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Mario Markus nimmt den Leser mit auf die Reise in die moderne Hirnforschung und den Beginn einer künftigen Neurotechnik

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    Gedichte schreibt er auch, dieser Mario Markus, geboren 1944 in Chile, als Physiker langjährig tätig am Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie in Dortmund. Und kaum ist sein Gedichtband „Stiche“ erschienen mit Gedichten auf spanisch und deutsch aus seiner Feder, gibt's gleich das nächste Buch. Diesmal eins, das sich mit dem beschäftigt, was in unserem Gehirn passiert.

    Zumindest mit dem Stand der Forschung. Denn nackt mag unser Gehirn in mancher Beziehung zwar schon daliegen, wenn dutzende Forschungsgruppen weltweit mit den heute möglichen technischen Mitteln der Hirnschau, wie es Markus nennt, versuchen, auszulesen, was bei welchen Reizen und Aktivitäten in unserem Gehirn passiert. Die Beobachtungstechniken wurden im Lauf des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer weiter ausgefeilt, reichen vom altehrwürdigen Elektroenzephalogramm (EEG)  über die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) bis zur Nahinfrarotspektroskopie (NIRS). Die Methoden hat Markus im Anhang noch einmal säuberlich erklärt. Genauso, wie er im Vorspann so eine Art Übersicht gibt über die wichtigsten Hirnregionen: Frontallappen, Kleinhirn, Vorderes und Hinteres Cingulum usw. Das Gehirn quasi als Landkarte.

    Denn wenn man sich mit Markus ins zweite Kapitel stürzt, ist so ein kleiner Atlas ganz nützlich, denn ein Hauptaugenmerk der Hirnforschung lag in den vergangenen Jahrzehnten ja darauf, all die Regionen irgendwie zu lokalisieren, die mit unseren Erlebnissen, Leidenschaften, Wahrnehmungen, Bildern und Orientierungen zu tun haben. Alles passiert im Gehirn – auch die Bildung dessen, was wir so als Ich bezeichnen. Unsere Glaubensvorstellungen werden hier gebildet, unsere Gefühle vom Hass über die Liebe bis zum Mitgefühl – alles lässt sich nachweisen. Tausende Probanden haben sich weltweit schon den unterschiedlichen Tests und Studien zur Verfügung gestellt, um den Forschern zu helfen, unsere komplexe Weltwahrnehmung im Gehirn sichtbar zu machen.

    Und das ist der Punkt, an dem der skeptische Leser sich natürlich zurücknimmt. Denn beobachten kann man nur, welche Gehirnregionen wann und wie lange aktiviert werden. Das wird im Umschlagbild schön illustriert. Denn unser Gehirn ist eigentlich ein dichtgepackter Netzknoten. Bilder, Zahlen, Worte, Emotionen usw. entstehen nicht als fertige Produkte, die irgendwo aus einer kleinen Schublade gezogen werden, sondern als Aktivierung ganzer Nervenbündel und Regionen. Was dann auf den Bildschirmen der Forscher als Aufleuchten sichtbar wird.

    Das passiert selbst bei Bildung von Wörtern, wie ja jüngst auch Elisabeth Wehling in ihrem Buch „Politisches Framing“ anschaulich erklärte: Ganze Kaskaden von Assoziationen und Beziehungen werden aufgerufen, Bilder sowieso. Emotionen nicht zu vergessen, denn eigentlich haben wir ja nach wie vor das Gehirn von emsigen Jägern, die ihre Reviere verteidigen und ums blanke Überleben kämpfen mussten. Rund 50 solcher Forschungsfelder blättert Markus allein im zweiten Kapitel auf und fragt dabei durchaus diskutante Fragen wie „Verfügen wir wirklich über einen freien Willen?“ oder „Kann man religiösen Glauben sehen?“

    Letzteres wird übrigens mit „Ja“ beantwortet, was natürlich nicht bedeutet, ob man „Gott“ sehen kann. Aber Glauben ist vor allem eine starke Emotion – die wieder anderen starken Emotionen ähnelt oder mit ihnen fast identisch ist. Und auch an Placebos kann der Mensch glauben. Je mehr positive Emotionen da angeregt werden, umso stärker. Ein Spielfeld nicht nur für Ideologen, sondern auch für die Werbeindustrie oder die Filmmaschine Hollywood.

    Wobei das nicht einmal die wichtigste Erkenntnis aus all den Experimenten ist. Viel wichtiger ist, wie sehr wir von grundlegenden Gefühlen dominiert werden – Scham, Schuld, Stolz, Neid, Hass, Eifersucht. Bis hin zur Lust am Töten. Was verblüfft auf den ersten Blick. Aber auf den zweiten nicht mehr. Denn das, was wir Zivilisation nennen, ist evolutionsgeschichtlich viel zu jung, um die grundlegenden Funktionsweisen unseres Gehirns verändert zu haben. Und natürlich haben die Forscher trotzdem herauskriegen wollen: Wo aber wird das zu zivilem Verhalten?

