8.2 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Computer in der DDR: René Meyer erzählt die durchaus beeindruckende Mikroelektronik-Geschichte des Ostens

Mehr zum Thema

Mehr

    Wer die heutigen Medienberichte zur DDR wahrnimmt, begegnet einem grauen, hoffnungslosen und abgewirtschafteten Land mit einer erstarrten Partei an der Spitze und einem muffigen Geheimdienst, der alles kontrollierte. Das trifft auch alles zu. Aber das Bild übertüncht auch jene Aspekte an der DDR, in denen das Land versuchte mitzuhalten im Rennen der modernen Nationen. Selbst auf dem Gebiet des Computerbaus.

    René Meyer, Leipziger Journalist und ausgewiesener Kenner der Computerszene, hat sich in dieser Veröffentlichung der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen einmal eingehend mit der gesamten Computergeschichte der DDR beschäftigt. Den letzten Teil dieses Rennens kennt der 1970 Geborene aus eigenem Erleben, denn schon als Schüler fand er Zugang zur Computerszene im Osten, lernte die Eigenentwicklungen aus Thüringen und Dresden kennen, die Hard- und Software Made in GDR, zusammengebaut mit Improvisationstalent oder auch kopiert nach westlichen Standards.

    Aber gab es denn überhaupt Computer? Die gab es tatsächlich. Und es ist wie bei so vielen technologischen Entwicklungen in der DDR: In den 1950er und 1960er Jahren konnten die Produkte aus ostdeutschen Betrieben noch mithalten auf dem Weltmarkt. Nur hatten diese von Anfang an auch zwei Probleme: Die in Moskau gehegte Verachtung für die Kybernetik und das mit Beginn des Kalten Krieges verhängte Embargo des Westens für rüstungsrelevante Güter, dazu gehörte natürlich auch Rechentechnik.

    Sodass René Meyer in den ersten Kapiteln durchaus noch von Eigenentwicklungen in ostdeutschen Betrieben erzählen kann, die damals weltmarktfähig waren. Aber spätestens seit den 1970er Jahren war der Wurm drin. In Parteitagsverkündungen tauchte immer öfter die Beschwörung von Elektronisierung und CAD/CAM auf. Aber ab den 1970er Jahren hinkte das Land bei der Computerisierung heillos hinterher.

    Und das lag nicht an den Fachkräften. Einige davon, die damals in den einschlägigen Entwicklungsabteilungen jener Kombinate beschäftigt waren, in denen elektronische Geräte konzipiert und programmiert wurden, hat René Meyer interviewen können. Sie arbeiteten ja auch nicht in einem luftleeren Raum. Es gab landesweite Wettbewerbe, eigens konzipiert für junge, computerinteressierte Menschen. Es gab sogar Fernseh- und Radiosendungen zum Thema und nicht nur einschlägige Technikzeitschriften informierten über den Bau von eigenen Computern, sondern auch über deren Programmierung.

    Die DDR entwickelte ja bekanntlich nach westlichem Muster auch eigene Speicherchips. Aber gerade hier machte sich bemerkbar, dass das Land keine großen Rohstoffvorkommen hatte und ihm der Zugang zum Weltmarkt mit eigenen Erfolgsprodukten fehlte. Denn das gewaltige Tempo, das gerade die Computerbranche des Westens ab den 1980er Jahren aufnahm, war nur möglich, weil die beteiligen Firmen auch ihre Investitionskosten über Verkäufe auf dem Privatmarkt wieder hereinholen konnten.

    Und diese Entwicklungskosten schnellten mit dem Tempo immer weiter in die Höhe. In einer Szene erlebt man sogar den zuständigen Elektronikminister der DDR, der in seiner planwirtschaftlichen Omnipotenz glaubte, einfach mal die Kopie eines hochintegrierten MOS-Schaltkreises beim VEB Halbleiterwerk Frankfurt/Oder beauftragen zu können. Doch schnell stellte sich heraus, dass selbst dieser Nachbau so teuer geworden wäre, dass er schlicht nicht mehr zu finanzieren war und der Einkauf des Originals im Westen billiger war.

    Und das war noch Ende der 1970er Jahre, als DDR-Betriebe durchaus noch das Wagnis eingingen, eigene Computer zu entwickeln. Es gab sie tatsächlich, selbst die ersten Personal Computer, nur dass sie für Normalsterbliche unerschwinglich waren. Sodass sich die echten Computerbegeisterten selbst behelfen mussten und sich die Dinger selbst zusammenbauten.

    Oder auf abenteuerlichen Wegen aus dem Westen besorgten. Die Cover-Gestaltung des Büchleins ist nicht ganz zufällig, sie erinnert daran, dass es in der DDR sehr wohl eine technikbegeisterte Szene gab, die sogar staatlich geduldet und gefördert wurde – auch weil man sich daraus echten Input für die eigene Computerentwicklung versprach.

    Es gab die Bücher und Zeitschriften für die Szene. Und René Meyer geht am Ende auch kurz auf die SF-Filme und SF-Literatur im Osten ein, die für eine ziemlich große Szene auch so ein wenig die Hoffnung darstellten, dass dieses Land vielleicht einmal ein innovatives und zukunftsfähiges werden könnte.

