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Was macht man eigentlich mit einem Vogel auf dem Kopf?

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    Manchmal ist es ganz einfach, wieder in die Welt der Kinder einzutauchen. Der amerikanische Zeichner und Geschichtenerzähler Mo Willems macht es vor. Mit Elefant und Piggie hat er sich zwei Gestalten erschaffen, die das Leben noch so naiv annehmen, wie man es als Kind selbst mal getan hat vor undenklichen Zeiten. Bevor einem die Anderen klar machten, wie leicht sich Naivität missbrauchen lässt.

    Das Ergebnis ist dann eine Welt, in der lauter Scheinerwachsene mit einem aufgeblähten Dünkel auf alle herabschauen, die noch staunen können, Fragen haben, unsicher sind, manchmal verwirrt, manchmal überfordert, weil sich die Emotionen und Einsichten prügeln im Kopf. Wer immer nur Schwarz-Weiß sieht, der kennt das gar nicht, dass man immer wieder auch zögern kann, wenn die möglichen Alternativen des eigenen Handelns mehr als nur zwei, drei oder vier Optionen bieten – und jede Wahl ihren Hinkefuß hat. Das nennt man dann Skrupel.

    Und wir leben nun einmal wieder in Zeiten, in denen die Skrupellosen die ganze große Bühne für sich allein haben. Und mit aufgeblasener Arroganz auf alle herunterspucken, die da so ihre Zweifel, Besorgnisse oder die dumme Ahnung haben, dass die Geradlinigkeit der Panzer und Vereinfacher wieder mal in eine große Katastrophe führt.

    Und auch in dieser kleinen, ganz einfachen Geschichte geht es wieder um so einen Moment des Stutzens. Auch wenn es Kindern wohl eher selten passieren wird, dass sie eines Tages erstaunt feststellen, dass sie einen Vogel auf dem Kopf haben. Aber Elefant Gerald kann das schon mal passieren. Und er ist gewaltig erschrocken, als ihm Piggie, das Schweinchen, verrät, was er da hat. Eigentlich eine ganz normale Situation. Auch wenn es bei Menschenkindern eher seltener Vögel sind, die zur Landung ansetzen. Aber die Situation kennt man. Erst recht, wenn man es mit etwas zu tun bekommt, was nicht einfach verschwindet, sondern sich geradezu zum Zustand ausweitet. Zum Beispiel ein Pflaster auf einer Beule, ein schrecklicher Mückenstich oder irgendetwas anderes Furchtbares, was einem ganz heftig peinlich ist. Aber eigentlich nicht peinlich sein müsste, wenn man einfach so gelassen wäre wie der Elefant, später, nach der ersten Aufregerrunde, nachdem er erfahren hat, dass es nun zwei Vögel werden.

    Es geht recht flott, was Mo Willems hier als kleine Geschichte aus der Vogelwelt erzählt. So flott, dass Elefant Gerald gar nicht mehr hinterher kommt bei dem, was da auf seinem Kopf vor sich geht. Und auch ein bisschen ratlos ist. Denn was macht man da eigentlich in so einer Situation?

    Schweinchen Piggie hat dann durchaus einen vernünftigen Vorschlag, was als Handlungsanregung freilich wieder ein Stück über die Geschichte hinausgeht und natürlich auch mit unserem manchmal kindlichen, manchmal kindischen Umgang miteinander zu tun hat. Es ist also wieder so ein Buch, mit dem große Vorleser und kleine Bilderangucker gemeinsam was lernen können über den Umgang miteinander, von Großen mit Kleinen und von Kleinen mit Kleinen. Denn wenn man es nicht lernt, weil man sich so schrecklich grämt oder schämt – zum Beispiel über lauter zwitschernde Vögel auf dem Kopf – dann lernt man etwas Wichtiges fürs Leben nicht. Da geht es den amerikanischen Kindern, bei denen Mo Willems schon jede Menge Freunde hat, genauso wie den hiesigen. Ist ja so: Mancher fühlt sich wie ein trauriger, von Kopfgeburten geplagter Elefant. Und ist richtig froh, wenn er Freunde hat wie Schweinchen, die sich einfach darüber freuen, dass Dinge passieren und man drüber reden kann.

    Natürlich wird die Lösung nicht verraten. Sonst plaudert’s noch einer aus.

    Obwohl es natürlich auch wieder ein Buch ist, das zwar mit seinen großen Buchstaben in den Sprechblasen prima als Erstlesebuch funktioniert. Aber die eigentliche Geschichte ist auch für Stöpsel im Vorlesealter aufregend. Denn diese herrliche Naivität dem Leben gegenüber, die hat man eigentlich nur, bevor man richtig ernsthaft mit Lesen anfängt. Und da interessieren einen ja diese ganzen kleinen wilden Dramen noch. Eltern kennen das, diese Verzweiflung nach manchem Kindergartentag, wenn der Ulf und die Henrike wieder …, und der Ulli und der freche Klaus … Ist ja nicht so, dass Kinder Rücksichten kennen, wenn sie es noch nicht gelernt haben. Und einfach ist das nicht, das wissen Eltern auch. Da ist es immer gut, genau das richtige Bilderbuch im Regal zu haben und mit dem kleinen, zutiefst verletzten Wesen zusammen einmal zu erkunden, was Elefant Gerald und Schweinchen Piggie tun, wenn mal wieder was passiert, was einfach nicht zu fassen ist. Natürlich gibt es viel schlimmere Sachen als einen Vogel auf dem Kopf. Aber man kann ja mal mit einem Vogel anfangen … immer darauf gefasst, dass es noch viel schlimmer kommen kann.

    Mo Willems: Du hast einen Vogel auf dem Kopf!, Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2016, 9,95 Euro.

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