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Das Plädoyer eines Karmeliterpaters für eine echte Reform der Kirche

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    Es gibt Bücher, die muss man tatsächlich erst einmal bis zu Ende lesen, um ihre Titel zu verstehen. Und den Anlass zu begreifen, warum sie geschrieben wurden. Und auch dieses scheinbar so sanft daherkommende Büchlein gehört in den Diskussionsprozess, der mittlerweile die katholische Kirche erfasst hat. Es rumort. Und das hat nicht nur mit dem umtriebigen Papst Franziskus zu tun. Höchste Zeit für eine Reform.

    Aber das verrät Pater Reinhard Köster erst im letzten Kapitel seines Büchleins – „Zeit der evangelischen Räte!“ -, das eigentlich ein Manifest ist, so ein „Jawohl! Es ist allerhöchste Eisenbahn!“ aus dem Karmelitenkloster Birkenwerder bei Berlin.

    Bis dahin hat der Leser aber was gelernt. Auch über die hohe Kunst, die Bibel zu lesen. Eine Kunst, die immer wieder verloren zu gehen scheint. Auch bei Leuten, die eigentlich hauptamtlich das Bibellesen beherrschen sollten. Aber das hat ja bekanntlich auch immer mit Strukturen zu tun, mit Macht, mit Bequemlichkeit, mit Ignoranz oder schlicht der Unkenntnis fremder Sprachen. Nicht ohne Grund gibt es auch im Deutschen eine ganze Legion verschiedener Bibelübersetzungen. Einige davon in den letzten Jahrzehnten auch gefeiert als echte Verbesserung des 500 Jahre alten Lutherischen Textes. Und gleichzeitig deftig in der Kritik bei echten Sprachkennern, die bei Luther zwar eine derbe, bildhafte Sprache finden – aber gerade in der Bildhaftigkeit oft die bessere, adäquatere Übersetzung.

    Denn so eindeutig, wie uns manche Übersetzung einreden will, sind die Worte der Ursprungstexte in der Regel nicht. Sie tragen oft ganze Schichten historischer Entwicklungen und zeithistorischer Elemente in sich, sind regelrecht geformt von den konkreten Kulturen, in denen Sprachen wie das Aramäische, das Griechische oder das Römische gesprochen wurden. Und das bedingt eben auch die Bedeutung der Worte, die in der Bibel benutzt werden – auch der Worte, die in die „Räte“ aus dem Evangelium eingegangen sind und dort Grundhaltungen bezeichnen.

    Evangelische Räte sind nicht – wie man so als Laie denken könnte – Vorstände von evangelischen Kirchgemeinden, sondern Ratschläge, die sich in den vier Evangelien des Neuen Testaments finden lassen. In den christlichen Orden sind sie zu einer Art Ordensregeln geworden. Aber schon da wird es schwierig, auch wenn wir heute Gebote wie Jungfräulichkeit, Armut und Gehorsam (um die es in diesen „Räten“ geht) vor allem mit dem Leben in Ordensgemeinschaften verbinden. Für Körner ja kein Problem. Er lebt das ja. Aber er hat es auch gründlich studiert und kann erzählen, dass eben das, was wir heute mit diesen Worten verbinden, eigentlich nicht das ist, was die Bibel-Autoren damit meinten.

    Der erste „Rat“: Jungfräulichkeit

    Gern auch mit Keuschheit übersetzt, aber so augenscheinlich auch nicht gemeint, wenn in der Bibel von Jungfrauen gesprochen wird. Auch nicht in Bezug auf Maria. Immerhin ein schönes starkes Stück, das Körner hier liefert, der gar nicht so sicher ist, dass mit dem Wort überhaupt jemals die sexuelle Jungfräulichkeit gemeint war, sondern etwas völlig anderes. Was deutlicher wird, wenn man auch die vielen Zitate aus dem Alten Testament heranzieht, in dem auch Städte wie Jerusalem oder selbst das Volk Israel als jungfräulich bezeichnet werden. Augenscheinlich ein durchaus gläubig gedachter Zustand, der immer auf die Erwartung Gottes gerichtet ist. So eine Art Offensein, bereit sein vor Gott. Von den alten Propheten gern auch als immer wiederholte Mahnung und Predigt an das so schwer lernfähige Volk geäußert: Erst wenn die Braut bereit ist für die Empfängnis Gottes, bekommt sie ihn auch. Egal, ob es nun eine junge Frau mit großem Herzen, eine Stadt oder eben ein Volk ist. Ganz so blumig sagt es Körner nicht, denn er will ja nicht die Geschichte des Volkes Israel erzählen, sondern die Haltung beschreiben, die er als Christ und Ordensbruder als christlich versteht.

