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In der Welt von Gary, Breton und Dali auf der Suche nach dem eigenen Sinn im Leben

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    César Econda verrät nicht viel über sein Leben. Nur dass er dem Helden seines Buches, an dem er acht Jahre lang schrieb, doch sehr ähnlich ist: Schweizer, Ingenieurwissenschaftler, 35 Jahre alt und auf vertrautem Fuß mit Camus, Hesse und Dostojewski. Es ist lange her, dass das "Steppenwolf"-Fieber in deutschen Landen grassierte. Was nicht bedeutet, dass man sich nicht auch im 21. Jahrhundert so einsam fühlen kann.

    Was Gründe hat. Auch wenn sie nicht immer alle klar zu benennen sind. Sind die gestrengen Väter schuld? Ist es der Druck der Gesellschaft? Das System einer Schule, die Außenseiter ablehnt, verachtet und niederdrückt? Sind die Probleme des frühen 19. Jahrhunderts noch immer die selben wie die des späten 19. Jahrhunderts? Es sieht ganz so aus. Nur dass man es um die vorletzte Jahrhundertwende irgendwie der „fin de siecle“-Stimmung zuschrieb. Nur einer war hellsichtiger. Und der kommt auch vor in Econdas Weg durch das moderne, so schön anonyme Paris: Siegmund Freud. Nebst weiteren Autoren, denen der Held der Geschichte begegnet ist und deren Bücher ihm vertraut wurden: Romain Gary, André Breton, Paul Watzlawick. Das ist auch schon wieder 30, 40 Jahre her, dass diese Namen in der gesellschaftlichen Debatte eine Rolle spielten. Indirekt taucht dieses beharrliche Nachdenken über unsere Existenz in einer überdrehten Konsumwelt auch bei Econda wieder auf durch Michel Houellebecq, auch wenn der selbst nicht im Buch vorkommt. Aber er war der Anreger, der den jungen Wissenschaftler dazu brachte, sein Buch unter Pseudonym zu schreiben.

    Die Handlung passiert in vier Tagen. Vier Tage Ferien, die sich Econdas Romanheld genommmen hat, um sich vom Stress daheim abzulenken und einfach abzutauchen in der großen Stadt mit all ihren Attraktionen, berühmten Bewohnern, ihrer Kunst, den modernen, den alten, den von Problemen geplagten Stadtvierteln. Meist ist er mit der Metro unterwegs, wenn er nicht gerade versucht, Straßen und Plätze zu finden, die sich auch mit Stadtplan nicht unbedingt finden lassen. Und er genießt es, dass er allein da ist, niemandem Rechenschaft schuldet und die Konversation auf das Wesentliche beschränken kann.

    Er ist zwar in der Wissenschaft erfolgreich. Aber menschliche Nähe hält er überhaupt nicht aus. Er weiß es. Was ihn von anderen Zeitgenossen unterscheidet. Augenscheinlich ist er auch hochbegabt. Doch an seine Kindheit und die Schule erinnert er sich aus der Perspektive eines Versagers. Und das Gefühl hat ihn auch im erwachsenen Alter nicht verlassen. Kaum eine Situation bringt ihn nicht an seine Grenzen – sei es das Einchecken im Hotel, das Einkehren in ein Restaurant. An seine Doktorprüfung erinnert er sich mit Grausen. Der kleinste Widerspruch versetzt ihn in Panik und sein Gehirn schaltet komplett in den Rechtfertigungsmodus: Was hab ich nur wieder falsch gemacht?

    Da und dort fühlt man sich an andere Leidensgeschichten anderer Autoren, auch solchen aus dem Einbuch-Verlag erinnert. Nur reagieren ihre Helden zumeist anders – brechen entweder völlig aus, reagieren mit einer Flucht möglichst weit weg aus den als katastrophal erlebten Umständen. Oder sie gehen dran kaputt, leiden unter Depressionen oder sind stark sucht- oder suizidgefährdet. Der Held in Econdas Geschichte hat einen Vorteil: Er hat gelernt, die Dinge analytisch zu betrachten. Manchmal wird das eine Manie, wenn er sich in verwirrenden Situationen selbst die sonderbarsten Rechenaufgaben stellt und die gleich noch im Kopf löst.

    Doch in Paris passiert noch etwas anderes mit ihm, denn er hat die große anonyme Stadt ja ganz bewusst gewählt, um aus dem Alltagsstress auszusteigen. Bei seinen Fahrten und Spaziergängen hat er jede Menge Zeit, sein Leben Revue passieren zu lassen und dabei immer wieder der Frage nachzugehen, warum es ausgerechnet ihn erwischt hat, ob er damit wirklich eine Ausnahme ist und warum er – selbst wenn er die Dinge perfekt beherrscht – von einem kleinen Einwurf völlig verunsichert werden kann. Dabei rekapituliert er auch allerlei wissenschaftliche Grundlagen. Bis hinein in die Körperchemie: Mit all den Hormonen und was sie mit dem Menschen anstellen, damit der sich eifrig paart, weiß er Bescheid. Selbst die Tischnachbarn nimmt er im Kopf auseinander, analysiert ihren Ist-Zustand als Paar und ihre Zukunft in den nächsten Jahren, wenn die Hormone aufhören, Harmonie zu erzeugen und die sexuelle Anziehungskraft aufhört.

    Was hat man eigentlich noch für ein Liebesleben, wenn man die ganzen Vorgänge dabei im Kopf permanent auswertet und nicht einmal ein Vollrausch reicht, den wissenschaftlichen Operator im Kopf auszuschalten? Was dann auch die wenigen möglichen Beziehungen unmöglich macht, in denen ein Außenseiter, als der er sich empfindet, einer Frau begegnet, die bereit ist, sich trotzdem auf ihn einzulassen.