    Denn auch das wurde gefunden: Auf Menschen anderer Hautfarbe, fremden Aussehens, reagieren auch menschenfreundliche Probanden erst einmal mit einer im Test sichtbaren Abwehr. Erst wenige Millisekunden später werden andere Gehirnbereiche aktiviert, die das erste Gefühl unter Kontrolle nehmen. „Gefühle stärker als Vernunft?“, heißt denn auch eine der provokanten Fragen des Autors. Der dann freilich auch von Rassismus spricht an dieser Stelle. Es gibt ein paar Stellen, an denen Markus vereinfacht. Auch an dieser. Denn nachweislich aggressive Gefühle, die im Gehirn sichtbar werden, sind noch kein Rassismus. Solche Reaktionen sind übrigens nicht nur bei weißen Probanden festgestellt worden. Augenscheinlich reagiert der Mensch auf andere Menschen mit einem Habitus, der nicht der eigenen Erfahrungsgruppe entspricht, immer erst einmal mit Abwehr.

    Was genauso verständlich ist wie alle anderen uralten Sofort-Gefühle – von der Eifersucht bis zur Abscheu. Wer in den uralten Zeiten, in denen die Grundstrukturen unseres Gehirns sich ausgeprägt haben, nicht sofort reagierte – und dazu gehörte auch die sofortige Herstellung von Abwehrbereitschaft – der war in der Regel am Ende tot. Nur haben wir solche Zeiten nicht mehr. Aber die Emotionen sind noch da. Und wenn man dann sieht, was im vorderen Cingulum passiert, bekommt man eine Ahnung davon, was Zivilisation eigentlich heißt: eine zunehmende Analyse und Kontrolle nicht nur der Situation, sondern auch unserer Gefühle.

    Was in einem nächsten Schritt – den Mario Markus hier nicht geht – natürlich Fragen aufwirft wie: Was passiert eigentlich, wenn wir die Kontrolle aufgeben und wieder die wilden, animalischen Emotionen regieren lassen? Wahrscheinlich genau das, was in Ruanda passiert ist, was in Syrien passiert oder der Ostukraine.

    Und man muss nur noch ein wenig weiterdenken und ahnt, was damit angerichtet wird. Denn die zivilisatorische Kontrolle im vorderen Cingulum ist ja nicht angeboren, sie ist Teil der Erziehung. Eigentlich eine wunderbare Errungenschaft, die die Menschheit sich da in den letzten 10.000 Jahren angeeignet hat: Regeln zu finden, die das Zusammenleben auch in großen, vielsprachigen und multikulturellen Gruppen möglich macht. Denn das waren ja die modernen Zivilisationen immer. Deswegen kommt das Motiv ja auch so zentral als „Turm von Babylon“ im Alten Testament vor. Genauso, wie die Gesetzgebung durch „Gott“ dort so zentral steht: Es sind die „göttlichen“ Gebote, die erst die Grundlage dafür geschaffen haben, dass kooperative (und im besseren Fall sogar solidarische) Gesellschaften erst möglich wurden.

    Deswegen hat Markus das Wort Rassismus wohl sogar falsch gesetzt. Denn Rassismus entsteht erst, wenn man diese Grundaggressionen unkontrolliert zulässt – der direkteste Weg, eine Zivilisation zu destabilisieren. Was auch in der Sache mit dem Turm von Babylon meistens falsch interpretiert wird: Zusammengestürzt ist dieses gemeinsame Unterfangen erst, als sich die Erbauer nicht mehr verständigen konnten, als „Gott“ die Sprachen verwirrte.

    Was den Blick auf die wichtige Rolle von Sprache lenkt. Denn auch die gehört zum Nicht-Angeborenen. Was die echten Rassisten nie begreifen werden. Sprache bildet im Grunde den ganzen sehr aufwendigen Aneignungsprozess ab, mit dem Menschen beim Aufwachsen lernen, ihre Umwelt zu benennen und ihr einen Namen zu geben. Noch so eine Stelle, an der man merkt, wie klug eigentlich viele alte Geschichten aus der Bibel sind: Da hat „Gott“ zwar die Welt erschaffen, aber begreifbar wurde sie für Adam erst, als er allen Dingen einen Namen gab.

    Ein eindeutig zivilisatorischer Prozess: Der Mensch begegnet seiner Umwelt nicht mehr mit reinen Instinkten oder Emotionen, sondern er zähmt sich selbst, indem er die Dinge mit Namen versieht und ein rationales und differenziertes Bild seiner Welt schafft.

    Aber das ist jetzt ein Abschweif, der natürlich über die von Markus geschilderten Tests und Experimente hinausgeht. Über seinen etwas humorvollen Ansatz im ersten Kapitel – „Parapsychologie: Mal klappt es und mal klappt es nicht“ – sowieso. Aber das Kapitel hat er ja mit Absicht gesetzt, um auf den ihm eigentlich wichtigen dritten Teil im Buch hinzuleiten, in dem es darum geht, wie moderne Wissenschaft versucht, echte Prothesen zu bauen, die den Kurzschluss zwischen den Prozessen in unserem Gehirn und implantatgesteuerten Maschinen herstellen, also quasi Geräte mit „Gedankenkraft“ zu steuern, wie das gern so schön heißt.

