Zuwachs für die Pratajev-Bibliothek: Haus aus Stein Nr. 9

Die Legende geht weiter. Mit dem Dichter Pratajev haben Holger Makarios und Frank Bröker ihrem Leben als Russian Doctors eine Hintergrundgeschichte verpasst, die längst ein Eigenleben entwickelt hat. Was auch daran liegt, dass die beiden Musiker natürlich ein gut Teil ihrer Haltung zur Welt in diese diffuse, fragmentarische Geschichte eines nebulös verschollenen russischen Dichters gesteckt haben.

Und weiter stecken. Denn dieser Pratajev lebt. Er ist die personifizierte Seele der Russian Doctors, quasi ihr Ebenbild im alten, armen Stalin-Russland. In dem dieser Tausendsassa nicht nur Arzt aus Eigenermächtigung war, Aussteiger, Säufer und Weiberheld, in gewisser Weise auch das Ebenbild des heimatlosen russischen Dichters an sich, der selbst auf dem Dorf, wohin es ihn getrieben hat, rastlos, ruhelos und fremd wirkt. Ein Städter unter Bauern, einer, der das Leben mit vollen Zügen genießen will, Mütterchen Heimat suchte – und dennoch keinen Halt findet.

Was seine Begleiter und Begleiterinnen fasziniert und deprimiert. Denn zu einer echten Bindung ist er augenscheinlich nicht fähig. Er wird umschwärmt von den Frauen. Doch glücklich wird er sichtlich nicht. Im Gegenteil: Die Texte, die ihm zugeschrieben werden, sind durchtränkt von Fatalismus, eigentlich sogar schon Schwermut. Dorflyrik quasi umgekrempelt zur Trotzlyrik. Was auf die Ursprünge von Makarios im ostdeutschen Punk verweist. Und die Frage, was man daraus nach all den Wetterwenden machen sollte. Denn das Subversive, das in diesem zuvor in den Untergrund verbannten Punk steckte, war ja nun fort im Zeitalter des Alles-ist-möglich. Ist es zwar nicht. Nicht ganz. Nur zerfranzt das Unmögliche heute in so viele fragmentierte Welten, dass sogar Nachtgespenster wie Donald Trump Präsident werden können, von anderen Nachtgestalten ganz zu schweigen.

Das Problem: Da können die rotzigen, Pratajev zugeschriebenen Texte so blank aller Illusionen sein – sie wirken in einer Welt des entfesselten Egoismus geradezu wie schwere, emotionsgeladene Poesie. Was sie auch sind, auch wenn die Texte nun wirklich auf jedes Sentiment verzichten und das herauskehren, was früher mal wirklich als Coolness galt – und mit dem heutigen Cool-Gehabe, wo jeder Milchbubi wie ein Gangster und jede Madelaine wie ein Pin-up-Girl auszusehen versucht, nichts, aber auch gar nichts zu tun hat.

Man kann den Russian Doctors zuhören, kann sich ihre (auf alt gemachten) melancholischen Clips anschauen oder die wachsende Zahl der Pratajev-Erinnerungs-Bändchen anschauen und merkt, dass hier tatsächlich noch eine ganz andere Abgeklärtheit lebt, eine, die gerade auf den ganzen Schnickschnack der Äußerlichkeiten, auf all die opportunistischen Anpassungsleistungen verzichten kann, die die heutigen Komsum-Kiddies vollbringen und nicht mal merken, dass eine auf „kaputt“ gestylte Hose von allem Möglichen erzählt, nur nicht von einem selbstbestimmten Leben.

Das fällt auf. Jahr um Jahr mehr.

Und es verbirgt sich eigentlich kaum hinter dem burlesquen Humor der Texte, die tatsächlich aus einer Welt zu stammen scheinen, die man eher von Sostschenko und Bulgakow kennt. Vielleicht ein klein wenig sarkastischer. Aber genauso irdisch. Das fällt auf. Selbst wenn man sich die ganze Zeit sagt: Eigentlich ist es auch ein imaginierter Provinzkosmos, in dem das alles spielt, irgendwo in der russischen Taiga angesiedelt.

Aber Provinz ist überall. Nur tun die hierzulande lebenden Taigabewohner meist so, als wären sie der Nabel der Welt und die verstörenden Zufälle des Lebens wären beherrschbar, lösbar, nicht so wichtig. Man kann ja alles mit Geld lösen. Nicht wahr?

Kann man wohl nicht. Wie Helga Bauer, die zeitweilige Geliebte Pratajevs, in diesem neuen Sammelbändchen nun feststellen muss. Denn die Bändchen mit dem Titel „Haus aus Stein“ sind so etwas wie die gesammelten Forschungsergebnisse der Pratajev-Gesellschaft, die alles zusammenträgt, was irgendwie an Spuren und Erinnerungen an den geliebten 1961 gestorbenen Dichter zu finden ist. In diesem Fall auch noch zentral Prumskis Bauernoper, die quasi mit Pratajevs linker Hand geschrieben wurde und die sowjetische Kolchos-Legende sehr brachial aufs Korn nimmt. Es gibt ein paar neue Tagebucherinnerungen von Helga Bauer, die nun sichtlich keine Lust mehr hat, mit Pratajevs Meute abzuhängen, und allerlei Reden, Rezepte, Erinnerungsfetzchen, die alle um den durchaus recht reichen Kosmos des vielgereisten Dichters kreisen.

Denn irgendwie muss es ihn ja auch ins besetzte Ostdeutschland verschlagen haben. Die Legende bekommt ein neues, tiefpolitisches Puzzle-Teil. Nebst zahlreichen stimmungsvollen Fotos aus einer Zeit, als auf grobkörnigen Abzügen sowieso alle Leute irgendwie gleich aussahen, gibt es etliche Bilder im und auf dem Buch, die dem enormen Maltalent Pratajevs zugeschrieben werden. Das Pratajev-Lexikon, das mehrfach in hochwissenschaftlichen Fußnoten zitiert wird, gibt es tatsächlich, den Katalog zum Maler und Zeichner haben wir freilich noch nirgendwo entdeckt. Wenn es ihn irgendwann einmal geben sollte, werden die Betrachter einem ebenso skurrilen Werk begegnen, wie sie es aus den verstreuten Gedichten des berühmtesten Dichters von Miloproschenskoje schon kennen.

Am Ende sucht das neue Sammelbändchen natürlich den Anschluss zu dem, was Makarios und Bröker in der realen Welt so anstellen – mit jeder Menge Wodka, versteht sich, aber auch stimmungsvoll erlebten Ausflügen etwa nach Thüringen oder Wittenberg. Denn nur so kommt Pratajev – mit der rauchigen Stimme von Makarios vorgetragen – um die Welt und in die Welt, breitet sich aus, gewinnt neue Freunde, während sein kryptisches Werk immer weiter anwächst, Verstreutes zum willkommenen Fundstück wird und die legendären Gedichtbände, die der Unermüdliche einst im Jahresrhythmus in die Welt brachte, immer neue Lieder preisgeben, die sich dann in die gar nicht so abgründigen Gesänge der Russian Doctors verwandeln.

Und wer Miloproschenskoje dann bei Google sucht, wird es nicht finden. So jedenfalls nicht. Denn das Gefühl ist ja allgegenwärtig, dass dieser Ort möglicherweise mitten in Mitteldeutschland liegt, vielleicht in der nächsten Wodkabar, wo der Kneiper ein Eckchen frei gehalten hat für zwei später eintrudelnde Herren.

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