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In Leipzig entschied sich das Schicksal von Casanovas Memoiren

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    Ansgar Bach ist in Leipzig kein Unbekannter. Bis 2009 war er Redakteur beim Brockhaus-Verlag in Leipzig, bevor der Lexikon-Verlag die Lichter ausmachte. Seit 1998 leitet der gebürtige Kölner aber auch das in Berlin ansässige Reiseunternehmen "Literarisch Reisen" und bietet auch in Leipzig literarische Spaziergänge an. Zum Beispiel ins fast vergessene Grafische Viertel. Oder auf den Spuren Casanovas. Der Bursche war tatsächlich mehrmals in Leipzig.

    Von einem Besuch wissen viele Leipziger ja: 1766 machte der venezianische Lebenskünstler in Leipzig Station, schäkerte mit einer Prinzessin und rettete eine französische Apothekerfrau vor der Obdachlosigkeit, indem er ihre gepfändete Habe auslöste und sie mit nach Dresden nahm. Nachzulesen in seinen Memoiren. Nicht immer ganz vollständig. Das ist ein eigenes Kapitel, weiß Ansgar Bach, der ja nicht umsonst bei Brockhaus gearbeitet hat: Brockhaus hat als erster Verlag die Erinnerungen des Lebemannes veröffentlicht. Und die Familie Brockhaus besaß auch seit 1821 die Originalmanuskripte, bevor sie diese an die Republik Frankreich im Jahr 2010 für 7 Millionen Euro weiterverkaufte.

    Friedrich Arnold Brockhaus, der berühmte Verlagsgründer, war 1821 mit 200 Talern deutlich preiswerter weggekommen.

    Diesen Teil der Geschichte erzählt Ansgar Bach in seinem Büchlein über Casanova in Leipzig natürlich mit. Ohne die Veröffentlichung im F. A. Brockhaus Verlag wären Casanovas Memoiren möglicherweise nie oder erheblich später veröffentlicht worden. Oder das Manuskript hätte das Schicksal vieler anderer geteilt und wäre irgendwo in einer Privatsammlung verschollen. Dafür streiten sich nun seit fast 200 Jahren die Geister über diese Erinnerungen, die etwa von 1730 bis 1773 reichen, das spätere Leben des letztlich als Bibliothekar in Dux gelandeten Lebenskünstlers also nicht mehr umfassen. Gekürzt und gestrichen wurde in der Frühzeit immer wieder – mal waren es die pikanten Stellen, mal waren es die Namen der erwähnten Personen. Letzteres wohl noch wesentlich delikater, denn Casanova kannte so ungefähr Jede und Jeden, die in der Zeit Ludwig XV. in Europa eine Rolle in Politik und Gesellschaft spielten. Er begegnete den berühmtesten Häuptern seiner Zeit, plauderte mit Friedrich II. von Preußen, Katharina der Großen, Voltaire und Cagliostro. An praktisch jedem Fürstenhof Europas hatte er Bekanntschaften, oft auch echte Freundschaften, liebreizende Begegnungen sowieso.

    Aber auch ein erfolgreicher Unternehmer war er, wenn es drauf ankam. Bei all seinen Reisen über den ganzen Kontinent fand er auch Zeit, sich mit der neuesten Literatur und den neuesten Entwicklungen der Wissenschaft zu beschäftigen. Und eigene literarische Ambitionen hatte er auch, auch wenn er erst im Alter begann, seine Träume von der Schriftstellerei zu verwirklichen. Was gründlich in die Hose ging. Aber das lag nicht an seinem Stil, der war wohl ganz gut, auch seine Erfindungsgabe konnte sich sehen lassen, meint Ansgar Bach und teilt damit nicht das Urteil, das die „Allgemeine Literatur-Zeitung“ aus Jena 1789 über Casanovas fünfbändigen phantastischen Roman „Icosameron“ fällte, den dieser 1788 drucken ließ und in Leipzig bei diversen Buchhändlern unterzubringen versuchte.

    Doch die waren damals ebenso zögerlich wie heute, wenn es um das Risiko dicker Bücher ging. Am Ende blieb wohl der größte Teil vom „Icosameron“ unverkauft.

