo man gern neue Unternehmen und Forschungsinstitute ansiedeln und damit auch Menschen versorgen möchte.

Bundesweit müssten deshalb laut Lippold Instrumente und Finanzierungsmöglichkeiten für die Reviere in der Lausitz und um Leipzig herum gefunden werden, auch eine Stiftung bringt der Mitarbeiter von Umweltminister Wolfram Günther (Grüne) ins Spiel. Und um die Verteilung des Wassers der Region zu regulieren, „werden wir auch mit Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen zusammenarbeiten“, so Lippold.

Klar ist also schon heute: Es wird teuer, richtig teuer, wenn die letzten Gruben geschlossen sind. Und die vielleicht drängenste Frage der Zukunft lautet schon heute in Sachsen: sauberes Wasser in ausreichender Menge für alle Bewohner, die Wirtschaft und die Umwelt sicherzustellen.

Alle Inhalte und eine Aufzeichnung des Livestreams der Wasserkonferenz vom 21. März finden sich hier.

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Es gibt 2 Kommentare

„Sonst war es so: Der nächste Tagebau hat das Geld verdient, um den vorhergehenden Tagebau zu sanieren. Aber jetzt kommt die letzte Generation von Tagebauen“.

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Wie so kann / darf man auf Kosten der Zukunft Defizite erwirtschaften?
Wieso muss man nicht beim ersten Spatenstich auch an die Beendigung so einer umweltzerstörenden Maßnahme denken?

Weil die Politik wegguckt und sich lieber auf Kosten der Wirtschaft profiliert.
Da weiß natürlich auch ein Herrn Kretzschmar nicht mehr, dass seit Jahren auf die fehlenden Rücklagen der LEAG hingewiesen wurde.

das wird richtig teuer. Und dann werden für einen Campingplatz am Störmthaler See (das SEB der STadt Leipzig wird das bauen) 22 Mio EUR aus den Strukturmitteln entnommen…das ist mehr als 1/3 eines Jahresetats nur für dieses 1 Projekt, das auf einen konstanten Wasserpegel angewiesen ist. Aber es werden dafür Naturräume zerstört werden, BNatSchG gebeugt, Arten vertrieben, Bürger vor den Kopf gestoßen.

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