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Warum die einen Engel sehen, die anderen Wolken und kaum jemand die unerhörte Leichtigkeit des Seins

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    Das Bild hat Symbolkraft: Ein Mädchen geht in den Handstand, ist noch nicht ganz ausbalanciert. Spielerisch sieht es aus, selbstbewusst, herausfordernd. „Handstand“ hat der Hallenser Künstler Uwe Pfeifer die 2011 entstandene Lithografie genannt. Und die Leipziger Dichterin Jutta Pillat war so fasziniert von diesem kleinen Kunstwerk, dass sie unbedingt einen Gedichtband draus machen wollte.

    Sie sprach Lyrikerinnen und Lyriker aus Ost und West an, sich ihre Gedanken zu machen zu diesem kleinen Bild, in dem der 1947 geborene Künstler zweifellos mehr eingefangen hat als die Bewegungsfreude eines Mädchens. Pfeifer gehört eindeutig zur Leipziger Schule – hat an der HGB bei Werner Tübke, Hans Mayer-Foreyt und Wolfgang Mattheuer studiert. Aber wenn es um die Wahrnehmung dessen geht, was da drüben, im nahen Halle passiert, ist nicht nur Sachsen geradezu vernagelt. Leipzig ist es auch. Und Leipziger Schule ist in der hiesigen Interpretation immer nur, was an Malern auch in Leipzig geblieben ist.

    Völlig unter geht dabei, wie stark die Leipziger Tafelmalerei hinausgewirkt hat ins Land und wie viel Leipziger Schule da draußen Früchte trägt und die Kunstliebhaber begeistert. Und um Begeisterung geht es immer. Denn die Stärke dieser Malerei ist ihre Fähigkeit, Geschichten zu erzählen. Das Bild erzählt mehr, als man beim ersten Betrachten wahrnimmt. Und damit wird es subversiv. Es ist quasi das zur Malerei gewordenen „Sprechen zwischen den Zeilen“, das zeitgleich die Literaten im Land übten.

    24 Kolleginnen und Kollegen aus der schreibenden Zunft konnte Jutta Pillat gewinnen, ihre Gedanken zu diesem kleinen Handstand in Verse zu fassen – oder auch in Prosa. Auch kurze Prosa ist dabei. Mancher sieht zuallerst das Mädchen – zerbrechlich, ein bisschen mager, fast noch Kind. Aber gerade die Texte der Frauen in diesem Band zeigen, wie sich der Blickwinkel verschiebt. Da neigen die älteren Herren durchaus zum Augenzwinkern, glauben den Künstler ertappt zu haben, wie er sich von dem Engelchen/Enkelchen hat rühren lassen, berühren im Herzen.

    Als wenn das etwas wäre, worüber tapfer ergraute Großväter erröten müssten. Auch wenn es viele Großväter bis dahin nicht schaffen, keine Frage. Manche kommen ja nicht mal mit den eigenen Kindern zurecht, grämen sich, zetern und zagen. Wie sollten sie dann diese innige Freude an der Lebensfreude der Enkel haben?

    Denn die steckt ja unbedingt in diesem Bild. Nebst dem ganz innig männlichen Blick. Denn hier wird auch etwas spezifisch Weibliches sichtbar. Die Frauen im Band benennen es deutlich genug: Hier geht es um Unbekümmertheit, Unbesorgtheit, aber auch Selbstbewusstsein. Das mit dem Engelchen taucht eher bei den Herren der Schöpfung auf, den Zwinkerern, die die Flügel entdeckt haben an den Schultern des Mädchens und nun anfangen, über Himmel und Hölle, Engel und Teufelchen nachzudenken. Nicht zu übersehen: Das haben einige Herren tief verinnerlicht – sie machen die Frauen zu Engeln und Teufeln. Und missverstehen sie. Ein Leben lang.

    Und da, in diesen Momenten der federleichten Handstände, fängt es an. Man darf es sich wirklich erzählen lassen, denn hier stemmen sich die ganz und gar nicht süßen Engel auch gegen die Schwerkraft der Welt, das, was Männer früh genug zu ernsten Trauerklößen macht und trauerklößige Erwachsene schimpfen lässt. Denn Pubertät ist auch diese stocksteife Seite der Erwachsenen, die bemüht sind, den jungen Menschen ihre Lebensleichtigkeit auszutreiben, sie davon abzubringen, Kobolz zu schlagen oder auf Händen zu laufen. Ab da läuft man mit schwerem Gang.

