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„Syartas Reise“ erzählt von der zutiefst menschlichen Rolle des Kirchenasyls

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    Für FreikäuferSyarta gibt es wirklich. Im Kosovo geboren, kam sie als kleines Mädchen vor über 20 Jahren mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern nach Deutschland. In einer Zeit, in der die Konflikte im Kosovo auch in der deutschen Politik heruntergespielt wurden. Die Chancen auf Asyl waren denkbar gering, die Abschiebung in ein von Hass zerrissenes Land drohte. Und so beginnt auch dieses Buch mit dem kurzen Blick in ein Land, in dem der Hass um sich griff „wie eine ansteckende Krankheit“.

    Und zwei Jahrzehnte später wissen wir: Kaum ein Land der Erde ist gegen diesen Hass gewappnet, wenn Nationalisten beginnen, die Menschen aufgrund ihrer Sprache, Herkunft, Religion gegeneinander aufzuhetzen. Menschen, die zuvor friedlich nebeneinander lebten, arbeiteten, auch Freundschaften schlossen und heirateten.

    Der Hass beginnt mit dem Schüren der Angst und dem Schaffen von Feindbildern. Und wer Menschengruppen zu Feindbildern macht, sät den Krieg. So geschehen damals auch im Kosovo. Wer der falschen Minderheit angehörte, musste auf einmal um Freiheit und Leben fürchten. So wie Syartas Familie. Erst ging der Vater nach Deutschland und versuchte, dort eine Basis zu schaffen für seine Familie. Als das auch nach drei Jahren nicht gelang, nahm die Mutter beherzt die Kinder und brach auf in ein fremdes Land, in dem alle ein völlig neues Leben beginnen mussten.

    Wer derart aus seiner Heimat flieht, geht nicht freiwillig. Es sind nicht nur die Fotos von Andreas Tobias, die das Kosovo greifbar machen, sondern auch die Texte von Lena Gorelik, die versucht, sich einzufühlen in die Heldinnen und Helden dieser Geschichte, die sich nicht auf Syarta allein beschränkt.

    Dass überhaupt ein Buch dieser Art entstand, das hat Sabine Böhlau angeregt, für die das Thema Kirchenasyl in den letzten beiden Jahren neue Aktualität gewann. Denn so wie Syarta und ihrer Familie geht es Millionen Menschen weltweit, deren Heimat durch Krieg und Bürgerkrieg zerstört wird, ohne dass irgendwo ein tragfähiges Friedensprogramm der großen Nationen sichtbar wird.

    Statt zu helfen und den Friedensprozess zu gestalten, haben sich viele große Länder verbarrikadiert oder versuchen gar, all jene Menschen, die sich „illegal“ im Land aufhalten, wieder loszuwerden, und lösen damit neue humanitäre Katastrophen aus – so wie US-Präsident Trump. So ist auch in den USA das Thema Kirchenasyl wieder hochaktuell. Denn Menschen wie Trump ist es egal, ob in den Herkunftsländern der Menschen ohne Aufenthaltsstatus Krieg herrscht, Diktatur oder Hungersnot.

    Damit ist Trump vielen anderen Politikern der Gegenwart ähnlich. Statt zu helfen, Probleme zu lösen und Konflikte zu entschärfen, wird auf die nationalistische Karte gesetzt.

    In der Bundesrepublik Deutschland scheinbar nicht ganz so rigide. Aber längst mehren sich auch hier die Medienberichte darüber, dass aus dem „Wir schaffen das“ von 2015 ein „Wir schieben sie ab“ geworden ist. Ergebnis sind wieder tausende Schicksale im Graubereich, in dem Menschen leben, weil ihnen die Abschiebung in kaputte Länder wie Afghanistan droht. In den Mühlen der BAMF-Bürokratie werden sie nicht als Persönlichkeiten sichtbar, nicht als Menschen mit einer Leidensgeschichte, die in ihrer ursprünglichen Heimat keine wirtschaftliche Grundlage mehr haben. Oft bleibt dann, wenn die Abschiebung droht, nur noch die Zuflucht an einen Ort, den es nach dem Gesetz gar nicht (mehr) gibt: das Kirchenasyl.

    Eine „jahrhundertealte Schutztradition“ nennt es Frank Enzmann, Vorsitzender des Stiftungsvorstands der Vastrigius Kinder- und Jugendstiftung. Aber auch eine Einrichtung, die die „Lücke zwischen Recht und Gerechtigkeit“ überbrückt, so dass beides ausgehandelt werden kann, ohne dass die Menschen einfach abgeschoben werden. Denn wie rigide und gefühllos deutsche Behörden arbeiten, das schildert Sylvia Schuster in ihrem Tagebuchprotokoll. Sie hat Syartas Familie beim Weg durch die Behörden begleitet. Bei der Pfarrerfamilie Schuster hatte die Familie Kirchenasyl gefunden. Und sie haben erfahren, was es heißt, wenn ein kleines Netzwerk entsteht, das gemeinsam hilft in der Not – religionsübergreifend. Denn wenn es um Menschlichkeit geht, zählt der Mensch und seine Hilfsbereitschaft. Nichts anderes.

