Wie „frisch“ ist eigentlich Geschichte? Wie sehr wirkt sie nach in unserer Gegenwart? Wie prägt sie unser Denken und Handeln? Das sind die Fragen, die die Leipziger Autorin Cornelia Lotter immer mehr interessieren, seit sie sich intensiver mit den Zeugnissen von Zwang, Gewalt und Entrechtung im Leipziger Stadtraum beschäftigt. Nicht ahnend, dass sie von der ehemaligen Arbeits- und Verwahranstalt in der Riebeckstraße 63 auch noch ins nahe Torgau gelangen würde, wo staatliche Repressionsanstalten eine 200-jährige Geschichte haben. Der Jugendwerkhof war in der DDR nicht nur legendär – er war eine Drohkulisse. Und für die dort Eingesperrten ein Trauma fürs Leben.

Nur: Wie präsent ist uns das heute noch? Kennen wir die Folgen? Wie wirkt eine gewalttätige Vergangenheit bis in die Gegenwart fort?

Im Grunde hätte es schon ein Buch gefüllt, wenn Cornelia Lotter nur die Geschichte von Matthias erzählt hätte, der als Kind in das System der Jugendhilfe in der DDR geriet – zuerst von seinem gewalttätigen Vater verprügelt, dann kollidiert mit dem Schulsystem der DDR, in dem Anpassung erwartet wurde, ins Kinderheim in Eilenburg eingewiesen und nach mehreren „Entweichungen“ in den Jugendwerkhof Torgau überstellt.

Übergriffe und Gewalt waren systematisch

Hier erlebte er die ganze Brutalität der Korrektion, die die dortigen „Erzieher“ den eingewiesenen Kindern angedeihen ließen.

Heute gibt es eine Gedenkstätte in Torgau, die an die zerstörerischen Praktiken und die traumatischen Folgen für die Kinder und Jugendlichen erinnert, die den wie ein Gefängnis organisierten Jugendwerkhof durchlaufen mussten. Die Übergriffe und Gewalttätigkeiten waren keine Entgleisungen, sondern System.

Und auch wenn dieser Matthias in Lotters Geschichte längst erwachsen geworden ist und seine Erlebnisse dort über 30 Jahre zurückliegen, wird er die Gespenster nicht los, leidet unter Albträumen, die ihn immer wieder in die Zustände der Hilflosigkeit zurückversetzen, die er im Heim in Eilenburg und im Jugendwerkhof in Torgau erlebt hat.

Man kann der Vergangenheit nicht davonlaufen

Und obwohl er weiß, was das mit ihm angerichtet hat, und obwohl er in Therapie ist, weiß er nicht wirklich, wie er diesen Albträumen entkommen kann. Die ja nicht nur Albträume sind, denn er weiß ja auch, wie dieses Korrektionsregime im Jugendwerkhof dazu angelegt war, die eingelieferten jungen Menschen zu brechen, ihnen ihre Selbstbestimmung, ihren Widerspruchsgeist und ihren menschlichen Stolz auszutreiben.

Die Wiederbegegnung des Matthias Sorge mit seiner Zeit in Torgau ist eine Begegnung mit dem Kern dessen, was die DDR am Ende so unaushaltbar gemacht hat. Matthias stellt sich nämlich der Vergangenheit. Denn eins weiß er: Man kann ihr nicht davonlaufen. Solange man wegläuft, räumt man ihr Macht ein über sich.

Der kleine Blockwart – es gibt ihn immer noch

Aber mit der Bankangestellten Simone aus Stuttgart kommt ein zweiter Handlungsstrang ins Spiel. Auch sie treibt es mitten im Corona-Jahr nach Torgau. Bei ihr ist es die Suche nach ihrem Großvater, von dem sie alte Briefe auf dem Dachboden gefunden hat. Nur: Ihre Mutter will nicht reden über den Großvater, der nach einer Befehlsverweigerung beim deutschen Überfall 1939 auf Polen in das Wehrmachtsgefängnis Torgau gesteckt wurde.

Auch hier das alte Prinzip, das sich durch die jüngere deutsche Geschichte zieht: die Brutalität, mit der Widerstandsgeist und „Ungehorsam“ ausgetrieben wurden. In der NS-Zeit noch viel brutaler als vorher und nachher. Aber das Denken ist noch immer da. Es steckt in Worten wie „Ordnung und Sicherheit“. Es versteckt sich nur, verkleidet sich als kleiner Blockwart, der auf Störungen der geliebten Ordnung mit Sätzen reagiert: „Früher hätte man solche wie euch …“

Was Cornelia Lotter mit inzwischen einer ganzen Reihe von Romanen macht, ist im Grunde die Aufarbeitung einer deutschen Erziehungsgeschichte, die sich wie ein Roter Faden durch mehrere Gesellschaftssysteme zieht.

