Die DDR (3): Abkehr von Utopia – Erich Honecker und die siebziger Jahre

Für FreikäuferLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 71, ab 27. September 2019 im HandelNiemand darf von der Mission erfahren. Nur ein kleiner Zirkel Eingeweihter weiß, warum Werner Lamberz, seit 1970 Kandidat des DDR-Politbüros, Ende April 1971 nach Moskau fliegt. Er reist im Auftrag von Erich Honecker und soll bei der Sowjetführung die Erlaubnis zum Machtwechsel in der DDR einfädeln.

Lamberz ist 42, ungewöhnlich jung für einen hochrangigen SED-Funktionär, dazu besitzt er rhetorisches Talent und jugendliche Ausstrahlung – ein Unikum in der grauen Riege der alten Genossen. Der charismatische Hoffnungsträger, der 1978 bei einem Hubschrauberabsturz in Libyen ums Leben kommen wird, macht seine Sache gut und holt sich grünes Licht beim „großen Bruder“ in Moskau. Walter Ulbrichts Tage als Parteichef sind gezählt.

Abenddämmerung: Ende der Ära Ulbricht

Die Bevölkerung ahnt davon nichts, als Rundfunk und Fernsehen der DDR am Montagnachmittag, 3. Mai 1971, ein Kommuniqué verbreiten. Einstimmig habe das SED-Zentralkomitee beschlossen, Ulbrichts Bitte zu folgen und ihn „aus Altersgründen“ von der Funktion des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees zu entbinden. In „Ehrung seiner Verdienste“ wird der 77-Jährige zum SED-Vorsitzenden gewählt. Es ist ein Posten ohne realen Einfluss.

Ganz so einsichtig hatte Ulbricht seine Herrschaft nicht abgegeben. Doch der versierte Apparatschik kannte das innerparteiliche Machtsystem aus jahrzehntelanger Erfahrung und wusste um die Chancenlosigkeit weiteren Widerstands. Im schwelenden Machtkampf mit Erich Honecker zieht er letztlich den Kürzeren. Der fast zwanzig Jahre jüngere Saarländer sah seine Chance gekommen und hatte Ulbricht in einem von dreizehn Politbüro-Mitgliedern unterschriebenen Brief an Sowjetführer Leonid Breschnew vom Januar 1971 als abgehoben und realitätsfern attackiert.

Westliche Beobachter spekulieren schon damals über die Hintergründe seines Sturzes. Mit Sicherheit hatte Ulbricht die Sowjets durch großspuriges Auftreten vergrätzt. Immerhin hatte sich die DDR zu einer Industriemacht im Ostblock gemausert. Ulbricht pochte auf mehr Emanzipation von Moskau und einen Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen zur Bundesrepublik – für Breschnew undenkbar. Der geringe Erfolg von Ulbrichts Wirtschaftsreform, seine zunehmende Herrschsucht und Rechthaberei taten ihr Übriges. Honecker hat leichtes Spiel, eine Mehrheit gegen ihn aufzubringen.

„Ein Hauch von Tragik“: Ulbricht auf dem Abstellgleis

Ulbricht bleibt formal Staatsoberhaupt der DDR. Doch in den „inner circle“ dringt er nicht mehr vor. Der getriebene Machtmensch tut alles, um auf die politische Bühne zurückzukehren. Vergebens. Einladungen zu Festen werden ihm verwehrt, ein Major der Staatssicherheit bewacht ihn und erstattet dem Politbüro ebenso Bericht wie Ulbrichts Ärzte. Häufig erleben sie die Wutanfälle ihres betagten Patienten, in denen er unflätig über seine Parteigenossen herzieht. Honecker erfährt es sofort.

Dessen heuchlerisch anmutende Gratulation zum 78. Geburtstag nimmt der greise Ulbricht am 30. Juni 1971 im Sessel sitzend entgegen, mit Hausmantel und Pantoffeln. Alle Zeitungen der DDR drucken das Foto. Es soll kein Zweifel bestehen, wer nun das Sagen hat.

