Quellenfahndung nach einem gern benutzten Begriff: Aufstieg und Niedergang der Buchstadt Leipzig

Der Begriff wird oft und gern benutzt. Er scheint zu Leipzig zu gehören wie der Löwe, die Lerche und der Fassritt aus Auerbachs Keller. Auch die L-IZ benutzte den Begriff "Buchstadt" bisher immer gern. Er passte so schön zur Liebe der Leipziger zum guten Buch, zu den großen alten Namen der Verlegerbranche und dem Lesefieber in jedem März. Er musste schon Jahrhunderte alt sein. Stimmt nicht, sagt Thomas Keiderling.

Keiderling ist Historiker und Medienwissenschaftler. Er hat am Brockhaus mitgearbeitet, als der Brockhaus noch ein Leipziger war. Seit 2003 ist er wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl Buchwissenschaft und Buchwirtschaft im Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften der Uni Leipzig. Er hat sich eine schöne Frage gestellt: Seit wann wird eigentlich von der „Buchstadt“ gesprochen? Immerhin ist das ein griffiges Label. Und in der Landschaft der üblichen Städtebezeichnungen so einzigartig.

Verlagsstädte gibt’s etliche. Unter ihnen ist Leipzig gegenwärtig immer um den 12. bis 14. Platz zu finden mit den knapp 900 Titeln, die hier jedes Jahr produziert werden. Früher waren es mal rund 3.000. Aber auch da rangierte Leipzig unter den Verlagsstädten in Deutschland nicht mehr auf Nr. 1. Die Position hat Berlin schon seit dem späten 19. Jahrhundert. Aber um Verlage geht es auch gar nicht, stellt Keiderling fest. Auch nicht um Druckereien oder Buchhandlungen. Auch in Büchern, die beharrlich von der Buchstadt sprechen, taucht in den letzten Jahren immer öfter ein anderer Begriff (wieder) auf – der vom Leipziger Platz.

Begreift der Laie erst recht nicht. Hat das nun doch was mit dem einst so berühmten Grafischen Viertel zu tun, das 1943/1944 in Schutt und Asche fiel? Oder mit der Ausstrahlung der Stadt auf berühmte Verleger, die sich hier ansiedelten? Reclam, Brockhaus usw.?

Die Frage kann wirklich nur beantworten, wer sich wie Keiderling intensiv mit den Strukturen der Buchproduktion und des Buchvertriebs in Leipzig beschäftigt. Denn jeder Einzelbaustein hätte nie genügt, den so verwendeten Titel „Buchstadt“ zu begründen. Auch nicht die Überflügelung der Frankfurter Buchmesse im 18. Jahrhundert, als die Leipziger Verleger stark genug waren, die Buchmesse in Frankfurt einfach qua gemeinschaftlichen Beschlusses ab 1765 zu boykottieren. Ein gewisser Erasmus Reich spielte dabei die Hauptrolle.
Der Streitpunkt war: Wo werden Bücher in Deutschland künftig zentral gehandelt? Eine durchaus spannende Frage in Zeiten, in denen Bücher noch zumeist in Fässern transportiert wurden und auf den zentralen Buchmessen getauscht und gehandelt wurden. Der einzige Weg für die Verleger, ihre Bücher überhaupt übers Land zu streuen. Man schaffte seine Produktion zum Messeplatz, tauschte sie gegen Produkte anderer Verlage oder gab sie auf Lager oder ganz und gar in Kommission. Auf der Messe wurde der Zwischenhändler geboren. Nicht jeder Zwischenhändler war Kommissionär. Aber der Kommissionsgroßhandel entwickelte sich im Lauf der Zeit zur dominierenden Handelsart mit Büchern in Deutschland. Und zwischen Nord- und Süddeutschland war lange Zeit die Frage, wo der Knotenpunkt dieses Zwischenhandels entstehen sollte – die süddeutschen Verleger bevorzugten Frankfurt, die norddeutschen Leipzig. 1764 machten die Leipziger tabula rasa und gingen fortan nicht mehr nach Frankfurt.

Was die Leipziger Buchmesse – die schon seit 1681 auch statistisch die Frankfurter überflügelt hatte – fortan zur wichtigsten und zeitweilig einzigen deutschen Buchmesse machte. Bis 1945.

Aber die Folgejahre waren bestimmt von immer neuen Zugewinnen an Lesern. Die Umsetzung von Bildungsreformen und Alphabetisierung in den (damals noch über 300) deutschen Ländern zeitigte Früchte, die Nachfrage nach Büchern wuchs, die Titelproduktion stieg. Und schon bald war es gar nicht mehr möglich, alle Bücher zur Messe nach Leipzig zu transportieren. Auch nicht, als die Eisenbahn gebaut wurde.

