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Lochners durchaus anekdotische Reisekizzen von seinen Reisen in der Welt

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    Man muss es sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, was die Ostdeutschen 1989 eigentlich gewonnen haben. Es vergisst sich so leicht, wenn Pauschalreisen und Supersonderangebote das Reisen zur Schnäppchenjagd machen und sich der versorgte Reisebürger nicht mehr wirklich mit Land und Leuten beschäftigen muss. Die Welt bleibt fremd. Nicht für mich, sagte sich Reinhard Lochner.

    Gleich 1990 begann er mit seiner Familie, die große weite Welt zu erkunden. Eigentlich schon vorher. Denn vorher, da war auch der gemeine Sachse und der landläufige Thüringer reiselustig. Jede Fahrt raus aus der kleinen ummauerten DDR war das Erlebnis von Welt. Und wer aufmerksam war, der konnte auch in Polen, Ungarn und dem gemütlichen Nachbarland CSSR seine Entdeckungen machen. Manchmal auch die, dass man einfach die großen Weltereignisse verpasste, auch wenn man mittendrin war – wie der junge Lochner 1968 im Prager Frühling.

    Aber aufgeschrieben hat er die Eindrücke von seinen Reisen erst jetzt, bewusst subjektiv, voller Anekdoten, kleiner Verirrungen, Verwirrungen und Missverständnisse. Das gibt er gleich zu im Vorwort, wie sich das gehört. Denn damit nimmt er eine Position zum Reisen ein, die eigentlich die ehrlichste ist: Man lernt eine Menge bei den Abenteuern in aller Welt – aber das bedeutet nicht, dass man alles verstanden hat.

    Und da er praktisch alle Kontinente bereist hat – nur die Antarktis fehlt – hat er was zu erzählen. Und erzählt auch mit Lust und Laune. Ab und zu schlüpft er in die Rolle seiner Frau, die natürlich ein paar Dinge etwas anders erlebt hat. Aber für gewöhnlich erzählt er, was er selbst erlebte, sah und dachte. Und macht damit etwas ganz Ähnliches, was Jutta Pillat jüngst mit ihrem Reisebändchen „Mokka süß“ ebenfalls tat: Er erzählt von der Entdeckung der Welt. Immer mit Humor. Er hat ihn noch, beschnarcht sich die Welt mit dem Wissen, durchaus fehl deuten und völlig in die Irre laufen zu können. Mal sind es nicht zu findende Wegweiser, mal unüberbrückbare Sprachbarrieren, die erst den Weg ins Abenteuer öffnen. Und manchmal merkt man erst hinterher, dass man sich eigentlich wie ein gnädiger Weißer benommen hat, der einfach für selbstverständlich nimmt, dass die Eingeborenen für einen die ganze Arbeit machen, damit das Abenteuer (etwa der Weg ins sagenhafte Macchu Picchu) erst möglich wird.

    Da kann der Anlauf auf einen der berühmteren Berge Kretas durchaus mehrmals hintereinander scheitern oder die Kanaren eine geradezu winterliche Überraschung bereithalten. Das hat augenscheinlich die Neugier Lochners nie gedämpft, auch wenn er wohl gleich mitbekommen hat, dass es sich immer lohnt, genauer hinzuschauen, die eingefahrenen Routen zu verlassen und sich auch mal was anzulesen über die besuchte Sehenswürdigkeit. Manchmal tun sich erst mit der zwinkernden Distanz die leisen Erkenntnisse auf, die man da unterwegs gesammelt hat. Manchmal begreift man erst bei der Begegnung mit den Leuten vor Ort, dass man im Grunde dieselben Werte von Freizügigkeit, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft pflegt. Aber Lochner wäre nicht Lochner, wenn ihm das nicht zu denken gebe. Denn er kennt ja alle Vorurteile, die daheim im ach so schönen Mitteldeutschland gepflegt werden. Man begegnet ihnen ja nicht erst, seit die grimmigen alten Männer mit ihren ganzen uralten Vorurteilen über die Straßen demonstrieren. Das war ja schon vorher alles da – man hat’s auf der Arbeit, in der Kneipe, beim Smalltalk im Kleingarten gehört. Genau mit demselben bräsigen Unterton und dem scheinbar gefühlvollen Heischen um Anteilnahme: „Ist doch so?“

    Und man hat weggehört oder hat sich lieber kurz angebunden verabschiedet, weil gar nicht so klar war, ob der gemütvolle Nachbar nicht doch gleich explodieren würde wie ein überhitzter Dampfkessel.

