Was passiert eigentlich, wenn man sich mit seinen klugen und weltbereisten Kindern an einen Tisch setzt und über die aktuellen Probleme Europas und unserer Demokratie spricht? So, wie es Martin Roth getan hat, der nach dem Brexit-Referendum kurz für Wirbel sorgte, als er den Direktorposten des Victoria and Albert Museums aufgab. Das Ergebnis ist auch sein Vermächtnis.

Denn am 6. August starb der Mann, der einer der prägendsten Museumsmacher Europas und ein überzeugter Europäer war, in Berlin. Die Dresdner kennen ihn noch als langjährigen Direktor des Hygiene-Museums und der Staatlichen Kunstsammlungen. Den Brexit empfand er als persönliche Niederlage.

Und darauf kommt er im Gespräch mit seinen Kindern Mascha, Clara und Roman auch zu sprechen. Immerhin hat er die Stimmungsmache der Brexit-Befürworter in London live erlebt – hat zusehen können, wie die Wähler mit Lügen, Vorurteilen und blanken Emotionen dazu gebracht wurden, mehrheitlich für den Austritt Großbritanniens aus der EU zu stimmen. Monatelang war das Klima richtig vergiftet. Roth erkannte sein London nicht wieder – für ihn immerhin das Vorbild einer europäischen Stadt. Mit britischer Gelassenheit hatte das Ganze nichts mehr zu tun. Es wurden die primitivsten Vorurteile geschürt. Und es wurde mit Erfolg demonstriert, wie man mit dem Schüren von rassistischen und nationalistischen Ressentiments eine Entwicklung entfesseln kann, die mit rationalen Argumenten nicht mehr aufzuhalten ist.

Aber England ist mit diesem Effekt ja nicht allein. Ganz ähnliches erlebten die Amerikaner bei der Wahl Donald Trumps. Und in einigen Ländern Europas regieren diese Stimmungsmacher schon längst – Polen und Ungarn nur als Beispiel. Und in anderen Ländern sorgen diese Gruppen dafür, dass die politische Diskussion zusehends vergiftet wird und immer mehr abdriftet in rechtsradikale Deutungsmuster. In Großbritannien kam hinzu, dass ausgerechnet die jungen Wähler, die mehrheitlich gegen den Brexit waren, am Referendum nicht teilgenommen haben und damit den Alten überlassen haben, über ihre Zukunft, die Zukunft der jungen Leute, zu entscheiden.

Was nicht nur in Großbritannien ein Problem ist. Nicht nur, weil die Zahl der Senioren überall wächst und sie schon durch ihren wachsenden Bevölkerungsanteil immer mehr politische Entscheidungsmacht haben – junge Menschen nehmen ihre politischen Einflussmöglichkeiten hingegen oft nicht wahr. Und dabei geht es nicht nur um die Teilnahme an Wahlen und das bisschen Mumm, das man braucht, einer demokratischen Partei sein Kreuz zu geben. Das ist ja die große Sorge von Martin Roth im Gespräch mit seinen Kindern, dass sich junge Menschen viel zu selten politisch engagieren. Und wenn sie es dann tun – wie bei den Protesten gegen den gewählten Donald Trump und die Demokratie-Demontage in Polen – dann ist es zu spät. Dann haben auch große Demonstrationen keine Wirkung mehr, weil die Feinde der Demokratie längst in den Machtpositionen sitzen und den Staatsapparat dazu nutzen können, jeden Protest zu unterdrücken, und den Apparat so umbauen, dass die autokratische Macht auf Dauer zementiert wird.

Was tun?

Reden. Miteinander reden. Das ist der Grundansatz der Initiative Offene Gesellschaft, für die sich Martin Roth engagiert hat und der in diesem Buch modellhaft vorgelebt wird. Denn dass Populisten und Postfaktiker (Lügner) derart den Ton angeben in einer aufgeheizten Diskussion, das hat auch damit zu tun, dass viel zu wenig miteinander geredet wird. Auch aus Angst. Ein paar Kneipenszenen kommen so beiläufig ins Bild, in denen auch diese vier gesprächsbereiten Menschen merkten, dass man es immer mit Situationen der Angst zu tun hat. Denn Rassisten und Chauvinisten sind immer laut – sie haben ja keine Argumente. Sie hören auch nicht zu. Und sie greifen schnell zu Drohung und Gewalt. Damit dominieren sie den Kneipenlärm und sorgen dafür, dass erst gar keiner wagt, sich mit Bedenken und Widerspruch zu Wort zu melden.