Die Leipziger mussten sich was einfallen lassen. Und was sie sich einfallen ließen, war ein komplexes Umschlagsystem für Bücher, das in den Folgejahrzehnten immer weiter verbessert und ausgefeilt wurde. Neue Bestell- und Liefersysteme wurden entwickelt. Immer mehr entwickelte sich Leipzig zu einer hocheffizienten Drehscheibe für den deutschen Buchhandel. Und als die Verlage und Druckereien scheinbar fertig waren mit der Entwicklung des Grafischen Viertels östlich der Stadt (was Anfang des 19. Jahrhunderts begonnen hatte und die beeindruckenden Verlagskomplexe von Teubner, Brockhaus, Reclam ergab), begann südöstlich davon eine weitere Bauphase: Jetzt bauten die großen Kommissionsbuchhändler wie Koehler und Volckmar hier gewaltige Lager und Umschlaggebäude. Um 1880 wurde dieser Teil der Drehscheibe Leipzig ausgebaut – mit direktem Anschluss an den Eilenburger Bahnhof, der selbst nach der Eröffnung des Hauptbahnhofs 1915/1916 noch der eigentliche Bücherbahnhof von Leipzig war.

Die Profis sprachen trotzdem noch vom Kommissionsplatz, von der Stadt des Buchhandels. Das Wort „Buchstadt“ tauchte noch nicht auf. Auch wenn Keiderling einschätzt, dass es genau diese Phase war, in der man tatsächlich vom Leipziger Alleinstellungsmerkmal innerhalb der deutschen Bücherproduktion sprechen konnte: Nicht die Verlage waren es, nicht die Druckereien, auch nicht die Schulen und Hochschulen, an denen das Verlags- und Druckgewerbe ausgebildet wurde. Es war dieser zentrale Umschlagplatz, der den Vertrieb von Büchern in ganz Deutschland auf hocheffiziente Weise löste. Ein Erfordernis der Zeit, ein Ergebnis kluger Rationalisierung. Und so lange kein Thema, wie es reibungslos und erfolgreich funktionierte.

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Der Niedergang begann mit dem 1. Weltkrieg und den ihm folgenden rabiaten Wirtschaftskrisen, die nicht nur die Buchproduktion zeitweise fast zum Erliegen brachten, sondern auch das Herz des Buchhandels selbst, diese auf gewaltige Buchmengen ausgerichtete Vertriebs- und Bestellmaschine, die in den 1920er Jahren mehrmals kurz vor dem Zusammenbruch war. Dass sie in Gefahr war, war den Akteuren sehr bewusst. Immer öfter tauchten schon damals Beschwörungen der stolzen Bücherstadt auf. Aber das eigentlich wichtige Wort fand Keiderling zum ersten Mal niedergeschrieben im Jahr 1934 in der „Neuen Leipziger Zeitung“. Der Begriff tauchte erstmals auf, als der gemeinte Inhalt mitten in de Krise steckte.

Und die NS-Zeit löste diese Krise nicht auf, im Gegenteil: Sie sorgte dafür, dass die Buchstadt tatsächlich in Gefahr kam und 1943 tatsächlich im Bombenhagel unterging. Da explodierten nicht nur die Verlagshäuser, wurden die verbrannten Papierschnipsel bis nach Halle getragen, da ging auch das Herz des Kommissionshandels rund um den Eilenburger Bahnhof kaputt. Die eigentliche Buchstadt Leipzig ist genau 60 Jahre alt geworden.

Das war’s dann. Die gravierenden wirtschaftlichen Veränderungen nach dem Kriegsende formten eine völlig neue Struktur im deutschen Buchvertrieb. Westdeutschland kam ohne einen neuen zentralen Umschlagplatz für Bücher aus. Mit Lkws wurde man unabhängig vom Schienennetz – später revolutionierte die Elektronik das Bestellwesen. Das einzige, was blieb – so stellt Keiderling fest – ist die lange Anhänglichkeit der einstigen Verleger zu ihrem Buchplatz Leipzig.

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Aufstieg und Niedergang der
Buchstadt Leipzig

Thomas Keiderling, Sax Verlag, 24,80 Euro

Begriff „Buchstadt“ wurde dann von der DDR-Propaganda einvernahmt und mit neuen Inhalten gefüllt. Jenen Inhalten, die heute die meisten damit assoziieren: Verlage, Buchmesse, Druckereien, Druckereimaschienbau und die rudimentäre Logistik, die mit dem LKG für die DDR zentrale Aufgaben im Buchvertrieb übernahm.

So weit führt einen Wissenschaftler die Forschung, wenn er wirklich zu graben beginnt. Ein spannendes Buch für jeden, der mehr wissen will über diesen ganz besonderen Aspekt der Leipziger Wirtschaftsgeschichte, der so viele Emotionen weckt und der auch damit zu tun hatte, dass Leipzig sich 60 Jahre lang tatsächlich als Drehkreuz Deutschlands verstehen konnte. Zumindest des lesenden Deutschland. Und das will in jedem Zeitalter was heißen.

Buchstadt
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