Der „Erfolg“ des Faschismus und die Verdrängung

Das Fort Zinna, in dem Simones Großvater eingesperrt wurde, hatte ja schon damals eine jahrzehntelange Vorgeschichte als Militärgefängnis. Auch wenn die NS-Machthaber mit den Soldaten, die das Schießen verweigerten, noch brutaler umgingen.

„Etwa 60.000 Häftlinge der Wehrmacht waren während des Zweiten Weltkriegs in Torgau inhaftiert. Mehrere Hundert zum Tode Verurteilte wurden in einer nahegelegenen Kiesgrube und im Wallgraben von Fort Zinna erschossen. Viele Tausend Gefangene wurden von Fort Zinna aus in Straf- und Bewährungseinsätze an die Front geschickt. Unzählige kamen bei diesen besonders gefährlichen Einsätzen um“, kann man auf der Website des Informationszentrums DIZ Torgau lesen.

Und es war ja nicht das einzige Wehrmachtsgefängnis. Man versteht den „Erfolg“ des Faschismus in Deutschland nicht wirklich, wenn man nicht sieht, mit welcher Brutalität jede Abweichung bestraft wurde, wie sehr Angst und Abschreckung etablierte Herrschaftsinstrumente waren.

Da wäre nach 1945 eigentlich eine riesige Aufklärungsarbeit fällig gewesen. Aber sie fand so nicht statt. Was dann auch dazu führt, dass Simones Familie den Großvater verleugnet. Cornelia Lotter weist im Nachwort auf das erst zwei Jahre nach dem Tod von Siegfried Lenz veröffentlicht Buch „Der Überläufer“ hin, ein Buch, das Lenz in den 1950er Jahren vergeblich versuchte zu veröffentlichen.

Die alte Bundesrepublik steckte noch tief im Prozess des Verleugnens und Verharmlosens. Man feierte lieber die erlebte Kameradschaft und hatte ansonsten „nur Befehle“ ausgeführt. Nicht nur den Widerstand um Stauffenberg traf die offizielle Verachtung. Auch das Thema Desertion war tabu.

Genauso wie die Strafkompanien, in denen sich verurteilte Soldaten „bewähren“ konnten.

Begegnung auf der Brücke

Simone ist einigermaßen überrascht, als sie in Torgau einer ganzen Reihe von Gedenkstätten begegnet, die an verschiedene Strafanstalten in der Torgauer Geschichte erinnern. Als sie dem von seinem ersten Besuch in der Gedenkstätte erschütterten Matthias begegnet, verflechten sich die Geschichten. Es ist auch das Interesse für die Geschichte des jeweils anderen, die hier zu einer deutsch-deutschen Begegnung der etwas selteneren Art wird.

Denn Cornelia Lotter kennt beide Seiten, hat auch lange genug im Westen gelebt und gearbeitet, um zu wissen, wie fremd sich beide Teile Deutschlands noch immer sind. Was auch daran liegt, dass sich Westdeutsche nicht wirklich näher mit dem Schicksal der Ostdeutschen beschäftigen mussten. Die meisten behielten ihre Sichtweisen und Vorurteile aus der Zeit vor 1989 einfach bei.

Was der Sache natürlich nicht gutgetan hat. Im doppelten Sinn, was ja Cornelia Lotter mit diesen beiden Geschichten, die beide nach Torgau führen, auch zeigt. Denn auch der Westen hatte – weil man nicht darüber redete – seine Geschichte der Schwarzen Pädagogik, die nach 1945 weiterging. Von den in Ämtern geblieben NS-Tätern und -Mitläufern ganz zu schweigen.

Wenn man über die menschlichen Zumutungen und Gewalttätigkeiten der Vergangenheit nicht reden kann, sie nicht offenlegt und begreift in ihrer Tragweite, dann wirken sie fort. Dann bleiben sie als Muster in der Gesellschaft erhalten, deformieren Politik, Erziehung und Miteinander.

Und führen zu einem großen Schweigen, das auch noch auf Kindern und Enkeln lastet. Und natürlich zu dieser grandiosen Ahnungslosigkeit von 1990, in der die Vorurteile gegen die Ostdeutschen die wildesten Blüten trieben und auch das Unverständnis jahrelang dominierte, was die seelischen Schäden all derer betraf, die in die Bestrafungsmaschinerie der DDR geraten waren.

Der Schatten der Vergangenheit und autoritäres Denken

Was eigentlich bis heute anhält, auch wenn die Opfer des Repressionssystems wenigstens teilweise entschädigt wurden. Aber ihr Schicksal wird nach wie vor als ein eher abgesondertes betrachtet. Die Denkweise, dass diese Menschen ja wohl durch ihr eigenes Verhalten die Strafe erst provoziert hätten, ist ja bis heute noch da. Sie steckt in heutigen Abwertungen gegenüber Unangepassten, Alternativen, Linken, Ausländern usw. noch in aller Härte.

