Kaum zu überhören und trotzdem totgeschwiegen: Leipziger Biker-Demo machte gegen Vorurteile mobil

Es war am vorletzten Samstag, als die Innenstadt vom Donnern hunderter Motorräder erzitterte. Auf dem Marktplatz hatten sich rund 700 Biker aus ganz Deutschland getroffen, um gegen die Diskriminierung und zunehmende Kriminalisierung von Motorradfahrern und Biker-Clubs zu protestieren. Laut und kaum zu überhören war der Protest und doch wurde er ignoriert, und zwar von Leipzigs Tageszeitung Nr. 1.
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Deshalb soll an dieser Stelle auch über ein Ereignis berichtet werden, dass offenbar bewusst totgeschwiegen werden sollte, obwohl es weder zu überhören noch zu übersehen war. Auch nicht von den zahllosen Schaulustigen, die die Biker-Demo auf dem Marktplatz verfolgt hatten und dem Anliegen der Motorradclubs- und Fahrer durchaus positiv gegenüber standen. Und doch, als viele Biker aus Leipzig und dem Umland die Postille aufschlugen glaubten sie ihren Augen nicht zu trauen. Da war nichts.

Oder fast nichts, wie ein Biker (Name d. Red. bekannt) erzählt: „Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Kein Wort über die Demo der Biker. Statt dessen ein Foto, wie zwei oder drei angebliche Biker vor einem Club irgendwo in Leipzig von der Polizei gefilzt werden. Das hatte mit unserer Demo rein überhaupt nichts zu tun. So wurde aber suggeriert ’seht her, die Rocker, sind also doch kriminell‘. Das ist ein Unding, eine Zeitung hat den Auftrag, über Vorgänge von öffentlichem Interesse zu berichten. Unsere Demo wurde bewusst ignoriert. Unglaublich, das macht wütend, weil es ein falsches Bild der Biker in der Öffentlichkeit abgibt.“

Hintergrund: Die Biker-Union hatte am 30. Juni zu einer Motorrad-Demo eingeladen, weil im Zuge des harten Vorgehens von Behörden gegen Biker-Clubs wie „Hells Angels“ oder „Bandidos“ immer mehr harmlose Biker-Clubs unberechtigterweise in den Sog der Kriminalisierung geraten und darunter zu leiden haben.
Ein Leipziger Biker (Name d. Red bekannt): „Auch, wenn der eine oder andere das eventuell (noch) nicht so sieht: Es gibt genügend Beispiele, die beweisen, dass auch wir unserer Rechte beraubt werden sollen. Bikerclubs wie unserer haben das schon zur Genüge zu spüren bekommen – es ist nur eine Frage der Zeit, wann wir die nächsten sind.“

Dazu zählt er folgende Beispiele auf: „Die ‚Bikerfreunde Ammelshain‘, ein Motorradfahrer-Verein (MF), ebenso harmlos wie wir, durfte im vergangenen Jahr keine Party veranstalten und die Wiese im Dorf nicht zum Zelten nutzen. Sie hatten dies schon viele Jahre zuvor getan. Auf einmal aber wurde das nicht mehr gestattet. Was war passiert? Der sogenannte ‚Rocker-Beauftragte‘ der Polizei war beim Ordnungsamt vorstellig geworden und hatte vor den ‚bösen Rockern‘ gewarnt.“
Das überharte Vorgehen der Behörden bekamen auch die „Tourenfahrer Schöna“ zu spüren. Für ihre alljährliche Ausfahrt, die seit Mitte der 1990er stattfindet, bekamen sie plötzlich die Auflage, dass höchstens drei Mitglieder von „bösen Motorradclubs“ an der Ausfahrt teilnehmen dürfen. Der Biker erzürnt: „Wie krank ist das denn? Clubs, die legal und offiziell agieren und sich auf dem Boden des Gesetzes bewegen, werden mittels derartiger indirekter Ansprachen reglementiert? Wo bleiben da die Bürgerrechte?“

Auch das etablierte „First Sachsen Chapter“, das bereits zum 17. Mal die beliebte Biker-Party auf der Radrennbahn ausrichtete, blieb vom Behördeneifer nicht verschont. Der Biker dazu: „Jedes Jahr war bisher die Ausfahrt der Höhepunkt des Wochenendes. Dieses Mal wurde die Ausfahrt nicht genehmigt, und das ohne Angabe von Gründen. Nur dem guten Draht zur Motorradstaffel der Leipziger Polizei war es zu verdanken, dass die Partygäste an der Ausfahrt in Begleitung der Polizei mitfahren durften. Ansonsten hätte es keine Ausfahrt gegeben. Und warum? Niemand weiß es – aber es passt in die derzeitige Situation. Es sind also nicht erst die Anfänge, wir sind schon mittendrin in der Vorverurteilung. Und niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass es uns nicht treffen wird. Das ist zu kurz gedacht – und deshalb sollten wir für unser Recht kämpfen.“

Und das taten sie dann auch, zahlreich und friedlich. Sammelpunkt war das Gewerbegebiet in der Gießereistraße in Taucha.

Nach und nach sammelten sich hier hunderte von Bikern aus ganz Deutschland um dann gegen 13 Uhr Richtung Markt zu fahren. Vorher wurden alle Biker von den Organisatoren und Ordnern auf Disziplin und Einhaltung der Verkehrsregeln eingeschworen, man wollte dem eigenen Anliegen schließlich nicht schaden. Auf dem Marktplatz die Hauptkundgebung, verfolgt von hunderten von Leipzigern und Gästen der Messestadt. Herbert G. aus Leipzig: „Ich finde das richtig, bloß weil man Motorrad fährt, heißt das noch lange nicht, dass jemand kriminell ist. Das ist völlig übertrieben.“

Nachdem Vertreter verschiedener Leipziger Motorrad-Clubs einen Scheck über 3.000 Euro für ein schwer krankes Mädchen symbolisch überreicht hatten, setzte sich der Korso, begleitet von jeder Menge Polizei in Richtung Lindenauer Markt in Marsch. Dort fand die Abschlusskundgebung statt, ebenfalls verfolgt von zahlreichen Anwohnern, ebenfalls friedlich, ebenfalls ohne Zwischenfälle. Einer der Organisatoren: „Ich hoffe, dass jetzt doch einige begriffen haben, dass Biker sein, nicht mit ‚kriminell‘ gleichzustellen bedeutet.“ Sicher hätten das noch mehr begriffen, wenn die Presse objektiv darüber berichtet hätte, statt das Ereignis totzuschweigen.


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