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Ein großes Stück von Leipzig mit den Augen des kleinen Paul entdecken

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    Noch ein Stadtführer für Kinder durch Leipzig? Oder doch nicht? Eher „Geschichten für kleine Stadt-Entdecker“, wie es im Untertitel heißt? Eigentlich auch nicht nur. Autorin und Illustratorin haben sich wirklich Gedanken gemacht darüber, wie ein Buch aussehen könnte, mit dem Kinder und ihre Eltern ein Stück des kindgerechten Leipzig für sich entdecken können. Dazu muss man Leipzig mit Kinderaugen sehen.

    Oder mit den Augen junger Eltern, die ja selber mit ihren kleinen Rabauken lernen, dass die Welt aus Perspektive der Kleinen völlig anders aussieht und ganz andere Dinge darin wichtig sind, als sie Erwachsene für wichtig halten. Deswegen ist das Modell „Stadtführer“ für so ein Buch eigentlich falsch. Bestenfalls könnte es ein Rahmen sein. Aber ein völlig anderer als gewohnt, denn die meisten üblichen Sehenswürdigkeiten, die in Reiseführern für behäbige ältere Stadtbesucher als unabdingbar stehen, kann man weglassen.

    Erst recht, wenn es jungen Familien so geht wie den Eltern von Paul, die es gerade erst nach Leipzig verschlagen hat – und nun gilt es, in dieser Stadt die Welt zu entdecken, in der kleine Jungen Abenteuer erleben können. Und junge Eltern wissen es: Es gibt diese Welt abseits der Welt der Erwachsenen. Manchmal berührt sie sich mit der Welt der Großen. Nur haben die bekannten Orte für die Kleinen meist eine ganz andere Bedeutung. Tiere sind ungemein wichtig. Und man kann sie überall in Leipzig entdecken. So wie die Eichhörnchen im Clara-Zetkin-Park, wohin es Paul und seine Mama als erstes verschlägt. Der Park ist riesig. Und was alles drin steckt, merkt man erst, wenn Paul den Park mit den Augen des Eichhörnchens Pinselflitzer entdeckt.

    Oder sind es die Augen der Autorin Melanie Schreer, die in Leipzig Ideen für individuelle Kinderspielplätze entwickelt? Also einen Sinn für das hat, was Kinder zum Toben und Klettern und Ausgelassensein brauchen? Im Clara-Park findet man ja gleich mehrere teilweise sehr phantasievolle Spielplätze. Für Kleine und Große. Denn die Großen spielen ja auch, auch wenn sie sich immer so ernsthaft geben, wenn sie auf der Bruckner-Allee mit Inline-Skates fahren, bei Pferderennen kuriose Hüte tragen oder auf der Sachsenbrücke den Liedermachern zuhören. Die Welt der Kinder ist hier regelrecht eingebettet in die Freizeitwelt der Erwachsenen. Paul bekommt sein Eis, das Eichhörnchen seine Schokolade und der Leser verändert seine Wahrnehmung. Und zwar vor allem durch die Bilder von Anemone Kloos. Noch so eine junge Wahlleipzigerin, die hier seit 2011 als freiberufliche Illustratorin arbeitet. Ihre Bilder machen das Buch zu einem richtigen Kinderbuch. Die einzelnen Geschichten könnten durchaus auch mal eine scharfe Wendung nehmen und sich zu eigenständigen Abenteuern entwickeln.

    Dabei sollen sie das gar nicht. Denn wenn Paul unterwegs lauter eigenwillige Gesprächspartner findet (einen findet er sogar im Keller des Hauses, in das er mit seinen Eltern gezogen ist – direkt in der KarLi), dann dient das vor allem dazu, komprimiert (fast) alles unterzubringen in einer kleinen Geschichte, was man im näheren Umkreis alles entdecken kann. Das wird dann im Text farbig unterlegt und in kleinen Zettelkästen noch einmal kurz beschrieben. Am Ende jedes Kapitels gibt es dann noch einen kleinen Stadtplan, auf dem alle Tipps mit farbigen Punkten eingetragen sind. Eine kleine Liste führt noch einmal alle wichtigen Adressen auf – auch noch extra ein paar für die großen Leute. Denn wenn die Knirpse ihre Ecken in Leipzig entdecken, finden ja auch ihre Eltern Dinge, die sie vorher noch gar nicht kannten und wo man bei Gelegenheit unbedingt mal hin muss.

    Pauls neues Zuhause lernt man auf der zweiten (gedanklichen) Tour durch Connewitz und die Südvorstadt kennen. Weil Auenwald und Wildpark nicht weit sind, fehlt es auch hier nicht an Tieren, auch wenn die Heldin dieser Geschichte eine freche Ratte ist.

    In der dritten Tour geht es nach Plagwitz, in der vierten wird sogar die Leipziger Innenstadt als Entdeckerwelt für Kinder aufgetan, auch wenn es erst einmal nur in Auerbachs Keller geht, wo Paul einen gewissen älteren Herrn kennenlernt. Leipzig kennenlernen mit Goethe? Geht alles.

    Und in der letzten Tour lernt man nicht nur Pauls erste Leipziger Freundin kennen, sondern auch die Faszination von Treppenstufen und dem legendären Wackelturm im Rosental (samt dem ältesten Leipziger Spielplatz, der nicht fehlen darf).

    Na hoppla, sagt sich der Leser: Aber das war doch erst ein kleines Stück von Leipzig? So ungefähr das Stück, das junge Eltern, die mit ihrem Knirps in die Südvorstadt gezogen sind, im ersten Jahr schaffen zu erkunden. Zu Fuß meistens, manchmal mit Straßenbahn. Und es ist schon ziemlich viel, mehr als genug, um einen kleinen Jungen richtig zu beschäftigen. Was das Beste an dem Buch ist: Es geht wirklich auf eine Erkundungstour nach jenen Orten, wo sich Kinder in Leipzig tatsächlich wohlfühlen können, Spaß und Abenteuer haben und Eltern einmal etwas entspannen können.

    Und gerade weil es nur ein Stück vom Ganzen ist, ahnt man, wie viele Kinder-Eltern-Abenteuerwelten da noch in den anderen Teilen der Stadt zu entdecken sind. Aber diese hier sind natürlich das Erste und Wichtigste, die Erstbegegnungen von jungen Neuleipzigern mit dieser Stadt und ihren Freiräumen für Kinder. Und die Touren regen natürlich dazu an, die Stadt auch mal wieder aus der Perspektive der Kleinen zu betrachten. Vielleicht auch mit den Augen von Anemone Kloos, die mit ihren Bildern zeigt, dass es auch eine andere Sichtweise auf Straßen, Denkmäler, Brücken, Türme und Parks gibt als den der Architekten, Stadtplaner und Ordnungsapostel. Unvoreingenommener. Der Fokus ist leicht verschoben, weg von diesem „Alles muss seine Ordnung haben“ und „Überall lauter Schmuddelecken“ hin zu: Wo ist das Lebendige in dieser Stadt? Wo hat sich das Abenteuer versteckt?

    Wer blättert und eintaucht, merkt, was da mit der eigenen Sichtweise auf Leipzig passiert. Vielleicht sollte Paulchen auch seine Großeltern einladen, Leipzig auch mal so zu betrachten. Und mal ehrlich: Junge Eltern wissen, dass Stadtplaner in der Regel viel zu phantasielos sind und dass große Städte vor allem Eines sein müssen: Erlebniswelten für Kinder. Dann sind Eltern glücklich und auch die Atmosphäre der Orte verändert sich. Man wird gelassener und neugieriger und ist – so weit das geht – selbst wieder Kind.

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