Im Juni 1972 stürmt Ulbricht die DDR-Staatsjacht in Warnemünde, wo der kubanische Staatschef Fidel Castro erwartet wird, und beschwert sich über die schlechte Behandlung durch Honecker. Er hoffe auf Verständnis, dass es ihm viel bedeute, wenigstens über die Tätigkeit des Politbüros informiert zu werden, schreibt er fast flehend noch kurz vor seinem Tod. Hilflos muss er der Demontage seines Bildes zuschauen.

Am 1. August 1973 stirbt Ulbricht 80-jährig in Berlin nach einem Schlaganfall an Herzversagen.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ihm genau das stalinistische Machtsystem auf die Füße fällt, das er selbst aufgebaut hat. Mitleid erscheint gleichwohl deplatziert. Schließlich hatte Ulbricht seine Gegner selbst jahrelang unbarmherzig gedemütigt und kaltgestellt. Und doch bleibt ein seltsames Gefühl. Immerhin hatte der Leipziger, soviel muss ihm zugestanden werden, die Grenzen der „Planwirtschaft“ erkannt und reagiert. Seine Ära bedeutet die einzige Zeit durchgreifender Reformversuche in der DDR – bei allen Unzulänglichkeiten.

Gegen Ende der DDR, als gefühlt alles stillsteht, wird die Reformphase teilweise zur vitalen Blütezeit verklärt und der tote Ulbricht erlebt eine Renaissance, während Honecker alles tut, um seinen Namen aus der Wahrnehmung zu tilgen. Ulbrichts Sturz umwabert, wie der westdeutsche „Spiegel“ 1973 bemerkt, ein „Hauch von Tragik.“

„Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus des Volkes“

Der Titel der neuen LEIPZIGER ZEITUNG: Jetzt überall im Handel

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Erich Honeckers Zeit ist gekommen. 1912 geboren, hatte der Neunkirchner Bergarbeitersohn unter der NS-Herrschaft zehn Jahre im Zuchthaus verbracht. Nach 1945 wurde er zur Schlüsselfigur beim Neuaufbau im östlichen Teil Deutschlands, bis 1955 war er Vorsitzender der Jugendorganisation FDJ. Als Sekretär für Sicherheitsfragen und des Nationalen Verteidigungsrates avancierte er zum zweiten Mann hinter Ulbricht.

Vermutet wird, dass Honecker die ehrgeizigen Reformen seines politischen Ziehvaters schon seit 1965 sabotierte.

Auf dem VIII. Parteitag der SED erklärt der neue Machthaber die „weitere Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus des Volkes“ zur „Hauptaufgabe“ der SED. Dahinter verbirgt sich ein radikaler Kurswechsel. Honecker erkennt, dass Friedensrhetorik und proklamierter Antifaschismus als Bindungskraft nicht mehr reichen. Die Menschen fordern die Früchte ihrer Anstrengung in Form von Konsumgütern ein – jetzt und nicht in einer fernen Zukunft.

Unter dem 1976 verkündeten Slogan „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ wird dieser Ansatz zur Leitlinie der SED erklärt. Kostenlose Bildung und medizinische Versorgung, Kindergeld, zinslose Kredite für junge Ehepaare, Wohnungsbau, staatlich gestützte Mieten – Honecker setzt darauf, politische Ruhe in der DDR gegen Sozialleistungen zu erkaufen.

Die heimliche Parole der Ulbricht-Ära „So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben“ stellt Honecker auf den Kopf. Sein Vorgänger hatte Unsummen in Prestigebauten, Wissenschaft und Hochtechnologien investiert – auf Kosten des Lebensstandards. Das alte Motto, wonach Wohlstand erst mit einer leistungsstarken Wirtschaft möglich ist, wird in ein „So wie wir heute leben, werden wir morgen arbeiten“ verwandelt. Denn die sozialen Wohltaten werden mit Westkrediten finanziert. Die Schuldenspirale soll sich für die DDR als fatal erweisen.