    Kirchenasyl ist selten ein jahrelanger Zustand. Oft verschafft es gerade jene Monate Zeit, in denen Behörden dazu gebracht werden können, den Aufenthaltsstatus zu überdenken. Das Buch schildert nicht nur das Schicksal von Syartas Familie, die heute längst integriert ist, ein eigenes Haus gebaut hat. Die Kinder haben Berufe ergriffen. Im Grunde ist Syartas Schicksal exemplarisch für das, was Menschen schaffen wollen, wen sie sich auf den Weg machen. Niemand muss ihnen etwas über eine „deutsche Leitkultur“ erzählen, denn das weiß jeder, der in ein anders Land aufbricht, dass man dort, wenn man wirklich Fuß fassen will, sehr schnell lernt, wie das ganze Land funktioniert.

    Und es fällt auch eine nicht ganz unwichtige Erklärung, warum es Menschen nach Deutschland verschlägt – ein afghanischer Flüchtling benennt sie: Weil man hier die Freiheit hat zu wählen – auch die eigene Religion.

    Das ist auch den deutschen Provinzbewohnern in der Regel nicht klar, dass Deutschland nicht Respekt genießt, weil hier die sozialen Hängematten so toll sind, sondern weil es als ein liberales und freies Land gilt. Und jeder verkniffene Innenminister, der das durch immer neue Grenzziehungen beschneiden will, zerstört es. Hier ringen nicht „Gutmenschen“ mit Leuten, die glauben, die Wahrheit zu besitzen. Hier ringt ein liberales Deutschland mit einem, das in Angst und Hass badet.

    Und gerade das Kirchenasyl erzählt davon, dass es im Kern immer nur um Eines geht: gelebte Menschlichkeit. Es klingt zwar an, dass das eine zentrale christliche Tugend ist (die einige Christen scheinbar für verhandelbar halten), aber im Grunde zeigt sich im Umgang mit den Hilflosen und Bedrohten, wie human eine Gesellschaft ist, wie sehr hier die menschlichsten Werte von Respekt und Nächstenliebe tatsächlich gelten.

    Ich habe jetzt mal ganz absichtlich dieses Wortpaar gewählt, weil es deutlich macht, dass die christliche Nächstenliebe im Grunde die Zwillingsschwester von Respekt ist, wie er in jüngster Zeit von SPD und Linkspartei wieder benannt wird.

    Denn die Sicht auf die Welt ändert sich grundlegend, wenn man aufhört, von oben herab auf andere Menschen zu schauen (was nach wie vor 90 Prozent der deutschen Politik ausmacht), sondern jeden Menschen respektiert. So, wie er ist. Und mit Neugier, wie es die Fotos und Geschichten in diesem Band zeigen, denn wer neugierig ist auf den anderen, der entdeckt fast immer einen Menschen, der einem mit seinen Sorgen, seinen Sehnsüchten und Lebensplänen sehr vertraut ist. So wie Syarta, die in diesem Band zur stolzen Protagonistin für etwas wird, was viele Millionen Menschen erlebt haben, die heute einen deutschen Pass besitzen. Und von den anderen haben es oft die Eltern und Großeltern erlebt. Deutschland ist tatsächlich ein Land, das fähig ist, Menschen eine Chance zu geben. Oft genug gegen die Sturheit von Politikern und Bürokraten.

    Dieses Buch muss gar nicht plakativ werden. Es zeigt, wie sich die Lebensreise von jungen Menschen wie Syarta gestaltet hat. Und wie wichtig es ist, dass Kirchgemeinden immer wieder bereit sind, jenen zu helfen, die sonst keine Hilfe mehr fänden. Und die kleine Zusammenstellung der Schicksale am Buchende zeigt, was aus den Porträtierten wurde. Natürlich mit offenem Ausgang. Denn oft stand am Ende des Kirchasyls erst einmal nur eine Duldung. Bürokraten entscheiden, ob Menschen, die längst deutsche Schulen besucht haben und eine Ausbildung gemacht haben, noch ein bisschen geduldet werden und noch ein bisschen. So sieht keine ehrliche Integrationspolitik aus. Eine beherzte schon gar nicht.

    Wer aber die Texte in diesem Buch liest und die Bilder anschaut, merkt, dass der Lesende eigentlich nur in einer glücklichen Situation ist: Er muss nicht fliehen, sein Land wird nicht vom Hass verwüstet. Aber in jedem Schicksal kann er sich wiederentdecken. Wohl auch deshalb fand Sabine Böhlau gerade Syartas Schicksal so aufregend, dass sie es in einem multimedialen Projekt erzählen wollte – natürlich mit starkem Fokus auf die wichtige Rolle des Kirchenasyls. In diesem Fall bringt sie auch die beherzte Entscheidung des Pfarrers Martin Schuster ins Bild, der der Familie aus dem Kosovo das Asyl im Pfarrhaus anbot. Sein früher Tod erinnert daran, dass es immer nur eines gibt, was wirklich zählt: das Leben. Und das Lebendigsein als Mensch.

    Das kann man nicht an bürokratische Apparate abgeben. Das muss man wohl selbst ausfüllen. Genau davon erzählt dieses Buch.

    Lena Gorelik; Andreas Tobias; Sabine Böhlau Syartas Reise, Verlagsbuchhandlung, Edition Chrismon, Leipzig 2017, 18 Euro.

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