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Zwischen Regenbogencontainer und Bürotrakt: Erste sächsische Gemeinschaftsschule in Grünau

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    Jahrelang kämpfte die Initiative „Gemeinschaftsschule in Sachsen“ dafür, dass die Gemeinschaftsschule als optionales Modell in das sächsische Schulgesetz aufgenommen wird. Das Ziel der Initiator/-innen war es, die Schüler/-innen nicht nach der vierten Klasse an eine weiterführende Schule zu schicken: „Zu diesem frühen Zeitpunkt kann noch niemand genau sagen, welchen Weg ein Kind meistern kann.“

    Da die Entscheidung für eine weiterführende Schule weitreichende Konsequenzen für das gesamte Leben hat, soll den Kindern ein längeres gemeinsames Lernen ermöglicht werden. In neun deutschen Bundesländern und international hätte sich dieses Prinzip schon längst bewährt. Und so unterschrieben 50.000 Menschen den Volksantrag, dem ein langer Koalitionsstreit folgte. Grüne, SPD und Linke befürworteten die Gemeinschaftsschule, die CDU lehnte sie ab. Um eine Einigung zu erzielen, wurden einige Forderungen der Christdemokraten in die Neuerung des sächsischen Schulgesetzes vom 1. August 2020 aufgenommen. Aus Sicht von Expert/-innen erschweren die eingebauten Hürden das längere gemeinsame Lernen. So muss es an den Schulen beispielsweise eine Mindestanzahl an Schüler/-innen geben.

    Eine Schule, die alles richtig macht

    Doch trotz dieser Auflagen konnte am 3. September die erste sächsische Gemeinschaftsschule eröffnet werden – in Grünau. „Heute ist ein großer Tag für Leipzig“, begann der bekannte Reformpädagoge Otto Herz seine Rede auf der Eröffnungsfeier der Leipziger Modellschule (LeMO). Das Konzept der LeMO soll als Vorbild für weitere Gemeinschaftsschulen in freier Trägerschaft dienen und die Bildungslandschaft in den folgenden Jahren und Jahrzehnten revolutionieren.

    Vor den knapp 50 anwesenden Personen ergriff im Anschluss Gerlind Große, Initiatorin und Vereinsvorsitzende der LeMO, das Wort: „Es war vor ziemlich genau vier Jahren an einem ähnlich schönen Sommertag. Da stand ich auf der Treppe von unserem Wohnhaus in Grünau, dachte mal wieder über die ganzen Schulprobleme nach, die bei uns in der Familie und im Bekanntenkreis sehr präsent waren, und fasste den Entschluss: Man muss endlich mal eine Schule gründen, die einfach alles richtig macht.“

    Sie könne nicht fassen, dass man nach dem beschwerlichen Weg, den alle Beteiligten zusammen gegangen sind, jetzt hier bei der feierlichen Eröffnung stehe. 2017 gründete sich die Initiative, die später zum Verein wurde. Nach mehreren Genehmigungsanträgen beim Sächsischen Landesamt für Schule und Bildung, einigen Hürden bei der Finanzierung und der Verzögerung durch die Coronakrise, konnte das Schuljahr 2021/22 nun mit 48 Schüler/-innen starten.

    „Das Leben stellt die Fragen“

    Dabei werden die Kinder zunächst in zwei Stammgruppen unterteilt. So lernen jeweils 24 Schüler/-innen der Klassen 1 bis 3 zusammen sowie 24 der Klassen 4 bis 6. Schulleiterin Birgit Kilian sieht viele Vorteile in dem Prinzip: „So können Große von Kleinen lernen und Kleine von Großen.“ Auch andere Erkenntnisse aus den Bildungswissenschaften habe man in das Konzept der LeMO einfließen lassen.

