Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" ist Europäisches Kulturerbe

Drei authentische Orte der SED-Diktatur am Tag des offenen Denkmals geöffnet

Der bundesweite „Tag des offenen Denkmals“ am Sonntag, den 8. September 2019, steht in diesem Jahr unter dem Motto „Modern(e): Umbrüche in Kunst und Kultur“. Die Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ arbeitet an und in authentischen Orten der Geschichtsschreibung. Die ehemals von der Stasi genutzten Bauten werden so zu Orten des Lernens und der Diskussion umfunktioniert.

Diese Nutzung birgt Chancen der authentischen Wissensvermittlung wie auch zu berücksichtigende Fragestellungen zu denkmalgerechten Sanierungsmöglichkeiten und Umnutzungsbestrebungen. Ein aktuelles Beispiel ist das Projekt „Denkmalgerechte Sanierung und Umnutzung des ehemaligen Kommandanten-Wohnhauses als Besucherzentrum des Museums im Stasi-Bunker“, welches am Sonntag als einer von drei authentischen Orten der SED-Diktatur besichtig werden kann.

Auch in der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ sind Umbrüche zu entdecken: Beim Rundgang „Stasi intern“ kommen die Besuchern u.a. am „Horchturm an der Ohrenburg“ vorbei. Das Treppenhaus mit der eigenen Hauswache war ein weithin sichtbares Symbol für den Repressionsapparat der Stasi, denn die besondere architektonische Form brachte der Verkleidung ihren Namen ein. Heute erinnert eine Lichtinstallation am 9. Oktober jeweils an den friedlichen Sturz der SED-Diktatur.

Neben der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ in Leipzig (10-18 Uhr) und dem Museum im Stasi-Bunker in Machern (10-16 Uhr) hat auch die ehemalige Zentrale Hinrichtungsstätte der DDR in Leipzig (11-16 Uhr) an diesem Tag geöffnet.

Am Sonntag, den 8. September 2019, bekommen Besucherinnen und Besucher die seltene Gelegenheit, abseits von den Ausstellungsräumen die „Runde Ecke“ zu erkunden und sich vom heutigen baulichen Zustand der einstigen Hinrichtungsstätte und des Stasi-Bunkers zu überzeugen. Mit besonderen Rundgängen informiert die Gedenkstätte über den monströsen Gebäudekomplex der früheren Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig, an dem etwa 40 Jahre lang jedes Gespräch verstummte.

Der Erhalt authentischer Orte der kommunistischen Diktatur ist dem Bürgerkomitee ein besonderes Anliegen, weil so das damalige Geschehen und die historischen Entwicklungen besser erfasst und Geschichte dadurch sicht- und erlebbar wird. Mit der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ und dem Museum im Stasi-Bunker bietet das Bürgerkomitee eine bundesweit einmalige Gedenkstättenkombination an und auch die weitgehend original erhaltene ehemalige zentrale Hinrichtungsstätte der DDR in Leipzig ist in dieser Form einzigartig in Deutschland.

Die Gedenkstätte als Teil des Europäischen Kulturerbes „Eiserner Vorhang“

Die Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ wurde im Jahr 2012 als eine von zwölf authentischen Stätten des „Eisernen Vorhangs“ in das gleichnamige Europäische Kulturerbe aufgenommen. Die Gedenkstätte sowie die hiesige Nikolaikirche und der Leipziger Innenstadtring sind die einzigen der ausgewählten Orte, die nicht an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze liegen.

Dies belegt die Bedeutung der Friedlichen Revolution für den Fall des Eisernen Vorhangs sowie der deutschen Einheit in einem vereinten Europa und unterstützt gleichzeitig den Symbolgehalt Leipzigs als „Stadt der Friedlichen Revolution“. Die Orte dokumentieren sowohl die kommunistische Diktatur als auch deren friedliche Überwindung, die die Voraussetzung für den Fall des „Eisernen Vorhangs“ war.

