Eigentlich sind die beiden Leipzigerinnen eher Spezialistinnen für kriminelle Geschichten. Aber den 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution nahmen Ethel Scheffler und Sylke Tannhäuser jetzt zum Anlass, einmal ihren Bekanntenkreis zu erweitern und die verschiedensten Leipzigerinnen und Leipziger zu fragen, wie sie die Wende in Leipzig erlebt haben. Wende diesmal ohne Gänsefüßchen.

Denn je mehr Bücher zu diesem Jahr erscheinen, in dem sich für die Bewohner der DDR fast alles änderte, umso deutlicher wird, dass der scheinbar so diffuse Begriff, den auch Egon Krenz in seiner ganzen Hilflosigkeit benutzte, für die Menschen, die diese rasenden zwölf Monate zwischen Oktober 1989 und Oktober 1990 in der DDR erlebten, tatsächlich das griffigste Wort für diese Grabbelkiste der Überraschungen ist. Für dieses Riesenpaket an Ereignissen, die sich überstürzten, und in dem die Friedliche Revolution in Wirklichkeit nur das Präludium war.

Und wenn man an Jörg Sobiellas eindrucksvolles Buch „Weimar 1919“ denkt, dann ist es ja tatsächlich so: Dann sind Revolutionen nur Momente der Geschichte, ganz besondere Momente, die für ein ganz kleines Zeitfenster ungeahnte Möglichkeiten eröffnen, weil die alte Macht vom Thron gestoßen wurde und die Karten völlig neu gemischt werden. Eine höchst labile Situation, in der auch alles schiefgehen kann. Man denke nur an den Arabischen Frühling.

Die wirklich historisch fundierte Großerzählung zu diesem Jahr fehlt noch. Vielleicht genau deshalb: Weil die Begriffe nicht klar bestimmt sind und auch die Historiker nur Zeitzeugen sind. Sie brauchen oft Generationen, um das richtige Muster zu erkennen. Vielleicht sogar wirklich 100 Jahre, um die Spreu vom Weizen zu trennen, das Schlagzeilenträchtige von den wirklich wichtigen tektonischen Verschiebungen.

Was die Gesprächspartner von Ethel Scheffler und Sylke Tannhäuser so prononciert zu erzählen haben, sind die Ereignisse an der Oberfläche, das, was damals die Medien dominierte und die Menschen in Atem hielt. Und gerade weil die beiden Herausgeberinnen die Statements kurz halten, um überhaupt das ganze ereignisreiche Jahr (eigentlich sind es sogar dreizehn Monate, begonnen mit der Botschaftsbesetzung in Prag und den Ausreisezügen, die durch Dresden fuhren) in ein schmales, reich bebildertes Buch zu kriegen, das auch Wenigleser nicht überfordert.

Denn die meisten Bücher zur Geschichte werden ja meist sehr dick und textlastig. Das bewältigen viele Menschen nicht. Schon gar nicht in unserer von schnellen und kurzatmigen Medien dominierten Zeit. Da hilft es schon, wenn die jeweils wichtigsten Ankerereignisse in einem kleinen Erklärkästchen benannt werden (die Ereignisse zum 40. Jahrestag der DDR, der Mini-Putsch von Egon Krenz, die Maueröffnung, Helmut Kohls Zehn-Punkte-Plan …) und wenn dann die kurzgefassten Erinnerungen der älteren und jüngeren Leipziger sich darum gruppieren wie ein kleiner Augenzeugen-Teppich.

Manche waren direkt dabei, manche gingen erst später zur Demo, als es nicht mehr gefährlich war. Andere trauten sich bis zum Schluss nicht, ließen sich dann aber von den Ereignissen des Jahres 1990 überwältigen: erst Willy Brandt auf dem Karl-Marx-Platz, dann Helmut Kohl, Volkskammerwahlen, die erste deutsch-deutsche Zeitung („Wir in Leipzig“), die Kommunalwahl, die Kontenumstellung …

Das hatte ja mit Revolution nichts mehr zu tun, im Grunde haben die DDR-Bürger ja ab dem 9. November 1989 erlebt, wie der alte Deutsche-Reichsbahn-Rumpelzug eine Weiche nach der anderen überfuhr und (angetrieben von der Macht eines die Veränderung geradezu fordernden Volkes) eigentlich unaufhaltsam auf die Deutsche Einheit zusteuerte. Es knirschte und knackte. Und es mischen sich auch in der Erinnerung die Stimmen, denn die beiden Sammlerinnen haben diesmal eher nicht jene Menschen zu Wort gebeten, die damals wirklich politisch aktiv wurden, sondern die ganz normalen Sekretärinnen, Produktionsarbeiter, Verkäuferinnen, aber auch Mitarbeiterinnen der Verwaltung, überzeugte SED-Genossen, Lehrer, Skeptiker, Handwerker.

