Man kommt am Begriff Immersion kaum noch vorbei, denkt man nur an die großflächige Werbung für „Titanic – Eine immersive Reise“ und ähnliches. Was bedeutet das eigentlich und warum soll im Zeitalter von KI der Beruf Gestalterin oder Gestalter für immersive Medien überhaupt noch interessant sein?

Wir bekamen eine Postkarte der Gutenbergschule Leipzig in die Hand, auf der genau dieser Beruf beworben wurde. Dazu trafen wir uns mit Aron Schaub, der dort unterrichtet, und wollten etwas mehr wissen. Für das Gespräch haben wir die Du-Form der Anrede vereinbart.

Postkarte der Gutenbergschule. Foto LZ

Aron schön, dass es heute geklappt hat. Was machst Du eigentlich genau?

Ich arbeite eigentlich als Software-Entwickler bei LEFX. Wir erstellen, beispielsweise digitale Showrooms und virtuelle Trainings für VR. Das ist mein Hauptgebiet. Ich bin aber jetzt ebenfalls an der Gutenbergschule auf einer Expertenstelle für zwölf Wochenstunden. Das heißt, ich bin auch bei meiner Hauptanstellung mit den Stunden runtergegangen. Damit bin ich aktuell zwanzig Stunden dort und zwölf Stunden in der Schule und unterrichte dort die spezifischen Fächer für das Berufsbild „Gestalter:in für immersive Medien“ als Experte.

Was sind eigentlich diese immersiven Medien?

Das werde ich oft gefragt. Immersiv kann sehr viel sein, im Prinzip ist es schon immersiv, wenn man ein Computerspiel spielt und eintaucht. Es geht um dieses Eintauchen, also wenn man die Zeit in dem Moment vergisst, ist das schon eine Immersion. Wir nehmen als immersive Medien, konkret hier in der Ausbildung, VR-Anwendungen, also virtuelle Realitäten, in die man wirklich eintaucht.

Seit wann gibt es diese Berufsausbildung?

Der Beruf ist sehr neu, den gibt es seit 2023. Das Spannende an dem Beruf ist, dass er seit 15 Jahren der erste Gestalter-Beruf in Deutschland ist, der wirklich wie aus dem Nichts neu erschaffen wurde. Es wurde eine Lücke gesehen, die gefüllt werden musste. Bis dahin waren immersive Medien und VR-Anwendungen immer ein Quereinsteigerberuf. 2023 wurde gesagt: Hier brauchen wir einen Ausbildungsberuf, damit das ein bisschen geordneter zugeht.

Das ist jetzt eine normale duale Berufsausbildung, also Berufsschule und betriebliche Ausbildung?

Genau, die Auszubildenden sind zwei Drittel der Zeit im Unternehmen und ein Drittel in der Schule.

Die Berufsschule ist für Leipzig also die Gutenbergschule.

Nicht nur für Leipzig, es gibt in Ostdeutschland nur zwei Berufsschulen für diese Ausbildung. Die in Berlin, die sich um Berlin und Brandenburg kümmert und die in Leipzig, die Mitteldeutschland versorgt. Das heißt, die Gutenbergschule ist für Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen zuständig, teilweise auch für Mecklenburg-Vorpommern, weil die nicht wissen, ob die ihre Azubis nach Berlin oder zu uns schicken.

Was lernen die Azubis bei Euch, im Gegensatz zum klassischen Mediengestalter?

Es gibt ja bisher Mediengestalter für Digital und Print, also auch für Webseiten, es gibt den für Bild und Ton, wir füllen jetzt sozusagen die letzte Lücke mit 3D-Design und 3D-Entwicklung. Wir unterrichten VR , man lernt ein bisschen Skripten und man lernt mit 3D-Umgebungen umzugehen, auch Projektmanagement gehört zur Ausbildung. Im Kern lernt man den Umgang mit 3D-Modellen, Einrichten von 3D-Szenen, Modellieren von 3D-Objekten und immersives Audio. Also das Einrichten von zum Beispiel Ambisonics, das ist 360-Grad-Audio.

Wie sieht es denn mit Ausbildungsbetrieben aus?

Die Interessenten sind kein Problem, wir haben bei LEFX viele Bewerber jedes Jahr für diesen Ausbildungsberuf. Die Unternehmen sind das Problem, sehr wenige Unternehmen in Deutschland und gerade in Sachsen wollen zurzeit überhaupt ausbilden. Das ist generell eine Tendenz. Es traut sich niemand, ob das jetzt daran liegt, dass die Wirtschaft schwächelt oder dass man sagt, mit KI brauchte man ja eigentlich niemanden mehr auszubilden. Also, wir haben sehr wenige Unternehmen, die das wirklich ausbilden und wir müssen daran arbeiten, dass wir mehr Unternehmen dafür begeistern können.

Kommen wir zum Thema KI, viele sind ja der Meinung, gerade bei kreativen Berufen, dass man nur noch prompten lernen muss. Die KI macht dann den Rest. Was sagst Du?

