Was man entdecken kann, wenn man einen Nationalpark mit Blick fürs kleine Besondere erkundet

Als Schauplatz für allerlei Morde hat der Leipziger Krimi-Autor Henner Kotte die Sächsische Schweiz schon für sich entdeckt. Und da er gern so realitätsnah wie möglich arbeitet, hat er sich die Tatorte natürlich auch angeschaut. Und irgendwie öffnete sich dabei sein Herz ganz weit – nicht für die Täter, sondern für die Landschaft. Solche Berge gibt es ja in Leipzig nicht.

Anderswo auch nicht. Es ist ein Kleinod, das sich da im östlichen Zipfel Sachsens gefunden hat, jahrhundertelang eher randlagig. Eher nur geeignet zum Bau von Festungen, Burgen und Zollstationen. Hier ließ sich der große Fluss beobachten, hielten sich die Könige, Markgrafen und Fürsten in Schach. Und Sächsische Schweiz hieß das alles noch lange nicht, darauf mussten erst zwei Schweizer kommen, die ihre Kunst an der frischgegründeten Dresdner Kunstakademie lehrten und von zu Hause aus gewohnt waren zu wandern, auch mal über Berg und Tal. „Malers Blick“ nennt Henner Kotte das Kapitel, in dem er in seinem unvergleichlich knappen Stil auf die beiden Maler Adrian Zingg und Anton Graff eingeht, die das „Hochland hinter Meißen“ erkundeten und gar nicht anders konnten, als die stille Weltecke mit ihrer Heimat zu vergleichen. Sie brachten den Begriff Sächsische Schweiz erstmals in Umlauf. Populär machte ihn 1804 Magister Wilhelm Leberecht Götzinger mit seiner Beschreibung „Schandau und seine Umgebungen oder Beschreibung der sogenannten Sächsischen Schweiz“.

Danach lief alles wie von selbst, strömten die großen Maler der Romantik – allen voran Caspar David Friedrich – in diese bizarre Weltecke und verewigten die wild geformten Sandsteinformationen, die Tafelberge, Sonnenauf- und -untergänge, die wilden Täler, Bäche und Klüfte.

Dabei waren sie nicht mal die ersten Landschaftsmaler, die diese Ecke erkundeten. 100 Jahre vorher war auch ein gewisser Canaletto schon hier gewesen, hatte die Pirnaer Stadtlandschaft gemalt. Man kann auf Malerwegen wandern. Oder mit Malers Augen. Oder mit romantischem Blick. Das schimmert bei manchem Foto durch, das in diesem Entdeckerbüchlein geradezu lakonisch beschriftet ist. Man schaut ja ganz anders, wenn man aus der großen, hektischen Stadt kommt, wo man unangenehm auffällt, wenn man einfach stehen bleibt und Schönes beschaut. Vielleicht flieht der Großstädter auch deshalb lieber pflichtschuldigst in die Wälder und Gebirge, um mal unbeobachtet zu sein beim Alleinsein mit der Welt. Auf Klippen zu stehen (am besten welchen mit Geländer), auf kühnen Brücken oder auf der Bastei oder dem Lilienstein, um weit zu schauen, so weit, wie man es vom Scherbelberg niemals kann. Und der Horizont ist keine dunstige Linie im Flachen, sondern voller Felsspitzen, Berge, Aufs und Abs. Landschaft eben, wie gemalt. Oder ausgeschliffen – das Tektonische und Geologische lässt Kotte ja nicht weg. Die überlieferten Kriminalfälle, die ihm begegnen, logischerweise auch nicht.

Und schon gar nicht sein Wissen um die schon verarbeitete Landschaft in gedruckten oder verfilmten Kriminalfällen. Auch so kann man durch diese Gegend wandern: mit dem Wissen, dass auch hier menschliche Tragödien passiert sind, so wie anderswo auch. Nur natürlich romanhafter, was selbst Leute wie Fontane zum Überlegen brachte, der immer auf der Suche war nach gutem Romanstoff. Auch hier.

