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Ziel Umerziehung: Wie Spezialheime und Jugendwerkhöfe in Sachsen während der DDR-Zeit funktionierten

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    Das Label "Diktatur" ist schnell draufgeklebt auf so ein Land, das 1990 entsorgt wurde wie ein hässliches altes Möbelstück. Schnell hatte man die Stasi als Zentrum alles Bösen ausgemacht. Aber mittlerweile wissen die Historiker, dass es so einfach nicht war. Der Herrschaftsapparat in der DDR war wesentlich komplexer. Und es steckte ein altes, zutiefst stalinistisches Ideal dahinter: der Glaube daran, man könne Menschen "umerziehen".

    Quasi den „neuen Menschen“, den man haben wollte, dadurch erschaffen, dass man den vorhandenen Menschen die gewünschte Moral eintrichterte und sie, wenn sie nicht parierten, in Erziehungsanstalten steckte. Aber dieser (Um-)Erziehungsanspruch steckte ja bekanntlich auch in der Schul-, der Jugend- und der Hochschulpolitik. Die Schüler und Studierenden in der DDR erlebten es als zunehmende Indoktrination. Davon erzählt selbst die mehrbändige Geschichte der Universität Leipzig in ihrem Band zum 20. Jahrhundert. Zwei Bücher stehen stellvertretend für diese durchgreifende Erziehung zu widerspruchslosen Rädchen und Funktionseinheiten in einem hierarchisch straff durchorganisierten System: das in den Schulen millionenfach gelesene „Wie der Stahl gehärtet“ von Nikolai Ostrowski und „Der Weg ins Leben“ von A. S. Makarenko.

    Der Name Makarenkos fällt in diesem Buch mehrfach. Nicht nur Jugend- und Kinderheime waren nach dem sowjetischen Pädagogen benannt, auch von Makarenko-Methoden ist die Rede. Man vergisst beim Lesen beinah, dass es eigentlich zuallererst um Fürsorge ging, um die gesellschaftliche Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen, so, wie es heute die Norm ist. Der Staat tritt nur im Notfall als Beschützer ein – das Kindeswohl muss gefährdet sein oder Eltern können ihrer Fürsorge nicht mehr nachkommen. In den 1940er und 1950er Jahren kamen natürlich noch die direkten Kriegsfolgen dazu – viele Kinder waren Waisen, viele auch tatsächlich durch Krieg und Not aus der Bahn geworfen. Man hätte also damit rechnen können, dass die Vielzahl der Betreuungsfälle im Laufe der 1950er Jahre zurückging.
    Aber das scheint nicht der Fall gewesen zu sein. Schon früh diskutierten die neuen Machthaber augenscheinlich auch über den rigiden erzieherischen Zugriff auf die Heime und drückten ihn auch in Sachsen noch vor dem Jahr 1949 durch. Und sie gingen noch weiter, sie weiteten das Heimsystem bis in den Jugendstrafvollzug hinein aus und machten das ganze Heimsystem zu einem Erziehungssystem nach sowjetisch-stalinistischem Vorbild. So entstand schon in der Frühzeit der DDR neben Dutzenden Spezialheimen auch schon das System der Jugendwerkhöfe, die schon in DDR-Zeiten in einem üblen Leumund standen. Da half auch der Versuch einer Reinwaschung im Dezember 1989 nichts.

    Das Problem, auf das Christian Sachse bei seiner Forschung stieß, war dann freilich die miserable Quellenlage. Schon in den „Wendewirren“ scheinen wichtige Archivbestände entsorgt worden zu sein. Die nächsten 20 Jahre stand das Thema DDR-Jugendhilfe nie im Zentrum der Forschung. Erst in den letzten Jahren hat die Erkundung des Terrains richtig begonnen. Entsprechend lückenhaft ist das Bild. Wo standen all die Heime und Werkhöfe? Wie waren sie ausgestattet, wie waren sie belegt? – Und: Stimmt das Bild, das von ihnen in DDR-Zeiten gemalt wurde?

    Letzteres augenscheinlich nicht. Sachse räumt mit mehreren Legenden auf. So zum Beispiel der, die Heime wären eine kostenlose Errungenschaft des Sozialismus gewesen. – Alleinstehende Mütter zahlten bis zu einem Viertel ihres Einkommens für die Betreuungskosten ihrer Kinder, während ihnen das Kindergeld gestrichen wurde. Der Staat vereinnahmte Waisenrenten sowie Ausbildungsbeihilfen und behielt selbst die Überschüsse oft genug ein. Jugendliche trugen mit ihrem Lehrlingsentgelt bis zu 60 Prozent zur Refinanzierung der Jugendwerkhöfe bei. Betriebe profitierten von billigen Arbeitskräften, die bei Strafe keine noch so unzumutbare Arbeit ablehnen durften.

