Ein Sitzungssaal, gefüllt mit erfahrenen Führungskräften, bekommt während einer Präsentation eine Frage gestellt. Allerdings meldet sich niemand zu Wort, weil allen das Risiko zu groß erscheint, sich zu blamieren oder einen falschen Eindruck zu erwecken.
In solchen Momenten wird ein Mechanismus sichtbar, der deutlich älter ist als jedes Meeting. Hinter der persönlichen Zurückhaltung versteckt sich die Angst vor Bewertung. Eine vertraute Situation, bekannt aus Kindertagen, wenn der Lehrer zur Kontrolle an der Tafel aufrief und im Nachgang Lob oder Kritik vor allen Anwesenden folgte. Für viele bedeutet das noch heute das absolute Horrorszenario.
Die Schule als Trainingslager für Anpassung
Vor Dritten zu sprechen gehört zu den verbreitetsten Ängsten überhaupt. Die Ursachen dieser vermeintlichen Unsicherheit liegen in Umständen, die ihren Ursprung in der Kindheit haben. Insbesondere sind Kinder in der Schulzeit in einer Entwicklungsphase, in der sie Verhaltensmuster prägen, die sie ihr ganzes Leben lang begleiten.
Bereits 1968 bewies der Sozialpsychologe Nickolas Cottrell, dass allein die Anwesenheit urteilender Personen menschliches Verhalten beeinflusst. Unter Bewertungsdruck reagieren Menschen vorsichtiger, passen sich stärker an und zeigen bevorzugt Fähigkeiten, die Aussicht auf positives Feedback versprechen.
Ein Effekt, der vielen als Gruppenzwang vertraut ist. Bezogen auf den Schulalltag wird dieser Beweis noch deutlicher. Alle Antworten der Kinder werden eingeordnet oder gewichtet. Richtig zu liegen bedeutet Anerkennung. Falsche Antworten hingegen sorgen für Kritik, begleitet von eigenen Zweifeln und dem Hohn der Mitschüler.
Andreas Ackermann, Hypnoseexperte und Gründer der Plattform feelen.com, ordnet die Situation folgendermaßen ein: „In der Schule gibt es kein freies Denken. Anstatt Selbstregulation und klarer Kommunikation liegt der Fokus auf richtigen oder falschen Antworten. Freies Denken ist schlicht nicht gefragt.“
Ein starrer Prozess, der das ganze weitere Leben bestimmt. Psychologe Albert Bandura veranschaulichte im Rahmen seiner Forschung zur Selbstwirksamkeit, wie ausschlaggebend eigene Erfahrungen für das Vertrauen in die individuelle Einschätzung sind. Sicherheit sowie Souveränität, jedenfalls in Bezug auf persönliche Ansichten und Wertungen, entstehen durch erlebte Wirksamkeit. Im Raum stehen Fragen wie:
- Kann meine eigene Meinung überzeugen?
- Welche negativen Folgen haben daraus entstehende Fehler?
Fehlen hierzu entsprechende Erfahrungswerte, resultiert daraus automatisch eine Skepsis an der eigenen Urteilskraft.
Adaption wird belohnt, Abweichung fällt auf
Erfahrungen aus der Kindheit setzen sich diesbezüglich nahtlos fort. Familie, Arbeitsumfeld sowie soziale Gruppen schaffen Konstellationen, in denen Menschen das Gefühl haben, bewertet zu werden. In solchen Momenten greift das Gehirn auf seine vertrauten Prägungen zurück. Vorsicht erscheint sicherer als Klarheit, Zustimmung stabiler als Widerspruch. Sozialpsychologe Solomon Asch konnte schon in den 1950er Jahren darlegen, wie stark Gruppendruck die eigene Wahrnehmung beeinflusst.
Steht eine eindeutige Mehrheitsmeinung im Raum, geraten persönliche Einschätzungen ins Wanken, selbst wenn sie zuvor als sicher eingestuft waren. Der Drang zur Anpassung ist demnach keine Schwäche, sondern eine Reaktion auf die Umgebung. Solange Anpassung honoriert und Abweichungen sanktioniert werden, lässt sich die Entwicklung nur schwer ändern.
Andreas Ackermann verbildlicht diesen Mechanismus mit folgender Erzählung. Mal angenommen, ein junger Elefant wird mit einem dünnen Seil angebunden, von dem er sich nicht befreien kann. Trotz zahlreicher Versuche bleibt das Seil standhaft. Viele Jahre später würde nur ein Ruck ausreichen, das Band zu lösen, aber der Elefant hat schon lange zuvor aufgegeben.
