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Wie Deutschlands Rechtsextreme Sprache und Mythos als Tarnung benutzen

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    Prof. Georg Schuppener ist Germanist an der Universität Leipzig. Intensiv beschäftigt er sich mit der Sprache der deutschen Rechtsextremisten. Ein hochaktuelles Thema – nicht so sehr wegen der Verhandlung über das NPD-Verbot. Sondern wegen der Folgen für eine Gesellschaft, in der trojanischer Sprachgebrauch die gesellschaftlichen Diskurse zerfrisst. LTI 2.0 ist wie Zuckerwatte für Sitzenbleiber.

    Das schreibt Schuppener so nicht. Sein Arbeitsfeld ist die Analyse. Er nimmt die Netzwerke der deutschen Rechtsextremen unter die Lupe, die Foren, in denen sie sich gegenseitig anpreisen als germanische Heldenkrieger, die Vertriebe, wo man sich Klamotten mit martialischen Sprüchen kaufen kann, die Mythen, mit denen die Möchtegernhelden ihre Absichten verbrämen. Denn das Ziel dieser Weltumstürzer von ganz rechts außen ist ja nach wie vor das alte: die Zerstörung der Demokratie, die sie schon seit Adolfs Zeiten konsequent „das System“ nennen.

    Ein paar Jahre lang schien es so, als wäre dieser Haufen der Ewiggestrigen marginalisiert, eine Versammlung von gesellschaftlichen Verlierern, die in der starken Pose der Berserker ein Korsett für ihre Zerstörungswut gefunden haben. Aber im gesellschaftlichen Kontext schienen sie keine Rolle mehr zu spielen. Das hat sich geändert. Nicht erst mit der Entstehung des „NSU“. Der war eher schon der Gipfel, der Moment, als auch all die vielen deutschen Innenminister zerknirscht zugaben, dass sich die Rechtsextremen in der Republik nicht nur in zahlreichen Netzwerken bestens organisiert haben, sondern augenscheinlich auch völlig unbehelligt agierten und ganze Regionen regelrecht übernommen haben: im Brave-Bürger-Mäntelchen. Und mit einem Sprachgebrauch, der scheinbar das Heimelige im deutschen Provinzbewohner anspricht, bis hin zum Volks-Begriff.

    In Sachsen ja bestens zu beobachten, wie selbst der Slogan „Wir sind das Volk“ von den gestrigen Brüdern eingeheimst wurde, die mit dem Begriff Volk schon immer Schindluder getrieben haben und eine ganze Nation dazu gebracht haben, sich als Teil eines homogenen Volks-Körpers zu verstehen, der sich „gegen eine Welt von Feinden“ behaupten muss.

    Logisch, dass es bei Schuppener ein paar kleine Reminiszenzen an Viktor Klemperer geben muss. Keiner hat die Sprache des Dritten Reiches so klug und hellsichtig analysiert, ihre Funktionsweise auseinandergenommen und ihren Camouflage-Charakter entlarvt.

    Was eher verblüfft, ist die Tatsache, dass der Begriff Camouflage bei Schuppener gar nicht auftaucht. Obwohl er immer wieder zu dem Fazit kommt, dass die Sprache der heutigen Rechtsextremisten vor allem eine Sprache der Verstellung ist, der Tarnung. Viele explizite Formeln des NS-Reiches sind verboten. Wer sie benutzt, macht sich strafbar. Also haben die Rechtsextremen ein ganzes Vokabular als Ersatz entwickelt, das auf die verbotenen Aussagen verweist und dennoch die Haltung des Sprechers eindeutig macht.

    Und nicht nur das. Denn wenn die Glorifizierung des NS-Reiches und seiner Ideologie (mit Führerkult, Sozialdarwinismus, Demokratiefeindlichkeit usw.) verboten ist, dann braucht es trotzdem eine Art Klammer für die, die sich in ihrer feindlichen Haltung zur freien und offenen Gesellschaft finden wollen. Da ist, wie Schuppener feststellt, in den vergangenen 20, 30 Jahren etwas geschehen, was selbst im NS-Reich so noch nicht greifbar war, auch wenn es dort schon eine Glorifizierung der „alten Germanen“ und ihrer Mythologie gab. Aber da sich der faschistische Geist im Hitlerreich ungehemmt ausleben konnte, brauchte er keine Tarnung, keine Camouflage. Man rezipierte zwar die alten Mythen und stellte die eigene Arier-Ideologie in eine Geschichtslinie mit idealisierten Germanen. Aber das war es auch schon.

