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Eine sonnige Stadt ohne Wachstumsschmerzen und Ressourcenprobleme und irgendwann in der 1. Liga

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    Seit in Leipzig mit aller Macht ein Bundesliga-Fußballclub installiert wurde, hat OBM Burkhard Jung einen großen Traum: Auch mal mit der ganzen Stadt in der Ersten Liga spielen zu dürfen. Er hat ein euphorisches Vorwort für den neuesten Wirtschaftsbericht der Stadt geschrieben, der am 26. September auch in gedruckter Form erscheint.

    „Eine neue Klasse erreichen, um diese Klasse zu halten – was im Fußball gelang, muss als symbolträchtig für den Geist von Leipzig gelesen werden. Im Wettbewerb um Spitzenleistungen kann die Zahl der Mitspieler gar nicht groß genug sein. Wir laden Sie herzlich ein, unserem Team von Aufsteigern anzugehören und in Leipzig aktiv zu werden“, schreibt Jung, merkt aber auch eher beiläufig an, dass es durch große Ansiedlungen von außen kein zusätzliches Wachstum mehr geben wird. Das müsse jetzt von innen kommen – vom heimischen Mittelstand.

    Nur: Wie passt das zu dem Bild, das auch dieser Wirtschaftsbericht von Leipzig zeichnet? Wenn man die 104 Seiten durchblättert, scheint in dieser Stadt immerfort die Sonne, agiert die Stadt auf internationalem Parkett, steigen Produktionszahlen, Beschäftigtenzahlen, Frachttonnagen unaufhörlich. Und der Rest ist einfach Musik: Bevölkerungswachstum, Hochkultur, blendende Bildungseinrichtungen, hinschmelzende Arbeitslosigkeit. Und fünf Cluster, in denen in einem fort neue Jobs geschaffen werden und die Umsätze steigen.

    Na gut, es ist eine Werbebroschüre, kein Analysewerkzeug. Eine jener hübschen Leckereien, die sich das stolze Dezernat Wirtschaft und Arbeit einmal im Jahr gönnt.

    Aus der Sicht der Hochglanzbroschüre ist es auch ein – ausgewähltes – Datenmaterial zur wirtschaftlichen Entwicklung Leipzigs. Der Bericht „präsentiert das gesamte Panorama des Leipziger Wirtschaftslebens, seine Einbettung in Mitteldeutschland sowie in globale Märkte“, kündigt das Wirtschaftsdezernat an.

    Auf 104 Seiten enthält die repräsentative und umfangreich bebilderte Broschüre unter anderem ausführliche Kapitel zu Leipzig als wachsender Stadt, der hervorragend ausgebauten Infrastruktur, den fünf Wirtschafts-Clustern, Ausbildung und Forschung, weichen Standortfaktoren, Lebensqualität sowie zu den Aufgaben und dem Leistungsangebot der kommunalen Wirtschaftsförderung. Den Abschluss bildet ein Anhang mit ausgewählten statistischen Daten und Ansprechpartnern.

    Der Band richte sich an potenzielle Investoren oder Unternehmer ebenso wie an wirtschaftlich interessierte Bürgerinnen und Bürger, meint das Dezernat.

    Wirtschaftsbürgermeister Uwe Albrecht sieht das Ganze so: „2016 ist erneut ein wirtschaftlich erfolgreiches Jahr. Unternehmensneuansiedlungen und -erweiterungen brachten zahlreiche neue Arbeitsplätze. Die Bedeutung Leipzigs als Oberzentrum in Mitteldeutschland wurde dadurch gestärkt, die Stadt untermauerte ihren Ruf als attraktiver Wirtschaftsstandort mit enormem Einwohnerwachstum.“

    Das Problem – zumindest für Leute, die gern nach dem Warum fragen – ist: Warum wächst diese Stadt eigentlich? Welche Kräfte wirken da? Die tolle Musik allein ist es nicht. Der gut organisierte Nordraum ist es schon eher. Doch jeder weiß, dass der an lauter Grenzen stößt – auch die zu Sachsen-Anhalt, wo man gern auch ein bisschen profitieren möchte. Aber an dieser heißen Schnittstelle zweier wirtschaftlich potenziell starken Bundesländer werden teure Energien verbrannt, Ideen ausgebremst. Ganz hinten – bei den Wirtschafstförderern – taucht auch die Metropolregion Mitteldeutschland wieder auf, die jetzt irgendwie wieder zu so einer Art Steuerungsgruppe fürs lokale Marketing geworden ist, weil die großen Synergien politisch nicht gewollt sind.

    Auch das ist – so seltsam das klingt – ein Grund dafür, warum Leipzig wächst und dabei anderen die Ressourcen abzieht. Wo Politik keinen Blick mehr für wirtschaftliche und demografische Strukturen hat, fokussiert sich alles, aber auch wirklich alles auf wenige Wachstumskerne.

    Daher kommt das von Albrecht beschworene „enorme Wachstum“. Es ist ein geborgtes. Und wer hinschaut, der merkt, dass alle internationalen Werbetouren nichts nützen, wenn diese Region nicht endlich zusammenwächst.

    Und wovor warnt der Bürgermeister für Wirtschaft und Arbeit? – „Nicht zuletzt mit Blick auf die weiter wachsende Stadt wäre es fatal, in unseren Anstrengungen nachzulassen. Bereits heute müssen die Rahmenbedingungen für die zukünftige erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung geschaffen werden. Dem wird sich mein Dezernat weiterhin mit höchster Kraft widmen.“

    Was fehlt, ist eine Analyse der Rahmenbedingungen. Nicht nur der demografischen. Hinter dem bunten Bilderfeuerwerk etwa zu Logistik und modernen Verkehrsstrukturen geht völlig unter, dass das absehbare Wachstum enorme Investitionen braucht in wirklich zukunftsfähige Verkehrsnetze. All das, wessen sich die Broschüre rühmt als Startimpuls, wurde in den 1990er Jahren beschlossen – vom Standortwechsel der Messe über den Ausbau des Flughafens bis zum City-Tunnel oder dem Standort-Konzept im Nordraum. Es sind diese 20 Jahre zurückliegenden Entscheidungen, die jetzt ihre Früchte tragen.

    Da reicht es nicht, wenn ein Dezernat die Ärmel hochkrempelt, da müssen alle Entscheiderinstanzen auf Stadt- und Landesebene schon mal über die Erfordernisse des Jahres 2030 nachgedacht haben. Und es wird sich als fatal erweisen, dass man das Projekt Metropolregion nie mit der nötigen Konsequenz vorangetrieben hat – auch gegen die Widerstände aus sächsischen Provinzen.

    Denn eine Stadt, die so wächst, bekommt Wachstumsprobleme, hat sie eigentlich schon – bei Schulen etwa, wo sich die Stadt hier als Investor feiert, obwohl alle wissen, dass die Investitionssummen verdoppelt werden müssten. Beim Wohnraum nimmt die Problemdichte langsam an Fahrt auf. ÖPNV haben wir erwähnt.

    Vielleicht sollte man einfach zwei Wirtschaftsberichte machen: einen für die Werbung und einen, in dem die Probleme, Ressourcen und absehbaren Investitionsgrößen beziffert sind. Das wäre mal ein spannendes Projekt. Aber: Traut sich einer dazu?

    Als gedruckte Ausgabe ist er ab dem 26. September kostenlos erhältlich im Neuen Rathaus, Amt für Wirtschaftsförderung, Zimmer 29, sowie telefonisch bestellbar unter Tel. (0341) 123-5859.

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