Am 1. September veröffentlichte die Agora Verkehrswende ihren aktuellen „ÖV-Atlas 2026“. In dem landete nicht nur der Landkreis Nordsachsen recht weit hinten in der Hitliste der funktionierenden ÖPNV‑Anbindungen. Und es hätte wohl auch Landrat Kai Emanuel nicht weiter gejuckt, wenn diverse Medien mit über einem Monat Verspätung nicht eine Sensationsmeldung draus gemacht hätten.

Am Montag, dem 19. Oktober, reagierte der Landrat dann doch ziemlich deutlich. Auch wenn er die wild trötenden Medien dabei außen vor ließ.

Nordsachsens Landrat Kai Emanuel hat den gerade erschienenen „ÖV-Atlas 2026“ zum öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in Deutschland als wenig hilfreich kritisiert: Durch die Verwendung veralteter Untersuchungsmethoden entstehe ein verzerrtes Bild, das die tatsächliche Situation nicht korrekt widerspiegle. Das sei unverantwortlich und führe zu falschen Schlussfolgerungen.

Laut Atlas der Denkfabrik „Agora Verkehrswende“ hätte Nordsachsen die schlechteste ÖPNV-Anbindung im Freistaat und würde bundesweit nur Platz 291 von 397 belegen.

„Ein moderner ÖPNV braucht auch moderne Qualitätskriterien. Dass die Studie jeden Bus schlechter bewertet als die Straßenbahn und flexible Rufbus-Angebote überhaupt keine Berücksichtigung finden, geht an den Realitäten im ländlichen Raum völlig vorbei“, sagte Kai Emanuel.

„Ein Atlas, der den Anspruch erhebt, den Fortschritt der Verkehrswende objektiv abzubilden, muss innovative, funktionierende Bausteine wie das vollflexible On-Demand-System Flexa Nordsachsen zwingend einbeziehen.“

Die negative Darstellung des ÖPNV in Nordsachsen diskreditiere dessen Beschäftigte und auch den Landkreis mit seinem Kreistag als Aufgaben- und Entscheidungsträger insgesamt. „Und wäre der ÖPNV hier tatsächlich so schlecht, dann müssten täglich 8.000 Mädchen und Jungen von ihren Eltern zur Schule gebracht werden.“

Wo sind die flexiblen Angebote?

Um methodische Lücken zu schließen und ein vollständiges Bild von der Situation im ÖPNV zu gewinnen, hat Nordsachsens Landrat in einem Schreiben an die Berliner Denkfabrik angeboten, sich konstruktiv über die zugrundeliegenden Fahrplandaten und die Integration flexibler Bedienformen in die Bewertungssystematik auszutauschen.

Das Problem aber ist bei der Agora Verkehrswende sogar bekannt. Und da wäre man bei den sensationslüsternen Medien, die die bereitgestellten Informationen einfach ignorieren, Hauptsache Schlagzeilen machen.

Denn in den Erläuterungen zum „ÖV-Atlas 2026“ merkt die Agora Verkehrswende selbst an: „Flexible Bedarfsverkehre ergänzen den Linienverkehr dort, wo sich Nachfrage schlecht bündeln lässt. Seit die Novelle des Personenbeförderungsgesetzes 2021 neue Verkehrsformen wie den Linienbedarfsverkehr eingeführt hat, sind mehr als 120 Projekte mit über 1.000 Fahrzeugen entstanden, rund 80 Prozent davon außerhalb der großen Städte.

On-Demand-Verkehre und ähnliche Angebote ohne festen Linienweg wurden jedoch bei den Berechnungen zum ÖV-Atlas noch nicht berücksichtigt. Die Güteklassen bewerten den angebotenen Takt und die Entfernung zu einer Haltestelle. Beides fehlt bei Angeboten, die ihr Bediengebiet flächenhaft und ohne Fahrplan erschließen. Nur Bedarfsverkehre, die in den Fahrplandaten von DELFI als Linie hinterlegt sind (etwa das Anruf-Linien-Taxi), fließen in die Berechnung ein.