Rundgänge durch den riesigen Komplex hinter der „Runden Ecke“ von 11.00 bis 16.00 Uhr

Die „Runde Ecke“ prägt seit über 110 Jahren das Bild der Stadt. Das zwischen 1911 und 1913 erbaute Versicherungsgebäude war seit der Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit im Jahr 1950 die Leipziger Stasi-Zentrale. Da der Platz in der „Runden Ecke“ für die expandierende Staatssicherheit schon Mitte der 1950er Jahren nicht mehr ausreichte, wurde 1955 bis 1958 ein Anbau mit Kinosaal und Kegelbahn fertig gestellt.

Zwischen 1978 und 1985 wurde das Gebäude durch einen Neubau für ca. 65 Mio. DDR-Mark nochmals erheblich erweitert. Seit dieser Zeit thront der Stasi-Komplex am Dittrichring wie eine „Zwingburg der SED-Diktatur“ mitten in der Stadt. Die aktuelle Debatte zur Entwicklung des Areals auf dem Matthäikirchhof zu einem „Forum für Freiheit und Bürgerrechte“ zeigt auch, wie uneins sich die Leipziger Bürger beim weiteren Umgang mit dem Areal sind und darüber, ob und in welchem Umfang die historischen Gebäude erhalten bleiben sollen.

Die Bedeutung der original erhaltenen Räumlichkeiten auch im Stasi-Neubau für die Vermittlung der Geschichte von Unterdrückung und Unrecht in der DDR zeigt einen Rundgang durch den gesamten Komplex.

Zwischen 11.00 und 16.00 Uhr können Besucher am Tag des offenen Denkmals sonst nicht zugängliche, aber original erhaltene Räume im Komplex der ehemaligen Stasi-Bezirksverwaltung besichtigen. Regelmäßig beginnen Führungen unter dem Motto „Stasi intern. Rundgang durch die ehemalige Zentrale des MfS – Vom Keller zum Boden und anderen Orten des (un)heimlichen Gebäudekomplexes“. Besichtigt werden unter anderem die verbunkerten Schutzräume im zweiten Kellergeschoss für den Kriegsfall, der Wartebereich der Stasi-eigenen Poliklinik oder die Kegelbahn des MfS. Auch die Räume der einstigen Aktenvernichtung können entdeckt werden.

Die öffentliche Führung durch die Ausstellung „Stasi – Macht und Banalität“ um 15.00 Uhr findet statt.

Das geplante Podiumsgespräch zum Thema „Chancen und Herausforderungen historischer Orte“ um 17.00 Uhr entfällt und wird ggf. nachgeholt werden.

Beim Stadtrundgang um 11.00 Uhr die Marschroute der Demonstranten im Herbst ’89 nacherleben

Die ehemalige Stasi-Bezirksverwaltung wurde während der Friedlichen Revolution am 4. Dezember 1989 friedlich besetzt und in der Folge aufgelöst. In Leipzig hielten schon während des ganzen Jahres 1989 eine Vielzahl öffentlicher Aktionen von Bürgerrechtsgruppen, wie die Demonstration für Meinungs- und Pressefreiheit im Januar, der Pleißepilgerweg und das Straßenmusikfestival im Juni oder die entscheidende Massendemonstration am 9. Oktober, die SED und vor allem die Staatssicherheit in Atem.

Der Stadtrundgang „Auf den Spuren der Friedlichen Revolution“ erinnert an markanten Punkten der Leipziger Innenstadt
an die historische Entwicklung des Jahres 1989. Unter anderem führt er Interessierte zum Nikolaikirchhof, wo schon im Frühjahr ’89 der Ruf nach Freiheit laut wurde, zum Augustusplatz, auf dem im Herbst Massenkundgebungen stattfanden, und am Leipziger Ring entlang, der Marschroute der Demonstrationen.

Besucher, die teilnehmen möchten, finden sich 11.00 Uhr am Treffpunkt Hauptportal der Nikolaikirche ein.