Das Hauptinstrument jedes Populismus ist Einschüchterung.

Aber wo fängt man dann an? Vielleicht nicht unbedingt in der Kneipe. Vielleicht doch lieber da, wo es schwerfällt, aber doch meistens friedlich bleibt. Denn auch die heutigen Elterngenerationen sind nicht mehr so emotional verschlossen, hartleibig und autoritätsgläubig wie noch ihre Eltern oder gar die davor. Meist sind sie – wie Martin Roth – in Zeiten aufgewachsen, in denen Bewegungen wie die 1968er dafür gesorgt haben, dass endlich ein erster, zaghafter gesellschaftlicher Dialog begann und langjährige Tabu-Themen endlich angesprochen wurden.

Deswegen sind die Neuen Rechten von heute so wütend auf die Achtundsechsziger: Weil diese Offenheit, diese Bereitschaft, das Schweigen der Täter und Lämmer zu brechen, allem zuwiderlaufen, was Befürworter von Autokratien und Diktatoren wollen.

Aber gerade deshalb findet Roth es so bedrückend, dass ausgerechnet diese Gestrigen und Vorgestrigen sich heute als Heilsarmee für Europa verkaufen und damit auch noch Widerhall finden bis hin in Parteien, die sich mit dem Dialog auch nicht gerade leicht tun. Deswegen kommt ein deutscher Bundesinnenminister auch gar nicht gut weg in diesem Buch, denn mit seiner Ausgrenzungs- und Abwertungspolitik verfolgt er die Pläne der Gestrigen, nicht die einer offenen und pluralistischen Gesellschaft. Worin eigentlich schon ein Teil der Antwort liegt, denn wenn selbst wichtige Politiker demokratischer Parteien die grimmigen Töne der Autokraten aufnehmen, verliert die demokratische Gesellschaft natürlich ihre Konturen. Dann scheint auf einmal jeder Schritt nach rechts möglich – auch in Trippelschritten kann man in die Diktatur marschieren.

Und das Problem dabei ist, dass die Befürworter eines offenen und demokratischen Europa so selten zu hören sind und selten mit einem markanten „Hier stehe ich …“. Fast immer ist ein hingemurmeltes „Ja, aber …“ dabei. Als wenn den Rednern überhaupt nicht mehr bewusst ist, wie wertvoll und hart errungen nicht nur die Demokratie in Deutschland ist (nur zur Erinnerung: Sie ist erst 72 Jahre alt, für die Ostdeutschen noch ein Stück jünger) und wie selten das, was die EU heute ist, in der europäischen Geschichte. Augenscheinlich verlieren gerade die Dummköpfe jede Angst, wenn sie selbst niemals einen Krieg am eigenen Leib erlebt haben. Augenscheinlich fehlt ihnen jede Phantasie – halten sie Krieg für ein virtuelles Heldenepos, in dem der Mensch zum Heros wird … was sie ja in Bergen dämlicher Kriegsfilme und Ballerspiele genauso erleben. Die Regisseure inszenieren selten das wirkliche Leid. Und vor allem vermitteln sie nicht, wie viele Tote solche Kriege produzieren.

Martin Roth hat es zumindest indirekt noch erlebt, als ihm seine Eltern die Kriegsruinen und die Gräbermeere der getöteten Soldaten zeigten. Und ein Brief seiner Mutter machte ihm nachträglich noch klar, dass seine Eltern ihn doch irgendwie zu einem politisch denkenden Menschen gemacht haben. Etwas, was er versucht hat, seinen Kindern weiterzugeben. Die aber streiten das zum Auftakt des Gesprächs vehement ab – am Ende erzählen sie fast nur noch davon, wie diese fast zurückhaltende Ermunterung eben doch dazu geführt hat, dass sie sich mit Politik beschäftigten – aber trotzdem nicht in die Politik gingen. Das ist wirklich ein Unterschied. Aber irgendwie laufen alle vier Gespräche, in denen die Vier über die Welt, Europa, Deutschland und am Ende sich selbst reden, genau darauf hinaus: Dass dieser wichtige Unterschied aber auch ein entscheidender Unterschied ist. Dass Politik wohl doch keine Sache ist, die man anderen Leuten überlassen darf, die damit Karriere machen und am Ende oft nur noch dafür sorgen, dass ihre Macht zementiert wird. Autokratie beginnt nicht erst, wenn kleine Diktatoren eine Wahl gewinnen. Sie fängt schon vorher an, wenn politische Karrieren und Ämter dazu missbraucht werden, Machtpositionen dauerhaft zu sichern. Was es gerade jungen Leuten so schwer macht, in Parteien Fuß zu fassen. Denn sie merken sehr schnell, mit welchen Seilschaften und erstarrten Strukturen sie es zu tun bekommen.

