Leutzscher Betriebskosten-Affäre: Jetzt sprechen die grün-weißen Vorstände

In der Leutzscher Betriebskosten-Affäre haben sich jetzt die Vorstände der SG Leipzig Leutzsch (SGLL) und der BSG Chemie zu Wort gemeldet. SGLL-Chef Jamal Engel wies gegenüber L-IZ.de sämtliche Anschuldigungen durch die Betriebssportgemeinschaft zurück: "Das ist alles frei erfunden." Der Vorstand der BSG hält derweil an den Anschuldigungen fest. Und die haben es in sich.
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Dass die SG Leipzig Leutzsch und damit der Betrieb des Alfred-Kunze-Sportparks wirtschaftlich auf höchst wackeligen Beinen steht, ist seit Jahresbeginn bekannt. Nachdem Vorstandssprecher Jamal Engel im Juni die vorläufige Betriebskostenabrechnung für den Alfred-Kunze-Sportpark vorgelegt hatte, mehrten sich vermeintliche Ungereimtheiten. Ein Vorwurf: Unterzeichner Engel soll die Abrechnung frisiert haben. Außerdem soll sein Club Eingliederungsleistungen des Jobcenters nicht für Gehaltszahlungen verwendet und im laufenden Geschäftsjahr durch die Vermietung von Personal und Geräten unlautere Nebeneinkünfte erwirtschaftet haben.

Noch Anfang Oktober kassierten die Leutzscher rund 13.000 Euro Betriebskostenvorschuss. Eine satte Finanzspritze des Sportamts, für die die Behörde nicht einmal die Vorlage eines Geschäftsplans verlangt hatte. Zuvor waren die Stadtwerke im Alfred-Kunze-Sportpark zu einer Stromkappung übergegangen, weil der Verein eine Zahlungsvereinbarung nicht eingehalten hatte. Das Geld der Kommune wollte der Club in die Reparatur der Flutlichtanlage eines Nebenplatzes investieren. Ein Kabelschacht wurde ausgehoben, ein Rohr verlegt. Mehr ist bis heute nicht passiert. „Die Arbeiten werden in Kürze abgeschlossen sein“, so Engel am Mittwoch gegenüber L-IZ.

Dann tauchte am Donnerrstag in einem Internetforum das Gerücht auf, die SGLL-Herren hätten ihr Training aufgrund ausstehender Gehälter abgesagt. „Das ist völliger Blödsinn“, lässt der Vorstandssprecher wissen. Stimmt, denn die Einheit fand wie geplant statt. Möglicherweise hatte ein Unbekannter versucht, unnötiges Öl ins Feuer zu gießen.
Dass die Flammen im AKS längst meterhoch schlagen, verdeutlich die Tatsache, dass die beiden Leutzscher Vereine ihre Auseinandersetzungen mittlerweile über ihre Anwälte austragen. Die BSG Chemie fordert von der SG Leutzsch, die Angaben in der Betriebskostenabrechung zu belegen. Dass die Grün-Weißen einen Anspruch auf Einsichtnahme in den Rechnungsberg haben, räumt auch Jamal Engel ein. Allerdings: „Die Vertreter der BSG Chemie haben die Belege schon beim Sportamt eingesehen“, so der Vorstandsvize der SGLL. „Und ich weiß, dass die Stadt und sogar die Landesdirektion die Abrechnung geprüft und für korrekt befunden haben.“

Hier beginnt der Konflikt. Denn die Chemiker bezweifeln die Richtigkeit mancher Angaben, möchten jede Rechnung am Liebsten doppelt und dreifach unter die Lupe nehmen. Engel beschwichtigt: „Wir haben das angegeben, was wir an Zahlen vorliegen hatten.“ Unter den Ausgaben auch Engels Honorar. Monatlich stolze 1.785 Euro. In einer Liga, wo die allermeisten Geschäftsführer ehrenamtlich arbeiten, bezieht der SGLL-Macher ein Vollzeitgehalt. „Ich manage eine Sportanlage“, verteidigt sich der Vorstandssprecher, wenn man ihn darauf anspricht. Doch hier liegt der Hase im Pfeffer. Ob Verwaltungskosten zu den Betriebsausgaben gezählt werden dürfen, an denen sich die Chemiker zu gut einem Viertel beteiligen müssen, ist zwischen beiden Parteien umstritten.

