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Ein völlig unpassender Intellektueller in einem aus den Fugen geratenen Jahrhundert

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    Erdmut Wizisla sitzt an der Quelle: Er leitet das Bertolt-Brecht-Archiv und das Walter-Benjamin-Archiv der Akademie der Künste. 2009 hat er schon aus dem Fundus geschöpft und im Lehmstedt Verlag das Buch "Begegnungen mit Brecht" veröffentlicht. Mit Walter Benjamin spürt er einem großen Unbekannten nach. Eigentlich auch einem weitgehend unbekannten Kapitel der deutschen Geschichte. Einem riesigen Loch.

    Was nicht bedeutet, dass dieses Kapitel nicht schon in vielen Büchern ernsthaft behandelt wurde – Vertreibung und Entrechtung der Juden in Deutschland, Emigration, die Kollaboration der französischen Regierung, die Dramen im Süden Frankreichs, die sich abspielten, weil Tausende auf ihr Visum nach Amerika warteten und die Nazi-Häscher schon mit kompletten Fahndungslisten anreisten. Dann das Drama im Exil – in den Natonek-Büchern des Lehmstedt Verlags plastisch beschrieben.

    Und schaut man sich an, was die großen Medien aus der deutschen Geschichte rezipieren, dann kommt einem das Grauen. Da feiert die Nazi-Zeit fröhliche Urständ, wird jede Marotte der Herren Hitler, Himmler und Co. ausgewalzt, vergeht kaum ein Tag, an dem nicht wonnevoll in die große Bilderkiste des Nazi-Reiches gegriffen wird, als bestünde das 20. Jahrhundert aus nichts anderem als aus 12 Jahren Nazi-Zeit und der folgenden „zweiten Diktatur“ DDR. Kleine Ausnahme 1914: Der Beginn des 1. Weltkriegs. Da hat man sich mal ein bisschen in die Archive bemüht.

    Aber unübersehbar dominiert in der Geschichtsdarstellung der maßgeblichen Medien in Deutschland die Fixierung auf Machtpolitik und eine bis heute anhaltende Faszination von der Selbstinszenierung des NS-Reiches. Was (indirekt) auch mit Walter Benjamin und all seinen berühmten Freuden und Weggenossen zu tun hat, mit Brecht, Bloch, Adorno, Franz Hessel … O ja, alles „Linke“. Man schaue sich nur um, mit welchem Schaum vorm Mund heute wieder über „Linke“ geredet wird, mit welcher Verachtung. Man hätte sie am liebsten alle gleich mit entsorgt, 1990, auf „den Müllhaufen der Geschichte“ geworfen. So, wie man in Deutschland immer wieder gern mit Geschichte umging. Dass die offizielle Geschichtsrezeption der DDR meist auch nicht besser war – keine Frage.

    Aber wenn man über Benjamin und seine Geistesverwandten spricht, dann spricht man auch über die frühe Bundesrepublik, die ohne all die (linken) Heimkehrer aus dem Exil niemals das geworden wäre, was sie heute ist. Es waren Leute wie Horckheimer, Adorno, Hannah Arendt, die in der alten Bundesrepublik die überfälligen und notwendigen Debatten über eine moderne, demokratische Gesellschaft anstießen, ab den 1960er Jahren verstärkt durch Leute wie Bloch und Mayer, die die DDR verlassen hatten. Die neue Indoktrination im Osten ist ein eigenes Thema und noch viele eigene Bücher wert. Aber man ahnt es heute nur noch, was für eine miefige Verweigerung in den 1950er Jahren die alte Bundesrepublik beherrschte, sich überhaupt mit dem Nazireich und seinen Folgen zu beschäftigen.

    Es waren diese alten „Linken“, die ihren widerständigen Geist mit ins Exil genommen hatten, und zwar bewusst ins westliche Exil, die dann mit ihren großen Schriften die intellektuelle Vorarbeit leisteten für das, was man heute so allgemein als „68“ bezeichnet.

    Aber die meisten Medienkonsumenten wissen gar nicht, was damit alles gemeint ist. Hier ist das Loch. Denn neben der Vereinseitigung der Erinnerung an das Nazi-Reich dominiert auch eine einseitige Sicht auf 1968: Gewalt, Straßenkämpfe, Pflastersteine, RAF. Die großen intellektuellen Debatten, die damals die Bundesrepublik tatsächlich erschütterten – weggeblendet, abgeschoben ins Antiquariat. Wer liest denn heute noch philosophische Schriften? Wer hat noch Bloch, Adorno und Co. in seinem Buchregal stehen? Oder Walter Benjamin, der sein großes Revival in den 1960er Jahren erlebte, als seine Wegbegleiter – allen voran Theodor W. Adorno – dafür sorgten, dass seine Schriften alle in einer Gesamtausgabe erschienen und sich die Zeitungsfeuilletons und die Radiosender mit dem Mann beschäftigten, der 1940 so tragisch an der französisch-spanischen Grenze seinem Leben ein Ende setzte, schon fast gerettet, und dann doch beim letzten, unerwarteten Hindernis völlig entmutigt.