Wer Lösungen erwartet in diesem Gespräch, wird sie nicht unbedingt finden. Jedenfalls keine einfachen. Was auch daran liegt, dass Engagement auf viele Arten möglich ist. Schlimm ist nur, wenn sich niemand engagiert und alle schweigen, wenn die Schreihälse die politische Bühne übernehmen. Und dieses Schweigen hat meist den einen, entscheidenden Grund: Man redet nicht mehr miteinander. Man lässt sich von Leuten, die großmäulig oder verächtlich allen anderen ihre Meinung aufdrücken, in Angst versetzen. Und sie scheinen heute ja überall zu sein. Nachdem sie die a-sozialen Netzwerke im Internet mit ihrem Geschrei zugedröhnt haben und die Gegenredner mit Drohungen und Beleidigungen versuchen, mundtot zu machen, tauchen diese Egomanen auch immer öfter in öffentlichen Räumen auf.

Einen Punkt berührt dabei Martin Roth, der ihn seit seiner Dresdner Zeit beschäftigt. Denn den vergrätzten und dialogunfähigen Ostdeutschen hat er dort auch schon kennengelernt und ihn dann mit dem Aufkommen von Pegida auch im Fernsehen gesehen. Doch für ihn war wichtig, die Enttäuschung dieser Leute zu spüren, ihr Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, selbst dann, wenn sie im neuen Staat gut versorgt sind. Es ist ganz unübersehbar ein psychologisches Problem. Denn um über Emotionen, Verwundungen und eine komplizierter werdende Welt reden zu können, braucht man ein Mindestmaß an Selbstbewusstsein und Souveränität. Das augenscheinlich viele Menschen nicht haben. Hinter Wut und Hass kann man sich gut verstecken. Da muss man nicht herauskommen und sich dem Gespräch stellen.

Die Frage, die natürlich am Ende steht, ist die: Klappt das, was Martin Roth mit seinen klugen, welterfahrenen Kindern gelungen ist? Auch über die eigene gemeinsame Geschichte zu sprechen und die eigenen Befindlichkeiten zu hinterfragen? Klappt das auch mit diesen von der Welt eigentlich erschreckten Eltern in Sachsen? Haben die wenigstens den Mut, mit ihren Kindern am Familientisch darüber zu reden?

Die Frage lasse ich einfach hier so stehen. Die betroffenen Kinder und Enkel wissen selbst, was sie bei ihren Versuchen erlebt haben, die Eltern zum Sprechen über das zu bringen, was wirklich wichtig ist. Mit dem Gespräch fängt alles an. Und mit dem Mut, für ein Europa zu kämpfen, das auch all das wird, wofür es sich zu kämpfen lohnt: pluralistisch, weltoffen, friedlich, kooperativ usw. Womit auch das Zugeständnis verbunden ist, dass Europa in vielen Dingen ein Erfolgsmodell ist, um das es weltweit beneidet wird. Aber weil die Chauvinisten so laut „Bäh!“ schreien, vergisst man das immer wieder. Und man vergisst auch, dass diese Nationalisten genau dieses Europa zerstören wollen. Auch wenn sie Kreide fressen und wunderbare Zeiten versprechen. Die haben ihre Vorgänger auch immer versprochen.

Wir wissen alle, was dabei jedes Mal herausgekommen ist.

Martin Roth Widerrede, Edition Evangelisches Gemeindeblatt, Stuttgart 2017, 9,95 Euro.

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