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Mitfühlen mit Elisabeth, Dina und den erregten Leipzigern im März 1848

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    Es ist jedes Mal ein Geschenk, das sich der Leipziger Geschichtsverein selbst macht – und allen an der eigenen Stadtgeschichte interessierten Leipzigern. Jedes Jahr publiziert der Verein einen Band mit lauter Beiträgen, in denen sich die Autorinnen und Autoren mit allerlei Fragen beschäftigen, die so beiläufig auftauchen, wenn man sich mit großen Forschungsgebieten beschäftigt. Die aber überhaupt nicht beiläufig sind. Und es wird sogar erschütternd.

    Denn ein Zeichen der modernen Geschichtsforschung ist auch die zunehmende Aufmerksamkeit für den Alltag der Menschen in so einer Stadt. Früher waren bestenfalls Könige, Fürsten, Feldherren und Würdenträger erwähnenswert. Volk war all das, was dann irgendwie Geschichte auszuhalten hatte, verhungerte, darbte, in Kriegen verheizt wurde, schuftete, elend früh starb.

    Aber in den 1980er Jahren änderte sich der Fokus, schärften vor allem kritische Historiker den Blick für die Tatsache, dass die tragende Folie der Geschichte nicht die Heldenlegenden der Herrschergeschlechter sind, sondern der Alltag des Volkes. Also der vielen „kleinen Leute“, die mit ihrem Leben und Handeln dafür sorgen, dass überhaupt Dinge geschehen können.

    Und einige der Beiträge in diesem Band für 2017 widmen sich solchen viel zu selten dokumentierten Einzelschicksalen. Denn während auf die Prächtigen an der Spitze ganze Berge von Elogen geschrieben werden, erhält sich aus dem Leben der einfachen Menschen meist wenig bis nichts. Sie verwehen wie Staub im Wind.

    Deswegen dürfte das kleine Tagebuch der Leipziger Schülerin Dina Riwosch aus dem Kriegsjahr 1917, das Katrin Löffler hier vorstellt, für manchen Leser eine schöne Überraschung sein. Auch weil die Aufzeichnungen dieses Mädchens so völlig dem üblichen Frauen- und Mädchenbild widersprechen, das zumeist für diese Zeit und die bürgerliche Lebenswelt überliefert wird.

    Was zumindest die Frage aufwirft, ob sich bürgerliche Historikerinnen und Historiker nicht viele Jahrzehnte lang selbst betrogen haben, weil sie die Inszenierung (groß-)bürgerlicher Gefühlswelten in den wenigen publizierten Frauen-Tagebüchern der Zeit falsch interpretiert haben. Die jungen Frauen scheinen – zumindest in der Welt, in der Dina zuhause war – ganz und gar nicht so ätherisch und introvertiert gewesen zu sein. Im Gegenteil. Dina würde auch unter heutigen Mädchen eher dadurch auffallen, dass sie gern und viel liest, sehr unabhängig ist und vor Lebenswillen sprüht.

    Leider ist nur das eine Heft ihrer Tagebuchaufzeichnungen überliefert. Möglich, dass sie noch viel mehr geschrieben hat. Die Tragik ihres Lebens ist, dass auch sie 1942 in der Vernichtungsmaschine der Nazis zu Tode kam, weil sie ihre Mutter nicht verlassen und die Chance zur Ausreise nach England nicht nutzen wollte.

    Stolpersteine haben die beiden leider noch nicht bekommen. 1917 lebte Rocha Riwosch als Privata in der Sedanstraße 18, der heutigen Feuerbachstraße, dritter Stock. Natürlich lebten auch Dina und ihre Geschwister hier. Man bekommt eine sehr bildhafte Vorstellung von ihrem Leben in Leipzig, wenn sie ihre Erlebnisse aus der „Schuster’schen Lehranstalt“ erzählt, die Wanderung zum Luna-Park oder die nächtlichen Flirts im Rosental.

    Rocha Riwosch, die Mutter von Dina, im Leipziger Adressbuch 1918. Screenshot: L-IZ
    Rocha Riwosch, die Mutter von Dina, im Leipziger Adressbuch 1918. Screenshot: L-IZ

    Und vor allem bekommt diese Geschichte einen besonderen Bezug, wenn Gerald Kolditz in seinem Beitrag vorher ausführlich erzählt, wie die Leipziger die ganzen vier Kriegsjahre lang ständig mit neuen Spendenaufrufen in Atem gehalten wurden, wie sie Kriegsanleihen kaufen, Gold abgeben und zuletzt Kleider, Metalle und Obstkerne sammeln sollten. Und wie sie dadurch, dass das Deutsche Reich seinen Krieg quasi auf Pump bei seinen Bürgern bezahlte, nach dem Krieg großflächig verarmten.