    Warum er sich vergiftete, darüber rätselten seine Freunde. Die dramatischen Schilderungen seines letzten Wegabschnitts füllen einen Großteil des Buches, in dem Wizisla die authentischen Erinnerungen von Freunden, Schriftstellerkollegen, Wegbegleitern gesammelt hat – möglichst chronologisch, was nicht immer gelingt, weil sich zwar viele Briefe, Tagebucheinträge und Erinnerungen aufs Jahr genau einordnen lassen, viele Erinnerungen aber auch ganze Zeitabschnitte umfassen. Mancher seiner Zeitgenossen hat die Begegnungen mit dem Schriftsteller, Philosophen, Essayisten, dem „Melancholiker, Einzelgänger und Pechvogel“ in seiner Autobiografie gewürdigt. Oder in seinen Arbeitsheften – so wie Brecht, den auch die Freunde Benjamins zumeist als knallharten Hardliner sahen. Aber wo Benjamins Freunde zumeist in Bewunderung schwelgten, besaß Brecht die Fähigkeit zur rücksichtslosen Analyse.

    Und er ist es, der ganz am Ende des Bandes die ganze Größe dieses Benjamins aufreißt, wenn er dessen letzte, 1941 veröffentlichte, Schrift kommentiert. Und er entdeckte darin einen, der – obwohl ein sanfter, höflicher, fast scheuer Mensch – in seiner Geschichtsbetrachtung zum Mauereinreißer wird. Und das gilt bis heute. Denn was Benjamin da zerfetzte, ist die bis heute geübte Praxis, Geschichte als einen Prozess zu immer neuen Höhen zu interpretieren.

    Brecht schreibt in seinem Journal „vom Fortschritt als einer kraftvollen Unternehmung ausgeruhter Köpfe, von der Arbeit als der Quelle der Sittlichkeit, von der Arbeiterschaft als Protegés der Technik usw.“. Alles Interpretationsmuster, die man in der Geschichtsglorifizierung bis heute findet. Man darf sich an dieser Stelle an eine Anekdote in den Erinnerungen von Soma Morgenstern erinnert fühlen (der in diesem Band einige der schönsten Benjamin-Anekdoten erzählt), wie Benjamin verblüfft feststellte, dass er nicht der Erste war, der den Marxismus als neuen, modernen Messianismus interpretiert, einen neuen Glauben zur Heilung der Welt. Nicht der Einzige übrigens. Nicht nur die Linken versuchen ja verzweifelt, der Geschichte einen höheren Sinn einzuimpfen und sich selbst als die Avantgarde der Zeit zu begreifen.

    Weiter mit Brecht: „Er verspottet den oft gehörten Satz, man müsse sich wundern, dass so was wie der Faschismus ’noch in diesem Jahrhundert‘ vorkommen könne (als ob er nicht die Frucht aller Jahrhunderte wäre.)“

    Man ahnt bei solchen Sätzen, was für ein intellektuelles Potenzial die deutschen Nazis da ab 1933 aus dem Lande gefegt hatten. Wie groß das Loch war, das da entstand, hat ja schon Bernt Engelmann versucht aufzuarbeiten in „Deutschland ohne Juden“. Und die Nachwirkungen haben eben nicht nachgelassen, nicht in den 1960ern, als das rabiate deutsche Bürgertum wieder einen neuen Feind für sich entdeckte, und schon gar nicht nach 1990, als die deutsch-deutsche Diskussion auf ein jämmerliches Ossi-Wessi-Dilemma reduziert wurde. Die neue, große Bundesrepublik ist – verglichen mit der Debattenrepublik der 1960er Jahre – eine intellektuelle Provinz.

    Das Geschwätz in „sozialen Netzwerken“ ersetzt den großen Diskurs über gesellschaftliche Wirklichkeiten nicht. Und man kann nur ahnen, welche Rolle Benjamin gespielt haben könnte, wenn er den Weg ins amerikanische Exil gefunden hätte. Da viele der hier versammelten Erinnerungen in der Rückschau niedergeschrieben wurden, liegt auch ein gewisses Bedauern über der Grunderzählung. Nicht nur über den tragischen Ausgang in der spanischen Grenzstation Portbou, wo dann auch noch Benjamins letztes großes Manuskript im Nirwana verschwand, sondern auch schon vorher. Denn auch die Zeit im französischen Exil hat ja Autoren wie Walter Benjamin schon abgeschnitten von ihren möglichen Lesern und einer möglichen gesellschaftlichen Diskussion.

