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„In Bewegung“ – 500 Jahre Schießen, Schmettern, Laufen, Springen und Medaillensammeln

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    Vom 28. März bis zum 16. September ist im Stadtgeschichtlichen Museum im Böttchergässchen die Ausstellung „In Bewegung. Meilensteine der Leipziger Sportgeschichte“ zu sehen. Eine eindrucksvolle Schau, die sichtbar macht, was eigentlich fehlt, wenn das Leipziger Sportmuseum immer noch kein eigenes Haus hat. Zum Beispiel am Sportforum.

    Auch wenn die Platzierung des Museums für mittlerweile 95.000 Sammlungsobjekte in der denkmalgeschützten Nordtribüne des alten Schwimmstadions nicht mehr so sicher scheint. Das Kulturdezernat hält auch einen anderen Ausstellungsort für möglich. Es wird gesucht.

    Und vorher können die Leipziger eintauchen in die Welt der sportlichen Erinnerungsstücke. Und das gleich doppelt. Denn jetzt ist auch das Begleitbuch zur Ausstellung endlich fertig geworden. Normalerweise liegt so ein Sonderheft aus der Reihe „thema.M“, die das Ausstellungsgeschehen im Stadtgeschichtlichen Museum begleitet, frisch zur Ausstellungseröffnung vor.

    Nicht immer gibt es eine Sonderpublikation. Das stimmt auch. Denn sie verursacht natürlich Extrakosten, die im normalen Museumsbudget nicht vorgesehen sind. Das heißt: Nur wenn Sponsoren bei der Druckfinanzierung helfen, gibt es ein so dickes Heft, das schon ein Buch ist, 240 Seiten dick, reich bebildert. Wer in der Ausstellung war, wird viele Ausstellungsstücke hier im Bild wiederfinden.

    Und man ahnt, warum das Ganze diesmal etwas länger gedauert hat, denn über 20 Autorinnen und Autoren haben mitgeschrieben, einige gehören zu den namhaften Schwergewichten in der jeweiligen Sportart, die sie vorstellen. Denn sowohl Ausstellung wie Buch präsentieren über 500 Jahre Leipziger Sportgeschichte vor allem am Beispiel wichtiger und erfolgreicher Sportarten.

    Und dass es mit den Schützen losgeht, ist kein Zufall, denn im Spätmittelalter waren die Bürger einer Stadt wie Leipzig auch zur Verteidigung verpflichtet, konnten aber auch vom Landesherrn angefordert werden, wenn es brenzlig wurde im Land. Und deshalb übten sich die Stadtbürger auch regelmäßig an Waffen, die Stadt unterhielt ein ordentliches Waffenmagazin – nicht nur mit Harnischen und Spießen, sondern auch mit Schusswaffen.

    Armbrust und Gewehr gehörten bis ins 19. Jahrhundert zur Ausrüstung der Bürger. Und damit sie wehrhaft blieben, wurde regelmäßig geübt. Und aus den Übungen entstanden die bekannten Wettschießen- und Schützenfeste. Sogar mit Kanonen übte man sich vor der Stadt. Da staunt sogar Steffen Poser, der als Völkerschlacht-Spezialist diese Sportart beackert. Und zwar nicht nur bis ins 19. Jahrhundert, wo sich 1866 die Kommunalgarde endgültig in Luft auflöste, sondern bis in die Gegenwart, denn Leipzigs Sportschützen haben in den letzten Jahrzehnten immer wieder internationale Erfolge eingefahren.

    Die große historische Linie bestimmt alle Einzelerzählungen über die Sportarten, die in Leipzig für Furore sorgten, egal ob es die Frühformen des Jeu de la paume sind, die schon zu Luthers Zeit bekannt waren, die sich bis zum modernen Tennis veränderten und Leipzigs ersten Olympiasieger Heinrich Schomburgk hervorbrachten, oder das Aufkommen der Turnbewegung nach Friedrich Ludwig Jahn. Und vom Turnen weiß man ja, wie politisch das in Zeiten der Sozialistengesetze werden konnte.