Die Erfahrung aus seiner Kindheit ist: „Widerstand ist zwecklos.“ Genauso entstehen Selbstzweifel. Diese Prägung beginnt in der Schulzeit. Fehler meiden, sich anpassen, nicht herausstechen. Als Erwachsene tragen viele dieses Muster in ihren Job.
Klarheit, Ehrlichkeit und Offenheit macht Teams stärker
Insbesondere in Führungspositionen werden diese Muster deutlich. Trotz Bedenken, erhebt keiner die Stimme und erklärt seine Einwände. Aus Angst vor Diskussionen. Klare Entscheidungen bleiben aus, weil dadurch Kritik laut werden könnte.
Nach außen wirkt zwar vieles kontrolliert und kompetent, doch im Hintergrund kämpfen alle mit dem Druck, keine Schwäche zeigen zu wollen. Dabei sprechen Teams mit hoher psychologischer Sicherheit Probleme früher an, melden Fehler schneller und entwickeln häufiger neue Ideen. Befreit von der Sorge vor negativer Bewertung, steigt die Leistungsfähigkeit.

Andreas Ackermann brachte es damit auf den Punkt: „Fehlt die Fähigkeit zur emotionalen Regulation, entstehen Entscheidungen häufig aus einem aufgewühlten Zustand heraus. Emotionen übernehmen die Kontrolle.“ Daraus resultierende Selbstzweifel sind in dieser Form nur schwer erkennbar. Sie können sich in Überarbeitung, starkem Kontrollbedürfnis oder dem Drang, alles selbst übernehmen zu wollen, äußern. Einfach, um die potenzielle Angriffsfläche so gering wie möglich zu halten.
Angst ist eine gespeicherte Reaktion
Erkenntnisse aus Neurowissenschaft und Psychologie zeigen, dass Furcht nicht immer eine rationale Reaktion auf die Gegenwart ist. Mehrheitlich geht es um gespeicherte Prägungen, die in ähnlichen Augenblicken wieder aktiviert werden.
Joseph LeDoux, ein renommierter amerikanischer Neurowissenschaftler, schildert, wie das implizite Gedächtnis Angstreize unterbewusst speichert und später erneut abruft. Dadurch reagiert der Körper in einem Meeting oder bei einer Präsentation ähnlich wie früher an der Schultafel, obwohl er sich nun einem völlig anderen Kontext befindet.
„Angst ist ein gespeichertes Programm, eine Erinnerung an Vergangenes oder eine Reaktion auf das Unbekannte. Sobald jemand bewusst erkennt, dass es nur ein altes Muster ist, verliert es seine Wirkung. Sie wird weiter da sein, hat aber keinen Einfluss mehr auf Handlungen“ (Zitat Andreas Ackermann).
Diese Trennung von alten Programmen und dem jetzigen Moment bringt Handlungsspielraum. Reaktionen lassen sich beobachten, statt sie zu erleiden. Selbstreflexion, emotionale Stabilität und neue Erfahrungen werden möglich. Jedoch fehlt im Regelfall genau diese Fähigkeit, da sie weder in der Schule noch in der klassischen Managementausbildung eine Rolle spielt.
Innere Unsicherheiten sind modifizierbar!
Selbstzweifel, die aus Bewertungsangst entstehen, sagen wenig über den Charakter aus. Sie bilden das Ergebnis eines Systems, das Anpassung belohnt und Eigenständigkeit bestraft. Doch sobald Betroffene die Ursache erkennen, haben sie die Chance auf Veränderung.
Die Forschung von Albert Bandura legt offen, wie wesentlich neue Erfahrungen für den Aufbau von Selbstvertrauen sind. Sicherheit kann wachsen, sobald Fehler ohne Ablehnung akzeptiert und die Selbstwirksamkeit ohne Einschränkungen wahrgenommen werden kann.
Der stärkste Hebel liegt im bewussten Hinterfragen alter Muster. Wird die Angst vor Fehlern oder Blamage sichtbar, lässt sich die Reaktion neu einordnen. Andreas Ackermann beschreibt diesen Prozess als Zugfahrt durch einen Tunnel: Wenn klar feststeht, dass die Dunkelheit ein Ende hat, bleibt die Panik aus. Dadurch entsteht mehr Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und die bewusste Möglichkeit, etwas zu verändern.
Zurück zur Stille im Sitzungssaal. Auch sie hat eine Vorgeschichte, die begann, lange bevor jemand diesen Raum betrat.

Keine Kommentare bisher