    Dazu kam, dass viele Kinder in diese Heime eingewiesen wurden, weil staatliche Instanzen an ihren Eltern ein Exempel statuieren wollten. Und die Ausstattung und Finanzierung der meisten Heime scheint über den größten Teil der Zeit recht schlecht gewesen zu sein. Wie stark die Zuweisung in die Spezialheime und Jugendwerkhöfe politisch bestimmt war, zeigt dann die Jugendpolitik in den 1960er Jahren, die direkt durch Erich Honecker verantwortet wurde. Nach einer Entspannung in der Jugendpolitik im „Tauwetter“ nach 1956 wurde die Gangart mit dem berüchtigten 11. Plenum von 1965 wieder verschärft und die Zugangszahlen in den Heimen schnellten drastisch nach oben. Staatliche Instanzen wiesen nun wieder reihenweise renitente Jugendliche zur (Um-)Erziehung in die Heime ein. Hier sollte ihnen die geltende sozialistische Moral wieder anerzogen werden.

    Hier begegneten sie aber auch vielen Jugendlichen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren und „zur Bewährung“ in einen Jugendwerkhof eingewiesen wurden. Und offiziell galt „Einsatz in der Produktion“ als geeignetes Erziehungsmittel. Dabei waren die jungen Leute tatsächlich nur billige Arbeitskräfte, so begehrt, dass etliche Betriebe sogar selbst vorschlugen, eigene Jugendwerkhöfe einzurichten, um die jungen Arbeitskräfte gleich vor Ort zu haben.

    Eigentlich sollten die Heime auch den Abschluss einer vollwertigen Schulausbildung und eines geeigneten Berufsabschlusses absichern. Doch von diesem Ideal scheinen sich die Verantwortlichen schon früh verabschiedet zu haben. Die polytechnische Ausbildung scheint mit den Jahren immer mehr zu einem Mauerblümchen eingedampft worden zu sein und die Berufsabschlüsse, die die Heimzöglinge erreichen konnten, waren bestenfalls Hilfsarbeiterqualifikationen, die nur im speziellen Ausbildungsbetrieb zur Anwendung kamen. Viele ehemalige Heiminsassen bekamen dann im Leben ganz zwangsläufig auch Probleme mit ihrer Berufswahl.

    Und viele leiden bis heute unter ihren traumatischen Erlebnissen, denn nicht nur wurden die Kinder und Jugendlichen oft zu Unrecht von ihren Familien getrennt, sie erlebten in den Heimen auch über Jahre Schikane, Entmündigung, oft auch Gewalt. Die Spezialheime verfügten – ganz offiziell – über Arrestzellen. Oft waren auch Schlaf- und Aufenthaltsräume vergittert. Es herrschte ein regelrechtes Schließ- und Gefängnisregime, so dass viele Jugendliche, die hier offiziell zur Bewährung und Erziehung untergebracht waren, die Ablieferung in diesen Heimen und Jugendwerkhöfen als Bestrafung erlebten.

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    Ziel Umerziehung
    Christian Sachse, Leipziger Uni-Vlg 2013, 19,90 Euro

    Die Vermischung von Jugendfürsorge und Justiz war eklatant. Der berüchtigste Jugendwerkhof auf dem Gebiet des heutigen Sachsen, der Jugendwerkhof Torgau, wird von Sachse ausgespart, weil es dafür schon recht fundierte Arbeiten gibt. Dieses Buch hier ist ein Versuch, das ganze Geflecht aller anderen Einrichtungen dieser Art auf dem Gebiet Sachsens bzw. der drei Bezirke Dresden, Leipzig und Karl-Marx-Stadt aufzuarbeiten. Mit einigen da und dort sichtbar werdenden geradezu beklemmenden Vorgängen. In einem sehr umfassenden Index werden alle Orte aufgelistet, wo sich solche Spezialheime, Durchgangsheime und Jugendwerkhöfe befanden. Oder wo man solche vermutet. Denn selbst für die stabileren und größeren Einrichtungen ist die Aktenlage recht löcherig.

    Und auch die Erinnerungen der Betroffenen stehen nur in Ausschnitten zur Verfügung. Viele einstige Heiminsassen haben sich zwar zu Wort gemeldet und von ihren Erlebnissen erzählt. Doch viele andere wollen möglicherweise mit den alten Verletzungen auch nichts mehr zu tun haben und melden sich auch nicht zu Wort. Und von den einstigen Heimangestellten scheint sich auch nur ein Erzieher bislang qualifiziert zu Wort gemeldet zu haben. So dass das Buch natürlich auch deutlich macht, wie wenig man tatsächlich über das Heimsystem in der DDR bislang wusste, über seine Rolle als Lieferant billiger Arbeitskräfte, aber auch über den Anspruch und den Misserfolg des Versuchs, junge Menschen durch Umerziehung zu „neuen Menschen“ zu machen.

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