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Dich krall ich mir: Zehn putzmuntere Geschichten eigentlich nicht über Katzen, sondern ihre Zweibeiner

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    Den Leser/-innen sind die beiden Leipziger Autorinnen Sylke Tannhäuser und Ethel Scheffler eher als Krimi-Autorinnen bekannt. Aber auch sie haben ja die seltsame Corona-Zeit erlebt. Und da kam so Mancher auf Gedanken, weil gerade das verordnete „social distancing“ spürbar machte, dass wir Menschen zutiefst soziale Wesen sind. Wir können einfach nicht ohne emotionale Wärme leben. Und wenn es nur so ein Tierchen mit Fell und Eigensinn ist, das da bei uns ist.

    Oder vielmehr: Zu ihnen kommt, all den ganz gewöhnlichen Held/-innen des Alltags, denen in diesen zehn Geschichten eine Katze passiert. Denn Katzen passieren einem. Sie lassen sich nicht erziehen, sondern erziehen ihre Menschen. Auch zu ihrem Guten. Denn so mancher Mensch stapft ja griesgrämig und verlottert durch seine Tage, weil er – wie Bernd Kunath – nicht mit der Einsamkeit zurechtkommt.

    Denn wofür strengt man sich eigentlich an und bemüht sich, ein zivilisierter Zeitgenosse zu sein? Die Frage steckt ja hinter Ethel Schefflers Geschichte über Bernd Kunath, dem ein „Schwarzer Engel“ auf dem Balkon begegnet. Eigentlich so, wie jede der zehn Geschichten eigentlich eine kleine, einfache Frage nach unserem Menschsein stellt.

    Von Nähe und Miteinander

    Und in der Regel wissen ja die Meisten von uns, dass wir uns deshalb Mühe geben, weil uns die Nähe und das Miteinander der Anderen wichtig ist. Miteinander kostet immer eine solche Minimal-Investition, die aber, wie wir alle in den Nachrichten sehen können, einige Zeitgenossen nicht mehr tätigen wollen.

    Ihre Köpfe sind mit Ich-Sucht, Egoismus und Narzissmus gefüllt. Sie empfinden sich als Mittelpunkt der Welt, lärmen herum, fühlen sich immerfort in ihren Rechten eingeschränkt und in ihrer zarten Seele gekränkt. Und gehen uns anderen eigentlich nur noch auf den Keks. Was wollen die eigentlich von uns?

    Katalysator auf vier Pfoten

    Und was wollen wir voneinander? Diese Frage steckt ja gleich in der ersten Geschichte von Sylke Tannhäuser „Dame Lydia“, in der schon mal die erste Katze – also Lydia – als Katalysator arbeitet. Also eigentlich nicht arbeitet. Katzen arbeiten ja nicht. Katzen leben so vor sich hin und hören nur das, was sie hören wollen. Und wir Menschen sehen in ihnen (und auch Hunden und Fischen und Wellensittichen), was wir in sie hineinprojizieren.

    Nur dass das mit den Projektionen nur allzu menschlich ist. Und ziemlich vertrackt werden kann, wenn man so als Karl und Elli schon länger zusammenwohnt und irgendwann vergessen hat (oder auch nie angefangen), miteinander auch über die heiklen Dinge zu sprechen, also das, was zwei Menschen eigentlich aneinander finden und voneinander wollen.

    Da muss bei Karl und Elli schon länger der Wurm drin sein, sonst hätte Elli nicht Lydia ins Haus geholt, die den scheinbar waltenden Frieden ordentlich aufmischt und Karl beinahe dazu bringt, auszuziehen und die Partnerschaft zu beenden.

    Katzen und Menschen sind einander ähnlich

    Man merkt schon: Sylke Tannhäuser und Ethel Scheffler leben hier in unserer Welt, in unserer eigentlich ganz einfachen Leipziger Wirklichkeit. Denn die Geschichten, die sie erzählen, sind ganz menschliche Geschichten, die so jederzeit irgendwo in der Stadt passieren. Manchmal mit und manchmal ohne Katze.

    Die Katzen ergreifen zwar in diesen Geschichten zuweilen auch die Initiative – etwa wenn es darum geht, die ganz von ihrer Arbeit eingenommene Dame im Homeoffice dazu zu bringen, sich wieder eine männliche Gesellschaft ins Haus zu holen.

    Aber meistens geht es Katzen auch nur um ganz simple Bedürfnisse – genauso wie uns Menschen: einen vollen Bauch, ein gemütliches Eckchen, um die Welt betrachten zu können, ab und zu ein wildes Liebesabenteuer (bei dem auch schon mal das herrliche Gurkenbeet in die Binsen gehen kann). Und sie hassen Missstimmungen und böse Buben.