    Nicht die einzige Geschichte im Sammelband, die einmal versucht zu erkunden, wie es den Bürgern der Stadt erging, wenn die Kriegsherren alle Ressourcen plündern. Caroline Köhler untersucht einmal ein meist unterbewertetes Ereignis aus der Leipziger Geschichte – die Besetzung Leipzigs im 2. Schlesischen Krieg im November/Dezember 1745, als Friedrich II. von Preußen an der Stadt schon einmal durchexerzierte, wie er die Stadt zur Finanzierung seiner enormen Kriegskosten ausplündern konnte. Das wird nämlich in den ganzen heroischen Kriegserzählungen fast immer weggelassen – dass Kriege enorme Kosten verursachen und nur deshalb funktionieren, weil sie vor allem den Reichtum der einfachen Menschen vernichten.

    Historiker waren viel zu lange nur reine Hofberichterstatter und haben die ökonomische Seite der Kriege in der Regel nicht mal gestreift. Dass aber Friedrich II. ein Drittel seiner 12 Millionen Taler Kriegskosten auf Sachsen und insbesondere auf die Handelsstadt Leipzig abwälzte, sollte zumindest bedacht werden, wenn mal wieder einer ein Ruhmeslied dieses Königs singen will.

    Und die Leipziger lebten wochenlang in Angst und Schrecken, denn Friedrichs Offiziere drohten mit jeder drastischen Erhöhung der Forderungen damit, die Stadt mit Gewalt und Plünderung zu überziehen. Dass sich gerade Bürgermeister und Rat so engagiert darum bemühten, die Gelder trotzdem aufzutreiben, ist durchaus beachtenswert. Die Schulden musste die Stadt dann über mehrere Jahre abbauen. Und die Leipziger ahnten nicht, dass es im 3. Schlesischen Krieg 20 Jahre später noch einmal so schlimm werden würde.

    Es ist, als wollten die Autoren des Buches zeigen, dass man Geschichte auch mit viel Herz schreiben kann. Etwa wenn Johannes Träger zwei Gerichtsfälle in Sachen Bigamie aus dem Dreißigjährigen Krieg ausgräbt und berechtigterweise zu dem Schluss kommt, dass die Richter mit zweierlei Maß maßen – nicht nur, was den Stand der betroffenen Personen betrifft, die Magd Elisabeth Blumenzopf und den Pfarrer Daniel Müller, sondern auch ihr Geschlecht.

    Es ist einerseits ein genauer Blick in die damalige Rechtssprechung. Da ist man schon gewaltig froh, dass wir aus diesen barbarischen Zeiten heraus sind, in denen es nicht reichte, wenn die Soldatenfrau Elisabeth Blumenzopf beteuerte, seit drei Jahren nichts von ihrem Mann gehört zu haben und ihn für tot zu halten und deshalb wieder geheiratet zu haben. Es gibt ja nun wirklich genug Berichte auch in den Büchern zur Leipziger Geschichte, die zeigen, wie angewiesen Frauen auf den rechtlichen Schutz durch ihre Ehemänner waren. Und wie sich Elisabeths neuer und alter Mann benehmen, ist – aus heutiger Perspektive – völlig inakzeptabel. Genauso, wie Daniel Müllers Verhalten seiner ersten Ehefrau gegenüber im besten Fall heuchlerisch genannt werden kann.

    Und mit Recht erinnert Johannes Träger daran, dass in den alten Leipziger Gerichtsakten noch jede Menge Material steckt, um die Schicksale der einfachen Leipzigerinnen und Leipziger Gestalt annehmen zu lassen. Und während Pfarrer Müller ungeschoren davonkommt, wird Elisabeth Blumenzopf einfach für Jahre der Stadt verwiesen. Was man eigentlich als ein verstecktes Todesurteil werten kann. Denn im Jahr 1642 herrschte noch immer Krieg, die sächsischen Lande waren verwüstet und draußen vor den Toren der Stadt wurde geraubt und geplündert. Die Überlebenschance der Frau, die gerade das Kind ihres zweiten Mannes bekommen hatte, dürften denkbar gering gewesen sein.

