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Die DDR (2): „Walterchens“ Wirtschaftswunder, ein wenig Wohlstand, Wahnsinnsvisionen

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    Für FreikäuferLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 70, seit 23. August im HandelIn den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 wird die Westberliner Polizei in Alarmzustand versetzt. Passanten und Anwohner hatten in der Nacht beobachtet, wie Kampfgruppen im Ostteil den Zugang zu den Westsektoren unter dem Schutz schwer bewaffneter Soldaten mit Barrikaden abriegelten. Neugierige werden mit Gewehr auf Abstand gehalten.

    Die Schließung der Grenzübergänge und die Errichtung einer festen Mauer in den Folgetagen manifestieren die Teilung Deutschlands in sichtbarer Weise. Die Bevölkerung kann gegen die Übermacht von Stacheldraht und Gewehrläufen nichts tun. Die Mauer, die bis zu ihrem Fall hunderte Todesopfer fordern wird, gilt im offiziellen SED-Sprech als „antifaschistischer Schutzwall“ gegen die perfiden Kriegspläne westlicher Militaristen. Tatsächlich geht es um den Stopp der anhaltenden Fluchtbewegung aus der DDR – und jeder weiß es.

    Noch im Juni hatte SED-Chef Walter Ulbricht auf einer Pressekonferenz seine berühmten Worte gesprochen: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Das heute oft isoliert verwendete Zitat war allerdings Bestandteil einer längeren Aussage, in der Ulbricht auch von „vertraglichen Regelungen der Beziehungen zwischen West-Berlin und der DDR“ sprach. Seine Wortwahl „Mauer“ scheint gleichwohl verräterisch, denn der Begriff war vorher nicht gefallen.

    Ob Ulbricht, der die Erlaubnis zur Grenzschließung gegenüber Moskau nach jüngeren Forschungen energisch verfocht, im Juni 1961 noch an eine Alternativlösung glaubte oder dreist log, ist nicht sicher zu klären. Vor Lügen schreckte der Machtpolitiker jedoch nie zurück, wenn sie in sein Kalkül passten.

    Der „heimliche Gründungstag“

    Der Mauerbau zerreißt Freundschaften, Beziehungen und Familien auf brutalste Weise. DDR-Bürger, die ihn als Bankrotterklärung anprangern – und das sind im Sommer 1961 nicht wenige –, riskieren harte Bestrafungen. Die Zahl politischer Gerichtsurteile in der DDR vervierfacht sich innerhalb weniger Monate.

    Zugleich aber erzwingt die Grenzschließung ein Arrangement der Bevölkerung mit dem System. Und irgendwie scheint es in den sechziger Jahren auch langsam aufwärts zu gehen. Die Regale in den Läden füllen sich. Fernseher, Kühlschränke und Waschmaschinen halten in immer mehr DDR-Haushalte Einzug. 1967 wird der Sonnabend arbeitsfrei. Es ist kein Paradies, kein „goldenes Zeitalter“, aber doch eine Periode des Neubeginns, des Aufbruchs und der Hoffnungen.

    Ausgerechnet der durch die Jahre im Exil unter Stalins Terrorherrschaft geprägte Walter Ulbricht, nach außen als linkische Witzfigur und Ziegenbart verspottet, deutet die Zeichen der Zeit mit bemerkenswerter Klarsicht. Im Gegensatz zu den Hardlinern kommunistischer Weltanschauung versteht er den Sozialismus weniger als fixes Gesetz der Geschichte denn als flexibles Machtinstrument. So ist es zu erklären, dass Ulbricht bereit ist, den fast immer staatlich dirigierten Betrieben in der DDR mehr Eigenverantwortung einzuräumen.

    Unter dem Stichwort „Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung“ (NÖSPL) nimmt die SED-Spitze ab 1963 eine Wirtschaftsreform in Angriff. Die Betriebe sollen nun selbständig über Kreditaufnahmen und Investitionen entscheiden, flexibler planen und damit Mechanismen der freien Marktwirtschaft simulieren. Ulbricht weiß, dass der Wettlauf mit der Bundesrepublik und dem Westen vor allem an der Konsumfront entschieden wird. Das erfordert effizientes Wirtschaften ohne den lähmenden Wasserkopf staatlicher Bürokratie.