    Als wenn das nicht schon früh genug käme.

    Hier geht es sichtlich nicht um „Wolke Sieben“, auch wenn das immer wieder auftaucht. Eveline Hoffman bringt es am deutlichsten auf den Punkt: Es geht ums Flüggewerden und Nach-den-Sternen-greifen. Es ist der federleichte Moment, in dem alles möglich ist und die scheinbar so Übermütige das einfach auskostet. Ganz selbstlos, schwerelos sowieso. Denn die Zeiten, in denen einen die Schwerkraft am Boden festhält, die kommen später sowieso.

    Und auch das hat Pfeifer sichtlich eingefangen: das tiefe, liebevolle Verständnis des nunmehr 70-Jährigen, der in dieser Unbekümmertheit auch die eigene Unbekümmertheit wiederentdeckt. Diesen Moment, der scheinbar lange her ist, und den Jutta Pillat mit „kopfüber hinein in das Wagnis“ beschreibt. Barbara Schaffeld spricht dann gleich vom Scheitern. Gottchen: Wo hat sie ihre Augen?

    Dieses kopfüber stehende Mädchen hat keine Angst. Vielleicht: noch nicht. Aber vielleicht vergessen das auch die meisten Leute: Dass es eine Zeit gab, in der sie tatsächlich (noch) keine Angst hatten, nicht schlaflos in den Betten lagen, weil sie fürchteten, zu scheitern, zu straucheln, wieder eine Niederlage zu erleben. Bei manchen Leuten hat sich das ja als purer Frust eingegraben in die Gesichter.

    Aber dieses Mädchen hier vertraut dem Moment, dem Stückchen Erde (das manche für eine Wolke halten) und vor allem sich selbst. Der Handstand ist noch nicht austariert? Na und? Dieses ziemlich irdische Wesen weiß, wie man das hinbekommt. Sie vertraut ihrem Körper. Sie verschwendet sichtlich keinen Gedanken daran, dass dieser leichte, spielerische Moment in einen Sturz münden könnte.

    Was lernt man also?

    Männer wissen nicht alles über Frauen – und über sich selbst auch nicht. Und manche Dichterinnen erkennen sich selbst wieder in diesem übermütigen Beginn – andere nicht. Die werden nicht mal beim Betrachten dieses Bildes ihre Sorgen los.

    Und die Flügel führen augenscheinlich Manchen auf die falsche Fährte. Da wird an Engelchen gedacht. Schrecklich. Aber nicht an Nike und nicht an Ikarus. Das verblüfft schon. Obwohl von den beiden deutlich mehr steckt in dieser jungen Frau, denn das ist sie ja schon: eine, die nicht vom Fliegen träumt, sondern ihre Träume lebt und das Leben mit dieser erschreckenden Verspieltheit anpackt, die Männer zutiefst erschrecken kann: Eine lebendige, selbstbewusste Frau?!

    Engelchen!

    Gehen die mit Frauen immer so um?

    Oder haben sie diese Momente unendlicher Leichtigkeit nie kennengelernt, weil sie immer bedeutsam sprechen wollten? Aber auch Frauen scheinen hier den Engel zu sehen und hernach gleich den „teuflischen Tanz auf dem Vulkan“, wie Sylvia Eggert.

    Motto: „Nun fängt der Ernst des Lebens an.“ Gottchen, wie sie uns mit diesem dämlichen Spruch verarscht haben. Immer wieder. „Mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen“ Noch so ein bekloppter Spruch: Macht lieber einen Handstand, Leute. Seid nicht so trauerklopsig. Und sauft nicht mehr so viel von diesem schwermütigen Zeug, das manche Leute tatsächlich für Bedeutung halten.

    Jutta Pillat (Hrsg.) Antworten auf einen Handstand, Verlag Osiris Druck, Leipzig 2017, 12 Euro.

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