Ein bisschen Freiheit versus Machtsicherung

Doch zunächst macht sich vorsichtige Aufbruchstimmung breit. Dass Honecker 1961 den Mauerbau geleitet und 1965 auf dem „Kahlschlagplenum“ kritische DDR-Künstler attackiert hatte, wissen nur noch aufmerksame oder eingeweihte Bürger. Den meisten gilt er als unbeschriebenes Blatt. Man ist bereit, dem Mann seine Chance einzuräumen.

Bessere Lebensverhältnisse tragen dazu ebenso bei wie eine liberalisierte Jugendpolitik. Die SED gibt die verbissene Bekämpfung westdeutscher TV- und Radiosender auf. Lange Haare und knappe Röcke werden missmutig geduldet. Jeanshosen, jahrelang als Sinnbild westlicher Dekadenz an den Pranger gestellt, verkauft der staatliche Handel hunderttausendfach. Die junge Generation soll nicht mehr krampfhaft ins Korsett sozialistischer Moral gezwungen werden. Auf den „Weltfestspielen der Jugend und Studenten“ zeigt sich die DDR im Sommer 1973 vordergründig als moderner Staat, geprägt von Fortschritt und Weltoffenheit.

Der Eindruck täuscht. Denn die „langen siebziger Jahre“ sind auch die Expansionsjahre des 1950 gegründeten Ministeriums für Staatssicherheit, dem Erich Mielke seit 1957 vorsteht. Der Stamm hauptamtlicher Mitarbeiter der Geheimpolizei wächst kontinuierlich an, zum Ende der DDR wird er rund 91.000 betragen. Auch das Heer inoffizieller Mitarbeiter steigt bis Mitte der siebziger Jahre auf fast 200.000. Jede Herausforderung an den SED-Führungsanspruch soll im Keim erstickt werden.

Die politische Linie Honeckers erweist sich als viel sachlicher und pragmatischer denn unter Ulbricht. Der Anspruch zum Aufbau des Kommunismus versandet leise im Sachzwang. Es ist die stille Abkehr von Utopia. Zugleich ist der neue Politikansatz erzkonservativ. Die SED will der Führung in Moskau jede Furcht nehmen, dass der westliche Vorposten ihres Imperiums aus der Reihe tanzt.

1972 werden die letzten der etwa 11.400 selbstständigen und halbstaatlichen Betriebe in „Volkseigentum“ überführt, die bis dahin viele Funktionsmängel der „Planwirtschaft“ auffangen. Die „unverbrüchliche Treue zur Sowjetunion“ ist Bestandteil von Schulunterricht, Agitpropreden und Wandzeitungen. Von Ulbrichts Reformen redet keiner mehr.

Erfolge in der Außenpolitik

Gerade Jüngere hegen in den frühen Siebzigern trotzdem Hoffnung. Weltweit scheint der Sozialismus, an dessen humanistischen Kern sich viele klammern, auf dem Vormarsch, etwa auf Kuba, in Chile, Portugal und jungen Nationalstaaten Afrikas. Die USA verlieren den Vietnamkrieg. Revolutionsschwärmerei kann die Enge des DDR-Alltags übertünchen – zumindest eine Weile. Der von der CIA unterstützte Sturz Salvador Allendes in Chile führt zum Zusammenrücken des linken Lagers. Der Systemwettlauf ist in den siebziger Jahren völlig offen.

Der „Grundlagenvertrag“ zwischen DDR und Bundesrepublik beendet 1972 die diplomatische Eiszeit der zwei Nachbarn. Beide Teilstaaten respektieren die Souveränität des anderen. Eine völkerrechtliche Anerkennung der DDR lehnt die Bonner Führung allerdings ab, und der grundgesetzlich verankerte Gedanke an die Wiedervereinigung wird nicht beerdigt. Für die SED bedeutet all dies einen politischen Drahtseilakt. Weder Bevölkerung noch Moskau sollen die Annäherung als Auftakt zum engen Zusammenrücken verstehen. Dem Ansehensgewinn der DDR steht die Gefahr einer „ideologischen Aufweichung“ gegenüber.

