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Dero berühmbter Chor: Michael Maul erzählt die Geschichte der Thomaner auf beeindruckend neue Weise

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    Ob die Wahl der Schriftart für den Umschlag ein guter Einfall war - die Käufer werden es entscheiden. Auf den ersten Blick wirkt das gediegen gemachte 430-Seiten-Buch wie der Reprint eines berühmten Leipziger Klassikers. Ist aber keiner. In dem Buch steckt eines der spannendsten Forschungsprojekte zum Thomanerchor, der Thomasschule, den Kantoren und ihrem Ärger mit der Obrigkeit.

    Der Ärger ist ja selbst im Allgemeinwissen der Leipziger präsent. Gerade der Ärger, den Johann Sebastian Bach mit den knauserigen Ratsherren auszustehen hatte. Selbst das von Carl Seffner geschaffene Bachdenkmal auf dem Thomaskirchhof zeugt ja von der Geschichte. Die nach außen gekrempelte leere Rocktasche erzählt die Geschichte. Aber was steckt dahinter, fragte sich der Musikwissenschaftler Michael Maul. Warum war das Amt des Thomaskantors über Jahrhunderte trotzdem so begehrt, dass es die besten Musiker der Zeit dazu brachte, sich zu bewerben? Und warum handelten sie sich trotzdem Ärger ein?

    Die Antwort suchte er diesmal nicht nur in den direkten Streitigkeiten der Kantoren mit der Obrigkeit. Maul zeichnet auch nicht nur die aktenkundige Geschichte von Thomasschule und Thomaskantoren noch einmal auf, wie es ja schon mehrfach in der Vergangenheit geschah – und im 800-Jahre-Thomana-Jahr erst recht und opulent. Da liegen die Antworten auch nicht. Die bekommt man erst, wenn man wie Maul die Thomasschule und ihren Chor nicht separat einordnet, sondern in Zusammenhang bringt mit der Bildungspolitik der Stadt.Auch das war ja im Zusammenhang mit der Vorbereitung des 1.000jährigen Jubiläums der Ersterwähnung von Leipzig schon Thema bei einem „Tag der Geschichte“. Doch dass die Bildungspolitik die wesentliche Grundursache für den über Jahrhunderte anhaltenden Ärger zwischen Rat und Thomaskantoren sein könnte, das hat jetzt erst Michael Maul so detailliert herausgearbeitet. Er hat die Ratsprotokolle und Schulordnungen gelesen, hat sich die Dokumente verschafft, die zu persönlichen Äußerungen von Ratsherren, Schulvorstehern, Rektoren der Thomasschule und Thomaskantoren verfügbar waren. Er hat sich mit den Beziehungen der Herren untereinander beschäftigt und mit den jeweiligen Auslösern der Dissonanzen.

    Erstmals arbeitet er eindrucksvoll heraus, warum der Ärger Bachs mit der „unmusikalischen Obrigkeit“ gerade 1730 geklärt schien und die Dinge bis 1734 reibungslos liefen – und dann mit neuer Wucht aufflammten. Natürlich hatte das auch mit der Fähigkeit der Beteiligten zu tun, Konflikte im Konsens zu lösen – oder eben nicht. Und die Fähigkeit bewies der leider nur vier Jahre amtierende Thomasschulrektor Johann Matthias Gesner, der Leipzig auch aufgrund einer Ratsentscheidung Richtung Göttingen verließ: Der Rat hatte den Rektoren der Thomasschule untersagt, auf irgendeine Art in der Universität tätig zu werden, denn damit wurden die Rektoren quasi automatisch zu Universitätsangehörigen und damit unterstanden sie nicht mehr der Rechtssprechung der Stadt.

    Im Falle Gesner war diese Klausel ein Fehler. Damit verlor Leipzig einen der berühmtesten Pädagogen der Aufklärung. Und Bach, der unter Gesners Vorgänger Johann Heinrich Ernesti schon genug Ärger auszustehen hatte, verlor den Vermittler, der sich gegenüber dem Rat der Stadt kommunikativ verhielt und sich auch für seinen Kantor in die Bresche warf.