    Mit welchem bürokratischen Hass die Nazis die Intellektuellen der Weimarer Republik verfolgten, machen ja all die kurzen Szenen deutlich, in denen sich die nach Marseille Geflüchteten an die NS-Geheimpolizisten mit ihren fertigen Listen erinnern: Der französische Kollaborationsvertrag machte es ihnen möglich, all die Menschen einzusammeln und ins Vernichtungslager zu bringen, die vorher verzweifelt das Nazireich verlassen hatten.

    Und wieder denkt man an Benjamin, wie ihn Brecht zitiert: Diese geistverachtende, mörderische Haltung ist nicht erst im 20. Jahrhundert erfunden worden. Der Nazismus ist keine moderne Bewegung. Moderne Technik allein macht noch keinen Fortschritt. Es sind ein paar trockene Sätze von Brecht, die am Ende deutlich machen, was für eine Diskussion über die Moderne die Nazis da tatsächlich mit aller Macht abzuwürgen versuchten und – das wird eigentlich deutlich – bis heute diskreditierten. Auch deshalb verschwindet die Geschichte des ins Exil gegangenen intellektuellen Deutschland fast völlig aus dem öffentlichen Bewusstsein. Auf doppelte Weise, denn auch die DDR hat ja diese geistesgeschichtlichen Diskussionen ins innere Exil verbannt oder gleich ganz in den Westen vertrieben, so dass wichtige Diskussionen zwar in der Bundesrepublik stattfanden, im Osten aber unterblieben und auch nach 1990 nicht wieder aufgenommen wurden.

    Wizisla wundert sich zwar in vielen seiner launigen Einführungen zu den einzelnen Erinnerungsschnipseln, wie sehr sich viele Beschreibungen widersprechen. Aber beim Lesen merkt man bald, dass das eigentlich kein Widerspruch ist, denn der sensible Benjamin, der augenscheinlich ganz ungern etwas über seine persönlichen Empfindungen preisgab und sich abgrundtief schämen konnte, wenn es ihm doch einmal geschah, erschien so manchem Zeitgenossen als unnahbar, manchmal auch unbegreifbar. Freundschaften endeten meist abrupt. Und dennoch muss er die meisten Menschen, denen er begegnete, zutiefst beeindruckt haben. Auch durch seine Würde, mit der er selbst im Sammellager und auf dem Weg nach Spanien Haltung bewies, nicht klagte und nicht jammerte und selbst in tiefster Armut Höflichkeit bewies. Noch so etwas, was völlig verloren gegangen zu sein scheint. Als hätten am Ende die rüpelhaften Manieren des NS-Reiches doch noch triumphiert. Denn diese Manieren der Proletarier können es ja nicht sein, die sind ja ausgestorben wie die Intellektuellen des linken Weimarer Milieus. Übriggeblieben sind nur lauter Bürger, die zwar nichts mehr lesen, aber über alles Bescheid wissen.

    Na gut. Vielleicht hätte sich Walter Benjamin in so einer Zeit auch ein bisschen rüpelhaft benommen. Schon aus Notwehr. Aber das war ihm nicht vergönnt. Und uns leider auch nicht. Am Ende nimmt man Abschied von diesem Mann und hat trotzdem nicht das Gefühl, ihn wirklich kennengelernt zu haben. Also wird man wohl um das Lesen seiner Schriften nicht umhin kommen, die zumindest für wissbegierige Leser dann und wann immer mal wieder in Buchform aufgelegt werden: seine Kindheitserinnerungen „Einbahnstraße“, „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ oder seine philosophischen Essays, bekannt für ihre unerwarteten Sprünge, mit denen Benjamin auch im persönlichen Gespräch frappieren konnte. Manche seiner Freunde verargten es ihm. Andere haben dabei seine Art erkannt, aus den eingeschliffenen Denkmustern herauszuspringen und damit den Blick zu öffnen für unerwartete Zusammenhänge. Aber auf die Idee, das in Schulen wieder zu unterrichten, werden deutsche Kultusminister nicht mehr kommen. Die würden dort lieber jeden Schüler in die Betriebswirtschaftslehre zwingen. Auch so kann man Denken entwerten. Die Angst der Verwalter vor unabhängigen, ungebändigten Geistern ist in Deutschland riesengroß.

    Aber an dieser Stelle könnte man den Artikel von vorn anfangen. Also lesen wir doch lieber. Antiquarisch ist Benjamin vielerorts zu haben.

    Erdmut Wizisla „Begegnungen mit Benjamin, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2015, 24,90 Euro

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