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Weltrekorde am laufenden Band: Marcus Schöfisch attackiert den 50-Kilometer-Rekord auf dem Laufband

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 84, seit 23. Oktober im HandelDas große Ziel von Marcus Schöfisch war es, sich dieses Jahr auf der Marathonstrecke für die Olympischen Spiele in Tokio zu qualifizieren. Dann kam Corona und alles ganz anders. Der Langstreckenläufer musste sein Trainingslager in Südafrika abbrechen und Mitte März vorzeitig nach Leipzig zurückkehren. Aus sportlicher Sicht war die Enttäuschung groß, denn bereits im Vorjahr musste der Deutsche Meister von 2016 verletzungs- und krankheitsbedingt auf Marathon-Wettkämpfe verzichten.

    Und nun drohte durch die Pandemie ein weiteres Jahr ohne Wettkämpfe auf dem langen Kanten. Es mussten also alternative Ideen her. „Ich habe mich dann im April mit meinem Coach Ronny Martick zusammengesetzt und wir haben gemeinsam überlegt, was wir machen können. Da war recht schnell die Idee mit dem Laufband entstanden“, erzählt Schöfisch im Interview mit der „Leipziger Zeitung (LZ)“.

    Diese Idee ist schnell erklärt und spektakulär: Markus Schöfisch will den Weltrekord über 50 Kilometer auf dem Laufband brechen und dabei – quasi im Vorübergehen – auch gleich noch die aktuelle Marathon-Bestmarke absenken. Sollte das tatsächlich gelingen, wäre der Leipziger in diesem Jahr bereits der fünfte Athlet, der den 50-km-Rekord knackt.

    Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 84, Ausgabe Oktober 2020. Foto: Screen LZ
    Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 84, Ausgabe Oktober 2020. Foto: Screen LZ

    Das ist insofern bemerkenswert, als dass vor Jahresbeginn die gültige Bestmarke von 2:59:49 h bereits auf das Jahr 2015 datierte – damals aufgestellt von Michael Wardian (USA). Doch nun jagt plötzlich ein Rekord den nächsten. Im Januar 2020 blieb Mario Mendoza jr. mit seiner Zeit von 2:59:03 h bereits einige Sekunden darunter. Ende Februar holte Ultra-Läufer Florian Neuschwander mit 2:57:25 h den Weltrekord nach Deutschland. Zumindest kurzzeitig, denn im April setzte Matthias Kyburz (Schweiz) mit 2:56:35 h noch einen drauf.

    Das war der Zeitpunkt, an dem Marcus Schöfisch und sein Trainer den Entschluss zum eigenen Rekordversuch fassten. Denn mit Blick auf den Kyburz-Rekord stellten sie fest: „Das ist ein Kilometer-Schnitt von 3:30 Minuten, also etwa wie ein schneller Long-Run am Wochenende. Wir dachten: Das geht doch bestimmt noch ein ganzes Stück schneller.

    Dann haben wir auf den Rekordlisten gesehen, dass der Marathon-Weltrekord bei 2:20:45 Stunden lag. Da habe ich gesagt: Wollen wir nicht versuchen, beides in einem Rutsch zu machen? Das wäre doch ein super Ding“, so Schöfisch. „Der Plan war dann, den Marathon bei 2:20 Stunden durchzugehen und dann mal schauen, ob und was ich hinten noch drauflaufen kann.“

    Doch dieser Plan wurde von der Realität schneller eingeholt als gedacht: „Im Juni ist der US-Amerikaner Tyler Andrews verdammt schnell gelaufen, und ist bei der Marathon-Distanz mit 2:17:56 Stunden durchgegangen und am Ende 2:42:51 Stunden gelaufen. Damit hat er ein richtiges Brett vorgelegt, was jetzt für mich eine echte Herausforderung ist“, zollt Schöfisch dieser Leistung Respekt.

    Von seinem Vorhaben lässt er sich dadurch allerdings nicht abbringen. „Ich hatte gleich Adrenalin gespürt und bin jetzt noch etwas motivierter. Denn wenn das am Ende für mich positiv ausgeht, hat das auch eine hohe sportliche Wertigkeit.“

    Eine Strecke von 50 Kilometern ist Schöfisch bisher noch nie gelaufen. Seine Marathon-Bestzeit auf der Straße liegt bei 2:15:58 h und wurde 2018 in Düsseldorf aufgestellt. Zuvor lieferte er 2017 in Hamburg 2:17:56 h ab – exakt die gleiche Zeit, die nun Tyler Andrews als Marathon-Bestmarke auf dem Laufband vorlegte. Will der Leipziger vom Team lauftraining.com zumindest diesen Marathon-Rekord brechen, muss er auf dem Band also die zweitschnellste Zeit seines Lebens rennen.