Dabei gliedert Kotte sein Buch nicht nach 99 „Orten, die man gesehen haben muss“. Das hätte man vielleicht mit einigem Zwang machen können. Aber das wäre wohl der Sächsischen Schweiz nicht gerecht geworden. Lieber geht er vor wie ein Maler, malt erst das Große (die Landschaft selbst) und geht dann auf vielfältig bebilderten Doppelseiten auf das Besondere ein, was im Grunde alles Wesentliche aufzeigt, was man bei einem Besuch mitnehmen kann – vom Schloss Wesenstein über Wagner-Denkmal, Felsenbühne Rathen, den Sonnenstein in Pirna und die Kirnitzschtalbahn bis zum Lilienstein. Alles immer wieder mit Geschichte getränkt: Rote Bergsteiger, die erste gleislose Motorbahn im Bielatal, eine vergessene Rennstrecke oder die große Legende um Gräfin Kosel auf Burg Stolpen.

Man begegnet Berühmtheiten, lernt die Schlucht kennen, in der Wagner seinen Lohengrin fand, und die Schlucht, wo Weber die Wolfsschluchtszene aussponn. Und danach geht’s ins Kleine Besondere, erzählt Kotte in lauter Miniaturen, was man noch so alles rechts und links der Wege sehen und entdecken kann, wenn man nur die Augen aufsperrt. Denn die Fülle wird erst sichtbar, wenn man sich wirklich Zeit zum Abschweifen nimmt zu Luchsgehegen, Pflanzengärten, zu Teufelsbrücke und Murrestein, zu Labyrinthen, Flechten, Hochöfen, Zirkelstein. Dabei lenkt der Autor natürlich die Aufmerksamkeit auch auf handbetriebene Wasserfälle, das Besondere an der Gierseilfähre Rathen, auf alte Geistersagen, alte Räuberpistolen oder die Eiszeit, deren Gletscher es sogar bis hierher schafften.

Dass einem selbst Leute wie Johann Tetzel, Schostakowitsch und Hans Christian Andersen begegnen, liegt natürlich an der seit 1804 ausstrahlenden Faszination dieser Landschaft, aber auch daran, dass manche Leute – wie eben dieser Tetzel – hier einfach geboren wurden. Übrigens vor 551 Jahren – dieses Jubiläum hat Leipzig 2015 einfach auch verpasst. Es hätte ja Dingen Anlass geben können, etwa einer großen Konferenz: „Worin besteht der Ablasshandel der Gegenwart?“ Ein herrliches Thema für weißgewaschene Fußballmanager, Politiker und Offshore-Konto-Inhaber. Hochaktuell, das alles.

Verständlich auch, dass immer wieder Filmcrews aus aller Welt in die Sächsische Schweiz einfallen, um zu anrührenden Scripts auch noch eine dramatische Landschaft ins Bild zu bekommen. Da und dort auch noch so einzufangen, dass keine Masten, Schornsteine und anderen modernen Aufbauten zu sehen sind, sondern nichts als pure Fels- und Waldkulisse, in der sich einsame Schreie und knackende Äste immer gut ausnehmen. Das macht sich in Krimis immer gut. Auch wenn in der rauen Wirklichkeit die Mörder meistens gar nicht heimlich kommen und meistens auch nicht so aussehen. Meistens sind es sowieso harmlose Wanderer, die selber erschrecken, wenn ein seltsames Rufen durch die Schlucht geht. Waren es Affen vom Affenstein? Doch wohl eher ein Uhu. Manches ist wilde Phantasie in dieser Landschaft, manches auch mitreißende Wirklichkeit – wie unten im Elbtal die großen Fluten, die immer dichter folgen, weil die Welt wärmer geworden ist. Auch das ein Grund, trotzdem hinzufahren und mal wieder rauszukommen aus der flachen Leipziger Perspektive. Manchmal braucht es einfach das Gefühl, dass man sich anstrengen muss, um was zu sehen von der Welt. Die Faulen werden sich natürlich zu den Sehenswürdigkeiten kutschieren lassen. Aber Henner Kotte erzählt seine Entdeckungen eindeutig aus der Perspektive des Wanderers, der auch mal ins Schwitzen kommt oder ins Frösteln, der aber alle Zeit der Welt mitgebracht hat, um die Ausflüge mit allen Sinnen zu genießen.

Henner Kotte: Sächsische Schweiz. Die 99 besonderen Seiten der Region, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2016, 9,99 Euro.

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