    Insofern scheint das Reformwerk folgerichtig, doch möglich ist es erst im Rahmen eines geschlossenen Systems, dem die Menschen nicht oder nur unter Lebensgefahr entkommen können. Der Politologe Dietrich Staritz bezeichnet den 13. August 1961 daher als „heimlichen Gründungstag“ der DDR.

    Utopia im Kalender

    Die Rahmenbedingungen der sechziger Jahre liegen vergleichsweise günstig. In Ost und West tritt eine neue Generation ins Erwachsenenalter, die den Zweiten Weltkrieg und die entbehrungsreiche Zeit danach nur noch aus Filmen, Büchern und Erzählungen kennt. In der DDR werden den jungen Menschen bereits in der Schule die Ideale des Kommunismus eingeimpft, der eines Tages Realität sein soll.

    Die SED-Zeitung „Neues Deutschland“ verkündet ihren erstaunten Lesern schon im Oktober 1961, dass der Kommunismus 1980 Einzug halten wird. Jeder könne sich dann an der Überfülle an Waren bedienen, Verbrechen gehörten der Vergangenheit an, das Arbeiten werde zur reinen Freude und Selbstverwirklichung. Utopia, das weltliche Paradies, ist im Kalender angekreuzt.

    Viele Menschen belächeln derlei Verheißungen, für die sie angesichts ihrer Alltagssorgen nur Sarkasmus übrig haben. Andere nehmen die Aussicht auf ein neues Zeitalter der Menschheitsgeschichte als Ansporn. Und in der Tat hatte sich einiges bewegt. Schon 1957 stößt der sowjetische Satellit „Sputnik“ das Tor zum Weltraum auf und dreieinhalb Jahre später startet der fröhlich lachende Kosmonaut Juri Gagarin als erster Mensch ins All. Dass er das Abenteuer nur knapp überlebt, bleibt unter Verschluss. Der Glaube an Wissenschaft und Technik zieht weite Kreise.

    Das Sowjetreich, Sinnbild für Irrwitz und Massenterror, verliert viel an Schrecken. Regierungs- und Parteichef Nikita Chruschtschow korrigiert seit 1956 das Bild des Diktators Stalin. Auch in der DDR verschwinden seine Denkmäler, Büsten und Bildnisse Anfang der sechziger Jahre endgültig – in aller Heimlichkeit.

    Zeit der Widersprüche und Ulbrichts Einsamkeit

    Ulbrichts Bemühungen tragen zunächst Früchte. Die zunehmenden Investitionen führen zu einem Anstieg der Produktivität und höheren Erträgen. Elektrotechnik, Maschinen- und Fahrzeugbau, chemische Industrie und Petrochemie werden massiv gefördert. Der Handel kann mehr Konsumgüter anbieten, bleibt gleichwohl hinter der hohen Nachfrage und westlichen Produktstandards zurück. Die Parteiführung nimmt Umstrukturierungen in Schulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen vor, um die Ausbildung an die Bedürfnisse der Industrie anzupassen.

    Neubauten wie der Fernsehturm am Berliner Alexanderplatz, die Karl-Marx-Universität in Leipzig oder die Prager Straße in Dresden symbolisieren den Anbruch einer neuen Zeit von fortschrittlichem Heil unter kommunistischer Ägide.

    Liberalisierungstendenzen in der Kulturszene begleiten den „gelenkten Aufbruch“. Doch denen wird schon im Dezember 1965 ein böses Ende gesetzt. Das legendäre „Kahlschlagplenum“ der SED maßregelt selbst loyale Künstler, die in den Augen der Obrigkeit mit ihrer Kritik zu weit vorgeprescht waren, auch die Schriftstellerin Christa Wolf. Die Episode macht pointiert die Grenzen der Reformwirkung deutlich: Der hektische Modernisierungseifer in der DDR bleibt während der sechziger Jahre nicht ergebnislos, kollidiert aber im Kern mit archaischer Machtausübung.

    Keineswegs soll der fortschrittliche Neuanstrich mit einem Kontrollverlust der SED-Oberen einhergehen. Die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, der Bewegung für einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, zeigt dies überdeutlich.

