In „Wolfsfährten“ ist Andreas Beerlage nicht nur den Wölfen auf der Spur, sondern auch den Ängsten und Unwissenheiten der Menschen

Für alle LeserFast wäre ich geneigt zu schreiben: Der Wolf ist gar nicht das Wichtigste an diesem Buch. Aber natürlich ist er es trotzdem. Auch als Beispiel. Denn was der Journalist Andreas Beerlage in diesem Buch macht, ist das, was Journalismus leisten kann, wenn er sich wirklich einmal skeptisch, kritisch und neugierig mit einem Thema beschäftigt. Gerade wenn es in der medialen Diskussion heftige Wellen schlägt und scheinbar nur zwei Fronten existieren.
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An dieses Zwei-Fronten-Denken haben wir uns ja fast schon gewöhnt. Als würde es immer nur um Dafür und Dagegen gehen, egal ob das Dieselautos betrifft, Einwanderung, Biber, Waschbären oder längeres gemeinsames Lernen. Woran Medien nicht unschuldig sind. Medien spitzen gern zu. Manche haben sich in den vergangenen Jahrzehnten in einen regelrechten Pro-und-Kontra-Rausch hineingesteigert. Die Fetzen fliegen und die „Verlierer“ werden niedergehöhnt, bis sie in Tränen ausbrechen.

Nein, unsere Medienlandschaft war auch schon vor Facebook, Trump und Co. stellenweise fürchterlich, weit entfernt von Unparteiischkeit, Neugier und Ausgewogenheit. Sie hat unsere Leser und Zuschauer schon lange daran gewöhnt, dass sie kein vollständiges Bild mehr bekommen, dass sich Journalisten eben nicht (mehr) die Mühe machen, wirklich einmal begreifbar zu machen, was alles zu einem Thema erzählt werden muss, damit auch die Bürger dazu ein rationales Verhältnis bekommen können.

Rational heißt ja nicht: alles akzeptieren müssen. Es heißt aber das, was kluge Biologielehrer ihren Schülern noch erfahrbar machen: Dass alle Erscheinungen in unserer Welt komplex sind und dass der Mensch sich dabei niemals herausnehmen darf. Er ist noch immer Teil eines hochdifferenzierten Ökosystems. Wenn er es nicht mehr ist, ist er tot. Dann hat er mit seinen Lebensgrundlagen auch sich selbst abgeschafft. In unserem Verhältnis zur Umwelt geht es nicht um Pro und Kontra, sondern um etwas anderes, was der Wissenschaftsjournalist Andreas Beerlage sehr fassbar macht, indem er vor zwei Jahren einfach losgefahren ist, um mit allen möglichen Menschen zu reden, die alle mit dem Wolf zu tun haben, Wolfsgegnern und Wolfsbefürwortern, Politikern, Biologen, Förstern, Jägern und Schäfern, Forensikern und Polizisten.

Denn seit der Wolf im Jahre 2000 erstmals wieder die deutsch-polnische Grenze überschritt und sich in der Lausitz ansiedelte, haben viele Menschen mit ihm zu tun bekommen, haben Zeitungen die Angst geschürt und Naturschützer die Ankunft des Räubers begrüßt, der seit über 100 Jahren nicht mehr auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik heimisch war.

Gesehen wurde er zwischenzeitlich immer wieder, denn der Wolf ist ein Wanderer. Und wenn es um den Erfolg als erfolgreiche Raubtierspezies geht, die fast alle klimatischen Räume besiedelt hat, dann gibt es nur noch eine Tierart, die den Wolf übertrifft: den Menschen. Und genau da beginnen die Konflikte. Nicht die Probleme. Aber die Konflikte, derer sich Menschen oft gar nicht bewusst sind, weil sie sich weder selbst noch als Teil eines ökologischen Systems begreifen (dazu könnte man dicke Bücher schreiben), noch als erfolgreiches Raubtier oder Beutemacher, Prädator, wie es Beerlage nennt.

Man kann die meisten Medienberichte zum Wolf anschauen – und nichts davon ist zu spüren. Wie aber wollen Journalisten, die nicht mal die Rolle des Menschen begreifen, über die Rückkehr des Wolfes schreiben? Der übrigens ganz klassisch zu den in Mitteleuropa heimischen Prädatoren gehört – genauso wie der Braunbär, der Luchs oder der Adler. Alle drei Tierarten seit Jahrhunderten intensiv bejagt und bekämpft und aus ihren angestammten Revieren vertrieben.