Autoritäres Denken verschwindet nicht einfach, wenn man Demokratie „geschenkt bekommt“. Es lebt weiter, wenn Menschen sich mit ihren eigenen Verlusten nie beschäftigen und über das Vergangene einfach nur der „Mantel des Schweigens“ gebreitet wird. Manchmal aus Selbstschutz, denn natürlich wird der Umgang mit der Vergangenheit komplizierter, wenn man sie nicht mehr verklärt.

Wenn man auch sehen will, was Mitmenschen damals alles angetan wurde. Von den Zwangsarbeitern bis zu den KZ-Häftlingen, aber auch all den Menschen, die nach 1945 in die oft einfach weitergeführten Strafanstalten kamen, über die nicht geredet werden durfte. Der Jugendwerkhof Torgau erzählt eben nicht nur davon, wie die DDR mit „aufmüpfigen“ und „renitenten“ Jugendlichen umging.

Er erzählt auch vom Denken, das dahintersteckte und das nicht einfach verschwunden ist. Denn wer für das Leben verinnerlicht hat, dass er sich einordnen, unterordnen und verleugnen muss, der hat nicht die Offenheit, sich die Leiden und Nöte anderer Menschen anzuhören.

Denn dazu muss man bereit sein, die eigenen Verletzungen zu verstehen und sich im Leid des anderen wiederzuerkennen. Denn anders entsteht nicht wirklich eine echte Kommunikationsebene. Und Matthias und Simone tun sich schwer genug. Matthias aus lebenslanger Erfahrung.

Denn wer – wie er – eingebläut bekam, dass er keinen eigenen Willen haben darf, der ist in jeder menschlichen Beziehung verunsichert. Der hinterfragt alles, was er erlebt, ob es ihm überhaupt zusteht. Ob er überhaupt ein Recht darauf hat. Und ob er den Menschen, die ihm begegnen, nicht eine Zumutung ist.

Das Schweigen in den Familien

In gewisser Weise hat dieser Matthias Glück, weil auch Simone eine Verunsicherte ist, die nicht wirklich weiß, warum ihr nie gelang, eine dauerhafte Partnerschaft aufzubauen und eine Familie zu gründen.

Aber – das ist ja die Frage, die in dieser Begegnung mitschwingt: Ist das nicht auch Folge dieses immer wieder fortgesetzten Schweigens in den deutschen Familien, in dem zwar alle zu wissen glauben, „wie es zu sein hat“. Aber in denen das Urvertrauen fehlt, das Menschen brauchen, um wirklich ernsthafte Beziehungen einzugehen. Und welche Rolle spielen all diese Orte der Mauern, Zellen und Stacheldrähte in unserer Geschichte? Und in unserem Denken übereinander?

Für Matthias und Simone wird das Ganze zu einer kleinen Befreiung, weil sie im anderen etwas finden, was ihnen so im Leben noch nicht über den Weg gelaufen ist. Vielleicht braucht es dazu die Momente der Verletzlichkeit, so wie diesen auf der Brücke über der Elbe, in dem die beiden ins Gespräch kommen miteinander.

Abseits der touristischen Sehenswürdigkeiten

Jedenfalls führte Cornelia Lotters Suche in der Geschichte immer weiter, zu immer neuen Orten, an denen Menschen eingesperrt und gequält wurden. Realen Orten, die heute meist als Gedenkstätten erlebbar sind. Und jedes Mal versucht sie auch zu zeigen, wie diese Orte in unsere Welt hineinwirkten und wie sich die Schicksale ihrer Heldinnen und Helden mit unserer Zeit verbinden.

Und gerade weil dann die verbindenden Orte Leipzig, Stuttgart und Tübingen wie Tourismus-Destinationen vorgestellt werden, wird der Kontrast umso stärker zu den doch eher verborgenen Orten der Repression.

Das kann stören, es kann aber auch aufmerksam machen darauf, wie stark die Verweigerung noch immer ist – etwas, was auch die Kriegsverbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg betrifft. Wie die im Buch explizit geschilderte Belagerung von Leningrad. (Lesetipp: Daniil Granin und Ales Adamowitzsch „Blockadebuch“)

Ein Motiv, das sich durch Cornelia Lotters Bücher zieht: Verständnis für andere Menschen entsteht erst, wenn wir ihre Leiden wahrnehmen, die Geschichte nicht retuschieren und die Deutung der Welt nicht immer nur denen überlassen, die immer tausend Gründe dafür finden, sich unbarmherzig und gnadenlos benehmen zu dürfen.

Cornelia Lotter Der Himmel über den Mauern, Books on Demand, Norderstedt 2021, 13,90 Euro.

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