    Die Motivation, möglichst sowohl den Marathon- als auch den 50-Kilometer-Rekord auf dem Laufband zu knacken, ist beim Leipziger riesig. Dennoch ordnet er das am 14. November bevorstehende Spektakel nur als eine Durchgangsstation für das nächste Jahr ein. „Es ist immens wichtig, irgendetwas zu haben, worauf man sich freut, worauf man hinarbeitet, um nicht einfach ins Blaue hinein zu trainieren“. Denn in einem Jahr ohne Wettkämpfe fehlt dem 33-Jährigen der damit einhergehende Druck.

    „Dieser Wettkampfdruck ist etwas, was in diesem Jahr wirklich fehlt. Auf der einen Seite war es natürlich gut, ein paar Wochen zu haben, in denen man einfach trainieren konnte, weil es Spaß macht. Aber irgendwie vermisst man das Ganze natürlich, da es auch dazu beiträgt, dass man im Training 100 oder 105 Prozent geben kann, weil man etwas erreichen will und dadurch Druck hat. Da tingelt man nicht nur bei 95 Prozent herum, weil man weiß, dass sowieso alles abgesagt wird und man sich für nichts Großes qualifizieren kann. Denn dadurch fällt es im Training noch ein Stück schwerer, die qualitativ richtig guten, langen Einheiten zu absolvieren.“

    Schöfisch peilt einen Weltrekord an. Foto: lauftraining.com
    Schöfisch peilt einen Weltrekord an. Foto: lauftraining.com

    Diese Gefahr ist vorerst gebannt und die Vorfreude auf die Laufband-Aktion groß. Zeit also für erste taktische Überlegungen. „Ich denke, wir werden es relativ defensiv angehen, weil ich auch beim Marathon hinten raus immer am stärksten war. Ab Kilometer 30 kam dann immer meine Zeit“, verrät Schöfisch. „Das Gute auf dem Laufband ist, dass man sich einen schönen Fahrplan zurechtlegen kann. Man muss sich hier nicht an den Gegnern orientieren und kann ein Rennen aufs Laufband zaubern, das wirklich genau auf mich zugeschnitten ist.“

    Doch das Nichtvorhandensein anderer Läufer ist gleichzeitig auch ein Nachteil. „Die größte Herausforderung ist das Mentale, weil man ganz alleine für sich laufen muss. Ich glaube, es wird öfter der Punkt kommen, an dem der innere Schweinehund überwunden werden muss, als beim richtigen Marathon – wo man den Gegner überholt, selbst überholt wird oder man in einer Gruppe mitlaufen kann. Das gibt es auf dem Laufband eben nicht.“

    Die sportliche Vorbereitung auf diesen Rekordversuch lief nicht durchgängig optimal. Anfang Oktober, während seines Trainingslagers auf dem Rabenberg, stürzte Marcus Schöfisch bei einem langen Dauerlauf so heftig, dass er auch heute noch nicht wieder ganz schmerzfrei ist. „Es ist alles blau und auch noch ein bisschen dick. Aber seit zwei Tagen spüre ich meinen Daumen wieder, das ist schon mal ein großer Fortschritt. Der Sturz hat mich eine Trainingswoche gekostet, mir fehlt jetzt ein langer, spezifischer Dauerlauf.“ Doch das Motto heißt: Weitermachen!

    Der Rekordversuch, dessen Austragungsort zum Redaktionsschluss noch nicht feststand, wird auch im Livestream von „Sport im Osten“ zu sehen sein. „Das motiviert mich natürlich noch mehr, aber erhöht auch den öffentlichen Druck“, so Schöfisch, der neben der sportlichen Komponente noch auf einen anderen positiven Nebeneffekt hofft.

    „Im Idealfall kann ich dadurch noch ein paar Partner und Sponsoren generieren, die mich auf meinem weiteren Weg unterstützen und begleiten. Denn dieses Jahr hatte ich null Einnahmen durch den Sport. Die Trainingslager und alles andere musste ich deshalb aus eigener Tasche finanzieren.“

    Doch ganz egal, wie der lange Ritt auf dem Laufband ausgeht, der große Traum bleibt Olympia. „Ich hoffe, dass ich noch mal die Chance bekomme, mich zu qualifizieren“, sagt Marcus Schöfisch zum Abschluss. „Und wenn nicht, muss ich schauen, wo die Reise dann hingehen wird.“

    Mehr Informationen auf der Internetseite:
    https://marcus-schoefisch.com

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