Thema für die Geschichtslehrer. Und die meisten Geschichtslehrer erzählen es ihren Schülern nicht, welche Auswirkungen es hatte, als die Besiedler Europas im Mittelalter die großen Wälder rodeten und Heideland in Ackerland verwandelten. Es war der Mensch, der dem Wolf auf den Pelz rückte, seine Lebensräume beschnitt und fortan seine Schafe und Ziegen in Wolfs Revier grasen ließ. Mit den bekannten Folgen. Natürlich stößt Beerlage auch tief ins Mittelalter vor, um die Gründe für die alte Feindschaft zu erkunden und die Ursachen der Angst, die auch in alten Märchen bewahrt wurde.

Verniedlichen darf man das Thema Wolf nicht. Aber eines macht Beerlage deutlich: Wenn der Mensch ein Auskommen mit dem Raubtier finden will (dessen Lieblingsfutter meist Rehe, Hirsche, Wildschweine und diverses Niederwild ist), dann sollte er das Tier und seine natürlichen Verhaltensweisen kennen und verstehen. Denn viele Konflikte entstehen, weil Menschen nicht (mehr) wissen, wie Wölfe leben, wie sie ihr Revier wählen, ihren Nachwuchs aufziehen und wie wichtig Distanz ist.

An manchen Stellen im Buch wird einem schon sehr deutlich, dass nicht nur die Wolfsfeinde problematisch sind, sondern auch Wolfsfreunde, die dem Räuber auf die Pelle rücken und den Wolf an menschliche Nähe gewöhnen und – als Steigerung – daran, dass der Mensch Nahrungsquelle ist. Denn praktisch bei allen sogenannten „Problemwölfen“ ist nicht der Wolf das Problem, sondern der Mensch. Wölfe, die die Distanz zum Menschen verloren haben, werden dann zur medialen „Bestie“ aufgeblasen, weil sie sich immer wieder Menschen nähern.

Aber warum sind sie dann überhaupt zurückgekommen?

Die Antwort ist ja: Sie waren nie weg. Nur waren sie bis zur Unterschutzstellung durch die EU regelrechtes Freiwild. In Deutschland musste sich niemand wirklich mit der Existenz dieses Tieres beschäftigen. Aber mit der „Wende“ verschwanden nicht nur die Grenzen, es entstanden auch Lebensräume, die den Vorlieben der Wölfe geradezu entgegenkamen – von Menschen ungestört, wildreich und groß genug. Allen voran Militärübungsplätze. Dass die mitteleuropäische Wolfspopulation aus Polen wieder einwandern würde, war nur eine Frage der Zeit. Und als dann die ersten Wölfe in der Lausitz gesichtet wurden, begann die Zeit der fetten Schlagzeilen und der verbalen Tortenschlachten. Aber nicht nur. Denn gleichzeitig wurde die Gelegenheit genutzt, das Wiederauftauchen einer verschwundenen Tierart wissenschaftlich intensiv zu begleiten.

Das ist im Grunde der Aspekt in Beerlages Buch, der kaum medial diskutiert wird: Wie intensiv Wolfsbeauftragte und Forensiker die komplette Wolfspopulation in Deutschland erforschen, jeden einzelnen Wolf zumindest genetisch auf dem Radar haben und keinen einzigen tot aufgefundenen Wolf ohne gründliche forensische Untersuchung auslassen. Man weiß über die Verwandtschaftsbeziehungen aller in Deutschland lebenden Wölfe bestens Bescheid, man kennt die wichtigsten Beziehungen zu den Nachbarpopulationen in Italien oder gar Russland. Etliche Wölfe wurden im Lauf der Zeit sogar mit Sendern bestückt.

Auch die Ausbreitungsgeschichte des „deutschen“ Wolfes von der Lausitz immer weiter elbabwärts bis nach Niedersachsen wurde akribisch verfolgt. Jedes einzelne Rudel ist erfasst. Monitoringstellen in den Ländern sammeln alle Hinweise auf Wolfssichtungen und Wolfsspuren. Und natürlich auf getötete Wölfe. Für Schlagzeilen sorgen ja vor allem die illegalen Wolfsabschüsse. Aber Tatsache ist, dass die meisten nicht natürlich gestorbenen Wölfe im Straßenverkehr umkommen.

Der Wolf hat mit unseren menschlichen Landschaften auch ein Problem. Deswegen steht natürlich auch die Frage im Raum: Wie viele Wolfsrudel können im dicht mit Straßen und Städten bebauten Deutschland überhaupt heimisch werden? Darüber streiten auch die Experten. Aber Beerlage hat wohl Recht: Je weiter es nach Westen geht, umso schwerer wird es für den Wolf, überhaupt noch ein Habitat zu finden, das groß genug ist und nahrungsreich, um die Aufzucht des Nachwuchses zu ermöglichen. Gleichzeitig diskutieren die Wolfsgegner (wie kann es anders sein) genauso wie die Menschengegner über Obergrenzen. Denn wenn man Maximalzahlen definiert und den Schutzstatus des Wolfes senkt, dann darf man doch wieder … Oder?

