2027 endet nach 16 Jahren die Intendanz von Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig. Dann wird ein neuer Intendant gebraucht. Oder eine Intendantin. Oder zwei. Oder auch drei. Bis zu drei Intendaten dürfen dann ein Intendanzteam bilden. So macht es die neue Betriebssatzung für das Schauspiel Leipzig möglich, die am 25. März von der Ratsversammlung beschlossen wurde. Eigentlich kein Thema, über das man sich öffentlich zerfetzen muss.

Schon gar nicht, wenn das ein Betriebsausschuss des Schauspielhauses, in dem alle Ratsfraktionen vertreten sind, intensiv diskutiert hat. Auch als Möglichkeit, die künstlerische Qualität des Schauspielhauses zu erhalten.Möglicherweise durch ein Intendanzkollektiv.

Es war nicht der einzige Grund, warum die Betriebsordnung des Schauspielhauses jetzt geändert wurde (die alte gilt seit 2015). Denn 2023 wurde auch die Sächsische Gemeindeordnung vom Landtag geändert, was auch Auswirkungen auf sämtliche Betriebsordnungen für kommunale Eigenbetriebe hat. Das wurde in der Vorlage, die am 25. März in den Stadtrat kam, auch ausführlich erläutert.

Aber die AfD-Fraktion hängte sich an einem einzelnen Passus auf, dem zu ändernden § 6 in der Betriebsordnung: „Für den ab der Spielzeit 2027/2028 anstehenden Intendantenwechsel soll über die Satzungsanpassung die Möglichkeit zu einer Team-Intendanz unter Berücksichtigung folgender Prämissen eröffnet werden:

Die Erste Betriebsleitung (Intendanz) darf nach außen allein für den gesamten Eigenbetrieb entscheiden.

Jedem Mitglied der Intendanz werden über die Geschäftsordnung Aufgabenfelder zur alleinigen Erledigung zugewiesen, in denen es einzel- bzw. alleinvertretungsberechtigt sein soll. Den Intendanten /Intendantinnen obliegt es, untereinander Einvernehmen herzustellen.

Die Zweite Betriebsleitung bzw. Verwaltungsleitung kann die Stadt Leipzig in den ihr über die Geschäftsordnung zugewiesenen Angelegenheiten (kaufmännische- und Verwaltungsgeschäfte) alleine vertreten.“

Diese Änderung wurde zuvor im Betriebsausschuss vorgeschlagen und diskutiert. Darauf wies nach einer heftigen und ziemlich unfairen Debatte die Linke-Stadträtin Beate Ehms hin, die selbst die Diskussion im Betriebsausschuss erlebt und von einem dortigen deutlichen „Nein“ des AfD‑Vertreters nichts gemerkt hat.

Frau Beate Ehms (Die Linke/Petitionsausschuss) im Leipziger Stadtrat am 25.03.2026. Foto: Jan Kaefer
Beate Ehms (Die Linke/Petitionsausschuss) im Leipziger Stadtrat am 25.03.2026. Foto: Jan Kaefer

Der heißt zwar Jörg Kühne. Aber zu einer geballten Rede, die die Änderung des Paragraphen als „Geldverschwendung“ bezeichnete, setzte am 25. März dann AfD-Stadtrat Roland Ulbrich an. Schon das ein deutliches Zeichen dafür, dass die AfD-Fraktion die Gelegenheit nur einmal mehr nutzen wollte, um zu polemisieren und auch gleichsam zu unterstellen, hier wolle jemand Parteigenossen mit gut dotierten Stellen versorgen.

Doch dergleichen stand am 25. März gar nicht zur Diskussion. Welche Art Intendanz auf die Arbeit von Enrico Lübbe folgt, ist noch völlig offen. Eine erste Entscheidung dazu soll erst in der April-Ratsversammlung folgen, kündigte Kulturbürgermeisterin Dr. Skadi Jennicke an.

Herr Roland Ulbrich (AfD) im Leipziger Stadtrat am 25.03.2026. Foto: Jan Kaefer
Roland Ulbrich (AfD) im Leipziger Stadtrat am 25.03.2026. Foto: Jan Kaefer

Dem Betriebsausschuss war es mit der Änderung von §6 in der Betriebsordnung lediglich wichtig, die Möglichkeit einer Team-Intendanz zu schaffen, die möglicherweise auch die Konflikte im Haus minimieren würde. Und etwas verhindern könnte, was mit einem sehr eigenwilligen Intendanten immer wieder passieren kann: dass er seine Funktion weniger als künstlerische, sondern als Machtposition versteht. Solche Konflikte gab es in der Vergangenheit auch am Schauspiel Leipzig.

Und dabei ginge es nicht darum, so auch OBM Burkhard Jung, dass drei mögliche Intendanten bzw. Betriebsleiter auch alle ein hohes Intendantengehalt beziehen bzw. eine entsprechend hohe Gage. Man wolle das Ganze möglichst so regeln, dass die „Mehrkosten überschaubar bleiben“.

Die brisante Geldfrage

Was der Debatte nicht ihre Brisanz nahm. Darauf wies BSW-Stadtrat Jörg Kachel hin: In der Öffentlichkeit könnte der Passus genauso interpretiert werden. Wobei eben auch stimmt: Der Betriebsplan räumt lediglich die Möglichkeit ein, dass es zu einer Gruppen-Intendanz (mit klaren Aufgabenzuweisungen) kommt. Es muss nicht so kommen.

Denn wer immer sich um die Intendanz am Schauspiel Leipzig bewirbt, ob allein oder im Team, muss sich der Auswahlkommission stellen und letztlich der Ratsversammlung. Erst diese bestimmt, wer den Intendatenposten künftig besetzt. Und vorher muss geklärt werden, welche Gagen ausgehandelt werden. Auch das wird den Auswahlvorschlag bestimmen.

Herr Thomas Kachel (BSW) im Leipziger Stadtrat am 25.03.2026. Foto: Jan Kaefer
Thomas Kachel (BSW) im Leipziger Stadtrat am 25.03.2026. Foto: Jan Kaefer

Aus Sicht des Betriebsausschusses – so Beate Ehms – ist die Möglichkeit, auch einmal ein Intendanzteam zu berufen, eine Chance, den künstlerischen Anspruch des Schauspiels zu wahren. Ob Leipzig das finanziell stemmen kann, ist eine andere Frage.

Aber Kachel hat natürlich recht: Es geht auch um die Außenwirkung so eines Beschlusses in einer Zeit, in der Leipzig unter einer extrem angespannten Haushaltslage leidet und praktisch jeden Monat die Frage steht, wie die Leipziger Kultureinrichtungen mit den erst einmal eingefrorenen Budgets zurande kommen und tatsächlich entstehende Mehrkosten (durch steigende Gehälter und Betriebskosten) stemmen können. Eine durchaus brisante Frage, solange Bund und Land es nicht hinbekommen, die Kommunen wieder auskömmlich zu finanzieren. Auch das sprach Kachel an.

Die Vorlage wurde dann trotzdem von der Ratsmehrheit angenommen. Denn so heftig die AfD-Stadträte auch argumentiert hatten – sie hatten nicht mal einen Änderungsantrag geschrieben, über den hätte abgestimmt werden können. Ein Zeichen eigentlich dafür, dass ihre wütenden Reden wieder einmal nur Show waren und keinen anderen Zweck hatten. Die Betriebssatzung für das Schauspiel Leipzig wurde mit 43:10 Stimmen bei 7 Enthaltungen angenommen.

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