    Sport und Politik – das ist zumindest ein am Rande auftauchendes Thema, etwa wenn die Nationalsozialisten den jüdischen Bürgern das Sporttreiben verbieten und die jüdischen Sportler ermorden, oder wenn Sport (wie auch in der DDR) staatstragend wird und der Spitzensport, mit dem man Olympiamedaillen holen kann, den Breitensport fast verdrängt. Politik aber war auch die Abwicklung der DHfK oder die Leipziger Olympiabewerbung von 2002.

    Erst beim Blättern merkt man, wie viele Welten sich im Sport eigentlich begegnen und wie schwer es den Autorinnen und Autoren fallen muss, die Leipziger Erfolgsgeschichten im Radsport, im Schwimmen, im Handball oder im Rudern auf wenige Seiten zu komprimieren, die wichtigsten Vereine und Akteure zu nennen und dann … aufhören zu müssen, wo doch die Faszination oft erst beginnt, wenn auch noch die Schicksale der berühmten Sportler erzählt werden. Immerhin lebt ein großer Teil der Sammlungen des Sportmuseums von diesen persönlichen Geschichten und Triumphen.

    Aber die Fülle zwingt zum Verknappen, denn die Geschichte der Galopprennbahn will natürlich genauso erzählt werden wie die des Sportforums oder der fast vergessenen Sportanlage am Cottaweg. Den Auftakt der legendären Sportstätten macht sowieso die Sporthalle in der Leplaystraße.

    Man erfährt von legendären Bandy-Wettkämpfen auf zugefrorenen Teichen im Johannapark, von den motorisierten Rennen im Clara-Zetkin-Park in den 1950er Jahren und vom ersten Leipziger Marathonlauf 1897. Und natürlich wird auch die abrupt endende Geschichte der jüdischen Sportvereine erzählt, man erfährt vom ersten Sportplatz, der von Dr. Schreber persönlich eingeweiht wurde, und von den Bauernwiesen, wo der Leipziger Fußball einst geboren wurde. Suche mal einer die Bauernwiesen.

    Aber man lernt so nebenbei auch, welch enormen Einfluss die Engländer im späten 19. Jahrhundert hatten, als sie vor allem Sportarten mit Wettkampfcharakter favorisierten, was ja zum Geist der Zeit passte. Die neue Gesellschaft, die jetzt überall zu dominieren begann, machte Konkurrenz und Wettbewerb in allen Lebensbereichen sichtbar.

    Die Leipziger übernahmen den englischen Sportsgeist und die Regeln des Fairplay ziemlich schnell. Was in den 1920er Jahren vielen Traditionsvereinen die Mitglieder schwinden ließ, denn die jungen Leute fanden Sport mit echtem Zweikampf viel spannender, als das gut geübte Schauturnen vor der begeisterten Verwandtschaft.

    Man merkt schon, was das für ein Museum werden müsste, wenn es endlich mal Gestalt annimmt. Die ersten Vorboten werden ja in diesem Jahr noch im öffentlichen Raum auftauchen, denn jetzt soll ja endlich das 2002 beschlossene Konzept einer Sportroute umgesetzt werden mit 22 Stationen, die zeigen, wo Leipzigs Sport einst seine Anfänge nahm – die Bauerwiesen an der Fockestraße und die Sporthalle Leplaystraße werden die ersten Stationen sein.

    Der vorliegende Band führt die Leser jedenfalls schon einmal ein in diese Welt und zu den wichtigsten Orten, an denen die Leipziger anfingen, sich fit zu machen für einen Wettbewerb, der nimmer endet und fortwährend neue Sieger, Herausforderer, Auf- und Absteiger produziert. Der Sport spiegelt den Ehrgeiz der wirtschaftlichen Wirklichkeit. Und ein bisschen darf man (gerade beim Kapitel Fußball oder bei der letzten Pleite im Damenhandball) darüber nachdenken, wie sich Sport und Business durchdringen.

    Volker Rodekamp (Hrsg.) „In Bewegung. Meilensteine der Leipziger Sportgeschichte“, Stadtgeschichtliches Museum, Leipzig 2018

    Kulturdezernat würde gern die Bürger beteiligen bei der Suche nach einem Platz für das Leipziger Sportmuseum

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