Ein bundesweiter Datenbestand fehlt jedoch bisher. Häufig sind ein bis drei Fahrzeuge in einer Gemeinde im Einsatz. Einige Angebote sind aber auch deutlich größer, wie in der Region Hannover (Sprinti), Hamburg (Moia) oder im Landkreis Darmstadt-Dieburg (Hopper). Auch andere flexible Bedienformen wie das ÖPNV-Taxi stärken den Nahverkehr.“

Anzahl der Menschen ohne gutes Grundangebot nach Kreisen mit der Wertung für Nordsachsen. Je dunkler, umso schlechter. Grafik: Agora Verkehrswende, ÖV-Atlas 2026
Anzahl der Menschen ohne gutes Grundangebot nach Kreisen mit der Wertung für Nordsachsen. Je dunkler, umso schlechter. Grafik: Agora Verkehrswende, ÖV-Atlas 2026

Wie man das aber in die Atlas-Daten integrieren kann, weiß man noch nicht. Denn diese Daten beruhen ganz allein auf den öffentlich zugänglichen Fahrplänen. Dazu werden die Entfernungen zu den nächsten Haltestellen und die Bevölkerungszahlen in Beziehung gesetzt.

Wie man die flexiblen Angebote dennoch integrieren könnte, wird gerade überlegt: „Wie eine methodische Integration künftig aussehen könnte, zeigt das Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) mit seiner ÖPNV-Erreichbarkeitsanalyse für das Land Nordrhein-Westfalen. On-Demand-Verkehre werden hier über Ruf- und Wartezeiten in eigene Haltestellenkategorien übersetzt. Die üblichen Wartezeiten von 30 bis 60 Minuten entsprechen in dieser Studie den untersten Kategorien E oder F des ÖV-Atlas.“

Hauptsache S-Bahn

Aber eigentlich kommt auch Leipzig nicht so gut weg, wie es eigentlich dasteht, weil unterschiedliche Angebote unterschiedlich hoch bewertet werden: S-Bahn-Anschlüsse werden im Ranking höher bewertet als Straßenbahn- und Bus-Anschlüsse. Weshalb dann selbst im Großstadt-Ranking vor allen Städten mit dichtem S‑Bahn-Netz vor Leipzig liegen.

Die Agora Verkehrswende dazu: „Unter den Großstädten (über 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner) hat laut der Analyse Frankfurt am Main das beste Angebot im öffentlichen Verkehr, dicht gefolgt von Stuttgart, München, Karlsruhe, Düsseldorf und Darmstadt.“

Das ÖPNV-Ranking der Großstädte. Grafik: Agora Verkehrswende, ÖV-Atlas 2026
Das ÖPNV-Ranking der Großstädte. Grafik: Agora Verkehrswende, ÖV-Atlas 2026

Leipzig landet dann mit einer „ÖPNV-Güte“ von 1,5 auf Platz 9 der Großstädte – hinter Berlin. Und nur 88 Prozent der Leipziger seien, so der Atlas, gut mit ÖPNV angebunden. Aber schon allein die Existenz einer S-Bahn-Verbindung ins Oberzentrum sorgt dafür, dass „städtische Landkreise“ im Ranking ganz nach oben kommen.

„In der Kategorie Mittelstädte (20.000 bis 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner) bieten Laatzen, Rheinstetten, Ostfildern, Stutensee und Unterhaching die beste Versorgung. Sie alle sind per S- oder Stadtbahn an ein Oberzentrum angebunden“, stellt die Agora Verkehrswende fest.

Qualität des ÖPNV-Angebots nach Bundesländern. Grafik: Agora Verkehrswende, ÖV-Atlas 2026
Qualität des ÖPNV-Angebots nach Bundesländern. Grafik: Agora Verkehrswende, ÖV-Atlas 2026

Sachsen im Mittelfeld

Der Blick auf die Karte zeigt dann, dass es in Sachsen ganz andere Landkreise gibt, die ein deutlich schlechteres ÖPNV-Angebot aufweisen, vom Erzgebirgskreis bis zu den Landkreisen Görlitz und Bautzen. Und dabei macht der ÖV-Atlas eben auch deutlich, wie stark das dicht ausgebaute ÖPNV-Netz um Großstädte das gesamte Angebot in einem Bundesland prägen kann.

Da landen dann bei der Qualität des Angebots gar nicht überraschend die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen ganz vorn. Sachsen – stark geprägt durch die dichten Netze um Dresden und Leipzig – landet unter den Bundesländern auf Platz 7 – zwischen Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz – deutlich vor Bayern, Sachsen-Anhalt oder Brandenburg.

Den ÖV-Atlas 2026 findet man hier.

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