    Und er will auch dafür werben, diese Art Gläubigkeit nicht als heiligen Gral nun ausgerechnet der unvermählt lebenden Klosterbrüder zu betrachten. Das kommt hinten im Buch deutlich zum Tragen, wo er seine Sorgen um den verbürokratisierten Zustand der Kirche zum Ausdruck bringt. Und seine Beschämung darüber, dass die Laien in dieser hierarchisch erstarrten Kirche keine Rolle spielen. Das steht so nämlich nicht in der Bibel. Und es sorgt dafür, dass das Kirchenleben in den Gemeinden erkaltet und erstirbt. (Dass auch die Kirche heutzutage die neoliberalen Sparrezepte anwendet, darf den ungläubigen Leser durchaus überraschen.)

    Jungfräulichkeit (und auch Körner gelingt es nicht, dafür wirklich ein adäquates anderes Wort in der heutigen deutschen Sprache zu finden) ist für ihn der wichtigste dieser im Evangelium zu findenden „Räte“, die eben keine Gebote sind, sondern Ratschläge, die man auch in einigen Jesus-Zitaten findet, und die sich alle mit der grundlegenden Frage beschäftigen: Wie soll man eigentlich – als Christ – richtig leben?

    Der zweite „Rat“: Armut

    Diesen haben einige Ordensgründer streng zum obersten Gebot ihres Ordens gemacht. Aber auch damit ist nicht die soziale Armut gemeint, stellt Körner fest. Denn es ist keineswegs christlich gedacht, die Menschen zu Bettlern zu machen, damit sie später ins Himmelsreich kommen. Es ist eine ganz andere Armut gemeint, eine, die sich ganz bewusst von einem Reichtum absetzt, der auf den Knochen der Armen entstanden ist. Unausgesprochen: Der auch noch hochmütig auf die Ausgeplünderten herabschaut und glaubt, dann durch einfache Akte des Gottesdienstes doch noch Gottes Reich zu erlangen. Ein Reichtum, der seelisch tatsächlich arm ist und arm macht. Eine seelische Armut, die antike Bibelkommentatoren mit einer anderen Armut konfrontierten: der im Geiste. Die eben keine Armut ist, sondern ein gelebter Verzicht auf all die Dinge, die man gar nicht braucht. Denn die Gier und der Geiz fangen ja genau da an, wo Menschen beginnen, die vergänglichen Werte der Welt höher zu schätzen als die Liebe zum Nächsten.

    Körner erinnert daran, dass Jesus den „Armen im Geiste“ keineswegs die spätere Reise ins Himmelreich versprach. Im Gegenteil: Er erklärte ihnen, dass sie das Himmelreich schon hatten.

    Mal etwas weiter geschwatzt: Sie mussten es nur wahrnehmen. Das hat sich ja wohl nicht geändert bis heute. Die Armen, die Genügsamen im Geiste, die sich nicht mit überflüssigen Gütern beschweren und das, was sie besitzen, teilen mit denen, die ihnen nahe sind und die Hilfe brauchen, sind selten. Die meisten Menschen haben den Kopf angefüllt mit Reichtum, falschen Bedürfnissen, unersättlichen Wünschen und dem Streben nach immer mehr Haben. Sie sind nicht „arm im Geist“ sondern tatsächlich arme Seelen.

    Das christliche Leben, so Körner, fängt damit an, dass Menschen aufhören, nach überflüssigen und falschen Gütern zu streben. Sondern nach Wahrheit – was für ihn eins ist mit Gott. Aber das Schöne ist: Auch wer nicht an einen Gott glaubt, findet hier auf einmal eine 2.000 Jahre alte Botschaft, die so gültig ist wie zu Jesus‘ Zeiten: Wer sich mit der Jagd nach immer mehr Reichtum das Leben füllt, der findet nimmermehr das Himmelreich. Schon gar nicht auf Erden.

    Der dritte „Rat“: Gehorsam

    Hat das nun etwas mit strengen Vätern zu tun, die ihre Kinder züchtigen, weil sie sie lieben?

    Nicht die Bohne, stellt Pater Körner fest. Es ist wie mit der Jungfräulichkeit: Wer die ursprünglich benutzten Worte nicht kennt, liest heute die falsche Bedeutung heraus. Auch im Alten Testament ging es dabei immer um das Hören, das Hinhorchen, das Aufmerksamsein. Also quasi: Sein Ohr öffnen für Gott und das, was der Bursche von seinen Schäflein eigentlich wollte. Also auch ums Verstehen. Wer nicht richtig hinhört, wird am Ende wohl das Falsche tun. Und so kommt Körner sogar zu der ganz erstaunlichen (aber eigentlich nicht überraschenden) Erkenntnis, dass es beim Ge-Horchen in der Bibel eigentlich um das Gegenteil unseres heutigen Gehorsams geht: die Fähigkeit, auf die Wahrheit (oder sein Herz) zu hören und eben nicht immer das zu tun, was von einem verlangt wird. Ein wackerer Christ ist ungehorsam, wenn er das Geforderte mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann. Der steht auf und sagt: Mit mir nicht.