    Die Katze im Sack…

    Weshalb sie in zwei der Geschichten auch mal ihren natürlichen Kratzlüsten nachgehen und zwei Spitzbuben das Handwerk legen. Und zwar genau aus den Gründen, warum die meisten Menschen sich Sicherheit wünschen: weil Spitzbuben kein Recht darauf haben, unsere Ruhe und unsre Schutzräume zu stören. Also auch die der hier heimisch gewordenen Katzen, die – anders als Menschen – keinen Sinn dafür haben, sich für andere Leute zu verbiegen und zu verstellen, nur weil diese sich (gern auch mit Mops) als besonders attraktive Partien anpreisen.

    All diese dollen Hechte, die immer glauben, alle hingen an ihren Lippen und würden nichts lieber wollen, als ihnen ihre schweißigen Füße zu küssen. Die gibt es leider.

    Und als Leser teilt man die katzischen Aversionen gegen diese Art Mensch durchaus. Und das über die zehn Geschichten hinaus, die ja eigentlich nur deshalb von Katzen erzählen, weil wir Menschen manchmal zu tollpatschig sind, das zu tun, was wirklich gut für uns ist.

    Einladung zum Bremsen

    Auch, wenn einige Geschichten diese in der Corona-Zeit so überall spürbare Sehnsucht nach Nähe in sich tragen. Nähe, die sich Katzen einfach nehmen, wenn sie sie brauchen. Und wir verkneifen sie uns lieber, sind stets geschäftig, die Arbeit geht vor und frisst uns auf.

    Es sind lauter kleine Geschichten, die im Grunde einladen zum Bremsen, zum Herunterkommen von unserer hochtourigen Abwesenheit. Was nicht neu ist. Das gibt es dann quasi als Nachschlag im Anhang, wo es noch ein paar fantasievolle Erklärungen für einige der berühmtesten Katzen-Sprichwörter gibt.

    Sprichwörter, die ja davon erzählen, welchen sehr zentralen Platz die Katze im menschlichen Alltag schon seit Jahrtausenden hat. Von „Alles für die Katz …“ über die „Katze im Sack“ bis zu „Katz und Maus spielen“ und „Die Katze beißt sich in den Schwanz“.

    Niemals Sklave, niemals Sklavenhalter

    Ethel Scheffle hat dann auch noch ein paar Zitate berühmter Leute gesammelt, die sich alle so ihre Gedanken über den unverfälschten Eigensinn von Katzen gemacht haben – und dabei auch nicht mit Vergleichen zum Menschen sparen, die ja sogar dann in ein sklavisches Verhalten verfallen können, wenn niemand sie dazu zwingt. Während Katzen – so Theophile Gautier – „niemals dein Sklave“ sein werden. Und sie machen sich ihre Menschen ja auch nicht zu Sklaven, auch wenn das im Buchtitel so anklingt.

    Eher führen sie uns vor, wie man das anstellt, wenn man sich Freunde fürs Leben besorgen möchte: Man schnappt sie sich. Man nimmt sie einfach mit selbstverständlicher Kühnheit in sein Leben und seine Welt auf und sorgt dafür, dass sie einen wahrnehmen, gernhaben, streicheln und gern auch füttern. Denn Liebe geht nun einmal durch den Magen. Und wenn es nur die geteilte Salami aus dem Kühlschrank ist.

    Ich sehe was, was du nicht siehst!

    Eigentlich alles ganz einfache kleine Geschichten, die aber alle davon erzählen, was passiert, wenn da jemand ist, der sich einfach mal um die ganz elementaren Dinge kümmert, die in unserem Leben wirklich wichtig sind. Nähe, Vertrauen, Fürsorge. Und ab und zu einem dummen Kerl eins über die Rübe, wenn der übergriffig wird.

    Bestimmt können Hundefreunde ganz Ähnliches über ihre kläffenden Vierbeiner erzählen. Aber dies ist nun einmal ein Katzenbuch, das die manchmal sehr unheile Welt der Zweibeiner aus Katzenaugen betrachtet. Die sehen mehr. Und manchmal sehen sie einfach auch Dinge, die wir in unserer Selbstbezogenheit immerzu übersehen. Obwohl sie auf der Hand liegen. Oder dann eben als Fischgräte unterm Sofa.

    Sylke Tannhäuser, Ethel Scheffler Dich krall ich mir, BoD, Norderstedt 2021, 11,90 Euro.

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