    Das Reisen beginnt immer zu Hause. Und die Meisten fahren nicht mal weg, wenn sie die ganze Welt umfliegen. Denn sie verlassen ihr enges Gehäuse aus Vorurteilen nicht. Sie wollen gar nicht wirklich wissen, wie die anderen Menschen leben, wie sich die Wasserträger in Marrakesch ihren Lebensunterhalt verdienen oder der junge Mann irgendwo bei einem Hotel in Afrika. Zumindest neigt Lochner zum Fragen und Neugierigsein. Da sind weder Kellner noch Kneipenwirte noch Busfahrer vor ihm sicher. Wer nicht fragt, bleibt doof. Jedenfalls verlässt der dann niemals die knappen Schönwetter-Weisheiten der Reisekataloge.

    Da und dort lässt Lochner auch durchblicken, wie wertvoll die Erfahrung aus einem Land ist, das es seit 25 Jahren nicht mehr gibt. Denn damals war man zu einer anderen Art Reisen gezwungen, auch zu wesentlich mehr Eigeninitiative und Kontaktbereitschaft. Länder wie Polen waren ohne diese Bereitschaft nicht zu bereisen. Und so lernte man nebenbei natürlich, wie anders Andere lebten und wie sie dennoch ihre Zuversicht, Gastfreundschaft und Gesprächsfreude bewahrten. Das prägt – auch in Zeiten, in denen nun wieder neue Besserwisser einem medial zu erklären versuchen, warum die Völker da im Osten eigentlich fremd und nicht zu verstehen sind.

    Das wird recht deutlich, dieses Gefühl, das auch Lochner dazu treibt, lieber noch ein Weilchen nachzudenken über das Erlebte, bevor er sich ein Urteil bildet: Wer immer schon alles weiß über die Anderen, der braucht ja auch nicht hinzufahren und was lernen wollen. Und augenscheinlich gibt es hierzulande eine Menge überzeugungsmächtiger Leute, die nie was anderes gesehen haben als eine Bestätigung ihrer eigenen Fertigware an Wissen.

    Wobei man beim Durchlesen durch die eher anekdotischen Texte Lochners auch merkt, dass in dem Mann auch immer noch ein Philosoph steckt, der auch zugestehen kann, dass er beim Reisen durch die Zwergstaaten Europas, die Prärien Australiens oder die Landschaften Skandinaviens durchaus auch mal nichts lernt über Land und Leute, dafür mal wieder was Neues über sich selbst. Und nebenbei zieht er lustvolle Vergleiche, etwa wenn er den Bibern in Schweden begegnet oder den eingewanderten Grauhörnchen in England oder der mythischen Regenbogenschlange in Australien. Da wird die Tierwelt zum Symbol menschlichen Handelns – oder Versagens. Denn der Biber kommt nach 40 Jahren wieder, wenn die Bäume, die er abgenagt hat, nachgewachsen sind. Doch der Mensch schafft Wüsteneien, die in Jahrtausenden nicht wieder lebendig werden.

    Und an vielen Stellen schleicht sich logischerweise auch die Gegenwart herein in dieses Buch. Denn der registrierte Mitteleuropäer hat ja keine Schwierigkeiten, in die Welt zu reisen. Aber wie geht Europa mit den Menschen um, die in der Welt auf einmal in Bewegung sind, um aus einer zerstörten Landschaft zu fliehen und eine neue Heimat zu suchen? Da stößt der Reisende natürlich auf das gnadenlose „australische Modell“, das die Hartleibigen auch für Europa diskutiert haben.

    Das ist dann eine völlig andere Art des Reisens. Aber es ist dieselbe Welt. Und wer beim Reisen hinschaut und was lernen will, der hört irgendwann auf, ein Pauschaltourist ohne Kontakt zur Wirklichkeit zu sein, der wird ein Stück weit aufmerksamer und es schleicht sich so eine Ahnung ein: Wenn wir so weitermachen, wird es diese kulturvolle Art des Reisens bald nicht mehr geben. Dann wird die Welt zu einem Aufenthaltsort, in dem die grimmigen alten Männer mit ihren sauren Vorurteilen dafür sorgen, dass das Reisen wieder zu einer Gnade wird. Oder einer Gefälligkeit für Auserwählte.

    Und dabei stecken Lochners Reiseskizzen doch voller Humor, fröhlichem Augenzwinkern und der alten Freude am Lernen. Manches mag so nicht passiert sein, leicht verfälschte Erinnerung eben. Aber wer nicht im eigenen Kopf reisen kann, bleibt am besten gleich Zuhause. Denn der lernt da draußen auch nichts Neues.

    Reinhard Lochner Ausbruch des Ätna, Lychatz Verlag, Leipzig 2015, 19,95 Euro.

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