Gundula Schulze Eldowys Bilder aus einem verschwundenen Stück Zeit

Ostberlin zwischen 1977 und 1990 - das war wie eine gefrorenes Stück Geschichte. Während am Stadtrand wuchtige Plattenbausiedlungen wie Marzahn und Hellersdorf auf dem Boden gestampft wurden, waren alte Kieze wie der Prenzlauer Berg dem stillen Verfall preisgegeben. Und nicht nur die bröckelnden Hausfassaden waren für Fotografen interessant.
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Mehrere Fotobände aus dem Lehmstedt Verlag widmen sich schon den eindrucksvollen Fotoserien, die hier in DDR-Zeiten und in den Jahren des Umbruchs danach entstanden sind. Mit der 1954 geborenen Gundula Schulze Eldowy, die in Leipzig an der HGB studierte und seit 1972 in Berlin lebte, wird eine weitere Fotografin aus der Reihe dieser Suchenden und Findenden vorgestellt. Denn abseits der sozialistischen Prachtalleen hatte sich auch ein Stück altes Berlin erhalten. Inschriften an Mauern und alten Ladengeschäften erinnerten an die Zeit vor dem Krieg. Vieles in den alten, mürbe gewordenen Mietskasernen und Hinterhöfen erinnerte frappierend an die Zeit Heinrich Zilles.

Bis hin zu den spielenden Kindern zwischen Mülltonnen und den alten Bewohnern der Straßenschluchten, die nicht nur mit dem Chic der vergangenen Zeit gekleidet waren, sondern auch die alte Berliner Eleganz noch lebten. Frei nach dem Motto: Arm kannst du sein, aber was hermachen musste. Sie waren wie ihr Kiez – von den Zeiten und vom Krieg geprägt und gezeichnet, und trotzdem auf ihre Würde bedacht. So wie Tamerlan, die die Fotografin 1979 in der Nähe des Kollwitzplatzes traf, beeindruckt von der Schönheit der über 60jährigen.

14 Jahre hat sie die Frau mit der Kamera begleitet – bis in die Zeit ins Krankenhaus hinein, wo viele Bilder entstanden, die der gesunde, junge Mensch draußen im Leben nie zu sehen bekommt. Intime Bilder, die immernoch ahnen lassen, warum diese Frau den Namen aus einem alten Berliner Lied bekam.

So wie die Häuser, zeigen die Fotos von Gundula Schulze Eldowy auch die Menschen in ihrer Vergänglichkeit, von Alter oder Entbehrung gezeichnet, in ihrem häuslichen Umfeld, einige auch in ihrer Nacktheit. Bilder, die stark korrespondieren mit ihren Bildern aus der Arbeitswelt. Und die zeigen – anders als im offiziellen Kunstkanon der DDR erwartet – keineswegs „Helden der Arbeit“. Auch wenn die Männer und Frauen, die sie bei ihren oft schmutzigen,  staubigen, schweißtreibenden und beklemmenden Arbeiten zeigt, ganz bestimmt Helden sind auf ihre Art. Jene Millionen niemals gefeierter Helden des Alltags, die unter miesen Bedingungen dafür sorgten, dass der Laden weiterlief.

Erstaunlich, dass sich die Fotografin dann sogar aufgerafft hat, bei einer jener pompösen Demonstrationen zu fotografieren, mit denen die Staatsregierung das Staatsvolk beglückte. Nur dass sie keines dieser machtvollen (wie das dämliche Wort dafür immer hieß) Paradebilder fotografierte, sondern das Ungestellte daran: die paradierenden Kampfgruppen in ihrem steifen Kampf gegen Wind und Regen etwa. Frappierend, wie stolz diese Männer trotzdem ihre Waffen und Fahnen umklammern und im Gleichschritt marschieren. Ein Seitenschwenk hoch zur Tribüne, wo oben die Minister für Verteidigung und Staatssicherheit mit ihrem russischen Gast stehen – und unten der Sicherheitsmann gleich mitporträtiert wird.

Zuweilen sind es Motive, die einfach nicht passen wollen – eben noch das verlotterte, verfallende Alt-Berlin mit seinen zermürbten Bewohnern – daneben die frisch gebügelten Paradetruppen.

Der Band vereint erstmals mehrere Bilderzyklen der ruhelosen Fotografin, die seit 1990 praktisch kaum noch in ihrer alten Wahlheimat Berlin zu finden ist und der – wie sie selbst erzählt, das heutige Berlin fremd geworden ist. Sie sieht das als normalen Prozess an in dieser alten, herzlosen Stadt, die irgendwie auch das Herz Europas ist, aber die Schicksale der in ihr Lebenden sofort überwuchert und verschlingt, wenn sie verschwinden. Als hätte es sie nie gegeben. So auch das Ostberlin, das Gundula Schulze Eldowy 13 Jahre lang erkundete.

Sicher können andere Städte und Stadtteile ähnliches aufweisen. Doch es war eben dieses legendäre Alt-Berlin, das die Fotografen der DDR animierte, etwas zu dokumentieren, das es so bald nicht mehr geben würde. Etwas, in dem ein Stück Vergangenheit bewahrt war wie in einer Zeitkapsel. „Berlin verschluckt seine Bewohner gnadenlos. Schicht für Schicht deckt die Stadt den Mantel des Vergessens über sie.“

In diesen Bildserien ist eine Schicht aufbewahrt, schaut den Betrachter manchmal mit schelmischen, manchmal mit fragenden oder müden Augen an. Aber Fotografen geben ja keine Antworten. Sie bannen nur den Moment, so, wie sie ihn sehen. Aus ihrer Perspektive. Man geht mit ihnen durch eine verschwundene Stadt.

Und weil das durchaus auch für heutige Berlin-Besucher reizvoll sein kann (auch wenn die heutigen Bewohner irgendetwas gegen Touristen zu haben scheinen), sind die Texte von Gundula Schulze Eldowy in deutsch und englisch abgedruckt. Poetische Texte, die ein wenig auch erklären, wie die Fotografin damals ihr Berlin sah. Das ihr seitdem so fremd geworden ist. Heute lebt sie „in Berlin, Peru und auf Reisen“.

Gundula Schulze Eldowy „Berlin in einer Hundenacht“, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2011, 29,90 Euro

FotografieBerlinGundula Schulze Eldowy
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