Eine Klärung zeichnet sich unterdessen hinsichtlich der Einkünfte ab, welche die SGLL durch Vermietung von Maschinen und Personal im Jahr 2012 erwirtschaftet hat. Wie L-IZ.de berichtete, übernahmen die Leutzscher für andere Vereine in Leipzig und Umland Ärifizierungsarbeiten. „Die Einnahmen tauchen selbstverständlich in der nächsten Betriebskostenabrechnung auf“, verspricht Engel. Ohnehin sei er nicht auf Streit aus. „Ich habe nicht vor, die BSG Chemie irgendwo zu ärgern.“

Unterhält man sich darüber jedoch mit Chemie-Vorständen, drängt sich rasch der Eindruck auf, das das Verhältnis gänzlich anders wahrgenommen wird. Sie berichten von zahllosen Abmahnungen durch die SGLL wegen unbedeutender Nickligkeiten. Von einem Dixi-Klo, das Engel just vor dem Sicherheitsspiel gegen den FSV Zwickau aus Kostengründen aus dem Gästeblock räumen ließ. Oder von einem Platzarbeiter, der ihnen versichert habe, nicht bezahlt zu werden. Zumindest Letzteres versucht Engel zu dementieren. „Wir haben drei bezahlte und zwei ehrenamtliche Platzmeister.“ Und die Abmahnungen? „Waren alle berechtigt.“ Sportbürgermeister Rosenthal ist der Meinung, die SGLL dürfe ohne Zustimmung der Stadt nicht abmahnen? „Das stimmt nicht!“

„Wir wollen einfach nur das, was uns zusteht“, erklärt Remo Hoffmann für die BSG. Der Endzwanziger im Streifenpulli kommt aus den Reihen der Ultra-Gruppe „Diablos“ und steht bei Heimspielen trotz Vorstandsamt im Herzen der Fankurve. „Wir sind nicht der Miesepeter, sondern müssen unsere Arbeit gegenüber unseren Mitgliedern rechtfertigen. Wenn irgendwelche Belege fehlen, gerät auch unser Handeln in Gefahr. Auf welcher Grundlage soll unser Vorstand dann entlastet werden?“ Die BSG Chemie rühmt sich seit Jahren damit, Entscheidungen auf basisdemokratischer Basis zu treffen. In dieser Philosophie könnte eine Ursache für den Clinch mit der SG Leutzsch liegen. Ein Verein, der von einem starken Funktionär geführt wird, kommt für viele BSG-Fans nicht mehr in die Tüte.

„Ich klebe nicht an meinem Stuhl“, posaunt Engel in die Welt hinaus. Doch zumindest das Leutzscher Fußballuniversum hat längst einen anderen Eindruck gewonnen. Die vereinsinterne Opposition der SGLL beklagte unlängst hinter vorgehaltener Hand, er habe sie vor der Mitgliederversammlung unzureichend über die wirtschaftliche Lage informiert. „Wir haben damals einen ganz normalen Geschäftsbericht präsentiert“, entgegnet der SGLL-Chef, der die Fusion beider Clubs befürwortet.

„Wir haben immer gesagt, dass jeder Chemiker zu uns kommen kann“, betont Hoffmann für die BSG. Eine Verschmelzung beider Vereine scheint in absehbarer Zeit indes kaum realisierbar. Ursächlich scheint unter anderem der Umgang der SG Leutzsch mit rechten Fans zu sein. Nachdem während des Landespokalspiels der SG Leutzsch gegen den Roten Stern am 4. September 2011 grün-weiße Fans rechte Parolen skandierten, blieben die Verantwortlichen untätig. Erst auf Druck von Sportbürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke) reagierten sie – mit einem Anwaltsschreiben. „Das war richtig“, sagt Engel heute. „Das Sportgericht hatte festgestellt, dass es die Äußerungen nicht gegeben habe. Herr Rosenthal hat nicht das Recht, sich dann einzumischen.“

Beobachter kritisieren bis heute die Toleranz bekannter Neonazis bei Heimspielen. Der Meuselwitzer Thomas G., der wie die NSU-Terroristen dem Thüringer Heimatschutz“ angehört haben soll, ist ein Dauergast. „Wir leben in einer Demokratie“, begründet Engel seine Haltung. Sein Verein habe sogar eine Privatdetektei beauftragt, um an Informationen zu gelangen. „Unsere Recherchen haben ergeben, dass Thomas G. nicht mehr in der Szene aktiv sei. Deshalb können wir nichts machen.“ In Fachkreisen existiert jedoch kein Hinweis auf einen Ausstieg des einstigen Mitbegründers des „Freien Netz“.

Und auch eine einfache Google-Recherche hätte vermutlich mehr Erkenntnisse zu Tage gefördert. Auch über die übrigen Rechten, die sich auf den Rängen des Alfred-Kunze-Sportparks tummeln, wenn die SG Leutzsch spielt. Ein Problembewusstsein ist bei Engel, der seit 1978 im Leutzscher Fußball aktiv ist und sich als „politisch desinteressiert“ charakterisiert, offensichtlich nicht vorhanden. Die Hooligantruppe „Metastasen“ habe man ausgeschaltet. Und überhaupt: „Ein Zusammengehen kann doch nicht an einer einzigen Person scheitern.“

Offenbar doch. Kein zweiter Stadiongänger steht derart sinnbildlich für die tiefen Gräben, die durch das Leutzscher Holz verlaufen. Die Fronten sind verhärtet. Im Rathaus ist der Fall mittlerweile zur Chefsache geworden. Sportbürgermeister Rosenthal möchte über jeden Schritt unterrichtet werden. „Sollen wir jeden Scheiß an die Stadt melden?“, fragt Hoffmann. Und beklagt: „Wir werden dafür bestraft, dass wir ehrlich arbeiten.


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