    Und es fehlen natürlich auch nicht Beiträge im Buch, die Leipzig aus der hohen Perspektive betrachten. Was insofern auch spannend wird, wenn Andreas Schneider einmal kompakt erzählt, wie Leipzig im März 1848 der Ort war, an dem die Revolution für Sachsen begann – und zwar friedlich. So wie 1989. Die Parallelen erstaunen den Autor selbst. Aber der Unterschied ist auch unübersehbar: In Leipzig machten sich damals auch Stadtrat und Stadtverordnete selbst zu Trägern der Veränderungen – anders als 1989.

    Mehrfach beschlossen sie Noten direkt an den König, endlich auch die erstarrten Verhältnisse zu lösen. Und es ging auch damals schnell – nur wenige Wochen, und die Leipziger Adressen fanden Nachahmer in allen größeren Städten Sachsens. Und der König musste nicht nur Pressefreiheit zugestehen, sondern auch den verhassten Minister Könneritz mitsamt seinem Kabinett verabschieden.

    Und das Erstaunliche ist: Es sind eine Menge Dokumente aus diesem März überliefert – von den Forderungen des königlichen Kommissars bis hin zu den Plakaten, die der Rat in Leipzig aushängen ließ, und den Ergebnissen der Debatten von Stadtverordneten und Stadträten. Und wer in die Leipziger politische Szene schaut, trifft lauter Berühmtheiten an – von Robert Blum über Karl Biedermann, Heinrich Laube, Otto Wigand, Heinrich Brockhaus bis hin zu Arnold Ruge.

    Leipzig war der Hotspot der Märzrevolution in Sachsen – und Demokraten und Liberale arbeiteten zusammen. Die Zeit, dass sich bürgerliche Parteien gegenseitig zerfetzten, war noch nicht gekommen. Und so nebenbei lernt man, dass das berühmte Bild, das Robert Blum am 3. März 1848 auf dem Balkon des (Alten) Rathauses zeigt, falsch ist. Unterm Bild steht die trockene Feststellung, die Uhrzeit der Rathausuhr sei nicht korrekt. Das ist untertrieben. Das Bild zeigt eine Tageslichtszene. Die Uhr zeigt 12:20 Uhr.

    Aber tatsächlich fand die Rede nach der verspäteten Ankunft des Zuges aus Dresden statt, mit dem die Deputation zurückkehrte, die dem König die erste Adresse überbracht hatte. Ankommen sollte der Zug 20 Uhr, es wurde aber 21 Uhr. Es muss also schon ziemlich dunkel gewesen sein, als die Deputierten vom Rathausbalkon sprachen und die Leipziger schon begannen, außer Rand und Band zu geraten. Bis Robert Blum sprach, der nicht mit in Dresden gewesen war, aber mit seiner Rede die Empörung dämpfte – dafür die Forderung zuspitzte – das komplette Regierungskabinett des Königs sollte zurücktreten.

    Wer das Jahrbuch liest, kommt also ganz auf seine Kosten. Jens Kunze beleuchtet in seinem Beitrag noch das Schicksal des doch verblüffend jung gestorbenen Carl von Friesen auf Rötha, der trotzdem zum Begründer eines Geschlechts wurde, das über Jahrhunderte sächsische Geschichte mitbestimmte. Anett Müller wirft einen stadtplanerischen Blick auf die Entstehung des Grafischen Viertels und das Paketpostamt in der Hospitalstraße (heute Prager Straße).

    Und Thomas Hoscislawski beleuchtet die Stadtplanungen in Leipzig zwischen 1945 bis 1990, von denen in der Innenstadt noch einige Relikte zu bewundern sind. Er bemerkt so nebenbei etwas, was auch heutigen Politikmachern meist nicht wirklich bewusst werden will: Staaten können zwar zu Ende gehen und damit zu abgeschlossenen Kapiteln in den Geschichtsbüchern. Aber was in ihnen geschah, vergeht nicht, sondern setzt sich auf unterschiedliche Weise in den Nachfolgeepochen fort. Die Leipziger Stadtplanung ist dafür sogar ein sehr augenfälliges Beispiel.

    Es ist so ein richtig runder Sammelband, der schon wieder neugierig darauf macht, was der Geschichtsverein im Sammelband für 2018 alles aus dem Dunkel der (noch unerforschten) Geschichte holen wird.

    Leipziger Geschichtsverein (Hrsg.) Leipziger Stadtgeschichte. Jahrbuch 2017, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2018, 15 Euro.

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