    Walter Ulbricht mag sich in den sechziger Jahren am ehesten in der Rolle des gütigen Landesvaters fühlen, die er sich immer ersehnte. Es ist sein Jahrzehnt. Intrigierende Widersacher hatte er seit den fünfziger Jahren mit Glück, Skrupellosigkeit und Spürsinn aus dem Machtzentrum verbannt. Sein Spitzbart und die hohe Fistelstimme machen ihn nach wie vor zum leisen Angriffsziel obszöner Witze. Er wird nicht unbedingt beliebter – aber die wirtschaftliche Lage der DDR besser. Das lässt auch „Walterchen“, den gealterten Mann an der Spitze, an den man sich irgendwie gewöhnt hat, in einem milderen Licht erscheinen.

    Gern besucht er Betriebe, diskutiert mit Werktätigen, referiert vor Wissenschaftlern, kommentiert Filme, Romane und Theaterstücke. Fotos zeigen ihn mit Fachleuten aller Couleur, ausländischen Staatschefs, Jugendlichen oder Protagonisten des Kulturbetriebs – aber weniger mit den eigenen Genossen. Der persönliche Umgang in der Führungsriege fällt ohnehin formalisiert und kühl aus. Dazu kommt, dass Ulbrichts Reformbestrebungen Gegner bis in höchste Schaltzentralen der SED haben. Auch das soll ihm auf die Füße fallen. Zunehmend wird es einsam um ihn.

    Ein Mann auf der Lauer

    Gegen Ende des Jahrzehnts häufen sich die Probleme. Die Praktiken diktatorischer Herrschaft in der DDR sind zwar nicht mehr mit den brutalen Säuberungswellen der fünfziger Jahre gleichzustellen, bleiben aber unangetastet. Zugleich hat eine verfehlte Wirtschaftspolitik die Endproduzenten übermäßig gestärkt, die nicht wissen, wo sie ihre Vorleistungen hernehmen sollen.

    Wegen massiver Produktionsrückstände fehlen Industriewaren wie Unterwäsche, Winterschuhe, Batterien, Bügeleisen, Zahnbürsten und Zündkerzen. Unter der Woche mangelt es Betrieben an Arbeitsmaterial, sodass die Belegschaften zu Sonderschichten am Wochenende verdonnert werden. Der Unmut in der Bevölkerung wächst. „Keine Kartoffeln im Keller, keine Kohlen im Sack. Es lebe der 20. Jahrestag!“ reimt der Volksmund sarkastisch zum 20. DDR-Jahrestag am 7. Oktober 1969.

    Die im Laufe der sechziger Jahre mehrfach neu aufgelegte Wirtschaftsreform kränkelt am Widerspruch zwischen Effizienzwunsch und Kontrollanspruch der Herrschenden, bleibt letztlich inkonsequent. Ulbrichts Vorstellungen, die Bundesrepublik gar wirtschaftlich zu überholen, haben sich als irrsinnig erwiesen. Nach wie vor schielen auch angepasste DDR-Bürger auf den westlichen Nachbarn. Eine skeptische Mehrheit im Politbüro sieht die Macht der SED bröckeln, drängt auf einen Abbruch der Experimente.

    Mit hohem Selbstbewusstsein sogar gegenüber dem seit 1964 in Moskau regierenden Chruschtschow-Nachfolger Leonid Breschnew und Eigensinnigkeit in der Deutschlandfrage zieht Ulbricht, mittlerweile 77 Jahre alt, zunehmenden Unmut auf sich. Seit Sommer 1970 verschärft sich der Konflikt innerhalb des Führungszirkels über wirtschaftspolitische Fragen. Dahinter steht vor allem ein Mann, der selbst das Ruder übernehmen will und nun die Chance zur Demontage seines politischen Ziehvaters ergreift: Erich Honecker. Anfang 1971 holt er zum K.O.-Schlag aus.

    Lesen Sie hier in Teil 3: Wie Ulbricht auf dem politischen Abstellgleis gedemütigt wird und warum Honeckers „nüchterne Vision“ scheitert – die siebziger Jahre in der DDR.

    Bereits erschienene Zeitreisen durch Leipzig auf L-IZ.de

    Der Leipziger Osten im Jahr 1886

    Der Leipziger Westen im Jahr 1886

    Westlich von Leipzig 1891

    Leipzig am Vorabend des I. Weltkrieges 1914

    Einblicke in die Jüdische Geschichte Leipzigs 1880 bis 1938

    Der I. Weltkrieg – Leipzig im letzten Kriegsjahr 1918

    Leipzig in den „Goldenen 20ern“

    Leipzig im Jahr 1932

    Alle Zeitreisen auf einen Blick

    Die DDR (1): Walter Ulbricht und der große Plan

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