    So sorgt das Prinzip der Ganztagsschule (8 bis 16 Uhr) für einen flexibleren Alltag, bei dem nicht in ernstes Lernen am Vormittag und spaßige Freizeit am Nachmittag unterteilt wird. Insgesamt soll in den Räumlichkeiten ein inklusiver und partizipativer Lern- und Lebensraum entstehen. Das heißt einerseits, dass die Kinder die fächerübergreifenden Problemstellungen selbst aussuchen können und somit von vornherein ein breiteres Interesse am Unterrichtsthema gegeben ist. Andererseits werden die Inhalte im Grünauer Kontext vermittelt. „Denn das Leben stellt die Fragen“, wirft Otto Herz ein.

    Dass keine Noten verteilt werden, ist hingegen ein Konzept der LeMO, das laut der Initiator/-innen oftmals auf Skepsis trifft. Denn trotz der Befreiung vom gesellschaftlichen Leistungsdruck sollen an der LeMO später sämtliche Schulabschlüsse abgelegt werden können – vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur. „Unser Unterricht wird sich am sächsischen Lehrplan orientieren, die Abschlussprüfungen werden extern durchgeführt und die Leistungen staatlich anerkannt“, erklärt Birgit Kilian den Ansatz. Sollte sich ein Kind für einen Schulwechsel entscheiden, können durch die Leistungsbeurteilung in einem speziellen Kompetenzeinschätzungsmodul ebenfalls Zeugnisse mit Noten ausgestellt werden.

    Bis zur Entscheidung, welchen Abschluss man anstrebt, können die Schüler/-innen beispielsweise das Fach Deutsch auf Gymnasialniveau lernen, in Mathematik dagegen auf dem Niveau der Oberschule, so Kilian weiter.

    Um allen Kindern das Lernen an der LeMO zu ermöglichen, ist das Schulgeld zudem sozial gestaffelt. Die Erzieherin und angehende Grundschullehrerin Marie Luise Grell führt aus: „So haben wir den Zugang für alle geschaffen. Auch für die, die sonst vielleicht keine Möglichkeit hätten, an einer Schule in freier Trägerschaft zu lernen.“

    Dort, wo bisher nur der Regenbogencontainer steht, soll später ein ganzer Schulcampus entstehen. Foto: Antonia Weber

    Auch öffentliche Gemeinschaftsschulen geplant

    Zum Schluss der Veranstaltung skizzierte das Team rund um Gerlind Große und Birgit Kilian die Zukunft der LeMO. Von den derzeitigen Übergangsräumlichkeiten im Bürotrakt des Allee-Centers soll es in einigen Jahren auf die Wiese vor eben diesem gehen. Dort ist ein Schulcampus mit Sportanlage, Mensa, Kita und mehreren Schulgebäuden geplant.

    Und auch im Rest Sachsens regt sich etwas. Die freie Oberschule in Großnaundorf (Landkreis Bautzen) soll zu einer „Oberschule Plus“ weiterentwickelt werden, die künftig in Kooperation mit einer Grundschule längeres gemeinsames Lernen von der ersten bis zur zehnten Klasse ermöglicht. Auch die Kurfürst-Moritz-Schule in Boxberg sowie die Dresdner Universitätsschule stehen für solch eine Umwandlung in den Startlöchern. Laut Kultusminister Christian Piwarz (CDU) soll es bereits im Schuljahr 2022/23 die ersten öffentlichen Gemeinschaftsschulen im Freistaat geben.

    Leipzig hinkt da zwar ein wenig hinterher, aber der Stadtrat hat am 22. Juli beschlossen, bis 2026 eine Gemeinschaftsschule im Dösner Weg zu errichten. Zwar kritisieren beispielsweise die Linken im Landtag die überladene Bürokratie und die Hürden zum Aufbau von Gemeinschaftsschulen. Dennoch scheint da ein Stein ins Rollen gekommen zu sein, der für eine neue Zeit des Lehrens und Lernens steht.

    „Zwischen Regenbogencontainer und Bürotrakt“ erschien erstmals am 1. Oktober 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG. Unsere Nummer 95 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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