Der Countdown läuft. Heute nachmittag werden die fertigen Bücher in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erwartet. Und am Samstag ist Uli Thomale in der Club Lounge zu Gast, wo er einige Episoden vorlesen wird. Um die Wartezeit zu überbrücken, hier noch eine letzte exklusive Kostprobe...

Wer nicht hochrangig oder prominent war, fuhr mit dem Zug. Das jedoch war alles andere als ein Nachteil, denn hier bekam man deutlich mehr geboten. Die Reise begann bereits am Montagmorgen um 5:00 Uhr an der Parteizentrale der Stadt in der Karl-Liebknecht-/ Richard-Lehmann-Straße und endete erst am darauf folgenden Samstagmorgen. Dazwischen lagen immerhin 2.585 Zugkilometer -pro Strecke. Allein 900 davon führten durch Jugoslawien.

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Was sich wie ein quälend langer Ausflug in Richtung Paradies anhört, war letztlich die längste und luxuriöseste Auswärtsfahrt der Vereinsgeschichte. Die Passagiere absolvierten sie in einem der besten Reisezüge der DDR, komplett verpflegt durch die Mitropa und beherbergt in Sechs-Mann-Liegewagenabteilen, deren Belegung zu Reisebeginn bereits feststand. Tilo Bludovsky erinnert sich: “Das war eine Verpflegung wie auf einem Luxuskahn. Es gab täglich drei Mahlzeiten und dabei alles, wovon man sonst nur geträumt hat. Radeberger Bier, Jacobs Kaffee, aber auch Tomaten oder Gurken, was zu dieser Jahreszeit nicht gewöhnlich war.” Die Nachrichtenagentur DPA wollte erfahren haben, was für die strapaziöse Bahnfahrt herangekarrt worden war. Die Fahrt habe “mit einem großen Vorrat an Cola und Limonaden im Packwagen, mit Konserven und Frischfleisch” begonnen.
Selbst gegen aufkommende Langeweile sei vorgesorgt worden: “Während der langen Fahrt waren Gesprächsrunden mit ehemaligen Lok-Spielern arrangiert und ein Fußball-Toto organisiert worden.” Bludovsky kann sich daran nicht mehr erinnern. Genaue Informationen über den Reiseablauf hatte er damals nicht bekommen. “Ich wusste vorher gar nicht, wie das mit der Verpflegung ablaufen würde. Deshalb habe ich mir zwei ,Granaten’ und eine harte Wurst eingepackt. Doch die Kellner haben uns sogar im Abteil pausenlos bedient.”

Selbst an den Schnaps hatte der Reiseveranstalter gedacht. In der täglichen Tüte zur Nachtverpflegung waren immer auch kleine “Schluckis”. Die reguläre Essensversorgung bzw. welche Abteile zu welcher Zeit im Restaurant bedient wurden, war von der Mitropa exakt geregelt. Während sich die Reisegesellschaft über die Speisen hermachte, reinigte das Personal zackig die gerade freien Abteile. Zwischen den Mahlzeiten gingen die Blicke der Passagiere fast pausenlos aus dem Fenster. “Du bist ja durch Landstriche gefahren, die du vorher noch nie gesehen hattest und danach eigentlich auch nie wieder sehen solltest. Ich habe jeden Blick, jeden Moment eingesogen”, erzählt Bludovsky. Doch was er und viele andere teilweise von Jugoslawien
gesehen haben, war nicht immer schön: “Das sah richtig nach Armut aus. Die Leute haben uns zugewinkt und wohl gehofft, dass wir etwas aus dem Zug werfen.”

Tilo Bludovsky war von seinem Brigadier beim Baukombinat für die Reise vorgeschlagen worden. Trotzdem musste er lange um sie bangen. Wenige Tage vor der Reise war sein Reisepass immer noch nicht bei ihm bzw. im Reisebüro “Jugendtourist” angekommen. “Da dachte ich schon, das war’s.” Doch die Sache klärte sich noch auf: Der Bauarbeiter war in eine Gruppe mit den Sportfest-Jüngern gesteckt worden. Seinen Pass bekam er letztlich bei einer Veranstaltung im Alten Rathaus, wo in Vorbereitung auf die Reise allen noch einmal erklärt wurde, dass Lok in Blau-Gelb spielt…
Dass unter den mitreisenden Lokfans die wenigsten tatsächlich Lokfans waren, bestätigte sich für Bludovsky nach Fahrtbeginn. “Ich habe damals alle EC-Heimspiele besucht. Auf der ganzen Reise habe ich aber nur einen oder zwei gesehen, die ich aus dem Stadion kannte.” Diese Beobachtung ist kein Wunder, ging es den meisten doch darum, einmal ins nichtsozialistische Ausland zu kommen. In ein Land, in das man als “Normalsterblicher” maximal mit dem Finger auf der Landkarte reisen durfte. Die besagte Reise verlief bis kurz vor dem Ziel problemlos. Die schweren DDR-Reisezüge schlängelten sich zwar gekonnt durch Jugoslawien, in den griechischen Bergen war allerdings Schluss. Die Lokomotiven machten schlapp, und es mussten zusätzliche Loks angefordert werden. Vier Stunden betrug die Wartezeit. “Das war nicht der einzige Zwischenstopp. Wir haben unter anderem auch in Belgrad gehalten. Die Züge waren offen – da hättest du rausmarschieren können und wärst eben weg gewesen. Da war niemand, der dich hätte aufhalten können”, beschreibt Bludovsky seine Wahrnehmung.

Peter Scholze hatte die Situation ganz anders beobachtet. Das lag sicherlich am ganz persönlichen Fokus. Der damals 24-Jährige war am allerwenigsten an Fußball oder an der Akropolis interessiert. Er hatte nur eines im Kopf: flüchten, weg aus der DDR. “Ich war nur einmal in meinem Leben beim Fußball – und das hat sich gelohnt”, resümiert er heute mit einem verschmitzten Lächeln. Vor 25 Jahren war ihm allerdings nicht zum Lächeln zumute…”
Nachzulesen auf den Seiten 253 – 255 in:
Thomas Franke/ Marko Hofmann
“neunzehn87. Der Triumphzug des 1. FC Lok durch Europa.”
Connewitzer Verlagsbuchhandlung
324 Seiten, 26 Euro
ISBN 978-3-937799-67-4
Erscheint im Mai 2012

Info: Am 12. Mai findet um 18:00 Uhr eine öffentliche Lesung mit Uli Thomale in der Club Lounge in Bruno-Plache-Stadion statt. Der Eintritt ist frei, und das Buch gibt es dann natürlich auch zu kaufen.
Zwei Fußballfans können auf L-IZ.de ein Exemplar des neuen Buches gewinnen. Mailen Sie das Kennwort “25 Jahre EC-Finale” an gewinnen@l-iz.deEinsendeschluss ist Sonntag, 13. Mai um 22:00 Uhr. Die Verlosung erfolgt unter Ausschluss des Rechtsweges. Die Gewinner werden per Mail benachrichtigt.

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