Es war wieder Katholikentag in Deutschland, der 104. schon, und wir bemerken, manche erstaunt, dass sowohl das zweithöchste als auch das dritthöchste Amt in der politischen Rangordnung der Bundesrepublik mit Katholiken besetzt sind. Als solche äußerten sich Bundestagspräsidentin Julia Klöckner und Bundeskanzler Friedrich Merz zu Fragen der Kirchen im Allgemeinen. Ich möchte mich hier auf Julia Klöckner beschränken, zumindest eine ihrer Aussagen ist es wert.

Es gab zuerst nicht viel Neues, zumindest wenn man sich das Interview bei phoenix anschaut. Da geht es wie im letzten Jahr darum, dass Kirchen keine Tagespolitik machen sollen und keine NGOs sind. Diesmal führt sie das so aus: „Und die Relevanz ist gerade bei Kirchen die, dass sie über den Alltag hinausweist. Dass sie eben nicht eine innerweltliche Gruppierung ist, die eine weitere NGO oder ähnliches ist mit einem tagespolitischen Thema, sondern wo es wirklich um das Menschsein geht, wo es um das Thema Hoffnung geht, wo es auch um die Frage geht, wie wir zusammenleben wollen.“

Man könnte mit Fug und Recht fragen, ob das Zusammenleben und die Tagespolitik etwas miteinander zu tun haben, vielleicht meint Frau Klöckner hier aber irgendeine spirituelle Sache. Wer weiß das schon.

Der Part mit „Wenn ich für etwas bezahle, dann will ich auch eine adäquate Leistung“ fehlt auch wieder nicht. Hier gilt es zu beachten, dass nicht nur Julia Klöckner Kirchensteuern zahlt. Das tun auch viele Menschen, die nicht ihrer Meinung sind. Wie hat sie das ausgedrückt?

„Und ich bin Kirchenmitglied, ich zahle Kirchensteuern und deshalb sage ich auch, was ich von meiner Kirche mir wünsche im Gottesdienst, dass wir angesprochen werden von Predigten, die nicht auf der Meta-Ebene sind, sondern die wirklich ins Hier und Jetzt auch übersetzt werden, aber mir auch immer die Transzendenz, den Glauben und auch die Hoffnung mit präsentieren.“ Was ist wohl dieses „Hier und Jetzt“, wenn nicht tagespolitische, besser Alltagsprobleme?

Der wichtigste Absatz folgt gleich darauf, etwa bei Minute 3:30 im phoenix-Interview: „Wenn wir ein Down-Syndrom-Screening haben auf regelmäßige Kassenleistung, dann wird ja etwas verrückt in dieser Gesellschaft. Also das heißt, der Blick auf Menschen mit Beeinträchtigung. Wenn wir nur den perfekten Menschen wollen, das heißt, was sagen wir denn den Menschen, die eben anders als die Norm sind? Da will ich die Kirche hören.“

Warum so zaghaft Frau Klöckner? „Was sagen wir denn den Menschen, die eben etwas anders als die Norm sind?“ Fehlt Ihnen der Mut, der so präsent im Motto des Katholikentages gefordert wird, uns zu sagen von welcher Norm Sie sprechen? Gilt das, Ihrer Meinung nach, nur für Menschen mit Behinderungen, oder gilt das auch für Menschen mit einer anderen Hautfarbe und Herkunft? Gilt das auch für Menschen mit einer anderen Sexualität? Gilt das auch für Menschen am anderen Ende der Einkommens- und Vermögensschere?

Was sagen wir diesen Menschen?

Weisen wir erst genannte aus, entfernen für zweitgenannte zum CSD die Regenbogenflagge vom Bundestag und sagen den dritten „Wer arm ist, arbeitet nur zu wenig“?

Auch als Agnostiker unterschreibe ich Ihren Satz: „Es ist eine Chance für die Kirche da, in Zeiten der Krise, der Kriegen, der Zuversichtslosigkeit, Orientierung zu bieten.“ Ich denke nur, wir beide verstehen darunter verschiedene Aufgaben der Kirchen. Das ist schade.

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