    Was Gesner auch konnte, weil er verstand, warum der Rat der Stadt die Ausbildung an der Thomasschule gern auf den selben wissenschaftlichen Stand wie an der schon reformierten Nikolaischule bringen wollte. Doch wo die Vermittler fehlen – oder (wie noch zu Zeiten der Thomaskantoren Sebastian Knüpfer (1657 – 1676) und Johann Schelle (1677 – 1701)) die musikverständigen Ratsherren, prallen die Konflikte unvermittelt aufeinander. Und in der Thomasschule erneuerte sich das Drama, das schon Johann Kuhnau (1701 – 1722) als Erster erlebte, fortan mit jedem Kantor aufs neue. Mit Bach gleich zwei Mal. Und das erste Mal durchaus auf hinterlistige Art und Weise, denn seinen Anstellungsvertrag unterschrieb er 1723 noch völlig in Unkenntnis der neuen Schulordnung, die erst ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt veröffentlicht wurde und seine Spielräume deutlich beschränkte.

    Bachs Schrift zur „wohlbestallten Kirchenmusik“ war eine Reaktion dieser völlig veränderten Grundbedingungen. Und es liegt nahe zu vermuten, wie Maul es tut, dass Bach nach dem Wiederaufflammen des Streits mit dem Amtsantritt des neuen Rektors Johann August Ernesti resignierte. Und man darf sich wirklich fragen: Was hätte dieser Bach in Leipzig noch schaffen können, wenn der Rat ihn anders behandelt hätte? Oder wenn Gesner geblieben wäre? Dass man – anders als bei anderen Thomaskantoren – auch mit Bachs Hinterlassenschaft keineswegs honorig verfuhr, erhellt nur, mit welchem Kleingeist auch der Rat der Stadt Leipzig agierte. Und es dauerte tatsächlich fast ein halbes Jahrhundert, bevor die Stadt wieder einen Bürgermeister hatte, der nicht nur Kunst und Musik liebte, sondern auch fähig war zu vermitteln und die richtigen Weichen zu stellen.Was dann den von Bürgermeister Carl Wilhelm Müller (Müller-Denkmal in den Promenaden vor dem Hauptbahnhof) protegierten Thomaskantor Johann Adam Hiller (Denkmalrest an der Thomaskirche) in die Lage versetzte, die ersten wichtigen Reformen in Thomanerchor und Alumnat durchzusetzen, die am Ende auch das Überleben des Chores sicherten. Denn den Widerspruch zwischen den Ansprüchen an eine gute Bürgerschule mit modernem Unterricht und der Sorge um einen funktionierenden Knabenchor, der nicht wie andere Schulchöre in die Qualitätslosigkeit absackte, konnte der Rat der Stadt bis ins späte 19. Jahrhundert nicht wirklich auflösen.

    Manche Bürgermeister – auch zu Bachs Zeiten – wollten das auch gar nicht. Eigensinnig beharrten sie darauf, dass auch untalentierte Leipziger Knaben ins Alumnat aufgenommen wurden, auch wenn das die Qualität des Chores nachhaltig beeinträchtigte.

    Aber auch das gehört wohl zu einem langen Lernprozess, der irgendwann im 13. Jahrhundert mit der Gründung des ersten Chores begann, der in den Gottesdiensten in der Kirche zu hören war, und auch heute nicht beendet ist. Freilich haben auch die Stadtväter mittlerweile gelernt, dass man einen Chor mit den Qualitäten, wie sie Bach verlangte, nicht zum Nulltarif bekommt. So stellt sich die Geschichte, die Maul zeichnet, auch als eine Geschichte komplexer Lernprozesse dar, in denen auch die Ratsherren lernten, den Chor der Thomasschule als etwas Außer-Gewöhnliches zu betrachten und dessen Existenzbedingungen immer wieder neu zu definieren.

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    Dero berühmbter Chor
    Michael Maul, Lehmstedt Verlag 2012, 24,90 Euro

    Dass das freilich gerade in der Zeit von Johann Sebastian Bach kulminierte, gehört zu den tragischen – und in diesem Buch tief berührenden Facetten der Geschichte. So gründlich, wie Michael Maul es hier getan hat, hat noch niemand all die komplexen Wechselwirkungen zwischen Kantor, Chor, Schule, Rat und Stadtbürgertum analysiert. Dass das Bach-Porträt von Haußmann heute in jener Ratsstube des Alten Rathauses hängt, in der seinerzeit die scheinbar so musikfeindliche Obrigkeit tagte, ist dann ein kleiner Spaß der Geschichte. Zu der auch Mauls Feststellung gehört, dass es am Ende das lange geschmähte Werk des Thomaskantors Johann Sebastian Bach war, das im 19. Jahrhundert die Weiterexistenz des Thomanerchores rettete.

    Veranstaltungstipp: Die Buchpremiere ist am Dienstag, 16. Oktober, 19 Uhr im Sommersaal des Bach-Archivs Leipzig mit einer Begrüßung durch Christoph Wolff und einer Einführung von Michael Maul. Lesen wird Dieter Bellmann.

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