    Wer heute die Foren und Publikationen der neuen Nazis anschaut, der stolpert sofort über eine ganze Welt der mythischen Namen und der Bezüge auf Walhalla, Ragnarök und den kriegerischen Geist der germanischen Götter. So massiv, dass es fast folgerichtig ist, dass sich die demokratische Mehrheitsgesellschaft kaum noch mit den nordischen Mythen beschäftigt. Es sieht ganz so aus, als hätten die modernen Nazis die germanischen Mythen komplett okkupiert. Und wer sich dennoch mit Odin, Thor, den Walküren oder der Midgardschlange beschäftigt, kommt sofort in den Verdacht, der Nazi-Ideologie aufgesessen zu sein. Zur Verblüffung Schuppeners. Denn der akribische Blick in das, was die Netzwerke der Rechtsextremen aus den alten Mythen gemacht haben, zeigt recht deutlich, dass sie sich nur das herausklamüsert haben, was in ihr Selbstbild  von Aggression und glorifiziertem Heldentum passt. Sie haben sich das, was in der „Edda“ steht, passend gemacht, den Mythos regelrecht amputiert.

    Was sie auch deshalb konnten, weil sich die Mehrheitsgesellschaft nach 1945 fast komplett aus der Rezeption der alten germanischen Mythen zurückgezogen hat. Man kennt sie kaum noch, anders, als es noch zu Wagners Zeit war, der damit rechnen konnte, dass sein Publikum wusste, was er in der „Götterdämmerung“ poetisch verklärt auf die Bühne brachte.

    Wer auf eine ahnungslose Gesellschaft trifft, die die geheimnisvoll klingenden Namen aus der Mythologie nicht mal mehr einordnen kann, der hat natürlich ein ideales Feld gefunden, auf dem er sich tarnen kann und die eigentlich gemeinte Botschaft – die Glorifizierung des NS-Reiches – hinter düsteren mythischen Namen und Klängen verbergen kann. Schuppener arbeitet sehr deutlich heraus, wie das funktioniert und wie sehr der germanische Mythos heute zur Tarnung dessen dient, was gewaltbereite Neonazis tatsächlich wollen und auch tun.

    Aber nicht nur das. Schuppener geht auch auf weitere Funktionen ein, die der so massiv angeeignete Mythos für die rechte Szene übernimmt: Er wird zur Chiffre für Eingeweihte, grenzt die Gruppe der Insider ab von einer ahnungslosen Mehrheitsgesellschaft. Es entsteht eine eigene, in sich abgeschlossene Welt. Die Abgrenzung hat noch eine weitere Funktion: Sie macht die Eingeweihten zu etwas Besonderem: „Auf diese Weise gelingt es Rechtsextremisten, sich mit der Ausdeutung und Vereinnahmung von Mythen als Träger elitären Wissens darzustellen“, schreibt Schuppener.

    Und das ist – Schuppener muss es gar nicht extra betonen – höchst verführerisch gerade für junge Menschen, die sich in unserer Gesellschaft verloren und an den Rand gedrängt fühlen. So eine von martialischen Fantasy-Bildern aufgeladene elitäre Welt reizt geradezu zum Ausprobieren und Mitmachen. Man legt sich nicht nur einen Habitus des Eingeweihten zu, sondern bekommt auch gleich noch eine Sprache und eine Welt mit Emotionen (kriegerischer und todessehnsüchtiger zumeist), die das Mitmachen zum heldenhaften Abenteuer machen. Der Zugriff auf die nordisch-germanische Mythologie spielt, so Schuppener, speziell bei rechtsextremen Jugendlichen „eine wesentliche Rolle für die Identitätsstiftung, Orientierung und Sinnkonstruktion“.

