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Montag, 18. Januar 2021

Der furchtsame Schmetterling – Sieben Geschichten zum Wieder-Mut-Finden und Das-Leben-bei-den-Hörnern-Packen

Von Ralf Julke

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    Seit 2006 gibt es das Haus Leben in Leutzsch, das sich da um Krebsbetroffene kümmert, wo es um die seelische Stärkung und die Wiedergewinnung von Selbstheilungskräften geht. Dazu gibt es mittlerweile einen ganzen Strauß von Angeboten. Seit 22. August ist im Haus an der Friesenstraße auch eine Ausstellung zu sehen mit Bildern von Roswitha Geppert. Die stammen aus diesem Buch, das Grit Kurth zur Eröffnung am 22. August auch vorgestellt hat. Natürlich ein Mutmacherbuch.

    Eines, das sich vor allem an jüngere Leserinnen und Leser wendet. Aber zu Recht betont Grit Kurth im Nachwort, dass Märchen immer auch etwas Allgemeingültiges haben. Auch Erwachsene dürften sich immer wieder mal in solchen ratlosen Situationen wiederfinden, in denen die Leipziger Autorin ihre zumeist sehr kleinen Helden und Heldinnen agieren lässt: Ameisen, Schmetterlinge, Schutzengel, kleine Tränen, Raupen, einen kleinen Jungen und einen Scheuch.

    Das Buch ist extra für den Haus Leben e.V. entstanden. Und die sieben Geschichten erzählen eigentlich eher nicht vom Mut-Machen, sondern vom Mut-Finden: dem Mut, wieder mutig zu sein und sich nicht zu verstecken, nicht kleinzumachen. Was ja schon beim „Furchtsamen Schmetterling“ beginnt, der aus lauter Angst vor all den Dingen, die ihm draußen passieren könnten, lieber gar nicht mehr aus seiner Höhle kommt.

    Was ja auch Menschen so geht, die gar nicht unter einer Krankheit leiden. Ein paar unangenehme Ereignisse und Erfahrungen genügen ja oft und ein sonst lebensfroher Schmetterling bzw. Mensch verwandelt sich in ein ängstliches Wesen, das sich keinen Herausforderungen mehr stellt, auch vor Freunden lieber abtaucht. Wer sich den Gefahren nicht aussetzt, ist ja gerettet. So scheint es.

    Man muss es nur ein wenig umformulieren und merkt: Nein, diese Geschichte erzählt nicht nur von einem ängstlichen Schmetterling, sondern von uns allen. Es steckt mehr in Grit Kurths Märchen als nur ein Trostpflaster für kleine oder große Patienten, denen geholfen werden soll, wieder Mut zum Fliegen zu gewinnen.

    Es sind Geschichten, die das Allermenschlichste ansprechen, das, was sich viel zu viele immer wieder selbst verbieten, weil man sich damit erkennbar macht, auch ein bisschen schutzlos, auch wenn normalerweise Regen, Sturm und fleischfressende Pflanzen nicht unbedingt zu den Hauptgefahren für Menschen gehören.

    Und mit dem Mut-Gewinnen hört es nicht auf. Denn auch das unbekümmerte Drauflosleben hat seine Gefahren, wie der von seiner Angst befreite Schmetterling bald lernen muss. Und auch lernt. Es sind im Grunde Doppel-Märchen, die davon erzählen, dass die Welt ganz und gar nicht (wie in den altbekannten Märchen) nur zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß zu deuten ist. Und unser Leben schon gar nicht. Im Gegenteil: Spannend wird es erst, wenn wir unser Leben in der immer neuen Spannung der Möglichkeiten sehen. Und es gerade deshalb annehmen, weil es nun einmal lebensgefährlich ist, wie der Dichter sagt.

    Und wie es die kleine, tanzlustige Ameise und die kleine wandernde Träne erfahren.