    Und man versteht die Faszination der vor allem junger Leute, die von den Entwicklungen bei der Computerinnovation regelrecht berauscht waren und selbst programmieren wollten und sich etwas einfallen ließen, dabei auch die westliche Entwicklung zu rezipieren.

    Da René Meyer selbst begeisterter Sammler ist und das beeindruckende Wandermuseum Haus der Computerspiele betreibt, hat er auch einen guten Überblick über die Entwicklung von Rechenmaschinen im Osten, kennt die Entstehungsgeschichte, die wichtigsten Entwickler und die Produktionszahlen. Und natürlich auch das Ende, mit dem sich auch die riesigen Investitionen der DDR in diese Technologie auf einmal in Luft auflösten und sinnlos wurden, weil jetzt auch die ostdeutschen Computerfans direkten Zugang zu den viel preiswerteren und weiterentwickelten Produkten aus westlicher Produktion hatten.

    Die DDR-Computer überlebten praktisch nur noch in wenigen Museen und Sammlungen. Oder in einer kleinen, aber bis heute aktiven Fangemeinde, die die in der DDR entwickelte Technik immer weiter ausreizt und erweitert und auch staunt, was diese Eigenentwicklungen tatsächlich leisten können. Aber für René Meyer ist das keine Spielerei, sondern auch ein lebendiges Stück Technikgeschichte. Eine Geschichte, die durchaus von Erfindergeist und der Fähigkeit zum unplanmäßigen Improvisieren erzählt.

    Aber das hat logischerweise seine Grenzen, wenn es an Ressourcen, Valuta und unbeschränktem Zugang zum Weltmarkt fehlt. In gewisser Weise beleuchtet gerade diese Technologiegeschichte, warum der Osten das Rennen gegen den Westen nie gewinnen konnte. Übrigens auch deshalb nicht, weil auch die Eigenentwicklungen des Ostens mit denen des Westens kompatibel bleiben mussten, sonst hätte man auch den Traum vom Verkauf elektronisch gesteuerter Maschinen für den Weltmarkt gleich begraben können. So lag das Heft des Handelns immer bei den erfolgreichen Konzernen im Westen.

    Da ist es eher erstaunlich, was die Improvisatoren des Ostens tatsächlich fertigbrachten und was sich in technikhistorischen Ausstellungen gar nicht so übel ausnimmt.

    René Meyer „Computer in der DDR“, Landeszentrale für politische Bildung Thüringen (bald erhältlich), Erfurt 2019

    Das Buch ist nicht regulär über den Buchhandel erhältlich (zumal es gratis ist). Man muss es direkt bei der Landeszentrale bestellen, die dafür 5 Euro Versand verlangt, oder bekommt es direkt von René Meyer (dann gratis), z.B. auf diversen Veranstaltungen.

    Er hat dazu eine kleine Info-Seite erstellt. Hier.

     

    Die DDR (2): „Walterchens“ Wirtschaftswunder, ein wenig Wohlstand, Wahnsinnsvisionen

    Hinweis der Redaktion in eigener Sache (Stand 01. Oktober 2019): Eine steigende Zahl von Artikeln auf unserer L-IZ.de ist leider nicht mehr für alle Leser frei verfügbar. Trotz der hohen Relevanz vieler unter dem Label „Freikäufer“ erscheinender Artikel, Interviews und Betrachtungen in unserem „Leserclub“ (also durch eine Paywall geschützt) können wir diese leider nicht allen online zugänglich machen.

    Trotz aller Bemühungen seit nun 15 Jahren und seit 2015 verstärkt haben sich im Rahmen der „Freikäufer“-Kampagne der L-IZ.de nicht genügend Abonnenten gefunden, welche lokalen/regionalen Journalismus und somit auch diese aufwendig vor Ort und meist bei Privatpersonen, Angehörigen, Vereinen, Behörden und in Rechtstexten sowie Statistiken recherchierten Geschichten finanziell unterstützen und ein Freikäufer-Abonnement abschließen.

    Wir bitten demnach darum, uns weiterhin bei der Erreichung einer nicht-prekären Situation unserer Arbeit zu unterstützen. Und weitere Bekannte und Freunde anzusprechen, es ebenfalls zu tun. Denn eigentlich wollen wir keine „Paywall“, bemühen uns also im Interesse aller, diese zu vermeiden (wieder abzustellen). Auch für diejenigen, die sich einen Beitrag zu unserer Arbeit nicht leisten können und dennoch mehr als Fakenews und Nachrichten-Fastfood über Leipzig und Sachsen im Netz erhalten sollten.

    Vielen Dank dafür und in der Hoffnung, dass unser Modell, bei Erreichen von 1.500 Abonnenten oder Abonnentenvereinigungen (ein Zugang/Login ist von mehreren Menschen nutzbar) zu 99 Euro jährlich (8,25 Euro im Monat) allen Lesern frei verfügbare Texte zu präsentieren, aufgehen wird. Von diesem Ziel trennen uns aktuell 450 Abonnenten.

    Alle Artikel & Erklärungen zur Aktion Freikäufer“

    Topthemen

    - Werbung -

    Aktuell auf LZ