Die SED reagiert mit einer paradoxen Strategie, indem sie die DDR 1974 per Verfassungsänderung vom „sozialistischen Staat deutscher Nation“ in einen „sozialistischen Staat der Arbeiter und Bauern“ umwandelt. DDR-Institutionen wie die Akademie der Wissenschaften müssen die Bezeichnung „deutsch“ ablegen. Je mehr Nähe, desto mehr Abgrenzung folgt.

1974 wird die DDR mit der Bundesrepublik in die UNO aufgenommen, beide Partner sitzen gleichberechtigt am Verhandlungstisch der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Helsinki. 123 Staaten erkennen die DDR bis 1978 an.

Gefährliches Fahrwasser für die DDR

Doch neuer Ärger setzt der DDR gegen Ende der siebziger Jahre zu. Trotz oder eher wegen des deutsch-deutschen Techtelmechtels sind die Sperranlagen der Westgrenze für viele unüberwindlicher denn je. Die Ölkrise von 1973 hatte die DDR wegen spezieller Vertragsklauseln mit Moskau erst zeitverzögert erfasst. Seit 1975 muss sie wesentlich höhere Preise für Erdöl aus der Sowjetunion zahlen.

Aufstrebende Ökonomien, wie die Japans, drohen, der DDR ihren Rang im bis dato erfolgreichen Maschinenexport streitig zu machen. Unter anderem deswegen startet die SED 1977 ihr teures Mikroelektronik-Programm. Das raue Fahrwasser der sich wandelnden Weltwirtschaft verurteilt Honeckers kostspielige Sozialpolitik endgültig zum Scheitern.

Die Ausbürgerung des DDR-Liedermachers Wolf Biermann im November 1976 wird für die SED zum Eigentor kaum zu überschätzender Tragweite. Der Kommunist, der in seinen Songs mit beißender Schärfe die miefigen DDR-Verhältnisse geißelt, ist für Intellektuelle eine Identifikationsfigur. Selbst loyale Künstler fordern die SED auf, ihren Schritt zu überdenken. Die reagiert mit Auftritts- und Publikationsverboten, Parteiausschlüssen und Schikanen.

Kritische Denker wie Rudolf Bahro werden unnachgiebig verfolgt. Gut drei Jahrzehnte nach Gründung der DDR wächst der Riss zwischen Mächtigen und Intelligenz zum Abgrund.

Auch wenn das Land den höchsten Lebensstandard im Ostblock hat und nach außen stabil scheint, honorieren die Bürger die paternalistische Fürsorge des Staates nicht mit Loyalität zum Regime. Die hausgemachten Mängel der „Planwirtschaft“ schlagen durch.

Am Horizont ziehen dunkle Wolken auf.

Lesen Sie in der nächsten Ausgabe den letzten Teil der DDR-Serie: Mehltau, Missmut und „Fahren auf Sicht“ – die achtziger Jahre in der DDR.

Die Leipziger Zeitung, Ausgabe September 2019 ist am 27. 09. 2019 erschienen und hier zu kaufen.

Bereits erschienene Zeitreisen durch Leipzig auf L-IZ.de

Der Leipziger Osten im Jahr 1886

Der Leipziger Westen im Jahr 1886

Westlich von Leipzig 1891

Leipzig am Vorabend des I. Weltkrieges 1914

Einblicke in die Jüdische Geschichte Leipzigs 1880 bis 1938

Der I. Weltkrieg – Leipzig im letzten Kriegsjahr 1918

Leipzig in den „Goldenen 20ern“

Leipzig im Jahr 1932

Alle Zeitreisen auf einen Blick

Die DDR (2): „Walterchens“ Wirtschaftswunder, ein wenig Wohlstand, Wahnsinnsvisionen

Die DDR (1): Walter Ulbricht und der große Plan

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