Malt mir den Himmel bunt: Die fröhlich-naiven Gedichte Hans-Peter Grünebachs

Es gehört Mut dazu. Aber warum nicht? Warum nicht im ach so perfekten Jahr 2012 dazu stehen, dass der nächste Seelenverwandte Carl Spitzweg heißt? Ja, das ist der Bursche, der den "Armen Poeten" malte, den "Bücherwurm", den "Abgefangenen Liebesbrief", das ganze beschauliche Biedermeierdeutschland des frühen 19. Jahrhunderts. Man sehnt sich ja zurück. Tat man ja zu Spitzwegs Zeiten auch schon.
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Sonst wären die humorvollen Miniaturen des Münchner Malers nicht schon zu seiner Zeit so beliebt gewesen. Sie gehören zu unserem Bild vom Biedermeier. Sie gehören neben die „Volkslieder“ aus dieser Zeit, die Romane und Novellen – auch wenn sie schon damals nichts anderes waren als der humorvoll verklärte Blick auf eine Beschaulichkeit, die gerade mit fauchenden Lokomotiven aus der Zeit gepustet wurde.

Aber selbst das stört nicht. Es gehört zur großen Sehnsucht der Deutschen nach einem Ort, an dem es sich aushalten lässt. Die meisten Deutschen sind bis in die Zehenspitzen hinein schrecklich sentimental. Das deutsche Paradies ist der kleinstädtische Winkel – auch wenn dort tatsächlich niemand wohnen möchte. Der Deutsche lebt zum größten Teil seiner Zeit im eigenen Kopf. Und Hans-Peter Grünebach widmet nicht nur das Ausklanggedicht in diesem Band dem Münchner Carl Spitzweg, er bekennt sich auch zur Dichtung als täglich Brot, Ausgleich, Vergnügen. Das kann sie nämlich auch sein, die Dichtung. Ohne Ambition auf den Nobelpreis. Dichten als genügsamer Selbstzweck, ganz klassisch, in sauber gereimten Strophen, wie ein romantisches Tagebuch. Und am Ende zusammengebunden und im Selbstverlag herausgebracht für Freunde, Verwandte und Bekannte.Es ist nicht der erste Gedichtband, den der Bayer auf diese Weise herausbringt. Doch mittlerweile rückt die Zeit, als er als Pressearbeiter durch die Welt reiste, immer weiter in den Hintergrund. Nach Afghanistan, Mazedonien, Italien, in die Niederlande, die USA und nach Russland hat ihn seine Arbeit geführt. Er hat sicherheits- und friedenspolitische Arbeiten verfasst. Als Ausdauersportler ist der 1948 Geborene noch immer aktiv. Und sein Training führt ihn natürlich jeden Tag hinaus in die freie Natur, ins wilde Treiben der Jahreszeiten.

Das darf man genießen. Genauso wie das Leben als Großvater. Da darf man auch wieder ein bisschen kindlich sein und sich auf den Zeittakt einlassen, wie er vielleicht mal zu Spitzwegs Zeiten galt. Das Ergebnis ist das, was man auch schon zu Goethes Zeiten Gelegenheitsgedichte nannte. Man ist beeindruckt und fasst sein Staunen und Freuen über die Welt in Verse. Vier Verse pro Strophe, hübsche Reime. „Frühlingstraum“, „Rausch des Frühlings“, „Osterfreude“ heißen die ersten Gedichte im Buch, das Grünebach aus seinen Jahreszeiten-Gedichten zusammengestellt hat. Nicht illustriert mit Spitzweg-Bildern.

Dafür mit romantischen Bildern des hessischen Kunstmalers Burkhard Niebert, der seinerseits deutlich macht, dass er sich in der Welt des Romantischen zuhause fühlt: Kunstmaler, Heimatmaler, Nostalgiemaler.

Und wahrscheinlich ist diese beschauliche Sicht auf die Welt auch nicht mehr wegzudenken aus der Selbstwahrnehmung der Deutschen in ihrem nun schon fast 200-jährigen Zwiespalt zwischen kleinbürgerlicher Nische und dem Anspruch, die Welt mit großen Taten aus den Angeln heben zu wollen oder Exportweltmeister zu werden, dabei aber nicht auf Lederhose und Lodenmantel verzichten zu wollen. Irgendwo muss sich dann auch die Idylle der unversehrten Natur erhalten, irgendwo da unten in Bayern bestimmt, wo Hans-Peter Grünebach wohnt und einfach genießt, was die Jahreszeiten so bringen. Aufgeschrieben wird’s abends, wenn die Trainingsstrecke absolviert ist.

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Malt mir den Himmel bunt
Hans-Peter Grünebach, Engelsdorfer Verlag 2012, 16,00 Euro

Selbst die Kritik der Leute nimmt er hin, die das, was er malt und dichtet, möglicherweise am Anspruchsvollen aus der oberen Dichterklasse messen. Kann man machen, funktioniert nur nicht. Das sind verschiedene Welten. Und vielleicht ist es gar keine so abwegige Entscheidung, sich gar nicht erst mit den Genialen messen zu wollen. Warum auch?

Verseschreiben kann durchaus auch etwas zutiefst Naives sein. Und Naivität kann sehr erholsam sein, wo die ewigen Kritiker immer nur nach dem Neuesten und Post-Post-Modernsten Ausschau halten. Deswegen hängt man sich eben den Spitzweg ins Zimmer, kauft sich einen Lodenmantel und sagt zu dem, was man so ganz aus eigener Freude tut, mit besten Gründen wieder mein „klein Plaisir“.


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