    Diese Welt ist nicht nur geheimnisvoll durchraunt, sie bietet jungen Männern auch mit Aggression aufgeladene Rollen, mit denen sie sich identifizieren können. In einigen Teilen des Buches geht Schuppener auf die offensive Auseinandersetzung der Rechtsextremen mit der jüdisch-christlichen Religion ein, weiß auch nicht so richtig, wie er diese Totalaneignung der germanischen Mythologie eigentlich einordnen soll: Sind denn diese zu Odin und Thor betenden Neonazis tatsächlich religiös? Spricht sich hier eine neu geschaffene heidnische Religion aus, mit der diese Neo-Germanen wieder Anschluss suchen an eine fiktive heile Welt vor 2.000 Jahren?

    Dem Leser will das nicht so recht einleuchten, auch wenn einige Liedtexte, Gedichte und Nachrufe zitiert werden, die geradezu überquellen in süßlicher Götterverehrung. Glauben deren Verfasser wirklich, dass Odin und Thor wieder als echte Götter regieren und die in Straßenprügeleien gestorbenen Mitkämpfer von Walküren nach Walhall begleitet werden?

    Das Material ist höchst heterogen, eigentlich passt nichts zusammen. Eher machen diese sprachlich überzuckerten Ergüsse nur deutlich, wie sehr diese inbrünstige Haltung nur Staffage ist und wie wenig die Sprecher tatsächlich von der alten germanischen Mythologie wissen. Die eben ganz und gar nicht nur martialisch ist, auch wenn die alten Götter ziemlich finstere Gestalten sind, rabiat und gnadenlos – aber das waren übrigens auch die alten Götter der Griechen, Römer und Juden. Eher erinnern die Sprechweisen an ein esoterisches Geraune, an einen Versuch, in eine Art Priester-Rolle zu schlüpfen. Für Außenstehende wirkt es eher bemüht, ein aufgesetzter Gestus, der eher zeigt als verbirgt, dass die Sprecher in ihrer Rolle nicht heimisch sind. Es geht ihnen wie so vielen Jüngern moderner esoterischer Kulte: Sie versuchen mit aller Macht, Teil einer verschworenen Gemeinschaft zu sein. Aber wenn man das Geheimnisvolle dann genauer betrachtet, ist es nur Fassade. Dahinter ist nur ein großes Ahnen spürbar. So wie bei den Granden der NS-Poesie, ein mystisches Flackern am Horizont.

    Was Kulte übrigens stark macht: Die „Gläubigen“ bleiben im Ungewissen über das, worum es wirklich geht, tauchen in eine Welt der vagen Versprechen ein. Man schafft eine mystische Gemeinschaft, in der die wichtigsten Dinge im Nebel bleiben. Was noch einen Vorteil hat: Die Camouflage suppt in angrenzende Gesellschaftsbereiche hinüber.

    Worüber ja auch Klemperer schon schrieb: Worte werden mit Bedeutung aufgeladen und bekommen einen inhaltlichen Wandel verpasst. Volk, Heimat, Freiheit sind solche Worte, die auch im kleinbürgerlichen Milieu Anklang finden. Die Welthaltung der Demokratiefeinde wird anschlussfähig und ihre Vorurteile werden von Politikern auch aus dem konservativen Spektrum nachgeplappert.

    Das führt jetzt schon über das Buch hinaus. Aber es taucht als Gedanke immer wieder auf, wenn Schuppener die Lexik rechtsextremen Sprachgebrauchs beschreibt. Da darf man eigentlich nicht stehen bleiben, weil diese Lexik mittlerweile auch auf andere Teile der Gesellschaft übergegriffen hat und die gesellschaftliche Diskussion verzerrt. Denn wenn politische Akteure einen mit völlig anderen Konnotationen besetzten Sprachgebrauch üben, unterlaufen sie die transparente öffentliche Diskussion. Sie zwingen die Gesprächspartner, ihre Frames zu benutzen und beginnen damit, wichtige Diskussionen zu dominieren. Hier muss der Verweis auf das „Wörterbuch des besorgten Bürgers“ genügen: rechtsextremes Gedankengut wird durch Camouflage anschlussfähig und macht die demokratiefeindlichen Positionen wieder gesellschaftsfähig. Mitsamt den rechtsextremen Frames und ihren menschenfeindlichen Implikationen.

    Georg Schuppener Sprache und germanischer Mythos im Rechtsextremismus, Edition Hamouda, Leipzig 2017, 18 Euro.

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