    Eigentlich müssten überall Schutzengel herumfliegen, die uns vor all den schrecklichen Dingen bewahren. Und es taucht auch einer auf, dem aber das Schreckliche passiert, dass er sich ausgerechnet in das Mädchen verliebt, das er schützen soll. Was logischerweise schiefgehen muss. Aber auf andere Weise schief, als zu erwarten. Denn in diesem Fall geht es eher um den doppelten und dreifachen Boden von Liebe, den die meisten Menschen im Leben nie wirklich begreifen – dass Liebe nämlich nicht dort stark ist, wo man nicht mehr voneinander loskommt, sondern dort, wo man bedingungslos liebt. Bedingungslos in dem Sinn: seine Liebe nicht mit dem üblichen Habenmüssen zu verbinden, das die großen Liebestragödien ja alle so blutig und sinnlos macht.

    Und in gewisser Weise geht es auch bei „Blitzdrache und Vogelscheuche“ um bedingungslose Liebe und ihre erstaunliche Leichtigkeit.

    Oder vielleicht besser: Gelassenheit. Denn zu einem Gutteil sind die Märchen Geschichten über das Gelassensein, über das Eintauchen in den Strom des Lebens. Was natürlich Menschen, die gerade von einer Krankheit genesen, besonders beschäftigt, hat man da ja gerade selbst erfahren, wie verletzlich man ist und wie endlich das Leben sein kann. Eine Erfahrung, die bei vielen endgültig mit der großen Zuversicht der Kindheit aufräumt, dass einem in diesem Leben überhaupt nichts passieren kann.

    Viele reagieren auf diese Erkenntnis mit Verzicht und Rückzug. Sie trauen sich nichts mehr. Und sie trauen sich auch nichts mehr zu. Und sie vertrauen der alten Welt um sich herum nicht mehr. Bei manchen reicht dazu sogar ein kleiner Auslöser. Erst recht, wenn sie noch nicht gelernt haben, die Dinge sogar dann bei den Hörnern zu packen, wenn augenscheinlich ein böser Kobold dahintersteckt. Oder dahinter zu stecken scheint – wie in der Geschichte von Karlchen und dem Sandmann. Die man freilich besorgten Eltern nicht zu lesen geben sollte, die würden nicht schlafen können in Sorge, ihr Karlchen würde die Nacht wieder auf dem Balkon verbringen.

    Aber die Botschaft ist vielfältig und dennoch recht klar: Den Mut zum Lebendigsein bekommt man nur zurück, wenn man es selbst wieder da packt, wo man es erwischen kann, wenn man sich den Kobolden stellt und ihnen erklärt, wo der Pfeffer wächst, und wieder die Dinge tut, die einen spüren lassen, wie das Leben in den Adern tobt und ab und zu die Lust am Fliegen wieder da ist. Und sei es nur in Geschichten. Farbigen Geschichten wie hier, denn Grit Kurth erzählt genauso farbenfroh, wie die Autorin und Grafikerin Roswitha Geppert die sieben Geschichten illustriert hat.

    Und wer das Buch kauft, unterstützt auch gleich noch den Haus Leben e.V.

    Und er hat für raue Herbstabende immer etwas da, mit dem man Enkel und Kinder mitnehmen kann ins Land der Phantasie. Das die meisten Kinder ja gar nicht mehr kennen, weil sie von den Kunstwelten der Unterhaltungsmedien zu Narren gemacht werden. Vielleicht ist das der erste Schritt – die Kleinen wieder daran zu erinnern, wie viel Phantasie sie eigentlich entwickeln, wenn sie sich nicht fremdsteuern lassen, sondern mit dem Vorleser oder der Vorleserin gemütlich in der Couchecke hocken und eintauchen in sieben ganz und gar nicht naive Geschichten.

    Grit Kurth, Roswitha Geppert „Der furchtsame Schmetterling und andere Mutmacher-Märchen“, Treibgut Verlag, Berlin 2018, 18 Euro

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