Es sind diese kleinen Abschweife in Sackgassen am Rand, mit denen deutlich wird, wie verklemmt die politische Diskussion meistens ist. Und dass den Kombattanten im Grunde all das fehlt, was Beerlage mit echter Neugier herausarbeitet. Er lässt seine eigene Angst und Faszination nicht außen vor. Er will wirklich wissen, wie das über Jahrhunderte war im nie konfliktfreien Nebeneinander von Mensch und Wolf. Warum das ganze 19. Jahrhundert regelrecht in einem Blutrausch war, wenn es um die Jagd nach dem letzten, dem allerletzten Wolf ging. Wolfsdenkmäler im ganzen Land erzählen davon. Ausgestopfte Exemplare in Museen ebenfalls.

Hinter dem Bild der „Bestie“ verschwand das Raubtier selbst. Seine tatsächlichen Lebens- und Ernährungsgewohnheiten, seine Nachwuchsaufzucht, das Wanderverhalten der jungen Rüden – all das wird in den alten Legenden nicht sichtbar. Damit aber beschäftigen sich Biologen heute intensiv. Denn je mehr wir über das natürliche Verhalten der Wölfe wissen, umso besser können wir Konflikte vermeiden. Und vorsorgen. Denn der Wolf trifft natürlich auf eine menschendominierte Landschaft, in der das Futter oft genug schutzlos und verlockend direkt auf der Wiese steht. Es ist auch ein Lernprozess für heutige Weidetierhalter, wie man das Nutzvieh doch wieder vor wölfischem Hunger schützen kann. Und muss. Beerlage erzählt oft genug mit Ironie und Augenzwinkern, wie menschlich-wölfisch die Beziehungskiste der beiden Superräuber oft genug ist. Und wie ein großes Schafsgemetzel eher weniger mit irregeleiteten Wölfen zu tun hat, als mit blökenden Schafen, die lieber blöken als wegzulaufen. Was den Wolf – wie Beerlage schildert – geradezu in Nöte bringt: Solange reißbares Wild da steht und nicht flieht, kann er nicht aufhören, der Wolf.

Was einem doch sehr vertraut vorkommt. So als Mensch.

Nur dass unser Vorteil ist: Wir müssen uns nicht mehr nur auf unseren Instinkt verlassen (wenn der denn noch richtig funktioniert). Wir können unsere Vernunft nutzen und lernen und die Konflikte mit den wieder heimisch gewordenen Wölfen so weit wie möglich minimieren. Da hilft, wirklich möglichst alles über die grauen Jäger zu wissen. Bis hin zum richtigen Verhalten bei einer Begegnung mit dem Wolf.

Beerlage schafft es tatsächlich mit viel Neugier, Beharrlichkeit und einer Menge feiner Ironie, dem Leser ein sehr umfassendes Bild zu liefern vom Leben der Wölfe in Deutschland, ihren natürlichen Lebensräumen und dem Umgang vieler Menschen und Institutionen mit dem nicht immer einfachen Thema. Aber selbst die entgleisten Diskussionen helfen wieder etwas zu erkennen: Dass auch Landräte und Umweltminister gut beraten sind, sich fachliches Wissen anzueignen um in möglichen Konfliktsituationen kenntnisreich und unaufgeregt zu handeln. 17 Jahre mit dem Wolf waren ja auch ein Lernprozess für alle. Der auch gezeigt hat, dass Hysteriker in der medialen Diskussion eigentlich nichts zu suchen haben.

Sie schüren dort Ängste, wo rationales Handeln angebracht ist.

Aber so spiegelt Beerlages Reise in Wolfslandschaften eben auch die Verwerfungen unserer heutigen Medienwelt, in der Journalisten viel zu selten Zeit und Raum genug haben, sich ein Thema so gründlich zu erarbeiten, wie es Beerlage hier tut. „Wolfs“-Themen gibt es mehr als genug. Aber ein von Zeitdruck und Personalknappheit getriebener Journalismus hat kaum noch Gelegenheit, die Dinge auf derart ruhige und neugierige Weise anzupacken. Daher rührt eine Menge unserer heutigen Angst- und Panikdiskussionen.

Die Geschichte vom Wolf ist sehr typisch dafür. Das Buch ist ein sehr lebendig geschriebenes Beispiel dafür, wie man sich einem so heiß diskutierten Thema nähern kann und wie journalistisches Erzählen in Zeiten der medialen Hysterie eigentlich wieder aussehen sollte.

Andreas Beerlage Wolfsfährten, Gütersloher Verlagshaus, München 2017, 19,99 Euro.

Die LEIPZIGER ZEITUNG ist da: Seit 20. Oktober überall zu kaufen, wo es gute Zeitungen gibt

RezensionenWölfeReportage
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