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Sebastian Hesse besucht sieben Orte, wo Menschen versuchen, wieder eins zu werden mit sich und der Welt

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    Für Freikäufer Es ist längst so weit. Die gesamte Welt ist wieder auf der Suche nach einer neuen Spiritualität. Fast verzweifelt, könnte man sagen. Denn augenscheinlich kann die schöne neue Welt der kapitalen Selbstvermarktung eins nicht bieten: das Gefühl, als Mensch in dieser Welt geborgen zu sein, lebendig zu sein und verbunden mit dem grandiosen All. Aber Sebastian Hesses Reise begann ausgerechnet im Mutterland des Mammons: den USA.

    Dort war der Journalist und Fotograf, Chefreporter beim MDR, als Korrespondent im Einsatz und war verblüfft darüber, „wie bedeutend Religion noch heute in Amerika ist“.

    Über die Erlebnisse, die diese Verblüffung erzeugten, erzählt er freilich nicht. Sie haben ihn nur angeregt, selbst auf die Suche zu gehen nach Orten und Menschen, wo die heutige Suche nach einem Sinn in dem allem stattfindet. Dass zwischen 2010 und 2016 genau sieben solcher Reportagen entstanden, hat nur bedingt einen besonderen Sinn, auch wenn es Geseko von Lüpke in seinem Nachwort so versucht einzuordnen und sich damit selbst als Sinnsucher entpuppt.

    In seinem Nachwort schlägt er den Bogen von den Funden der Archäologen, die religiöse Riten auch schon in den jahrtausende alten Grabstätten der Menschen nachweisen können, über die verschiedenen Wege der Philosophie, die er im Gegensatz des geschwisterlich-religiösen Denkens eines Frank von Asisi in dem rigiden Machtdenken eines Machiavelli sieht. Bis in die Neuzeit, wo er die falschen Wege dann in der „falschen“ Aufklärung sieht, was er mit der Person Francis Bacons verbindet, jenes Mannes, der so explizit für moderne wissenschaftliche Forschungsmethoden stand, gleichzeitig aber auch als Staatsanwalt Ketzer auf die Folter spannte. Was für von Lüpke in das Bild mündet, genau so seien die rationalen Nachfolger dieses Denkens auch mit der Natur umgegangen, hätten sie auf die Folterbank gespannt. „Wir foltern die Natur. Um aus ihr das herauszuholen, was wir für ‚wahr‘ und ‚wertvoll‘ halten.“

    Na ja, das ist die Stelle, an der ich aus diesem Nachwort aussteige, weil danach eine Menge Irrationales folgt bis hin zu einem seltsamen Lamentieren über die „konventionelle Wissenschaft“. Das wissenschaftliche Denken ist nicht wirklich von Lüpkes Stärke.

    Er spricht von „Ratio-Kult“. Schön wäre es, wenn die Mehrheit der Menschen tatsächlich rational und wissenschaftlich dächten. Tun sie aber nicht. Die meisten agieren irrational, lassen sich von Werbung und Konsumdenken leiten, unterliegen den Zwängen einer Arbeitswelt, die ihnen jeden Freiraum zur persönlichen Entfaltung nimmt. Und sie leiden darunter. Die steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen sprechen Bände.

    Und so findet Sebastian Hesse natürlich schnell Orte, an denen Menschen einen neuen Zugang zur Welt, zu ihrem Dasein und dem Kreislauf des Lebens suchen, als dessen Teil sich viele nicht mehr empfinden. In Glastonbury und London besucht Hesse die Druiden von heute, die versuchen, so wie die legendären Druiden der Römerzeit wieder ein ungebrochenes Verhältnis zur Kraft der Natur und dem Kreislauf des Lebens zu finden. In Irland steigt Hesse mit tausenden Iren zur Pilgerfahrt auf den Croagh Patrick. Im Süden Spaniens erlebt er die Büßerumzüge der Semana Santa. Auch ein Besuch der Mönchrepublik Athos ist ihm möglich. Scheinbar ein uraltes Stück Glaubensgeschichte, das an die Religiosität des Byzantinischen Reiches erinnert – aber noch heute suchen Menschen ganz unübersehbar diese Rituale und spirituell ergreifenden Erlebnisse. Irgendetwas suchen die Menschen. Etwas treibt sie um und wirkt wie ein Gegenpol zu einer überdrehten, als leer empfundenen Welt. So wie der Sufismus und die tanzenden Derwische, die Hesse in Istanbul erlebt und in Konya, an Rumis Begräbnisort, in seltsamer Zwiespältigkeit: als Inszenierung ohne jede Mystik und als mystisches Erlebnis irgendwo in den Gassen der Stadt. Was im Grunde das große Schisma deutlich macht, das längst besteht zwischen den inszenierten und bürokratisierten Religionen, und der Suche der Menschen nach echtem Erlebnis weit abseits davon.

    Und so besucht er die lebendige Gegenwart der Sufis im nördlichen Indien, die längst in der Gefahr schweben, von den fundamentalistischen Großreligionen aufgerieben zu werden. Hier spürt er noch etwas von den uralten Beweggründen der Menschen, dem, was sie suchen in ihrer Religion. Hier spürt man nichts von der fundamentalistischen Gewaltsucht der Großreligionen. Hier wird spürbar, wie Religion immer wieder in den Zwiespalt gerät zwischen Vermarktung und Vereinnahmung. Obwohl die Menschen selbst augenscheinlich etwas völlig anderes suchen. Was auf der letzten Station in China deutlich wird, wo Hesse nicht nur ein Kloster in Tibet besucht, sondern auch buddhistische Tempel und eine Kirche. Und jedes Mal merkt er, dass die herrschende KP zwar ihren Herrschaftsanspruch überall deutlich macht, am Ende auch verhindert, dass er seine Gespräche im Umfeld der Kirche führen kann. Aber mittlerweile hat man sich augenscheinlich mit den Glaubensgemeinschaften im Reich der Mitte arrangiert und auch mit der Tatsache, dass immer mehr Chinesen einen Ort für ihre spirituellen Bedürfnisse suchen. Da helfen die tollste kommunistische Marschrichtung und der größte wirtschaftliche Erfolg nicht: Sie befriedigen wichtige Bedürfnisse des Menschseins nicht. Sie können das Loch nicht füllen, das entsteht, wenn Menschen sich in ihrer Welt nicht mehr verwurzelt, geborgen und angenommen fühlen.

    Das kann kein noch so tolles Produkt, kein Geld und kein Prestige ersetzen. Wo diese Verbundenheit mit der Welt, dem Kosmos, dem eigenen Leben fehlt, greifen augenscheinlich Ängste, Ratlosigkeit und das Gefühl des Verlorenseins um sich. Was der Mensch eigentlich nicht aushält. Es geht ganz unübersehbar nicht ohne die Suche nach Sinn im Leben. Und die Zubehörteile kann man nicht kaufen. Man muss sich selbst auf den Weg machen. Aber das hat wenig mit einem Widerspruch zu Wissenschaft und Ratio zu tun. Aber viel mit einer Wirtschaftsweise, die glaubt, alles in der Welt in Ware und Profit verwandeln zu müssen, der nichts heilig ist – und die damit auch unsere Lebensgrundlagen zerstört. Und das spüren wir natürlich alle. Nur die Dummköpfe grinsen dann und tun so, als wären sie auf der Gewinnerseite, wenn sie den Tanz ums Goldene Kalb mitmachen und die absehbaren Verluste für unvermeidbar halten. Was dann wieder Grundlage all der Untergangsphantasien wird, die die westliche Welt in Atem halten. Das Gefühl sitzt tief, dass diese Art Wirtschaften und Leben nur noch in der Katastrophe enden kann. Was übrigens auch wieder ein religiöses Gefühl ist, in der Bibel in mehreren eindrucksvollen Apokalypsen vorweggenommen. Gerade fundamentalistische Religionen sehen im apokalyptischen Denken den Sinn ihres Tuns. Womit man dann wieder in einigen Teilen des fundamentalistischen Amerika wäre, über das Hesse lieber nicht schreibt.

    Die Glaubensgemeinschaften, über die er schreibt, sind praktisch das Gegenteil davon, es sind Gemeinschaften, in denen Menschen wieder einen Weg zum eigenen Heilsein suchen. Es hätten auch deutlich mehr als sieben solcher Geschichten werden können, die Hesse mit eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotografien bebildert hat. Aber schon diese engagierte Suche zeigt, wie groß der Bedarf an Einssein mit der Welt heute ist und wie Menschen nach diesem Einssein suchen. Was natürlich auch zeigt, wie sehr es an Spirit fehlt in unserer vom Leistungsdruck irre laufenden Welt.

    Aber das Verblüffende ist: So ging es ja auch schon Hesses Namensvetter Hermann Hesse vor 100 Jahren. Und seine Bücher, die von genau dieser intensiven Sinnsuche erzählen, werden immer wieder aufgelegt und gelesen. Denn unübersehbar bleibt dieses Urbedürfnis der Menschen, sich in der Welt geborgen zu fühlen, in dieser Art Gesellschaft unerfüllt. Und jede neue Generation merkt das aufs Neue. Und trotzdem überlassen wir die Macht den Apokalyptikern. Das gibt doch zu denken.

    Sebastian Hesse Sieben, Mitteldeutscher Verlag, Leipzig 2017, 24,95 Euro.

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