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Die Corona-Pandemie verändert das Mobilitätsverhalten und die Atmosphäre im ÖPNV

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    Covid-19 hat weitreichende Auswirkungen auf den öffentlichen Verkehr (ÖV) und dessen Nutzung. Das unterstreichen die Ergebnisse einer nicht repräsentativen Online-Befragung zu den Erfahrungen, Verhaltensweisen und Wahrnehmungen von ÖV-Nutzern, die das in Leipzig ansässige Leibniz-Institut für Länderkunde gemeinsam mit internationalen Partnern in sechs europäischen Großstädten durchgeführt hat.

    Sowohl die Sozialstruktur der ÖV-Nutzer als auch die individuellen Wahrnehmungen und Verhaltensmuster der Fahrgäste haben sich demnach seit dem Auftreten des Coronavirus teils grundlegend geändert. Während der ersten Covid-19-Welle im Frühjahr 2020 mieden laut Umfrage drei Viertel der befragten Besserverdienenden und Bessergebildeten die öffentlichen Verkehrsmittel fast vollständig.

    Viele gaben an, zum Schutz anderer nicht mehr Bus und Bahn zu fahren. Unter den Befragten mit niedrigerem Einkommen und Bildungsstand waren es nur 17 Prozent. Mehr als ein Drittel dieser Gruppe fühlt sich hinsichtlich des Risikos einer Ansteckung mit dem Coronavirus in öffentlichen Verkehrsmitteln „deutlich sicherer“ als in Lebensmittelgeschäften.

    „Die quantitative Erhebung zeigt, dass sich das sozioökonomische Nutzerprofil des öffentlichen Verkehrs im Untersuchungszeitraum stark homogenisiert hat“, erklärt der IfL-Wissenschaftler Tonio Weicker. Bedeutsam werde dies für anstehende politische Entscheidungsprozesse unter der Erkenntnis, dass ehemalige Nutzer, die jetzt meist im Homeoffice arbeiten, öffentliche Verkehrsmittel als besonders gefährlichen Begegnungsraum wahrnehmen.

    Auf diese Verkehrsangebote angewiesene Nutzergruppen, die meist niedrigere Einkommen haben und im urbanen Dienstleistungsbereich tätig sind, würden hier deutlich differenzieren, so Weicker.

    Die Befragung für das Institut für Länderkunde ergab bei den verbliebenen Fahrgästen eine gesteigerte Sensibilität gegenüber ihrer materiellen Umgebung und dem Verhalten der anderen. So wird beispielsweise der Kontakt mit Haltetasten und Stangen mit den Händen vermieden und es wird lieber gesessen als gestanden. Viele verspüren eine Abneigung gegen die Nähe von Menschen und berichten von Stresserfahrungen aufgrund der Unmöglichkeit, auf engem Raum ausreichend Abstand zu anderen Fahrgästen zu halten.

    Neben Gefühlen wie Unbehagen, Angst und Unsicherheit berichten Fahrgäste auch von positiven Effekten durch die geringere Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. Das Social Distancing trage zu einer „ruhigeren Atmosphäre“ bei, wobei manche die ungewohnte Leere und zurückhaltende soziale Interaktion in Bussen und Bahnen auch als „unheimlich“ beschreiben.

    „Die Aussagen zu den emotionalen Aspekten unterstreichen, dass wir den öffentlichen Verkehr nicht nur als materielle Infrastruktur oder technisches System betrachten sollten, sondern viel stärker als bisher als integralen Bestandteil des Stadtraums in den Blick nehmen müssen“, sagt Wladimir Sgibnev vom Leibniz-Institut für Länderkunde.

    In der derzeitigen Situation stünden die ÖV-Benutzer wie viele andere vor der Herausforderung, die gewohnten Praktiken mit den neuen Normen für ein angemessenes Verhalten in Einklang zu bringen. Dies führe einerseits zu mehr sozialer Kälte, andererseits sei ein respektvollerer Umgang und das Einhalten der Etikette zu beobachten.

    „Inwieweit diese unterschiedlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen die künftige Nutzung des Verkehrs beeinflussen werden, bleibt abzuwarten“, so Sgibnev.

    Die Studie „COVID-19 and Public Transport“ wurde im Rahmen des europäischen Verbundvorhabens „Public transport as public space in European cities: Narrating, experiencing, contesting“ (Putspace) in den ersten Monaten der Covid-19-Pandemie durchgeführt. Sie basiert auf den Auswertungen eines Online-Fragebogens, den 1095 Teilnehmer vollständig ausgefüllt haben.

    Mit 49 Personen aus dieser Gruppe führten die Forscher zusätzlich halbstrukturierte Interviews per Telefon oder Videoschalte. Derzeit führt das Forscherteam eine Folgestudie zur veränderten Situation während der zweiten und dritten Pandemie-Welle mit einem Fokus auf vulnerable Bevölkerungsgruppen durch.

    Originalpublikation:

    Finbom, Marcus / Keblowski, Wojciech / Sgibnev, Wladimir / Sträubli, Louise / Timko, Peter / Tuvikene, Tauri / Weicker, Tonio (2020): Covid-19 and public transport. Insights from Belgium (Brussels), Estonia (Tallinn), Germany (Berlin, Dresden, Munich), and Sweden (Stockholm).

     

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      3 KOMMENTARE

      1. Ich sehe mehrmals am Tag die Linien 1 und 9 an meinem Fenster vorbeifahren. Die sind hier in Mockau oft ziemlich leer. Abends sitzt manchmal nur einer in einer ganzen Bahn. Morgens gegen 9 vielleicht 10 Leute. Also der Lockdown macht sich echt bemerkbar im ÖV

      2. @Uwe:
        Die Erhebung fand „in den ersten Monaten der Covid-19-Pandemie …“ statt. Und im April vor dem Wiedereintritt ins allgemeine Arbeitsleben war es tatsächlich sehr ruhig.
        Und seit die Schulen jetzt wieder zu sind, ist es auch spürbar weniger belebt. Ansonsten gebe ich dir recht.

      3. „wobei manche die ungewohnte Leere und zurückhaltende soziale Interaktion in Bussen und Bahnen auch als „unheimlich“ beschreiben.“

        Wo bitte soll denn das stattfinden!? Die Bahnen – und vor allem die Schienenersatzbusse der Linie 7 im Westen – sind rammelvoll (in Stoßzeiten wie morgens zum Schulbeginn) und man fragt sich, wie das mit dem Gebot des Abstandhaltens zusammenpasst. Hier wäre eine Verdopplung der Frequenz angezeigt!

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