    Und eigentlich ist es längst Zeit, dass es auch in der katholischen Kirche mehr Menschen tun, findet Körner. Das ist dann sein Manifest am Ende des Buches, in dem er den Zustand der Gemeinden in Deutschland betrachtet und wohl zu Recht zutiefst enttäuscht ist. Nicht die Skandale der letzten Jahre machen seiner Kirche zu schaffen, sondern die bürokratische Verwaltung des Gemeindelebens, das in vielen Gemeinden keines mehr ist. Und an Priestern herrscht mittlerweile überall Mangel. Was auch mit diesem seltsamen Zölibat zu tun hat, das in der gesamten Bibel nicht vorkommt. Wer dort in die Wüste geht, tut es freiwillig. Auch für Priester gibt es dort nirgendwo eine Forderung nach lebenslanger Unbeweibtheit. Im Gegenteil: Zu Paulus‘ Zeiten gab es nicht nur verheiratete Priester, es gab auch Frauen, die das Priesteramt ausfüllten. Die Gemeinde war wirklich noch Träger der Kirche.

    In der Kirche des Westens ist die Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit erst seit 1022 Gesetz. Der Papst, der das damals anordnete, hieß Benedikt VII. Ein kriegerischer Bursche, von dem Wikipedia berichtet: „Der spätere Papst war ein brutaler, aber begabter Condottiere.“ Wenn Feldherren anfangen, moralische Regeln aufzustellen, dann wird es brenzlig im Land. Das gilt bis heute.

    Körner plädiert für eine wieder deutlich stärker von den Gemeindemitgliedern getragene Kirche. Denn ändern muss sich diese Kirche, das sieht nicht nur der Papst so. Aber ob sie es schafft, ist die Frage. Denn eines gilt nicht nur für die Kirchen der Neuzeit: Von staubigen Hierarchien, die immer nur an sich selbst denken, haben die Menschen der Gegenwart die Nase voll. Den Unfug haben sie sich jetzt 1.000 Jahre lang angeschaut. Höchste Zeit, das zu ändern.

    Bestellen Sie versandkostenfrei in Lehmanns Buchshop: Reinhard Körner „Himmelreich leben. Die evangelischen Räte – für alle Christen„, St. Benno Verlag, Leipzig 2015, 7,95 Euro

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    2 KOMMENTARE

    1. Eine Reform der katholischen Kirche ist überfällig. Vor allem wird Wasser gepredigt und Wein getrunken. Man kann deshalb auch nicht sagen: Glauben = Kirche. Das sind unterschiedliche Dinge. Ich werde mir dieses Buch kaufen!

    2. Wenn das Buch des Karmeliters Reinhard Körner zumindest ebenso gut ist, wie diese Rezension, dann sollten vor Buchläden Menschtrauben hängen, die es kaufen möchten. Die durch Körner dargestellte Theologie ist moderner als jene die selbsternannten Modernisten es uns gerne weismachen möchten. Wir sind einmal mehr an einem Scheidepunkt der Kirchengeschichte angelangt. Entweder wir entscheiden uns für eine echte Spiritualität oder wir werden als weltweit grössten Sozialeinrichtung scheitern. Ich befasse mich seit über 30 Jahren mit dem Verhalten der obersten Kirchenleitung. Ich hatte die Chance, die Päpste aus Polen und Deutschland öfters zu treffen und viele ihrer Bischöfe und Kardinäle. Mich erschreckt die Gefühlskälte vieler Prälaten des Vatikans, die in krassem Gegensatz stand zu den oben genannten Päpsten. Nur so waren die schändlichen Verfehlungen der päpstlichen Finanzinstitute möglich. Ich bin derzeit in Indien und sehne mich zutiefst, das Buch des Karmeliters zu lesen. Hier in Kerala ist ein tiefer Glaube zu finden. Die katholischen Kirchen sind voll und dies meist alle Tage. Doch diese Spiritualität kann nicht auf Europa übertragen werden. Hoffen wir dass noch viele „Körners“ Bücher schreiben.

      Ich habe meine ersten Lebensjahre in Leipzig verlebt und bin nun stolz auf eine Leipziger Internetzeitung gestossen zu sein.
      Manfred Ferrari http://www.vatikanbeobachter.com

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