    Ansgar Bach hat sich in seiner Spurensuche nach Casanovas Aufenthalten in Leipzig auch auf die Suche nach dem Buchhändler gemacht, auf den Casanova seine Hoffnungen gesetzt hatte. Mit dem „Icosameron“ versuchte er den literarischen Erfolg zu schaffen, ohne zu ahnen, dass sich auch damals schon viele Leser lieber von einschlägigen Zeitungen sagen ließen, was lesenswert wäre und was nicht. Selbst Wikipedia spricht bei der „Allgemeine Literatur-Zeitung“ von der „auflagenstärksten und einflussreichsten deutschsprachigen Zeitung“ in Sachen Literatur zwischen 1785 und 1849. Wobei Casanova vermutete, dass sein Leipziger Buchhändler einfach die Rezension in dieser Zeitung zum Vorwand nahm, um überhaupt nichts für das „Icosameron“ zu tun. Für Casanova ein finanzielles Debakel.

    Besser kam sein Bericht über die Flucht aus den Bleikammern von Venedig an, den er noch bei Lebzeiten veröffentlichte, während er die Veröffentlichung des ersten Bandes seiner Memoiren nicht mehr erlebte.

    Mit dem „Icosameron“ hängt auf jeden Fall ein Leipzigaufenthalt von 1788 zusammen. Das kleine Lebensdrama schildert Ansgar Bach nach dem Kapitel 1766 recht ausfühlich. Für weitere Jahre deuten zumindest einige Briefstellen an, dass Casanova sich noch ein paar Mal in Leipzig aufhielt, zumeist wohl in Zusammenhang mit den Leipziger Messen.

    Zu einer Veröffentlichung seiner Memoiren kam es zu Lebzeiten dann nicht mehr. Und auch nach 1821 gehörte noch eine Menge verlegerisches Fingerspitzengefühl dazu, wenigstens erste Teile aus dem Werk zu veröffentlichen. Das Publikum, so konnte F. A. Brockhaus bald feststellen, nahm die ersten Auszüge positiv an. Was spätere staatliche Verbote der Gesamtausgabe nicht verhinderte. Natürlich mit den pikanten Szenen begründet, wie es Zensoren gern tun, wenn ihnen eigentlich die gesellschaftliche Freizügigkeit im Text zu weit geht.

    Denn Casanova brilliert ja auch damit, dass er die Zustände und Charaktere seiner Zeit und all der Länder, die er bereiste, ebenfalls beschrieb oder andeutete. Er war nicht nur in seiner sexuellen Lebenshaltung ein echter Libertin, sondern auch in seinen Ansichten über Zeit und Personage. Manch späterer Leser interpretierte seine Schilderungen über die absolutistische Zeit Europas durchaus als Zustandsbeschreibung einer Gesellschaft, die mit feudaler Arroganz und Verschwendungssucht direkt auf das Revolutonsjahr 1789 zusteuerte.

    Dass Casanova dabei eher für die europäische Aufklärung plädierte, lässt sich auch aus einigen abfälligen Äußerungen über diverse Buchhändler herauslesen, von denen er nur einen als gut titulierte: den Berliner Aufklärer Friedrich Nicolai.

    Am Ende sorgte dann die Kürzungspraxis des prüden 19. Jahrhunderts dafür, dass Casanova praktisch nur als Liebhaber und Verführer berühmt und zur schillernden Gestalt wurde (und sich Psychologen über den Casanova-Komplex ausließen). Zu einer kompletten Übersetzung ins Deutsche kam es erst 1962. Das war dann auch die Grundlage für den Nachdruck, der bei Kiepenheuer in Leipzig ab 1983 erschien. Seither haben sich Forscher und Biografen erst recht ausführlich mit der Person Giacomo Casanova beschäftigt und wissen die Reichhaltigkeit seiner Memoiren als unvergleichliche Quelle über das 18. Jahrhundert zu schätzen.

    Ansgar Bach hat nun so ungefähr alles zusammengetragen, was zu Casanovas Aufenthalten in Leipzig und zur Editionsgeschichte seiner Memoiren bei Brockhaus aufzutreiben war. Zwei Orte in der Leipziger Innenstadt kann er nun mit Casanovas Aufenthalten in Verbindung bringen.

    Mit „Literarisch Reisen“ präsentiert er sich auch auf der Leipziger Buchmesse vom 12.bis 15. März in Halle 5/E405.

    Buchpremiere für „Casanova und Leipzig“ ist am Donnerstag, 12. März, um 18:00 Uhr im Schillerhaus Leipzig.

    Lesungen aus dem Buch gibt es am Freitag, 13. März, um 18:30 Uhr in der Lovania-Akademie (Theodor-Heuss-Straße 30) und am Sonntag, 15. März, 13:00 Uhr auf der Messe (Halle 5/F600).

    Bestellen Sie versandkostenfrei in Lehmanns Buchshop: Ansgar Bach „Casanova und Leipzig. Seine Affären und die Memoiren„, Verlag kopfundwelt, Berlin 2015, 11 Euro

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