Eigentlich müssten wir alle wissen, dass das ein Irrtum ist. Die KI ersetzt uns Menschen nicht. Ob man das jetzt so betrachtet als „Human in the Loop“, dass also immer noch jemand da sein sollte der die Ergebnisse der KI überprüft oder aus anderen Gründen. Ehrlich gesagt wissen wir alle, wir nennen es mittlerweile Slop, dass die Qualität, die die KI ausspuckt nicht sehr gut ist. Wenn man gute Qualität möchte, gerade in der Richtung, in die dieser Ausbildungsberuf geht, braucht man Menschen. Eine KI kann uns nicht die hohe Qualität produzieren, die wir eigentlich haben wollen, zum Beispiel CAD-Modellen zu 3D-Formaten . Trotzdem ist KI hilfreich und die Mediengestalter lernen bei uns auch den Umgang mit KI.

Die Auszubildenden lernen also die KI als Werkzeug zu nutzen?

Genau, als normales Werkzeug, wie die 3D-Software selbst, wie Green-Screens oder Blue-Screens aus dem Bild- und Tonbereich, so kann man auch eine KI sehen, die dann ein Hilfsmittel ist. Aber es ist schon besorgniserregend, wir haben manchmal Schüler die sagen: „Ich weiß nicht, ob ich diese Ausbildung noch machen kann, zusätzlich zu dem ganzen Stress den ich schon habe. Die Leute um mich herum sagen ich werde ja bald durch KI ersetzt.“ Ich sage dann: „Das ist Quatsch, wirst Du nicht. Nur weil das jetzt gerade ein Hype-Thema ist, wirst Du nicht einfach ersetzt. Bitte lass Dir nicht so viel Angst machen.“

Wir sprachen vorhin über Firmen, die sich scheuen auszubilden. Für welche Firmen wäre diese Ausbildung interessant?

Firmen, die dafür infrage kommen, sind weit gestreut. Architekturbüros, die richtige 3D-Modelle von Wohnungen haben wollen, Wohnungsunternehmen die virtuelle Rundgänge anbieten wollen, aber auch Maschinenbau, Stadtentwickler, alles kann davon profitieren. Siemens zum Beispiel macht jetzt diese große Wette auf digitale Zwillinge. Und digitale Zwillinge müssen bestimmten Eckdaten entsprechen, damit diese performant laufen, und das muss ein Mensch machen. Man kann das nicht so weit automatisieren, dass man das komplett maschinell machen kann.

Das ist eine Richtung, eine andere ist die Spieleentwicklung. Wir haben mittlerweile in Sachsen eine kleine Bewegung an Indie-Spieleentwicklung, die sich so um das R42 herum gerade aufbaut. Auch die können in Zukunft davon profitieren, dass es diese Ausbildung gibt. Dann kann man einen Praktikanten, aber vielleicht auch einen Azubi nehmen, der diesen Prozess begleitet und am Ende fertig ausgebildet ist. Auch 3D-Visualisierungsunternehmen, aber auch Stadtreinigung oder die Klärwerke könnten davon profitieren, genauso Museen. Das ist super breit gestreut, fast jeder könnte diesen Ausbildungsberuf brauchen. Was ich den Unternehmen auch gerne mitgeben würde ist: Unternehmen, die jetzt etwas digitalisiert haben wollen, gehen aktuell auf Firmen wie bei uns bei LEFX zu, aber es gibt Firmen, die verlangen 10.000 bis 100.000 Euro. Dann sollte man sich als Unternehmen vielleicht überlegen, ob man für so viel Geld drei Jahre lang jemanden ausbilden lassen könnte, der danach dauerhaft angestellt diese Aufgaben erledigen kann. Ja, das sind drei Jahre, die man jemanden antrainieren muss, weil ein Azubi noch nicht ganz so effizient ist. Aber danach hat man eine ausgebildete Fachkraft, die genau auf diese Sache angesetzt werden kann.

Es ist also Deiner Meinung nach ein Beruf mit Zukunft?

Auf jeden Fall. In den 90er Jahren war Mediengestalter für Bild und Ton ein neuer Beruf. Da haben auch schon Leute gefragt: „Brauchen wir dafür wirklich eine Berufsausbildung?“ Mittlerweile ist es ein etablierter Beruf. Videoschnitt braucht man jeder freut sich, wenn er jemanden kennt der für Instagram die Videos ein bisschen professionalisierter machen kann. Es hat sich herausgestellt, dass dieser Beruf sehr gut angekommen ist, jetzt hat man wirklich professionelle Leute, jetzt braucht man dieses Medium plötzlich. Ich habe diese Hoffnung, dass man auch für die immersiven Medien, vielleicht nicht für den VR-Bereich, aber für den 3D-Bereich, irgendwann sagt: „Das lohnt sich, das hat sich volle Kanne gelohnt. Nur gut, dass wir vor fünf Jahren gesagt haben, dieser Beruf ist eine gute Idee.“

Aron, ich danke Dir für das Gespräch.

Es klingt auf jeden Fall interessant, wenn Aron Schaub von dem Beruf erzählt. Vielleicht hat der Artikel Interesse bei einigen jungen Menschen geweckt. 

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar