Auch wenn man Charles Vetter noch nicht kennt, lohnt sich die Reise nach Merseburg bis zum 28. Januar. Denn seit dem 25. November zeigt das dortige Kulturhistorische Museum Schloss Merseburg die Ausstellung „Charles Vetter: Ein Stimmungsmaler zwischen Merseburg und München“. Vom unglücklichen Wort „Stimmungsmaler“ darf man sich nicht täuschen lassen. Bis heute hadert man in Deutschland mit dem eigenen, hochkarätigen Impressionismus. Vetter war einer der ganz großen Impressionisten.

Deswegen ist diese Ausstellung auch an Leipzig vorbeigegangen. Wie so vieles. Ich weiß nicht, was mit dem Leipziger Bildermuseum los ist, das sich immer öfter im Banalen, Gestaltlosen und Konturlosen verliert. Als habe man Scheu davor, in Sonderausstellungen konkret und diskutant zu werden.

Und Themen in der (deutschen) Kunstgeschichte, die wirklich diskutierenswert sind, gibt es genug. Das war mal ganz kurz zu sehen, als sich das Museum der bildenden Künste 2008 mal traute, die große Ausstellung „Lovis Corinth und die Geburt der Moderne“ zu zeigen. Die deutsche Moderne wurde damals in München geboren. Wer die Liste der Künstler, die damals in München studierten, liest, hat im Grunde ein Who is Who der deutschen Moderne, die ja bekanntlich 20 Jahre später kam. 20 Jahre, nachdem die Franzosen ihren impressionistischen Aufbruch in die Moderne erlebt hatten.

Da wurden hierzulande noch Historienschinken, kuhbäuerliche Landschaften und Biedermeierszenen gemalt und in fetten Goldrahmen in die dunklen Wohnstuben der neuen Bürger gehängt. Da wurde im wilhelminischen Kaiserreich noch emsig Historismus zelebriert. Und das wurde an allen deutschen Kunstakademien gelehrt. Eigentlich auch in München. Aber es war auch die erste Stadt, die das Verlangen zeigte, von diesen ganzen alten Maskierungen endlich Abschied zu nehmen und „französisch heitres Tageslicht“ (Heine) ins Land zu lassen. Oder überhaupt Licht. Denn der Impressionismus ist die Malerei des Lichts. Sie lebt von der Faszination des wirklich beobachteten Lichtspiels auf Wasser, Wiese, unter Bäumen, auf Bergen, Kirchen und Gesichtern. Hingetupft. Ein filigranes Farbenbild, das gerade dadurch, dass nicht alles ausgemalt und fein gepinselt war, den wirklichen Eindruck (Impression) sichtbar werden lässt, der unser Sehen erst so faszinierend macht.

Und als die Franzosen auch in Deutschland längst Rekordpreise für ihre Arbeiten erzielten, wurde hier immer noch eifrig das fotografisch getreue Genrebild ausgebildet. Auch Charles Vetter machte so eine Ausbildung durch. Aber Peter Zimmermann, der dieses Buch zur Ausstellung in Merseburg geschrieben hat, das eigentlich schon zu Vetters 150. Geburtstag fertig sein sollte, betont zu Recht, dass München für den Sohn eines herrschaftlichen Försters aus Schkopau ein Glücksfall war. Sein künstlerisches Talent fiel schon in Merseburg auf, wo er das Gymnasium besuchte. Deswegen betrachten die Merseburger den Maler auch heute noch als Sohn der Stadt und die erste große Personalausstellung seit Jahrzehnten findet in Merseburg statt – bestückt vor allem mit Bildern aus der Sammlung von Peter Zimmermann, der am Ende zehn Jahre an der Vetter-Biographie schrieb. Denn um das Leben dieses fast vergessenen Malers zu rekonstruieren, musste er eine Menge verstreuter Archive aufsuchen und in viele Museumsdepots steigen, wo man ihm freilich stets entgegenkommend begegnete und auch die Bilder des lang vergessenen Malers gern ablichtete. Denn mit den fast vergessenen Malern beschäftigen sich auch Kunsthistoriker selten bis nie. Die meisten latschen die breit ausgetretenen Wege und beten die alten Heiligengalerien herunter. Maler wie Charles Vetter tauchen da meist nur als Fußnote auf – etwa zu Leibl, Corinth, Slevogt oder Max Liebermann. Manchmal tauchen sie auch gar nicht auf, obwohl sie von Anfang an dabei waren – wie zum Beispiel bei den Münchner Sezessionisten, die sich 1892 zusammentaten, weil sie sich nicht mehr in den altbackenen Kunstausstellungen verlieren wollten.

Vetter war dabei, taucht aber nicht mal im zugehörigen Wikipedia-Beitrag auf.

Was völlig unverständlich ist, wenn man sieht, wie der Mann gemalt hat – auch wenn er nach seinem Studium zehn lange Jahre brauchte, um seinen eigenen, unverwechselbaren Malstil zu finden. Der aber dann, als er in den Ausstellungen auftauchte, das Publikum – und die Kunstkritiker – frappierte. Denn ganz ähnlich wie Liebermann gelang es Vetter, eine unverwechselbare impressionistische Malweise zu finden, eine, die dem doch nicht ganz so sonnenreichen und leichtlebigen Deutschland entsprach. Was nur möglich war, weil Vetter konsequent mit seiner Staffelei ins Freie ging, so, wie es die französischen Impressionisten auch machten.

Man musste das Lichterspiel selber sehen – im richtigen Moment – um es auch eindrucksvoll einzufangen. Und Vetter war fasziniert von den Lichtern. Besonders liebte er augenscheinlich Regen- und Wintertage. Etwas, was man bei den Franzosen kaum sieht. Zimmermanns Monographie ist reich gespickt mit Vetters Bildern. Gerade die Fülle macht sichtbar, dass er kein Solitär war. In manchen Bildern – gerade bei seinen prächtigen Ballbildern – ist er Adolph Menzel nahe. Manche seiner Interieurs erinnern gar an die holländische Schule. Was kein Zufall ist, denn Vetter liebte auch die ganz und gar nicht einfach zu malenden Lichtspiele in damals durchaus dunklen und vollgestopften Innenräumen. Kleinere Arbeiten sind dem Jugendstil nahe. Aber am eindrucksvollsten sind wohl seine Stadtbilder aus München (aber auch aus Merseburg und Halle), in denen er die durchleuchtete Kulisse der Großstadt als impressionistisches Motiv für sich entdeckt. Keine idyllischen Landpartien, sondern geschäftiges Treiben auf nassen Straßen, Pferdedroschken, Blumenmärkte, Straßenbahnen, eilende Menschenscharen. Und immer wieder abendliche oder gar nächtliche Szenen, in denen das noch junge elektrische Licht für völlig neue Eindrücke sorgt.

Vetters Bilder – fast alles erstaunlich kleine Formate – haben Atmosphäre, man hört fast die Geräusche. Als bewegte sich das Treiben da unten auf dem Marienplatz tatsächlich und man ist geneigt, einfach den Schirm zu schnappen und runterzulaufen. Vetter hat sich seiner Wahlheimatstadt im Lauf der Jahrzehnte so intensiv gewidmet, dass man fast meint, das München der Jahrhundertwende aus diesen Bildern in all seiner Lebendigkeit rekonstruieren zu können. Samt Autohupen, Hufgeklapper und dem Klingeln der Straßenbahn.

Aber Vetter hat es nie zu dem Ruhm eines Liebermann oder Corinth gebracht. Was sich auch in Zimmermanns Lebenserkundung andeutet: Vetter war niemand, der sich in den Vordergrund spielte. Kein extrovertierter Selbstvermarkter, der mit Aufruhr dafür sorgte, dass auch die Preise seiner Bilder in die Höhe schnellten. Dass Sammler durchaus bereit waren, ordentliches Geld für die Bilder zu zahlen, konnte Zimmermann durchaus feststellen. Aber in der Selbstvermarktung blieb Vetter wohl doch lieber bescheiden – was in der Kunst seinen Preis hat. Denn dann wird man auch als gefragter Künstler nicht reich, zittert sich von einem Verkauf zum nächsten. Und kann froh sein, wenn man bei Ausstellungskritiken überhaupt noch erwähnt wird – wenn auch sichtlich abwertend in manchem späteren Jahr.

Denn der Spätstart des deutschen Impressionismus hatte auch seinen Preis: Die Maler, die sich ihm widmeten, waren schon wenig später mit all den neuen Mal-Moden konfrontiert, die in immer schnellerem Tempo die Kunstwelt aufscheuchten und das, was eben noch mühsam errungen wurde, einfach vom Markt fegten. So war auch Vetter ein Alter eher in Bescheidenheit beschieden, obwohl er für viele seiner Bilder begeisterte Käufer fand und auch etliche Museen seine Bilder im Bestand haben. Versteckt im Fundus.

Mit dieser reich bebilderten Monographie von Peter Zimmermann wird das Werk dieses eindrucksvollen „Stimmungsmalers“ neu entdeckt.

Und der Ausflug nach Merseburg lohnt sich unbedingt. Bis zum 28. Januar sind die Bilder von Charles Vetter dort zu sehen.

Mit dem Buch bekommt nun endlich auch ein Maler aus unserer Region die Würdigung, die er schon längst verdient hat. Aber so ist es wohl mit den Stillen und Bescheidenen: Es muss sich erst wieder einer finden, der sie wiederentdeckt.

Peter Zimmermann; Charles Vetter Charles Vetter, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2017, 29,80 Euro.

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