Nicht nur zum Kiffen da

Hanf: Ein kleines Büchlein über eine uralte Kulturpflanze mit mehr als nur berauschenden Fähigkeiten

Für alle LeserMit dem, was da draußen in Wald und Heide, auf Feld und Wiese wächst, kennt sich kaum jemand so gut aus wie Grit Nitzsche. Sie kennt sich aus mit den Früchten der Bäume, mit Kräutern, Mohn und Nüssen aller Art. Und mit einer der ältesten Kulturpflanzen des Menschen ebenfalls – mit dem Hanf. Hanf? Schreckt da nicht gleich der kleine Polizist in jedem nüchternen Staatsbürger hoch?

Wahrscheinlich. Wir sind ja gut erzogen. Und wir haben ein sehr verschrobenes Bild – nicht nur vom Hanf. Oder der Sucht. Oder dem, von dem einige Leute glauben, dass es uns die Birne benebelt und uns damit nicht mehr einsetzbar macht als billigbezahlter hocheffizienter Mindestlöhner. An einer Stelle merkt es Grit Nitzsche so fast beiläufig an. Denn um nichts anderes geht es.

Denn stets waren es die Mächtigen der Zeit, die den Hanf auf den Index setzten, angefangen 1484 mit Papst Innozenz VIII. (bekannt durch Simonie, Nepotismus und die amtliche Befeuerung der Hexenverfolgung), nicht endend mit Harry Anslinger, ab 1930 Vorsitzender des Federal Bureau of Narcotics (FBN) und derjenige, der nach dem Ende der Prohibition nach einer anderen Rauschware suchte, die seine Behördenmitarbeiter bejagen konnten. Er fand dafür das Cannabis, so wie Alkohol eine Volksdroge, die schlicht nicht in die Klasse von Heroin oder Crystal gehört, aber bis heute so behandelt wird.

Natürlich geht Grit Nitzsche auch auf die Droge ein, die ja nicht erst im 20. Jahrhundert erfunden wurde, sondern die Menschheit schon seit Jahrtausenden begleitet. Obwohl das Harz bzw. die Blüten des Hanfs nicht der Hauptgrund dafür waren, dass europäische Bauern ihre Felder mit der Pflanze bestellten. Denn viel elementarer war immer die Verwendung der Hanffasern zur Herstellung von Kleidung, von Seilen, Segeln und Papier.

Und wahrscheinlich liegt Grit Nitzsche richtig, wenn sie hinter dem Verbot von Hanf ganz simple pekuniäre Interessen vermutet. Denn gleich drei Industrien profitierten davon, dass der Hanfanbau verboten wurde. Angefangen mit der holzverarbeitenden Papierindustrie, denn bevor in den 1920er Jahren die chemische Auslösung von Lignin aus Holz erst die industrielle Papierherstellung aus Holz ermöglichte, war Hanf der Hauptrohstoff für die Papierherstellung. Vom Verbot aber profitierte auch die Pharmaindustrie, genauso wie die Baumwollindustrie.

Und damit verschwand eine Pflanze von den Feldern, die nicht nur vielfältig nützlich, sondern auch ein umweltschonender und schnellwachsender Rohstoff war. Mit behördlicher Sondergenehmigung darf Hanf zwar wieder zu wirtschaftlichen Zwecken angebaut werden – aber die Auflagen sind so streng, dass sich kaum ein Bauer diesem Wagnis stellt. Mit dem Ergebnis, dass die Nachfrage nach Hanffasern viel höher ist als die Erzeugung. Unter anderem als natürlicher und schädlingsresistenter Dämmstoff, aber längst auch wieder für die Kleidungsherstellung.

Grit Nitzsche erzählt auch den deutschen Teil der Verbotsgeschichte, bis hin in die jüngere Zeit, da Cannabis in wenigen Einzelfällen auch wieder in der Medizin zugelassen ist. Mit der erwartbaren Folge, dass viele Ärzte ihren Patienten trotzdem abraten, weil sie in der Verbotsära aufgewachsen sind und das Misstrauen in die Cannabispflanze verinnerlicht haben, andererseits wichtige Forschungen fehlen. Sie sind auf die synthetischen Mittel aus den Pharmafabriken geeicht.

Aber das ist eben nur ein Teilaspekt. Einer, der eben vor allem vom Misstrauen der Mächtigen in die Fähigkeit ihrer Untertanen geprägt ist, mit solchen rauscherzeugenden Mitteln vernünftig umgehen zu können. Etwas, was die Regierenden in Kanada und Kalifornien mittlerweile anders sehen. Sie halten die Bürger durchaus für mündig genug, mit Cannabis verantwortungsvoll umgehen zu können.

Aber nicht nur in der Medizin könnte Hanf eine durchaus wichtige Rolle spielen. Auch bei den Samen der Hanfpflanze, den Nüsschen, geht es um Gesundheit – diesmal in unserer Ernährung, weil die Samen wertvolle Öle enthalten, die man auch auspressen kann. So gibt es dann quasi als Abschluss im Buch noch ein paar würzige Rezepte mit Nüsschen und Öl. Einige muten sehr orientalisch an und verweisen damit auf den möglichen Ursprungsort des Hanfes, auch wenn sich nur vermuten lässt, dass er irgendwo im Mittleren Osten mal als Wildpflanze existierte. Aber er ist schon so lange in menschlichem Gebrauch, dass auch bei heute in der Wildnis gefundenen Hanfpflanzen angenommen werden muss, dass sie verwilderte Nutzpflanzen sind.

Und was lernt man daraus? Dass das heutige Misstrauen auch in diese Kulturpflanze sehr viel mit Wirtschaftsinteressen zu tun hat, auch mit der gewaltigen Ressourcenverschwendung unserer heutigen Wirtschaft, die lieber alles künstlich und chemisch herstellt, das Wilde aber aus den industriell bereinigten Landschaften zu verbannen versucht. Genauso eifrig wie den Bürger, der sich sein Tütchen dreht und bei der wilden Hatz aufs Immermehr einfach mal nicht mehr mitmachen will. Und so nebenbei lernt man eben, dass es jahrhundertelang keine Bücher gegeben hätte ohne diese nützliche Pflanze und auch keine Segelflotten auf den Meeren.

Grit Nitzsche Hanf, Buchverlag für die Frau, Leipzig 2019, 5 Euro.

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