Eine große Sehnsucht beschäftigt auch die Kirche im Land: die nach Nähe und Zärtlichkeit. Da geht es den Pfarrern, Pfarrersfrauen und Gläubigen nicht anders als den anderen Leuten, die versuchen, in einer zunehmend kälteren Gesellschaft irgendwo Nähe und Vertrauen zu gewinnen. Aber zum Glück ist ein Raubtier der treueste Tröster in der Not.

Das Raubtier ist justement die Katze, die in den letzten Jahren augenscheinlich eine echte Wandlung erfahren hat in der Bilderwelt des Christentums. Noch zu Luthers Zeiten war sie eher als dämonisches Wesen verrucht, gehörte sie eher in die Glaubenswelt um Satan und Hexen. Aber seit die moderne Zivilisation auch die alten Familienwelten durcheinander geworfen hat und nicht nur Pfarrer in abgeschiedenen Gemeinden irgendwo hinterm Wald die Nöte des Single-Daseins erleben, ist die Katze vom simplen Mäusefänger, den man im Stall duldete, zum beliebten Begleiter geworden.
Es ist auch nicht das erste Buch aus dem St. Benno Verlag, das sich intensiver mit Katzen und Katzengeschichten beschäftigt. Aber diesmal steht verstärkt das Leben im Pfarrhaus im Mittelpunkt. Einige Geschichten stammen aus dem beliebten Katzenbuch von Annelies Probst “Von Whiskey, Wodka und anderen Lieblingen”. Sie schildert darin das ja anfangs gar nicht so geplante Leben mit einer zunehmenden Zahl von Katzen in ihrem eigenen Pfarrhaus. Die finstere Seite der Katzennot schildert dann George Borrow, der aus der anglikanischen Welt erzählt, wie religiöse Vorurteile auch dafür sorgen, dass sogar Tiere ausgegrenzt werden.

Menschen können wirklich dumm sein. Gefühllos auch. Es gibt wohl wirklich mehr religiöse Eiferer, als man glaubt. Mit Nächstenliebe haben diese Leute, die von sich selbst nie behaupten würden, sie seien Fundamentalisten und würden tatsächlich Hass und Kälte säen, nicht wirklich viel am Hut.

Sie gehören aber leider zu unserer Welt. Was natürlich die Sehnsucht der Menschen nach Nähe, Verständnis und Geborgenheit nicht abschafft. Und tatsächlich erzählen die hier gesammelten Katzengeschichten ja davon – von der Liebe zur Kreatur, dem Mitgefühl mit dem Leiden anderer, der Hilfsbereitschaft und der Angst vor zu viel Nähe, die in diesem Fall auch ein paar Pfarrer plagt. Die sich aber – wie kann es anders sein – auch gern eines Besseren belehren lassen und die eben noch gemiedenen Kreaturen in ihre Nähe und in ihr Leben lassen.

Und so gesehen sind das alles eigentlich auch Fabeln, die ein zutiefst menschliches Problem auch gern mal aus der Perspektive des Tieres schildern. Katzen als Beobachter und Akteure, die die ganze Sache nicht auf sich beruhen lassen wollen und selbst aktiv werden, um die tier- und nähescheuen Kirchenmänner dazu zu bringen, ihre steife Zurückhaltung aufzugeben und Vertrauen zu fassen. Immerhin haben ja Katzen auch den Vorteil, dass sie nicht gleich heiraten wollen und die unbezahlbaren Wünsche von Menschen anmelden. Sie kommen, wenn ihnen danach ist, beanspruchen ihren Platz und die ihnen gebührende Zuwendung. Und das ist eben kein Eingriff in das so tapfer verteidigte Territorium des Pfarrers, sondern eine Bereicherung.

Wie jedes Vertrauen eine Bereicherung ist.

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Auf himmlischen Pfoten
St. Benno Verlag 2013, 6,50 Euro

Womit in diesen Geschichten eben auch die ganz moderne Gesellschaft der Menschen steckt, die voller Abweisung, Einkapselung, Gefühlsverweigerung ist. Reaktion natürlich auf eine zunehmend aggressivere (Konsum-)Welt, die vor Gefühlen und persönlichen Schutzbedürfnissen nicht mehr Halt macht und immer öfter auch gezielt schützende Grenzen überschreitet. Darauf reagieren viele Menschen mit zunehmenden Ängsten, Distanzwünschen und Abkapselungen.

Da sind dann die hungrigen Mauzer auf vier Pfoten natürlich wie Botschafter. Bei ihnen gelten noch die alten Regeln und Menschen sind dazu da, als Bezugspersonen benutzt zu werden. Was den Menschen ja auch wieder gut tut. Auch denen im Pfarrhaus. Aber nicht nur die werden sich in diesem Büchlein wiederfinden. Ertappt und durchschaut. Und natürlich kann der Eindringling auch jemand anderes sein. Die Katze ist – wie so oft – wieder nur ein Symbol für das, was Menschen glauben in ihrem Leben nicht brauchen zu können.

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