    Aber um Gedanken in dem Sinn geht es ja nicht, sondern um die damit verbundenen Impulse, die in unserem Gehirn ja messbar sind – und damit auch übersetzbar in elektronische Befehle. Ein Feld, auf dem seit Jahren intensiv gearbeitet wird – auch um Menschen mit Gehirnschädigungen wieder neue Möglichkeiten zu eröffnen, sich zu äußern, zu bewegen oder auch wahrzunehmen. Denn alles findet nun einmal im Gehirn statt, alle „Befehle“ finden hier als Signal statt – ob das die Bildwerdung dessen ist, was unsere Augen wahrnehmen, ob das die Formung von Wörtern ist, die Organisation von Bewegungen der Hand oder der Füße oder die Umwandlung von Schallwellen in eine gehörte Geräuschkulisse. Alles sehr komplexe Vorgänge, von denen bisher immer nur Ausschnitte oder sehr rudimentäre „Befehle“ auch in elektronische Interaktion mit diversen Hilfsgeräten umgewandelt wurden.

    Im dritten Teil versucht Markus, den Stand der Technik zu umreißen, wie er im Jahr 2016 vorzufinden ist. Im Teil vier geht er noch etwas detaillierter auf die heute schon möglichen Gehirnmanipulationen ein – eine zweischneidige Angelegenheit, wie er selbst betont. Aber so ist es ja immer auf den Vorfeldern von Wissenschaft und Technik: Neue Erkenntnisse geben uns neue Möglichkeiten – aber was wir daraus machen, kann alles Mögliche sein. Das kann ein neuer Weg sein, für bisher irreparable Gehirnschädigungen (Parkinson, Alzheimer, Schlaganfall usw.) neue Behandlungsformen oder technische Hilfsmittel zu entwickeln. Aber gleichzeitig eröffnen diese Techniken natürlich auch Wege, in die Persönlichkeit von Menschen einzugreifen, sie zu manipulieren oder auch mit neuen Fähigkeiten zu ergänzen. Da steckt so ein wenig der Traum vom Superhirn. Und so um das Jahr 2040, meint Markus, würde das in unserer Welt durchaus eine realistische Möglichkeit sein.

    Den ganzen Aspekt, wie schon mit heutigen möglichen Techniken das Sehen, Hören und Fühlen über Prothesen ermöglicht werden kann, hat Markus in Teil 5 seines Buches untergebracht, bevor er auf die Möglichkeiten moderner Robotertechnik eingeht, tatsächlich schon echte Mensch-Maschine-Interaktionen über das Gehirn herzustellen. Wobei man beim Lesen durchaus das Gefühl hat, dass die Forscher zwar schon futuristische Bilder malen, aber von einer Verschmelzung Mensch-Maschine in dem Sinn noch keine Rede sein kann. Vielleicht kommt das mal – vielleicht aber sträuben sich die Gesellschaften auch dagegen. Denn, und darauf kommt Markus im siebenten Teil: Es sind ein Haufen ethischer Fragen mit diesem Komplex verbunden. Und zwar nicht nur Fragen, die totalitäre Regierungen vielleicht einfach vom Tisch wischen. Denn die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) taucht ja nicht ohne Grund als Geldgeber bei vielen der zitierten Hirnstudien auf – meist mit der Begründung, sie würde neue Behandlungsmethoden für geschädigte Kriegsveteranen suchen. Aber dieselben Forschungen lassen sich in der Regel auch direkt auf den Einsatz im Krieg ummünzen. Je mehr wir über unser Gehirn und die Möglichkeiten der Technik wissen, umso mehr Wissen sammelt sich an, das auch für keineswegs friedliche Zwecke eingesetzt werden kann.

    Und da kommen natürlich moralische Diskussionen auf uns zu, die weit über das hinausgehen, was noch im 20. Jahrhundert diskutiert wurde.

    Wobei natürlich der grundsätzliche Zwiespalt bleibt: Denn die Forschungen haben ja nun sehr klar gezeigt, wie fest unsere animalischen Gefühle „eingebaut“ sind in unser Gehirn und wie gefährdet die zivilisatorische Kontrolle, die nun einmal einen festen Rahmen, ein gut ausgebautes Bildungssystem und eine grundlegend kommunikationsfähige Gesellschaft braucht. Braucht es da tatsächlich Superhirne? Gar solche, deren elektronische Ausstattung anfällig ist für neue Viren und Hackerangriffe? Oder sollten wir nicht erst einmal lernen, die ganze seltsame Struktur unserer Gehirne zu begreifen? Was uns vielleicht auch eine Menge lehren könnte über unsere Welt, unsere Politik, über Fanatismus, Glück und Gier. Und über den gar nicht so neuen Glauben, Technik – in diesem Fall die Neurotechnik – könnte unser Leben revolutionieren, wo wir noch nicht einmal die Möglichkeiten unseres Gehirns, so wie es ist, schon begriffen haben.

    Mario Markus Das nackte Gehirn, Theiss Verlag, Darmstadt 2016, 24,95 Euro.

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