Führungen in der ehemaligen zentralen Hinrichtungsstätte der DDR von 11.00 bis 16.00 Uhr

Mitten in einem belebten Wohnviertel wurden in der letzten Hinrichtungsstätte auf deutschem Boden mindestens 64 Todesurteile vollstreckt. In der Leipziger Südvorstadt besteht zum „Tag des offenen Denkmals“ die seltene Möglichkeit, die Zentrale Hinrichtungsstätte der DDR zu besichtigen. Unter dem Titel „Todesstrafe in der DDR – Hinrichtungen in Leipzig“ bietet das Bürgerkomitee Interessierten in der Zeit von 11.00 bis 16.00 Uhr Führungen durch die weitgehend authentisch erhaltenen Räume an und gibt Erläuterungen zu diesem Themenbereich.

In der ehemaligen Hausmeister- und Heizerwohnung der Strafvollzugseinrichtung wurden in der Zeit von 1960 bis 1981 unter strengster Geheimhaltung die Todesurteile für die gesamte DDR vollstreckt. Erst im Dezember 1987 wurde diese Strafart auch in der DDR abgeschafft. Ihr Ende stand im Zusammenhang mit Erich Honeckers Visite in Bonn bei Helmut Kohl vom 7. bis 11. September 1987. Honecker wollte dieses erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen nutzen, um die internationale Anerkennung der DDR als eigenständigen Staat weiter auszubauen. Der Verzicht auf die Todesstrafe sollte dies propagandistisch unterstützen.

Die ehemalige zentrale Hinrichtungsstätte der DDR in Leipzig ist nach wie vor nur zur Museumsnacht und zum Tag des offenen Denkmals zu besichtigen. Bis 2022 soll sie zu einem justizgeschichtlichen Erinnerungsort ausgebaut werden. Ziel ist es, neben dem Erhalt der originalen Räumlichkeiten eine entsprechende moderne Ausstellung zum Thema zu erarbeiten und die dafür notwendigen Flächen vorzurichten.

Führungen im Museum im Stasi-Bunker von 10.00 bis 16.00 Uhr

Getarnt als Ferienanlage des VEB Wasserversorgung und Abwasserbehandlung Leipzig liegt in prachtvoller Natur das Naherholungsgebiet Lübschützer Teiche bei Machern die einstige Ausweichführungsstelle (AFüSt) des Leiters der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig. Kern der Anlage ist der von 1968 bis 1971 gebaute Bunker.

Im Spannungs- und Mobilmachungsfall hätte der Leipziger Stasi-Chef mit seinem Stab, insgesamt etwa 100 hauptamtliche Mitarbeiter sowie Verbindungsoffiziere des sowjetischen Geheimdienstes KGB, seinen Dienstsitz aus der Bezirksverwaltung in der „Runden Ecke“ nach Machern verlagert. Die Ausweichführungsstelle war ein heimlich geschaffener Komplex, mit dem die Führungsriege des MfS den Machtanspruch der SED auch im Fall eines Ausnahmezustands, beispielsweise während eines Atomschlags, sichern wollte.

Während der Führung erhalten die Besucher Einblick in die zentral geregelte Mobilmachungsplanung und die speziellen Aufgabe des MfS im Ernstfall – bis hin zur geplanten Einrichtung von Isolierungslagern für Oppositionelle.

Am 8. September 2019 können Besucher zwischen 10.00 und 16.00 Uhr an einer der ständigen Führungen durch die ehemalige Ausweichführungsstelle teilnehmen oder sich die Dokumentation „Der Fall X: Wie die DDR West-Berlin eroberte“ ansehen, die Einblick in die Mobilmachungsplanung des MfS für den Ernstfall gibt.

Zudem werden Informationen und Erläuterungen für das aktuelle Sanierungsprojekt „Denkmalgerechte Sanierung und Umnutzung des ehemaligen Kommandanten-Wohnhauses als Besucherzentrum des Museums im Stasibunker“ vermittelt. Zu sehen ist auch die Sonderausstellung der Stiftung Aufarbeitung zur SED-Diktatur „Wir wollen freie Menschen sein! Der DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953“. Die Ausstellung zeigt, wie der Protest Berliner Bauarbeiter zum Auslöser republikweiter Massenproteste wurde.

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