    Die mögliche Antwort, die der Held für sich findet, liegt im Gruppenzwang, den er für die Wurzel allen Übels hält. Menschen verändern sich, passen sich den Regeln einer Gruppe an und beginnen Dinge zu tun, die sie als Einzelwesen nie getan hätten. Wozu auch all die kleinen und bösen Schikanen gehören, die Gruppenmitglieder gegen andere, scheinbar schwächere Mitglieder der Gruppe ausüben, um sich selbst aufzuwerten, ihre Position in den Augen der scheinbar Starken zu verbessern. Eine Welt, die der Held nun nur noch von außen betrachtet – er will nicht mehr dazu gehören. Und er fühlt sich besser damit: „Vielleicht ist man unter dem Strich glücklicher, fühlt weniger Schmerzen, wenn man den Freuden und Frauen einfach aus dem Weg geht? Wenn man die Sehnsucht aufgibt, den richtigen Partner zu finden? Wenn man sich einfach nur abschirmt?“

    Aber da er eifrig innere Monologe führt, ist der Leser ja dabei, wenn er von den simpelsten Situationen in Angst und Schrecken versetzt wird und innerlich regelrecht zu schreien und zu wüten beginnt. Ganz so glücklich ist er mit sich also nicht.

    Aber geht es den Anderen besser? Oder gestehen sie sich ihr Leiden einfach nicht ein?

    Fast ein Synonym für die Ängste der modernen Welt sind die Waggons der Pariser U-Bahn, in denen alle eifrig bemüht sind, nur ja keinen der Mitpassagiere anzusehen oder auf irgendwelche Kontaktversuche zu reagieren. Für den Helden dieser durchaus dissonanten Reise durch die berühmtesten Teile von Paris, liegt ein Urgrund der Panik in dem, was auch die Autoren des „fin de siecle“ gern thematisiert haben – im Wissen um die Sinnlosigkeit des Lebens. Aber was macht man aus seinem Leben, wenn man darin keinen Sinn (mehr) sieht? Bringt man sich um? Das bringt auch Econdas Held nicht fertig, denn sauber rechnet er negative und positive Folgen gegeneinander auf. Er kennt auch die einschlägigen Schriften zum Selbstmord. Und er sieht, wenn er anderen Menschen so bei ihrem Leben zusieht, die vielen Versuche, sich mit allerlei Dingen einfach über die Sinnlosigkeit hinwegzutäuschen – sei es mit Drogen, mit Religion, mit Kindern, die man in die Welt setzt, um das Ärgernis einfach an die nächste Generation weiter zu geben.

    Aber mal ehrlich: Selbst dieser verbiesterte Paris-Reisende schmunzelt, als am Ende auf der Heimfahrt im Zug die Kinder anderer Leute anfangen, den ganzen Waggon zu unterhalten.

    Vielleicht ist der größte Denkfehler unserer Zeit (und wohl auch die größte Ursache der meisten Leiden), die eingebaute Erwartung, unser Leben müsste einen Sinn haben. Bibliotheken stehen voller solcher Sinn-Bücher. Und voller Heilsversprechen, die behaupten, einem den Sinn geben zu können für das Leben.

    Ein gewaltiges Einfallstor nicht nur für Religionen, sondern auch Ideologien, Sekten, allerlei Gurus und Propheten. Vielleicht hat dieser namenlose Held aus der so frustrierenden Schweiz tatsächlich Recht, wenn er die meisten Zeitgenossen hilflos nach irgendeinem Gruppenanschluss suchen sieht, getrieben von der Panik, als Außenseiter keinen Platz und keine Anerkennung zu finden. Es gibt genug Stellen im Buch, da möchte man den inwendigen Grantler einfach sitzen lassen mit seinem sinnlosen Zorn. Und dann versteht man ihn wieder und ahnt, wie er darunter leidet, nicht Teil haben zu können. Aber woran eigentlich? An den besoffenen Gruppen, in denen er gar nicht sein will? An der Blaskapelle des Vaters oder einer Kirche, die ihm etwas aufdrängt, was sein Verstand ablehnt?

    Will er denn der Clochard sein, der auch dann keine Freude hat, wenn er doch noch sein Bier bekommt?

    Es ist, auch wenn es sich nicht so liest, doch auch wieder ein Sinnsucher-Roman. Nur dass der Sinn eben nicht im Kosmos schwebt, irgendwo eingewoben in ein göttliches Versprechen. Vielleicht ist das genau das Problem, dem sich die Menschen so langsam stellen müssen, dass der entsetzte Schrei „Gott ist tot“ tatsächlich nur noch den Narren am Straßenrand gehört, die es einfach nicht fassen können. Und dass der ganze Rest von Selbstakzeptanz und Selbstbewusstsein unser Teil und unsere lebenslange Aufgabe ist. Was übrigens als trockene Analyse zwischendurch auch in diesem Buch mit vorkommt. Es ist ja nicht so, dass dieser reisende Außenseiter sich nicht vollgefressen hätte mit allem möglichen Wissen.

    Immerhin  hat er – das weiß er auch – ein paar Handlungsoptionen, auch wenn er diese kurzen Ferien in Paris erst einmal ohne Ergebnis zu Ende bringt.  Jedenfalls ohne ein greifbares Ergebnis. Noch gibt es viel zu viele Gründe, keinen Selbstmord zu begehen. Irgendwie sind ihm die Anderen, so seltsam ihn ihr Handeln anmutet, doch irgendwie wichtig. Was ja schon mal ein Anfang ist. Die Anderen sind eben nicht nur die Hölle. Klammer auf: Viele sind es trotzdem. Aber bei denen muss man ja keine Freunde suchen. Klammer zu.

    César Econda „Durchschnittliches Leiden“, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2015, 13,90 Euro

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