Sie erzählen von ihrer ersten richtigen Wahl, von berührenden Begegnungen mit Verwandten im Westen, dem Glückstaumel des 9. November, den Ängsten vor Arbeitslosigkeit, kaputten Wohnungen, verramschten Büchern, dem Zauber des neuen Geldes, der Wut auf die alten Betonköpfe und den Verunsicherungen durch die Berichte aus der Volkskammer, wo lange und öffentlich um den Beitrittstermin gerungen wurde.

Sichtbar wird das, was sich als Puzzle an Eindrücken, Hoffnungen, Erlebnissen in so einem Jahr der stetigen Veränderungen ergibt. Geschichte erscheint dann nicht mehr als etwas bewusst Gestaltetes. Selbst die Akteure auf der politischen Bühne werden zu Getriebenen. Menschen müssen über Nacht das Konzept ihres Lebens völlig überdenken, den Schritt in völlig unbekannte Freiheiten wagen – oder sich zurückziehen, auch das klingt an. Nicht jeder hat diese neuen Möglichkeiten auch als persönliche Herausforderung begriffen, wie auch? Wer in der DDR aufgewachsen war, hatte lernen müssen sich anzupassen. Wer Mut zu eigenen Entscheidungen aufbrachte, bekam es ganz schnell mit den Staatshütern zu tun, jener riesigen Maschinerie, die im Hintergrund immer noch mahlte und erst Stück für Stück abgestellt, umgebaut und abgewickelt wurde.

Und schon im Sommer 1990 wurde Leipzig zu einer Stadt der Streiks, denn jetzt gingen praktisch Woche für Woche die Betriebe in Konkurs, entließen die Belegschaft, fraß sich die Unsicherheit durch die ganze Stadt. Man ahnt, warum Ostdeutsche die Friedliche Revolution fast aus den Augen verloren haben, denn der gewaltige Transformationsprozess, der praktisch mit dem Jahresbeginn 1990 begann, wurde für jeden Einzelnen zu einer ganz persönlichen Umwälzung. Im Grunde spiegelt das Stadtbild von 1990, das in einigen Fotos im Buch zu sehen ist, auch die Gemütslage vieler Ostdeutscher: Die 40 Jahre Vernachlässigung der Substanz hatten ihre Spuren hinterlassen, eine Herkulesarbeit lag vor allen und es war noch längst nicht klar, wann sie wirklich beginnen würde, ob es sich lohnte, in Leipzig darauf zu warten, wenn nebenan schon die Häuser in sich zusammenrutschten.

Wende ist nur scheinbar ein leichter, fast flapsiger Begriff für das, was da geschah. Aber einen besseren hat bislang noch niemand angeboten. Einen, der mehr von der Sprödigkeit, der Verunsicherung und dem unbedingten Willen, sich durchzuboxen, in sich trägt.

Das Verblüffende ist ja, tatsächlich zu sehen, wie wenig das Land am 3. Oktober 1990 noch mit jenem Land zu tun hatte, das zu Anfang des Buches noch zu sehen ist. Bis auf die kaputten Häuser und Straßen. Aber die Befragten schildern ja auch ihre manchmal beglückenden, manchmal irritierenden Begegnungen mit der neuen Freiheit und der westlichen Konsumwelt. So mancher Skeptiker fühlte sich bestätigt, würde aber den neuen Zustand doch nur ungern gegen den alten eintauschen. In gewisser Weise ist es ein Buch geworden, das auch den Kindern und Enkeln noch einmal in ganz persönlichen Erinnerungsbildern erzählt, wie sich so ein Jahr, das alles über den Haufen warf, als Zeitzeuge anfühlte. Solche Umbrüche passieren ja nun wirklich nicht allzu oft und noch seltener ist man mittendrin, selbst wenn man selbst nie den Mut eines Revolutionärs gehabt hätte.

Sortieren müssen es dann die Historiker. Wenn sie mal Zeit haben und die innere Distanz, die erst entsteht, wenn sich die Streitparteien endlich abgekühlt haben und alle mit einer gewissen Gelassenheit zurückschauen können. Vielleicht auch mit dem Staunen im Kopf, ein Staunen darüber, wie viel an turbulenten Ereignissen tatsächlich in so ein Jahr gepasst haben und wie viel davon man selbst erlebt hat. Kein Wunder, dass Westdeutsche das nicht nachempfinden können. Da muss man schon selbst dabei gewesen sein.

Ethel Scheffler; Sylke Tannhäuser 1989. Die Wende in Leipzig, Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen 2019, 13,90 Euro.

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